Tagesdosis 19.3.2018 – Privatisiertes Chaos (Podcast)

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Menschenmassen im Bahnhof, ratlose und bange Gesichter in Zügen, die irgendwo in der Pampa stehen bleiben, Hunderte Meter lange Schlangen vor dem einzigen Informationsschalter, verzweifelt Suchende, weit und breit kein auskunftsfähiger Angestellter, kein Zurück, kein Ankommen, in den Sand gesetzte Fahrkosten: Zehn Zentimeter Schnee im März legten am Wochenende den gesamten öffentlichen Nahverkehr an mehreren Verkehrsknotenpunkten in Ostdeutschland lahm. Ein paar Flocken und Minusgrade genügten, um die schöne moderne kapitalistische Technik komplett zum Erliegen zu bringen. Oder waren es doch Putins Hacker? Die Deutsche Bahn sprach von »höherer Gewalt«. Eine Odyssee:

Samstagmorgen rieseln Schneeflocken vom Himmel. Eine weiße Schicht überzieht Wiesen und Wege, ein eisiger Wind wiegt die kahlen Wipfel der Bäume hin und her. Ich schalte die Nachrichten ein. Auf der Autobahn soll sich der Verkehr bereits an mehreren Stellen stauen. Es mangelt offenbar am Winterdienst. In meinem Gehirn aktiviert sich die Mär vom Fachkräftemangel. Das will ich mir nicht geben. Ein Zug soll mich in anderthalb Stunden von Magdeburg nach Leipzig zu einem Treffen bringen. Laut Internet ist alles in bester Ordnung. Meine Entscheidung ist der Anfang einer Reise durchs totale Chaos.

Am Magdeburger Hauptbahnhof ist kaum ein Durchkommen. Menschen drängen sich in der Halle. Der Zug nach Köln soll zwei Stunden Verspätung haben, lese ich. Bei der Bahn nach Hannover sind es nur 45 Minuten. Doch die Fahrt nach Leipzig ist ganz normal ausgeschildert. Dem Himmel sei dank, denke ich.

Mit meiner für 22 Euro erworbenen Fahrkarte kämpfe ich mich zum Bahnsteig 7 durch. Eine Gruppe älterer Damen macht mir Platz, so gut es geht. Dass sie zum Flughafen wollen, zeigen die Schilder an den Griffen ihres Gepäcks. Die allermeisten aber haben ein anderes Ziel: Die Buchmesse. Um mich herum drängen sich Dutzende Gruppen verkleideter junger Leute – offensichtlich Manga-Fans.

Wortfetzen fliegen aus allen Richtungen an mein Ohr: Ob es bald weitergeht? Ein Mädchen reißt einen Witz über unerwartete Wintereinbrüche im März, eine Frau frotzelt über Putins »Russenpeitsche«. Ob die Leute hier alle in einen Zug passen, will einer wissen. Das frage ich mich allerdings auch. Ich bereite mich innerlich auf eine Chaosfahrt vor.

20 Minuten nach der geplanten Abfahrt ist noch immer kein Zug zu sehen. Dann verkündet die Durchsage 60 Minuten Verspätung. Ein Seufzen durchzieht die Massen wie eine Welle. Eine Woge schiebt mich gen Treppe. Ich lande mit hunderten Menschen in der Bahnhofshalle. Noch ist die Schlange am Backstand nicht allzu lang. Ich ergattere einen Kaffee und starre die große Tafel an. Plötzlich verschwindet mein Zug.

»Der ist gerade im Ausfall«, erklärt mir eine Frau von der Bahnaufsicht, nachdem sie minutenlang über Funk diskutiert hat. Doch sie weiß eine Lösung: »Sie können in fünf Minuten über Halle fahren«, versichert sie. Dort laufe alles. Ich vertraue ihr und denke: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Mit mir schieben sich ungezählte Manga-Fans wieder in Richtung Bahnsteig. Tatsächlich fährt der Zug ein – und verspätet auch wieder los. Ich ergattere sogar einen Sitzplatz. Neben mir lässt sich eine freundliche junge Marokkanerin fallen. Ihr Spitzname ist Mimi. Sie will jemanden besuchen, sagt sie.

Zunächst geht es im Schneckentempo voran. Es kommt sogar eine Schaffnerin und will die Fahrkarten sehen. Die Strecke Halle-Leipzig sei tot, erklärt sie zu unser aller Entsetzen. Aber wir sollten uns nicht sorgen, beruhigt sie. Es gebe Schienenersatzverkehr nach Leipzig. Sie werde uns später begleiten. Dann geht sie fort und kommt nie wieder. Irgendwo hinter einem Ort namens Stumsdorf verstummt alles. Die Bahn steht still inmitten einer romantisch weißen Wüste. Man wisse nicht, wann es weiter geht, verkündet der Lautsprecher. Neben uns öffnen Frauen zischend kleine Sektflaschen. Sie loben das Postkutschen-Zeitalter. Wir schwatzen und die Zeit vergeht wie im Flug.

