Tagesdosis 19.3.2019 – Ein „völkisch nationaler Öko-Faschist“ (Podcast)

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

Als  „ethno nationalist eco-fascist“,  also: „völkisch nationaler Öko-Faschist“ bezeichnet sich der 28-jährige Australier Brenton Tarrant, der in zwei Moscheen in Christchurch/Neuseeland 100 Menschen niedergeschossen und 50 von ihnen getötet hat. „Es ist die Geburtenrate! Es ist die Geburtenrate! Es ist die Geburtenrate! Wenn ihr euch eine Sache in dieser Schrift merken müsst, dann dass sich die Geburtenrate ändern muss.“ So heißt es in der Einführung des Manifests, das er zehn Minuten vor der Tat unter dem Titel „Der große Austausch“ ins Netz gestellt hat. Ich verzichte darauf, ein Link zu diesem Schriftstück zu legen, ebenso wie auf das Video des Massakers, das er mit seiner Helmkamera aufgenommen und auf Facebook live gestreamt hatte. Die neuseeländischen Behörden haben Besitz und Verbreitung des Videos mittlerweile unter Strafe gestellt – was die rechtsradikalen Fanboys des Massenmörders im Netz als Bestätigung sehen, dass es sich bei  dem Ganzen um einen Fake handelt, um schärfere Waffenkontrollgesetze durchzusetzen. Der rechte Radiomoderator Rush Limbaugh (1) erklärt den Täter gar zu einem „Linken“, der weder konservativ noch christlich sei und mit einer „False Flag“-Operation seine politischen Feinde beschuldigen wollte.

Die Lektüre des 70-seitigen Manifests macht unterdessen die Motive und die Haltung Tarrants sehr deutlich: er will die weiße Rasse vor dem Untergang retten und sieht in der Beseitigung von „Eindringlingen“ dazu ein geeignetes Mittel. Er behauptet, keiner Partei oder Gruppierung anzugehören und bezeichnet sich als „Partisan“, der  allein für seine Überzeugungen zur Tat schreitet, die eine Aktion gegen eine „Besatzungsmacht“ sei. Er sei ein einfacher weißer Mann der Arbeiterklasse, mit europäischen Wurzeln und auf seinen Reisen in Europa, bei denen er überall „Eindringlinge“ wahrnahm, sei der Entschluss gereift, etwas gegen den „weißen Genozid“ zu unternehmen, gegen Immigration, gegen anti-ethnische, anti-kulturelle Unterwanderung. In dem im Frage/Antwort-Stil gehaltenen Manifest wird auf die Frage, ob die Motive „islamophob“ seien, geantwortet: „Islamische Nationen haben besonders hohe Geburtsraten, unabhängig von Rassen und Völkern, und das war das anti-islamische Motiv der Anschläge, sowie ein Wunsch nach Rache am Islam für 1300 Jahre Krieg und Verwüstung, den er dem Westen gebracht hat.“

Auf seinen Waffen sind Namen und Symbole von Kämpfern gegen das Osmanische Reich notiert, wie auch von aktuellen Attentätern und rassistischen Organisationen.  Bei seiner Vorführung am Gericht zeigte er die „OKKK“-Geste – einen Kreis mit drei gespreizten Fingern, der „Okay KuKluxKlan“ bedeutet. In seinem Manifest schreibt er, dass er bei seiner Festnahme nicht auf Polizei und Ordnungshüter schießen werde, da er diese respektiere – sofern es sich bei ihnen nicht um „Eindringlinge“ handelt – und sich auch nicht selbst umbringen würde, weil er nur lebend seine Ideale weiter verbreiten kann. Er geht davon aus,  27 Jahre im Gefängnis zu sein – „wie der Terrorist Nelson Mandela“ – und dann frei zu kommen, weil seine Leute zum Sieg und an die Macht gekommen sind.

