Tagesdosis 19.2.2019 – Wie ich lernte die Bombe zu lieben (Podcast)

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

In München ist wieder Unsicherheitskonferenz.  Ich hab’ aber eigentlich keine Angst. Bevor ich das erkläre muss ich allerdings – als anerkannter Kriegsdienstverweigerer und Friedensfreund – ein Geständnis ablegen. Es ist mir unangenehm, aber auch ausführliche Selbstbefragungen und Gewissenserforschungen konnten das Gefühl nicht abstellen, dass mich neuerdings überkommt, wenn ich etwas über Kinzhal, Avangard, Poseidon,  Burevestnik, Peresvet oder Sarmat lese. Da kommt jedes mal Freude auf und das ist mein Problem, denn bei diesen „Schätzchen“ handelt es sich um die modernsten und leistungsfähigsten Massenvernichtungswaffen überhaupt. Hier eine Kurzbeschreibung:

Kinzhal: eine überschallschnelle, luft-gefeuerte Marschrakete, die mit Mach 10 (7700 Meilen pro Stunde) fliegt und sowohl Bodenanlagen als auch Schiffe zerstören kann. 

Avangard: ein wendiges überschallschnelles Nutzlastzuführungssystem für interkontinentale ballistische Raketen, das schneller als Mach 20 (15300 Meilen pro Stunde) fliegt. Es hat eine Reichweite von 740 Meilen und kann eine Kernladung von bis zu 300 Kilotonnen tragen.

Poseidon: ein autonomer nuklearbetriebener Torpedo mit unbegrenzter Reichweite, der sich in einer Tiefe von 3000 Fuß bewegen kann und dabei etwas über 100 Knoten beibehält. 

Burevestnik: ein nuklearbetriebener Marschflugkörper, der mit rund 270 Meilen pro Stunde fliegt und 24 Stunden lang in der Luft bleiben kann, was ihm eine Reichweite von 6000 Meilen verleiht. 

Peresvet: ein mobiler Laserkomplex, der Drohnen und Satelliten blenden sowie Raumfahrt- und Luftaufklärungssysteme zerstören kann. 

Sarmat: eine neue schwere interkontinentale Rakete, die beliebige suborbitale Kurse fliegen kann (z.B. über dem Südpol) und beliebige Punkte überall auf dem Planeten trifft. Da sie keiner vorhersehbaren ballistischen Trajektorie folgt, ist es unmöglich, sie abzufangen. 

Was wir hier haben – schon einsatzbereit im Arsenal der russischen Armee oder bereits getestet und aktuell in Produktion – ist für das US-amerikanische Imperium mehr als nur eine Ansage, es ist seine Niederlage. Mit der 2002 von George W. Bush vollzogenen einseitigen Kündigung des ABM-Vertrags, der den Bau von anti-ballistischen Raketen verhinderte – in dem Glauben, dass das von Jelzin herunter gewirtschaftete Russland ohnehin nichts auf die Beine stellen kann – haben sich die USA fatal ins Knie geschossen.
Ganz nach der geopolitischen Regel „Amerika spielt Monopoly, Russland spielt Schach“ haben die schlauen Russen nämlich mit weniger als einem Zehntel des US-Rüstungsetats Verteidigungssysteme entwickelt, die unbesiegbar sind. Natürlich können USA und Nato mit ihrem Vielfachen an Material in Russland immensen Schaden anrichten – aber nur um den Preis, umgehend komplett in Schutt und nukleare Asche zu versinken, oder in per „Poseidon“ nuklear ausgelösten gigantischen Tsunamis. Auch die Zeiten, in denen Washington mit seinen Flugzeugträgern vorfährt und Bomben auf wehrlose Länder regnen lässt, dürften bald vorbei sein – die milliardenteuren Dickschiffe sind für Kinzhal und Avangarde nur noch lame ducks. Kein Abwehrsystem kann mit 20-facher Schallgeschwindigkeit ankommende Raketen abfangen. Genauso wenig wie das nukleare Monster „Sarmat“, von der Nato „Satan 2“ getauft, mit mehr als der 100-fachen Kapazität der Hiroshima-Bombe.

Schon als ich vor einem Jahr zum ersten Mal von diesen Hyperschallwaffen hörte schrieb ich, dass die außen-und verteidigungspolitische Parole jetzt nur lauten kann: Don’t mess around with Ivan! Und das gilt mehr denn je. Wäre es angesichts dieser neuen Figuren im geopolitischen Schach nicht höchste Zeit, über neue Friedens,- Nicht-Angriffs,- Abrüstungsverträge zu verhandeln? Sollte das dank Kinzhal & Co wieder hergestellte Gleichgewicht des Schreckens, die definitive „Mutual Assured Destruction“ (MAD), nicht der Punkt sein, inne zu halten und nachzudenken? Also statt weiter sinnloses Aufrüstungsmonopoly zu spielen mal auf das Schachbrett zu schauen? Und die Monopoly-Berater, die Bundeswehr und Rüstungskonzerne gleichzeitig beraten, sofort zu feuern und Strategien zu entwickeln, wie eine Post-Nato-Welt, eine globale multipolare Sicherheitsarchitektur aussehen soll? Wie Frieden und Freundschaft mit Russland, China und dem Rest der Welt hergestellt werden kann? Und wie wir den an militärisch-industriellem Komplex leidenden Patienten – das niedergehende US-Imperium – von der Dummheit abhalten, noch einmal wild um sich zu schlagen wie es sterbende Riesen manchmal tun?

Es wäre schon längst höchste Zeit, das alles anzugehen. Das hypersonische Waffenpotential Russlands macht nur noch einmal besonders deutlich, endlich anzufangen. Und deshalb habe ich gelernt, diese Bomben zu lieben. Niemand kann jetzt mehr im Ernst daran glauben, dass die Blechbüchsenarmee der Nato mit Figuren wie Trump und unserer Flinten-Uschi an der Spitze es schaffen, was weder Napoleon noch Hitler mit ihren Blutbädern erreicht haben, nämlich Russland unter die Knute zu zwingen. Und niemand sollte sich mehr einreden lassen, dass höhere Rüstungsausgaben daran irgendetwas etwas ändern.

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Mathias Bröckers schrieb (mit Paul Schreyer) 2014 den Bestseller „Wir sind die Guten- Ansichten eines Putinverstehers“, der am 22.02.2019 in einer aktualisierten und erweiterten Neuausgabe im Westendverlag erscheint: „Wir sind immer die Guten“. Er bloggt auf broeckers.com

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Ein Kommentar zu: “Tagesdosis 19.2.2019 – Wie ich lernte die Bombe zu lieben (Podcast)

  1. Der Artikel hat bei mir zwiespältige Gefühle hinterlassen.
    Mal auf der sachlichen Ebene? Wie weit ist die Technik, Raketen mittels Lasern abzufangen? Weil Licht ja schneller als Schall ist. Scheinbar gibt es durch die Hyperschnellen Waffen wieder ein „Gleichgewicht des Schreckens“, aber technologisch sind die Amis doch noch pfiffig, oder täusche ich mich da?

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