Tagesdosis 2.10.2017 – Einheitsheuchelei

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Morgen ist es wieder soweit: Politiker mit hohen Diäten werden den »Unrechtsstaat« verdammen und 27 Jahre Demokratie im vereinten Deutschland feiern. Das Volk wird das Bierglas erheben. Zwar kostet ein Bier heute in etwa 80mal so viel wie in der untergegangenen DDR, doch was soll´s. Das Volk wird ihn feiern, den Jahrestag der Heuchelei, des Betrugs, des Raubzuges, des Plünderns.

Heute muss die DDR als schlechtes Beispiel für alles herhalten. Die Herrschenden haben dem Unrecht drei Buchstaben verpasst, die alles Böse dieser Welt vereinen: Stasi, Mauertote, Hohenschönhausen. So können sie wunderbar ablenken von den Verwerfungen des realen Kapitalismus, die wir überall sehen. Natürlich – es gab sie auch, die Mauertoten, die denunzierenden Stasi-Spitzel, den Stasi-Knast.

Die Perspektive von unten ist vielfach eine andere. Meine ist die einer Jugendlichen, die den 9. November 1989 18jährig in einer Kleinstadt bei Magdeburg erlebte. Ich war gerade in meine erste Wohnung gezogen: Zwei Zimmer im Altbau, Küche, Dusche, Ofenheizung, das Klo auf dem Flur – 21 Mark Miete. Viele Jahre meiner Kindheit hatte ich im Kinderheim verbracht. Am Tag nach dem Mauerfall, ein Freitag, saß ich in der Berufsschule. Die meisten waren noch nicht wieder zurückgekehrt von ihrem Trip in den Westen. Wir waren zu viert. Ich, zwei Mitschülerinnen, die wie ich Keramikmalerin lernten und Herr K., Lehrer. Jetzt, meinten die anderen, werde man die DDR erneuern. Ich hielt dagegen: »Sie werden uns einverleiben, in ein paar Jahren werden wir Millionen Arbeitslose haben, und Obdachlose.« Niemand glaubte mir. Es kam schlimmer.

Kaum war die Mauer gefallen, fielen sie ein. Ganze Abordnungen von NPD und Republikanern besiedelten die Montagsdemos in Leipzig, Berlin, Magdeburg. Sie verteilten Hetzschriften gegen Ausländer, eröffneten Büros, drängten an die Mikrofone. Niemand kannte sie. Sie griffen sich jene Glatzköpfe, die vorher in der DDR nie zu Potte kamen. Die nun, wie alle, in eine ungewisse Zukunft blickten. Jene selbsternannten Skinheads, die so gern gegen in der DDR studierende Vietnamesen und Angolaner hetzten – es gab sie zu Hauf – hatten wir vorher aus Diskotheken verjagt. Unsere Jungs nannten das »Glatzen klatschen«.

Neben NPD und Reps standen bald andere Leute. Eine Mischung aus West- und Ostdeutschen. Sie hielten Transparente hoch mit Sprüchen wie »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh´n wir zu ihr«. Ich erfuhr, dass es sich um ein Parteienbündnis aus West- und Blockflöten-Ost-CDU, der neu gegründeten DSU und einer Gruppe namens »Demokratischer Aufbruch« handelte. Die Allianz für Deutschland – die AfD 1.0 sozusagen. Spätestens im Januar 1990 posaunten sie die deutsche Einheit aus. Viele wunderten sich, andere nahmen sie nicht für voll. Doch westdeutsche Rosinenpicker lauerten bereits. Bald, mit der Installation der Treuhand, sollte ihre Stunde schlagen.

Ich will mich nicht allzu sehr über den beispiellosen Raubzug auslassen, dem Hunderte DDR-Betriebe zum Opfer fielen. Zum Beispiel die Gruben im Thüringer Kalirevier. Der hessische Konzern K+S kaufte sie auf, um sie anschließend als Konkurrenten auszuschalten. K+S war damals eine Tochter der BASF, die sich einst, während des Zweiten Weltkrieges, eine goldene Nase mit Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen verdient hatte. 1993 schlossen die Raubritter das letzte Werk in Bischofferode. Ein wochenlanger Hungerstreik bewahrte die Kumpel nicht vor der Arbeitslosigkeit. Ihre zerbrochenen Biographien reihten sich ein in die Millionen anderer Menschen, die ihre Arbeitskraft plötzlich als Ware auf einem Markt anbieten mussten.