In vielerlei Hinsicht fühlt man sich an den Terroranschlag des Anders Breivik erinnert, der 2011 ein Massaker in einem sozialdemokratischen Jugendlager anrichtete und auf den sich Tarrant in seinem Manifest beruft. Auch Breivik hatte seine Motive in einem umfangreichen Skript dargelegt, aus dem hevorging, dass es er kein bildungsferner, mit ein paar Koransuren aufgehetzter Attentäter war, der sich auf Jungfrauen im Jenseits freut, sondern ein analysierender Kopf, der sich die Rettung Europas auf die Tempelritter-Fahne geschrieben hat. Kein dumpfer, rassistischer Nazi in Knobelbechern und Glatze, sondern ein militanter Hardcore-Zionist, auf dessen Abschussliste liberale Juden ebenso standen wie „Kulturmarxisten“ und „Multikulturalisten“ jeder Couleur. Mit denen will auch Tarrant keinesfalls etwas zu tun haben: „Ich will euch nicht an meiner Seite, sondern euren Nacken unter meinem Stiefel“, schreibt er.

Wie der Terrorist Breivik, der sich unter anderen auf den hierzulande als „Freigeist“ hofierten Hassprediger Henryk M. Broder berief, bastelte auch Tarrant sein Manifest aus Thesen rechtspopulistischer, islamophober Literatur und Blogs zusammen und zimmerte daraus eine Art  “Protokolle der Weisen von Mekka” (2), eine geburtenstarke Weltverschwörung, deren Ausbreitung nur mit Gewalt gestoppt werden kann. Deshalb ruft er auch dazu auf, gegen  „hochrangige Feinde“ vorzugehen, Zitat: „Merkel, die Mutter aller anti-weissen, anti-germanischen Dinge, ist ganz oben auf der Liste!“

Das klingt in vielen völkischen und identitären Ohren hierzulande sicher wie Musik  – kommt nur leider von der falschen Seite, nämlich von einem Terroristen. „Der Islamhass , der die rechte Front von dumpfen Neonazis bis zu geföhnten Neokons, von fundamentalistischen Christen bis zu militanten Israelisten als ideologischer Kitt zusammenhielt, ist für’s erste desavouiert“, schrieb ich 2011 nach dem Breivik-Attentat. Das war wohl zu optimistisch – was nicht wundert, da die brandstiftenden Biedermänner (3) mit ihren  Phrasen von „Umvolkung“, von „islamischen Horden“ und  „Untergang des Abendlands“ ja weiter am Werke sind. Und sich auch dieses Mal wieder in Unschuld die Hände waschen, wenn ihre paranoide Ideologie zur Gebrauchsanleitung für Terroristen wird.

Es können nicht Ängste vor wirklichen „Eindringlingen“ sein, die zu solchen Aggressionen führen, nicht in einem dünnbesiedelten Kontinent wie Australien, nicht in einem prosperienden Land wie Norwegen und auch nicht in Deutschland, wo der Hass auf Fremde vor allem in solchen Regionen blüht, wo kaum welche leben. Es sind viel mehr die nationalistischen und rassistischen Ideologien, die von älteren Herren im Tweed-Jacket als Heilmittel verkündet und von jungen Menschen angenommen werden – wie Schopenhauer schon vor 200 Jahren wußte:  “Jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.” Und wie Heinrich Heine im „Wintermärchen“ reimte: “Fatal ist mir das Lumpenpack/ das, um die Herzen zu rühren/ den Patriotismus trägt zur Schau/ mit allen seinen Geschwüren.”

Diese Geschwüre bestehen nicht in der Liebe zum Eigenen, denn gegen einen solchen  Patriotismus ist überhaupt nichts einzuwenden, sondern in einem Hass auf Andere, der Heimatliebe und Nationalstolz als Deckmantel für Ressentiments und Herabwürdigung dieses Anderen benutzt. Und wie im Falle des national-völkischen Öko-Faschisten Brenton Tarrant als Begründung für die kaltblütige Hinrichtung betender Väter und Kinder.

Quellen:

  1. https://www.mediaite.com/radio/rush-limbaugh-new-zealand-mosque-attacks-could-be-false-flag-carried-out-by-a-leftist/
  2. https://www.broeckers.com/2011/07/31/die-protokolle-der-weisen-von-mekka-2/
  3. https://www.nachdenkseiten.de/?p=10269

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Von Mathias Bröckers erschien zuletzt „Wir sind immer die Guten – Ansichten eines Putinverstehers“ (Westendverlag). Er bloggt auf broeckers.com.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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