Tagesdosis 19.11.2019 – Pachamama, Morales und Mossadegh (Podcast)

Ein Kommentar von Dirk Pohlmann.

Louis Fernando Camacho, Putschist, Multimillionär und Sproß einer Familie, die ihr Vermögen durch überteuertes Erdgas gemacht hat, stürmte am 10 November zusammen mit einem Priester und einem weiteren Gefolgsmann in den verwüsteten Präsidentenpalast in Bolivien.

Präsident Evo Morales war wenige Stunden zuvor angesichts eines Mordkomplotts gegen ihn ins Exil nach Mexiko geflohen. Camacho kam in den Präsidentenpalast, um ein Gelübde zu erfüllen. Er hatte eine bolivianische Fahne und eine Bibel dabei. In einem theatralischen Akt kniete er nieder, legte die Bibel auf die Fahne und betete. Er hatte angekündigt Bolivien von der Religion der indianischen Ureinwohner zu reinigen. Seine Aktion und seine Worte waren eine Machtdemonstration. Er sagte: „Pachamama wird niemals in diesen Palast zurückkehren. Bolivien gehört Christus“. Es ging darum, den Herrschaftsanspruch der alten Elite über die indigene Bevölkerung zu demonstrieren. Pachamama, Mutter Erde, ist die zentrale Gottheit der bolivianischen Indianer. Evo Morales war der erste Präsident, der ihrer Volksgruppe angehört. Sie ist die Mehrheit.

Evo Morales hat in seiner Amtszeit Bolivien reformiert, die Bodenschätze wie Erdgas und Zinn aus der Hand der Minengesellschaften und der bolivianischen Elite nationalisiert und mit dem Reichtum die Gesellschaft verändert. Seit dem Amtsantritt sank die Analphabetenrate von 13 auf 2 %. Die Arbeitslosigkeit von 9 auf 4 %. Bei seinem Amtsantritt lebten 61 % der Bevölkerung in mittlerer Armut, jetzt sind es 35 %. Die Schicht der extrem Armen verkleinerte sich von 38 auf 15%. Das sind Zahlen, die man in den Mainstreammedien nicht gehört hat, denn sie werfen ein zu erhellendes Schlaglicht darauf, warum Morales gehasst wird. Er ist der südamerikanische Mossadegh.

Was der gewählte, iranische Premierminister Mohammad Mossadegh vorhatte, wurde durch einen von der CIA ausgeführten Militärputsch unterbunden. Mossadegh hatte das iranische Öl verstaatlicht und wollte die Gewinne aus dem Ölverkauf einsetzen, um sein Land zu modernisieren. Das war nicht im Sinne von BP, British Petroleum, und der vom Ölkonzern tolerierten britischen Regierung von Winston Churchill. Die britische und die US Regierung wollten ein Exempel statuieren. Erdöl gehört nie den Ländern, in denen es vorkommt, es gehört den angloamerikanischen Konzernen, die es fördern. Ein Regierungschef, der dieses ungeschriebene, aber eherne Gesetz missachtet, ist fällig. Seine Regierungszeit ist bereits beendet, es geht nur noch um die Exekution.

Ironischerweise bewunderte Mossadegh die USA, sie waren sein Vorbild. Er hatte an die Propagandaversion geglaubt, dass in den USA seit der Unabhängigkeit eine Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk herrscht. Genau wie der vietnamesische Präsident Ho Chi Minh bewunderte Mossadegh die Nation, die sich aus der britischen Kolonialherrschaft befreit hatte und zur Großmacht aufgestiegen war. Beide, Ho Chi Minh wie Mossadegh hatten übersehen, dass die Regierung der USA mit zunehmender Bedeutung des Landes die angeblich ewigen, unverbrüchlichen Freiheits-Werte nur noch als Lippenbekenntnisse nutzte. Die USA waren bereits zu dem Imperium mutiert, von dem sie sich einst als unabhängig erklärt hatten. Während Großbritannien, das seit Trafalgar der Welthegemon war, nach dem gewonnenen 1. Weltkrieg zur Großmacht und nach dem gewonnenen 2. Weltkrieg zur Mittelmacht abstieg, übernahmen die USA die Rolle Großbritanniens – und sie verhielten sich auch zunehmend so.