Sich selbst vermarkten, gegeneinander konkurrieren zu müssen, war etwas anderes als das, was die Leute kannten. Niemand hatte sich bisher den Profit eingesteckt, den sie erwirtschafteten. Er floss in Schulen, Krankenhäuser, Subventionen für Lebensmittel und Mieten. Vielen wurde das zu spät klar.

Ja, wir konnten nicht reisen, wohin wir wollten. Vieles war nicht gut. Aber was mich ankotzt, sind die Lügen. Neulich las ich beim Deutschlandfunk, dass die DDR-Führung schon Dreijährige in Jugendwerkhöfen interniert habe. Der Sender lies angebliche frühere Insassen desselben zu Wort kommen – unkommentiert, unhinterfragt. Als ehemaliges Heimkind, das zumal als »schwierig« galt und zahlreiche Einrichtungen durchlaufen musste, weiß ich: Es ist gelogen.

Es war verboten, Minderjährige zu misshandeln. Um in einen Jugendwerkhof zu kommen, musste man schon einiges angestellt haben. Vor allem mussten die Jugendlichen mindestens 14 Jahre alt sein. Mag sein, dass einzelne Erzieher Gewalt ausübten. Das war nicht im Auftrag der DDR-Führung.

Die Medien reden auch von Zwangsarbeit in Jugendwerkhöfen. Richtig ist: Wer mit der Schule fertig war, musste eine Ausbildung absolvieren. Nicht immer nach Wunsch. Aber eben eine Ausbildung. Wer kümmert sich heute um Jugendliche an Berliner Bahnhöfen, die an der Flasche hängen oder drogensüchtig sind? Wer holt die 20.000 oder mehr obdachlosen Kinder von der Straße? Die Debatte ist verlogen.

Ein dunkles Thema sind Zwangsadoptionen. Es gab sie, vereinzelt. Ich habe Hunderte Heimkinder kennengelernt. C. war darunter der einzige Fall, der vermutlich mit einer Zwangsadoption endete. Ihre Mutter war mit einem Angolaner liiert, der in der DDR studierte und zurück sollte. Die Mutter wollte mit. Sie stellte Ausreiseanträge. Was noch geschah, weiß ich nicht. Aber sie landete irgendwann im Knast, um auf ihre Ausweisung zu warten. Ohne Kind. Ich erfuhr das damals von dem Angolaner, der C. im Heim besuchte. Sie nannte ihn Papa. Zwölf Jahre war sie damals alt. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.

Um die Entwicklung in der DDR zu beurteilen, muss man die Geschichte betrachten. Hierzu nur so viel: Die Sowjets, damals unter Stalin, waren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht an einer neuen deutschen Großmacht interessiert. Sie stülpten ihrer Besatzungszone im Osten das Stalinsche System über. Es war nicht der Sozialismus, den Marx voraus geträumt hatte. Das lag nicht nur an der Führung, sowie auch die DDR nicht nur an inneren politischen Widersprüchen zerbrach. Es lag vor allem an wirtschaftlichen Abhängigkeiten vom westlichen Markt. Es mangelte an Rohstoffen, an Devisen. Als Gorbatschow die Sowjetunion aufgab, zerfiel die wichtigste Struktur, die die DDR am Tropf gehalten hatte. Kein kleines Land hätte unter diesen Bedingungen einen Sozialismus aufbauen können, selbst, wenn es das gewollt hätte.

Nichtsdestotrotz gaben die Menschen der DDR die wichtigste Errungenschaft auf, die Arbeiter der Neuzeit erringen konnten: Die Produktionsmittel. – Sämtliche Betriebe, Millionen Wohnungen, die Banken – sie gingen an westdeutsche Unternehmer. Die Mieten stiegen schneller als die Löhne. Arbeitsämter schossen wie Pilze aus dem Boden. Das Bauernland kam zurück in Junkerhand.