Als Mimi und ich beginnen, uns wegen vergessener Wasser- und Nahrungsvorräte zu sorgen, ruckt es. Mit anderthalb Stunden Verspätung zuckelt der Zug weiter durch rieselnde Flocken. Tatsächlich fahren wir am Ende in Halle ein. Doch den angekündigten Schienenersatzverkehr gibt es nicht. Auch die Straßenbahn steht still. Die Schlange an der Information ist endlos. Ein Bahnmitarbeiter zuckt die Schultern. In Leipzig sei wohl auch Totalausfall, meint er. »Aber das ist höhere Gewalt, da werden Sie ihren Fahrpreis nicht erstattet bekommen.« Ja, wer konnte auch ahnen, dass es Mitte März schneien wird. Ich gebe dem Mann den Tipp, auf den Wetterbericht zu achten. Heute weiß weder er noch das Internet, wie alles enden könnte.

So sitzen wir am frühen Nachmittag in Halle und trinken Tee – kein Angebot der Bahn, wir müssen ihn bezahlen. Neben uns sorgt sich eine Rentnergruppe, ob sie in Halle übernachten muss. Schließlich schnappe ich mein Telefon. Zwei Freunde machen sich mit dem Auto auf den Weg. Eine dreiviertel Stunde später treffen sie ein. Wir nehmen auch die überglückliche Mimi mit an ihr Ziel. »Der Kapitalismus ist echt am Ende«, flucht sie. Nur, so ergänzt sie, »glauben die meisten Leute immer noch an diese Religion«.

Nach sieben Stunden Odyssee komme ich am Zielort an. Unsere Freunde jubeln vor Freude. An die geplante Rückfahrt am selben Abend ist nicht zu denken. Ich komme privat unter und noch zu einem proletarischen Bier. Wir versuchen, das abstruse Geschehen in einen wirtschaftlichen Kontext zu bringen.

Zu DDR-Zeiten holte die Bahn in solchen Fällen massenweise bezahlte Arbeiter heran, um eingefrorene Weichen rasch zu enteisen, erinnert sich ein Freund. »Notfalls auch die NVA«, ergänzt ein anderer. Doch die privatisierte Bahn muss Profit einfahren. Darum spart sie an Personal und Technik. Nicht funktionierende Klima-Anlagen im Sommer und regelmäßig vereiste Weichen im Winter sind die Folge. Wir stoßen an auf die Ära der Hochtechnologie und der viel beschworenen Digitalisierung.

Am nächsten Morgen lässt mich die Sonne hoffen. Sie hat sich durch die Wolken geschoben, es schneit nicht mehr. Das macht neuen Mut. Der schwindet in der Leipziger Bahnhofshalle. Mein Zug ist ausgeschildert, kommt aber nicht. Wie offenbar dutzende andere Züge auch. Menschen mit übermüdeten Gesichtern, Koffern, Rucksäcken und verlaufener Schminke belagern in zwei  Schlangen den Informationsschalter, die so lang sind, dass sie jede Panne bei einer Flughafenabfertigung in den Schatten stellen würden. An einem Schild steht in großen Lettern: »Alles fürs Reisen. Leben und genießen.« Mir fällt nichts Lustiges mehr ein.

Meine beiden Begleiter und ich stellen uns vor, wie es wohl wäre, wenn alle Computer der Arbeitsagenturen und Sozialämter einmal für ein paar Tage ausfallen würden. Acht Millionen Menschen, die am Monatsende pleite sind, bekämen keinen einzigen Cent und niemand wüsste etwas, so, wie am Wochenende auf den Bahnhöfen. Die Tafeln hielten dem Ansturm nicht stand und ließen verzweifelt ihr mildtätiges Engagement ruhen. Könnte das der berühmte Funke für einen Aufstand sein? Möglicherweise. Wahrscheinlich würde sich dieser aber wieder einmal gegen die Falschen richten.

Langsam fühle ich mich traumatisiert von imaginären Zügen und nichtswissenden Uniformierten. Ich greife zu meinem Notbehelf: Eine Freundin, die fast in dieselbe Richtung will, nimmt mich mit. Wir gewinnen den Kampf auf der mangelhaft geräumten Autobahn gegen Eis und Schneewehen. Vielleicht, denken wir, hat das Chaos sein Gutes. Könnte ja sein, dass ein paar mehr Leute gemerkt haben, dass Privatwirtschaft nicht den Interessen der Allgemeinheit, sondern dem eigenen Geldbeutel dient. Komme was da wolle. Wo zehn Zentimeter Schnee ganze Streckennetze zum Erliegen bringen, wo die Bahn innerhalb von zwei Tagen nicht einmal Ersatzbusse stellen kann, ist der Kapitalismus wahrlich am Ende. Wo Mimi Recht hat, hat sie Recht.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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