Der damalige US Geheimdienst OSS hatte Ho Chi Minh und seinen Gefolgsleuten die Unabhängigkeit Vietnams versprochen, falls man gemeinsam den Krieg gegen Japan gewinnen würde. Die Unabhängigkeit war das große Ziel Ho Chi Minhs. Nach dem Sieg im 2. Weltkrieg wurden die OSS Offiziere, die ihr Versprechen einlösen wollten, und die bei der Proklamation der Unabhängigkeit Vietnams durch Ho Chi Minh neben ihm auf dem Balkon des Regierungspalastes in Hanoi standen, von der US Regierung zurückgepfiffen. Die USA sorgten dafür, dass Frankreich seinen Kolonialbesitz Vietnam zurückerhielt. Ho Chi Minh war von den USA verraten worden.

Mossadegh wurde gestürzt. In seinem Land inszenierte die USA eine Revolte, CIA-gesteuerte und finanzierte Terroristen sorgten für Chaos, Mossadegh wurde vertrieben und das Schah-Regime aufgebaut, das fortan als Statthalter angloamerikanische Interessen vertrat.

Falls das jemand an Venezuela und Bolivien erinnert, ist es trotz gegenteiliger Beteuerungen in NATO Medien kein Verschwörungsgeschwurbel, sondern Mustererkennung.

Bolivien hat Zinn, Erdöl und Erdgas. Bolivien besitzt aber vor allem 70% des weltweit vorhandenen Lithiums, also des Elementes, aus dem die Batterien von Handys, Laptops und Autos hergestellt werden.

Die größten Lithiumvorkommen der Welt darf man doch keinem Indianerführer überlassen, der es noch dazu nutzen will, um seine Bevölkerung aus der Armut zu heben.

Und das auch noch mit einer Partei, die sich „Bewegung zum Sozialismus“ nennt. Wo kämen die USA hin, wenn das Schule machen würde? Wie soll das schöne Kolonialreich der ewigen Kriege funktionieren, wenn es nicht über die wichtigsten Rohstoffe verfügen kann, die Gott nur irrtümlich irgendwo verteilt hat, wo sie nicht hingehören, statt in den USA, denen sie gehören sollten.

Zum Sieg über solche Rohstoffdiebe wie Morales nutzen die USA gerne Faschisten wie Camacho.

Die demokratischste Demokratie der Welt unterstützt nie Anführer wie Morales, die ihr Volk aus der Armut führen wollen, sie nutzt Putschisten wie Camacho und Juan Guaido, die zu „charismatischen Anführern“ deklariert werden, so hatte Claus Kleber in Heute Juan Guaido vorgestellt, am Tag, als er in den internationalen Medien als gebenedeiter Retter vor der Schreckensherrschaft des bösen Maduro installiert wurde.

Folgerichtig hat sich Camacho, einer der wichtigsten Putschisten in Bolivien, auch gleich bei Juan Guaido für die Unterstützung des Staatssteiches bedankt. Und US Präsident Trump hat den Putsch als Sieg der Demokratie gefeiert.

Dieser Sieg ist aber erst dann vollendet, wenn die Indianer endgültig entmachtet sind, das versteht niemand besser als ein US Präsident. Nur tote Indianer sind gute Indianer. Nur entmachtete Indianer sind erträgliche Indianer.

Evo Morales hatte die Religion der Ureinwohner als gleichberechtigt in der Verfassung verankert. Die Bibel-Performance des christlichen Fundamemtalisten Camacho war die symbolische Machtergreifung seiner Fraktion. Die alte, weiße Elite wird den Indianern Boliviens zeigen, wo sie hingehören: in die Armut. So hat sich auch die derzeitige bolivianische Interimspräsidentin Jeanine Áñez neben einer Bibel präsentiert, die breiter war, als sie selbst. Sie sah aus, wie ihr persönliches Brett vor dem Kopf.