Der Raubzug war allgegenwärtig Auch in der Politik. Die höchsten Posten waren besetzt von Westdeutschen – um den Ossis die bürgerliche Demokratie beizubringen! Wer sich bei ihnen einschleimte und um ihre Gunst buhlte, wer das Blenden schnell genug lernte, hatte eine Chance, am Töpfchen mitzuessen. Beliebtes Mittel war ein CDU-Parteibuch. Nur wenige fielen nach oben. Viele zahlten dafür einen hohen Preis.

In diesem Sinne: Einen frohen Tag der Einheitsheuchelei.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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19 Kommentare zu: “Tagesdosis 2.10.2017 – Einheitsheuchelei

  1. Nun wird natürlich auch einiges hier runter gespielt, was natürlich nicht dem Westen und seinen Profiteuren angelastet werden kann. So ganz Hasenrein und Uneigennützig waren die Herren im Politbüro sicher auch nicht.

    Ich will hier nicht irgend jemandem an die Wäsche, aber schräge Vögel gab es auch in der DDR,
    da gab es zum Beispil ein ZK-Mitglied und Leiter der Kommerziellen Koordinierung
    Schalck-Golodkowski

    Im Januar 1990 zog das Ehepaar Schalck-Golodkowski nach Rottach-Egern am Tegernsee.

    Wahrscheinlich hat Herr Golokowski nach der Wende sich mit seinem mühsam ersparten ein bescheidenes kleines Häuschen am Tegernsee erworben..

    Man kann aber auch mal nachlesen, was für ein Vogel das gewesen sein muss.

    Über die Bestrafung durch Namensgebung wie Kevin und Schantal, will ich gar nicht weiter eingehen. Nur scheint da eine Westbegeisterung gewesen zu sein, die sich in der Namensgebung des Nachwuchses ausdrückte.

    Kann man das mit Naivität erklären?

