Tagesdosis 19.9.2017 – Oa’zapft is: Die weltweit größte Orgie mit Suchtmitteln hat begonnen

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

“Schwerste Exzesse von voraussichtlich mehr als sechs Millionen Drogengebrauchern werden heuer wieder beim sogenannten Oktoberfest in München erwartet. 16 Tage und Nächte lang trifft sich auf der Theresienwiese eine internationale Drogenszene zur weltweit größten Orgie mit Suchtmitteln. Die Polizei rechnet mit täglich Zehntausenden von berauschten Probierenden und Dauerkonsumenten aller Altersstufen. Die Rettungsdienste halten rund um die Uhr ein massives Aufgebot an Hilfskräften in Bereitschaft. Allein das Bayerische Rote Kreuz (BRK) hat 73 Ärzte und 831 Sanitäter und Schwestern im Einsatz. In den Kliniken stehen Notfallbetten zur Behandlung akuter Intoxikationen, rauschbedingter Psychosen und Verletzungen bereit. Chillout- Räume mit „Ausnüchterungsliegen“ wurden beim „Schottenhammelzelt“ auf dem Festgelände eingerichtet. Die stark ritualisierte Drogenaufnahme der Abhängigen beginnt mit dem gewaltsamen Öffnen eines riesigen Holzzubers, in dem sich große Mengen der psychoaktiven Substanzen befinden. Unter Aufsagen kultischer Formeln („O`zapft is!“) beginnt der Missbrauch.“

So begann in der „taz“ vor genau 20 Jahren die beste Reportage, die je über die “Massenintoxination in München”  geschrieben wurde und weil dieser ethno-pharmakologische Report nach wie vor höchst aktuell ist, zitieren wir – mit Erlaubnis der Autoren Manfred Kriener und Walter Saller – noch ein wenig weiter:

„Als Location dienen vorübergehend installierte Zelte, in denen das Rauschgift aufgenommen wird. Zur Applikation werden gläserne Rundbehältnisse  benutzt, die exakt 1.000 Kubikzentimeter Flüssigkeit fassen –  „Maß“ genannt. In ihnen befindet sich das Rauschmittel: ein durch Vergärung von Gerste entstandenes, leicht bitter bis süßlich schmeckendes Substanzgemisch mit durchschnittlich 3,5 bis 6 Prozent Alkohol, dem pharmakologischen Hauptwirkstoff. Die Drogenaufnahme wird meist von dröhnenden Blechinstrumenten und Schlagwerken begleitet. Eigens von den Rauschgiftherstellern –„Brauereien“– engagierte Vorsänger stacheln den Konsum an: „Oans, zwoa, g`suffa!“…. Der Stoff wird meist von tief dekolletierten Frauen in sexuell aufreizender Tracht („Dirndl“) angeboten. Abgestellte Eichwächter des staatlichen Ordnungsamtes achten darauf, dass die Drogengebraucher nicht durch den Dealer „gelinkt“ werden. Stichprobenartig kontrollieren sie, ob sich in den Behältnissen die bezahlte Menge an Drogen befindet, und gewährleisten so eine standardisierte Rauschtiefe….

„Schon wenige Minuten nach dem Missbrauch der suchterzeugenden Substanz kann eine Euphorie und Bewusstseinsveränderung beobachtet werden. Danach setzt ein Gefühl des Wohlbefindens, der Enthemmung und des verminderten Antriebes ein….

Bei den häufig auftretenden, schweren Überdosierungen kommt es zu lähmenden Wirkungen auf das Zentralnervensystem. Im vergangenen Jahr mussten ambulante Mediziner auf der Theresienwiese 265 schwer Überdosierte notärztlich versorgen.

1996 hat allein in der Bundesrepublik das Rauschgift 40.000 Drogentote gefordert. Die Zahl der Abhängigen wird auf drei Millionen geschätzt.

Bei Ausschreitungen der Berauschten muss mit Toten und Schwerverletzten gerechnet werden. In den vergangenen beiden Jahren registrierte die Münchner Polizei in ihrer „Wiesnbilanz“, drei Todesfälle, 905 Körperverletzungen, 13.952 Verwarnungen. 1.121mal mussten die Beamten wegen Raufereien, Messerstechereien und anderen rauschbedingten Straftaten ausrücken. Besonders häufig schlagen die User mit ihren kaum geleerten Drogenbehältnissen aufeinander ein. Die Beschaffungskriminalität ist groß: 490 Diebstähle und 22 Fälle von Raub wurden in den letzten beiden Jahren aktenkundig. Die von der bayerischen Landesregierung geförderte Massenintoxikation endet am Sonntag, 5. Oktober um 23.30 Uhr.”