Die indianische Gottheit Pachamama, Mutter Erde, die das Leben schenkt, wird durch einen Christus ersetzt, dessen Auftrag als „Macht euch die Erde untertan“ interpretiert wird. Das uralte Bewusstsein der indigenen Völker, dass die Menschen Teil der Natur sind, nicht ihr Herrscher, ist zukunftsfähiger als der ideologische Machtanspruch der alten Eliten. Ich bezweifle einfach mal ganz blasphemisch, das Jesus Christus auf der Seite der Ölbarone, Lithiumräuber und Putschisten wäre. Das passte nicht zu dem Mann, der sich in Liebe den Geächteten widmete.

Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet der jetzige Papst sich mit den indigenen Völkern des Amazonas solidarisiert hat. Das Wort solidarisiert trifft die Sache nicht ganz, es ist zu rational, zu politisch. Papst Franziskus hat sich ihrer angenommen, in einer rührenden Geste, die ihn weit über das Unrecht erhebt, dass auch im Namen der Kirche an den Indigenen Völkern begangen wurde.

Papst Franziskus hält gerade eine Amazonas Konferenz ab. Es geht um den Schutz des Regenwaldes, den Schutz der Schöpfung. Er vertritt die Interessen der Indigenen, er macht seinem Namensgeber Ehre, dem Heiligen, der mit den Pflanzen und Tieren sprach, der die Natur in einem der schönsten Gedichte beschrieb, die es überhaupt gibt, dem „Sonnengesang“. Franziskus widmete die Amazonas Konferenz, in der es um die Rettung des Lebensraumes geht, dem heiligen Franz von Assisi. Er hat immer wieder Indigene empfangen, sie als Brüder und Schwestern behandelt, nicht als Conquistador.

Ich nehme an, auch der heilige Franz von Assisi würde heute von Camacho vertrieben werden, im Namen seiner Bibel, mindestens.

Die Indianer haben dem Papst Statuen von Pachamama geschenkt. Der Papst hat vor den Statuen gebetet und sie in eine Kirche in Rom bringen lassen. Die Statuen zeigen eine hochschwangere Frau mit einem Baby im Bauch. Das ist die Version von Pachamama, die vom Marienkult der Katholiken beeinflusst ist. Mutter Natur versinnbildlicht in einer menschlichen Mutter. Das Geschenk der Indigenen ist also ein Symbol des Zusammenwachsens der beiden Religionen, eine Geste des Friedens, eine ausgestreckte Hand der Indianer, die dem Papst danken, der auch zu ihrer Stimme geworden ist. Franziskus ist ein Brückenbauer.

Die Statuen wurden in Rom aus der Kirche gestohlen und in den Tiber geworfen. Von einem Schweizer Katholiken, der sich dabei filmte und dessen Namen ich mit Absicht nicht erwähne, als Geste der Missachtung. Eine Gruppe fundamentalistischer Katholiken beschuldigt den Papst, satanistischen Götzendienst geleistet zu haben. Sie fordern eine Entschuldigung.

Sie solidarisieren sich dadurch mit Camacho, seinem Machtanspruch. Sie glauben, es sei wichtiger, die reine christliche Lehre zu propagieren, einen Machtanspruch des Gottes, der keine anderen neben sich duldet. Sie glauben, der Kampf gegen die Heiden sei immer noch das entscheidende Gebot ihrer Religion. Sie glauben, die Inquisition sei zeitgemäßer, als sich für den Frieden mit der Natur und den Naturvölkern einzusetzen.

Ich wünsche ihnen gute Besserung. Die Ära, in der sie die Herrschaft innehatten, ist abgelaufen. Hoffentlich. In Gottes Namen. Denn wenn ihre Ideologie der Gnadenlosigkeit mit Pachamama noch 30 Jahre herrschen kann, wird das den Planeten als Heimstatt der Menschen kosten. Ein Sieg über Franziskus wäre kein Triumph des Guten. Ich hoffe, sie fragen sich ernsthaft, mit wem sie einen Bund eingehen. Ich bezweifle, dass es die Kraft ist, die sie anzubeten glauben.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Golden Brown/ shutterstock

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