  2. Liebe Susan Bonath,
    heute muss ich mal wieder in die Tasten, früher hätte man gesagt zur Feder greifen. Ich danke Ihnen für Ihren kritischen Kommentar zum Tag der Einheit. Gerade weil ich Ihnen an anderer Stelle schon einmal kritisch gegenüber getreten bin muss ich Ihnen sagen, dass meine Achtung vor Ihnen mit Ihrem heutigen Kommentar erheblich gestiegen ist. Sie haben offensichtlich einen schwierigen Weg in Ihrer DDR Sozialisierung durchlaufen und sind trotzdem zu Schlussfolgerungen gekommen, die mit meiner Sichtweise in wesentlichen Punkten übereinstimmt. Meine Sichtweise ist dabei natürlich nicht der Maßstab. Die Auseinandersetzung mit schwierigen Lebensumständen hat offensichtlich Ihre Sicht auf gesellschaftliche Zusammenhänge nicht getrübt.
    Was mich schon seit langem ankotzt ist die Tatsache, dass rund um den sogenannten „Tag der Einheit“, der ja unserer Nationalfeiertag sein soll, ein plump antikommunistisches Memorial Festival inszeniert wird, mit Stasi, Mauer, Stacheldraht und Hohenschönhausen. Als wenn das unsere Lebenswirklichkeit in ihrer Gesamtheit widerspiegeln würde. Diese Rolle wird umso mehr inszeniert, je mehr unser derzeitiges System in die ihm eigenen Widersprüche verwickelt wird. Das ja keiner auf die Idee kommt, sozialistische Ansätze könnten zur Lösung der Gesellschaftskrise beitragen. Sozialismus/Kommunismus ist Teufelszeug schlechthin. Auf die Problematiken und Widersprüche, in die das DDR System verstrickt war, haben Sie gut hingewiesen. Was heute im offiziellen Diskurs geschieht ist eine anachronistische Geschichtsbetrachtung, die die jeweiligen Bedingungen der Zeit teilweise bis vollständig außer Acht lässt und das ist extrem ahistorisch. Intelligente verständige Menschen sollten sich eigentlich dafür schämen. Die Absicht, die dahinter steckt ist jedoch nur allzu offensichtlich.
    Sie haben zu Recht darauf hingewiesen, dass der Rahmen für die politische Neuorientierung in beiden Teilen Deutschlands von außen gesetzt wurde. Der stand nicht wirklich zur Disposition. Insofern war der Weg zum Sozialismus auch eher ein Exportartikel als ein erkämpfter Besitzstand zu Begründung einer neuen friedlich demokratischen Ordnung.
    Und im Westen wurde tatsächlich teilweise eine bürgerliche Demokratie eingeführt, die sich soweit entfalten konnte (durfte), dass sie den Grundinteressen ihrer Führungsmacht nicht widersprach.
    Der Systemkampf wurde, worauf Sie richtig hingewiesen haben, auf anderen Feldern entschieden. Der Hauptmangel des Ostens war nicht, wie oft behauptet wird, die fehlende Demokratie, sondern das Wohlstandsgefälle, das durch die Nachkriegsgegebenheiten bestimmt war. Im Westen die super prosperierenden USA, im Osten eine fast vollständig zerstörte Sowjetunion. Die Leistungen oder nicht Leistungen der jeweiligen politischen Klasse muss man in erster Linie an diesen Rahmenbedingungen messen. Das Wirtschaftswunder des Westens wurde, wenn auch teilweise unkritisch, hinlänglich diskutiert. Der wirtschaftliche Rahmen für die „Zone“, wie sie noch lange im Westen und manchmal im eigenen Selbstverständnis der Ostdeutschen hieß, war durch die Sowjetunion vorgegeben. Bei den Umstrukturierungen der Wirtschaft und Landwirtschaft des Ostens wurden sicher erhebliche Fehler gemacht und was dabei heraus kam war alles andere als Endstation Sehnsucht. Allerdings gab es dabei auch vernünftige richtungsweisende Aufbrüche, die einer ernsthaften Diskussion wert sind. Dieser Prozess ist leider fast vollständig ausgeblieben. Nach der Alles oder Nichts Doktrin, die mit umgekehrtem Vorzeichen natürlich auch im Osten herrschte wurde nach der Wende, da wo es Interessen gab, lediglich um 180 Grad zurück gedreht. Ich muss hier anmerken, ich habe in beiden Systemen gearbeitet und weiß die Dinge nicht nur vom Hörensagen. Ich schränke ein, man kennt natürlich nur die Segmente, in denen man tätig war.
    Eine interessante Frage ist jedoch, und die haben Sie angesprochen, hat die Kommunistische Führung, von mir aus die Stadthalter Moskaus, die Bevölkerung am ausgestreckten Arm verhungern lassen um selbst in Saus und Braus zu leben und sich ein Dreck um deren Befinden gekümmert. Natürlich werden Kritiker jetzt einwenden, die Leute in Wandlitz haben über die Verhältnisse der anderen gelebt, übrigens nicht nur die, das war in vielerlei Hinsicht auch nicht vorbildlich sozialistisch. Stimmt! Wenn man aber
    die Situation sachlich und gründlich analysiert haben sie Bedingungen geschaffen, um jungen Menschen eine vernünftige Entwicklung zu ermöglichen, ein halbwegs tragfähiges Gesundheitssystem zu errichten und für die Mehrzahl der Menschen einigermaßen angemessene Wohnbedingungen zu schaffen. Und das trotz der materiell wesentlich kürzeren Decke. Von den militärischen Prioritäten und dem damit verbundenen Systemwettstreit gar nicht zu reden, den uns die Amerikaner, wie heute stolz in Siegerpose verkündet wird, brutal aufgezwungen haben. Im Schneckenhaus der DDR Provinz haben wir das seinerzeit für überzogene Ost Propaganda gehalten (zumindest wenn ich an mich denke), wir haben da eher dem Westen, das heißt den Amerikanern und ihrer erfolgreichen CIA Propaganda vertraut. Nicht zu vergessen deren britische Freunde, James Bond lässt grüßen.
    Liebe Susan Bonath, ich danke Ihnen nochmals für Ihren sachlich kritischen Beitrag zum Tag der Deutschen Einheit. Bleiben Sie weiter so scharfzüngig.

  3. Wer sich das Lesen ersparen will und einen ersten Überblick erhalten möchte, sollte sich den Film „Raubzug Ost“ anschauen. Da wird auch kurz der Bankensektor betrachtet. Es ist schon Wahnsinn, wie dort politisch legitimiert Geld und Vermögenswerte “ umgeschichtet wurde. Ich war damals fast 18 und habe das ganze gar nicht registriert, man war mit seinem eigenen Schicksal und der eigenen auch beruflichen Zukunft beschäftigt. Ich weiß auch gar nicht mit welcher Legitimation „Volkseigentum“ in Privateigentum umgewandelt werden könnte. Aber sicherlich ist alles vom Gesetzgeber gedeckt worden und wie immer kann und wird niemand zur Verantwortung gezogen werden können. Deshalb in Westen bzw. Osten nichts neues damals wie heute.