2017  wird es der 3. Oktober sein, an dem die größte Rauschgiftparty der Welt  endet, die „Maß“ kostet dieses Jahr statt zehn Mark 70  zehn Euro 70   und auch ansonsten hat sich  an der Bilanz von Rotem Kreuz und Polizei nur wenig geändert – und schon gar nichts verbessert. Die Zahl der Drogentoten durch Alkohol ist seitdem mit 74.000  fast auf das Doppelte gestiegen. Neu in der Oktoberfest-Statistik sind mittlerweile allerdings Festnahmen wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz: 238 Mal mussten die Gesetzeshüter 2016 deshalb einschreiten, meistens weil Besucher Blüten der Hanfpflanze konsumierten. Auch wenn  das sogenannte Marihuana weder süchtig macht noch gewalttätig und durch den Genuss noch niemals ein Mensch ums Leben kam – Ordnung muss auf der größten Rauschgiftparty der Welt  ja  wirklich sein. Wir sind schließlich in Bayern. Hier herrschen Sucht und Ordnung…

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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15 Kommentare zu: “Tagesdosis 19.9.2017 – Oa’zapft is: Die weltweit größte Orgie mit Suchtmitteln hat begonnen

    • Wie wahr, wie wahr, Saufen ist Kultur im Gegensatz zum Rauchen und alle können mal so richtig zulangen! Die einen, die das Geld haben, um sich zu amüsieren, die anderen, die sich dort das Geld verdienen, um über die Runden zu kommen. Und die, die Hartz4 beziehen, können weder das eine noch das andere. Sie können sich NICHT amüsieren, weil zu teuer und sich NICHT Geld dazu verdienen, weil es angerechnet wird…oh, ich vergaß, und auch NICHT schwarz arbeiten, da das bei Aufdeckung garantiert mit 100% sanktioniert wird.

      Meines Erachtens teilt diese Art von „Kulturveranstaltung“ die Gemeinschaft und das auch noch in Zement gegossen.

    • Ich fand es eine pfiffige Idee, weil es völlig hirnrissig ist, wie in Deutschland damals bis heute der die Hanfpflanze als gefährliche Droge skandalisiert wird und im Gegenzug der Alkohol verharmlost wird. Obwohl bei jedem Alkoholrausch unzählige Gehirnzellen absterben, währen bei einem Hanfrausch nur das Gehirn besser durchblutet wird.

    • @Je m’en vais

      Da rennen Sie offene Türen bei mir ein…..

      Aber soll dann im Umkehrschluss das Bier Brauen verboten werden….? weiter gehe ich davon aus das auf dem Oktoberfest nur an erwachsene Menschen aus aller Welt eingeschenkt wird….

    • Ich habe nichts gegen die Droge von gutem, reinen Bier, obwohl ich selbst nichts alkoholisches mehr trinke. Aber es sollte auch ehrlich und offen zugegeben werden, dass es eben auch eine Droge ist, insbesondere, wenn sie so konsumiert wird, wie auf dem Oktoberfest.

    • @Je m’en vais

      man kann es auch so sagen, “ Die geilste Droge ist ein klarer Kopf“ oder auch, „jeder hat ein Recht auf Rausch“ ganz wie man selbst mag…. Eigenverantwortung halt…. Hanf ist nicht besser als Bier, nur halt anders…. beide Rauschmittel haben ihre Berechtigung…. man sollte das eine nicht überhöhen noch das andere runterputzen….

  1. Apropos Cannabis, ich möchte hier noch einmal auf den Beitrag von Frau Calvez zum Thema hinweisen:

    Projekt „Bärensuppe“: Eine Begegnung zwischen Rick Simpson (Phoenix Tears) und Bilbo Calvez

    In einer Welt ohne Geld, würde sich vieles verändern, unter anderem unsere Einstellung zur Genesung im Krankheitsfall.

    Wir haben uns während der Mary-Jane-Messe in Berlin mit Rick Simpson getroffen. Der gebürtige Kanadier, Autor des Buches „Phoenix Tears / Die Antwort der Natur auf Krebs“, hat am eigenen Leib die Heilungskraft der Hanf-Pflanze erfahren und ist seitdem ein überzeugter Cannabis-Verfechter.

    Rick Simpson erzählt uns seine Geschichte und wie Legalität von Profitdenken diktiert wird, ohne Rücksicht auf das Leid von Millionen kranker Menschen.

    Hier der Link zur Homepage von Rick Simpson: http://phoenixtears.ca

    https://kenfm.de/projekt-baerensuppe-rick-simpson/

    • Oh ja, Danke! Dieses interessante Interview von Bilbo mit einem mutigen Einzelkämpfer hatte hier erstaunlich wenig Beachtung gefunden, zumindest, was die Kommentare betraf.

  2. Wenn einer 5 Bier in der Stadt trinkt, dann ist er besoffen, wenn einer 5 Bier auf dem Land trinkt, dann ist er der Fahrer.
    Die Germanen haben sich schon zu Caesars Zeiten am Wochenende betrunken und dann geprügelt. Es muss also irgendwie schön sein.

    • Dieses Jahr meckern die Aussteller wegen den Sicherheitsvorkehrungen. Die halten viele von einem Wiesenbesuch ab. Allerdings wird gemutmaßt, dass es sich hierbei um eine Art staatlich organisiertes Entzugsprogramm handelt.😁

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