    • Habe grad mal reingeschaut in die Doku „Beutezug Ost“.
      Ich fand die Stelle besonders interessant, wo die Kühlschrankfabrik schließen musste, weil sie angeblich unwirtschaftlich wurde und zwar allein wegen der Umstellung von DDR-Mark auf D-Mark.

      Es galt:

      82 D-Mark = Produktionskosten pro Kühlschrank = 380 DDR-Mark

      140 D-Mark = Verkaufspreis in den Westen pro Kühlschrank = 650 DDR-Mark

      58 D-Mark = Gewinn pro Kühlschrank = 270 DDR-Mark

      Dann Umstellung auf D-Mark:

      380 D-Mark = Produktionskosten pro Kühlschrank = 1760 DDR-Mark ????????

      Wieso sollten die Produktionskosten auf einmal mehr als 400% steigen?
      Bekamen die Arbeiter plötzlich über 400% mehr Lohn oder was?
      Sind über Nacht alle Lebenshaltungskosten und alle Preisniveaus um über 400% gestiegen?

      Warum also wurde der Betrag für die Kühlschrankproduktion in DDR-Mark galt, einfach in D-Mark übernommen?

      Korrekterweise hätte man die Produktionskosten für die Kühlschränke, wenn man sie in D-Mark angibt um den Umrechnungsfaktor 4,6 herabsetzten müssen.

      Also:

      82 D-Mark = Produktionkosten pro Kühlschrank

      140 D-Mark = Verkaufspreis pro Kühlschrank

      58 D-Mark = Gewinn pro Kühlschrank

      also alles wie gehabt und die Fabrik hätte weiterhin super Gewinne gemacht und hätte somit niemals geschlossen werden dürfen/müssen.

      Der Betrug bestand eindeutig in den bewußt und absichtlich falsch neu kalkulierten Produktionskosten, um die Kühlschränke unwirtschaftlich zu rechnen ohne jeden Bezug zur Realität (also den wirtschaftlichen Voraussetzungen).

      Was mich nur wundert ist, dass hier keiner was dagegen gesagt hat.
      Um diesen Betrug aufzudecken muss man doch kein Genie sein.
      Um diese Rechnug aufzustellen genügen Hauptschulmathematikkenntnisse.

      Mein Fazit: ab in den Knast mit allen, die dabei mit gemacht und natürlich daran profitiert haben.

  4. Ich könnte aus meiner eigenen Biographie noch einiges beisteuern, ich kenne den ‚Stasiknast‘ noch, nicht als freiwilliger Besucher. Allerdings kann ich selbst nach diesen Erfahrungen Frau Bonath nur zustimmen.
    Was sich unter dem Deckmantel der Treuhand abgespielt hat, ist historisch einzigartig, im negativen Sinne. Dazu gibt es viele detaillierte Untersuchungen und auzgezeichnete Literatur.
    Was vielleicht nicht jedem bekannt sein düfte;
    unser ‚Genosse‘ Günter Mittag, die eigentliche graue Eminenz der Führungsriege, hatte schon im Verlauf der Mitte der 80-ger Jahre, einen regen Reiseplan nach Niedersachsen zu Frau Birgit Breuel.
    Es is fast unmöglich in dieser Richtung zu recherchieren aber das man „überrascht“ war, von dem was dann im November 1989 passierte, ist grosser Unsinn. Vielleicht war man vom Tempo, der Dynamik der Entwicklungen etwas überrascht, allerdings ist fast jedem im Land klar gewesen, das wir uns verändern werden.
    Von einer Ödnis des geistigen Lebens in der DDR zu sprechen, finde ich schon ziemlich heftig, um es mal freundlich zu formulieren. Zumindest meine Genration is von Aitmatov über Dostojewski, bis zu Göethe, den beiden Dumas, Descartes, J.F. Cooper und Sir Walter Scott und der geballten Sammlung der Weltliteratur aufgewachsen, wenn man denn nur wollte.
    Auch unsere Theater und Opernhäuser waren von einer Qualität und einem Spielplanangebot, wovon ich im Westen leider von einer Enttäuschung in die andere gefallen bin.
    Ja! Vieles war nicht gut!
    Heute ist es allerdings nicht besser, nur anders schlecht.
    Ihnen allen alles Gute!

    • Ich schrieb nicht: „Die Ödnis des geistigen Lebens … fand ein Ende“, sondern: „Die Ödnis des geistigen Lebens durch die dort herrschende Unterdrückung und Verdrehung des Sozialismus fand ein Ende“. Wer das nicht erkennt, versteht nicht, warum so viele Leute auf der Suche nach Freiheit geflüchtet sind. Die wollten nicht alle nur mal Bananen essen.

    • Auch diese Ödnis gab es nicht. Auch wenn es vielleicht offiziell so aussah.
      Es fand nicht oder weniger öffentlich statt. Wer gegangen ist, weil ihm das so nicht passte, der war entweder ein Schwätzer oder wird heute wieder bitter enttäuscht sein oder er hat es wirtschaftlich geschafft und kann es sich noch leisten, nicht zu sehen, was in diesem Staate passiert. Denn diese Freiheit hier ist auch nur eine ganz kleine und keiner weiß, wie lange noch.

  5. Kann ich so unterschreiben. Man muß sogar ergänzen, daß eine friedliche Revolution nur möglich wurde, weil die SED nicht zur gewaltsamen Unterdrückung überging! Das wird man von den Kapitalisten leider nicht erwarten können.

    Es ist aber nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die Ödnis des geistigen Lebens durch die dort herrschende Unterdrückung und Verdrehung des Sozialismus fand ein Ende. Es wurden tatsächlich Familien wieder zusammengeführt und die Chance auf einen Frieden durch den Rückzug der sowjetischen Armee eingeleitet.

    Leider wird die Chance auf Frieden durch die westliche Rüstungsindustrie wieder minimiert. Die Gehirnwäsche von Staat und Medien funktioniert zwar und die Masse fühlt sich frei – immerhin können wir noch frei reden, z.B.: auf Kenfm. Es bleibt noch viel zu tun.

  6. Wer mehr über die Abwicklung der DDR erfahren möchte, mag folgendes Buch lesen:

    Die große Enteignung: Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte Gebundene Ausgabe – 10. August 2011
    von Otto Köhler

    Volkseigentum eine Kategorie, die dem bundesdeutschen Rechtssystem fremd ist. Deshalb rief man zur Wendezeit eilig die Treuhandanstalt ins Leben, um die VEBs der DDR auf marktwirtschaftlichen Kurs zu bringen mit fatalen Folgen. Otto Köhler hat gründlich recherchiert und deckt nicht nur massive Schlampereien auf, sondern die gezielte Ausschaltung von Ost-Betrieben durch West-Unternehmen in Allianz mit der Treuhand. Von wegen »Aufbau Ost« eine erschütternde Bilanz.
    ISBN-10: 3360021274

    Es fallen u.a. Namen wie Birgit Breuel, Horst Köhler und Thilo Sarrazin (der Schutzheilige aller Hobbyeugeniker).

    Herr Ploppa widmet dem Thema in seinem Buch „Die Macher hinter den Kulissen: Wie transatlantische Netzwerke heimlich die Demokratie unterwandern,“ ein Kapitel:

    Deutschland fest in transatlantischer und marktradikaler Hand?

    „Es ist uns egal, wer regiert“
    Günter Thielen, ehemaliger Vorsitzender der Bertelsmann-Stiftung

    Der Mauerfall vom November 1989 war zugleich ein Dammbruch: Politisch. Sozial. Wirtschaftlich. Moralisch-ethisch. Kein Stein blieb mehr auf dem anderen, nicht nur bei der Graffiti-beschmierten Zonengrenzen-Mauer. Das war die Stunde einer neuen Kaste: nämlich der Kaste der Unternehmensberater und Privatisierungsgewinner.
    ISBN-10: 3939816221

    Und nicht zu vergessen, natürlich spielte auch Terror, neben dem von Frau Bonath erwähnten, eine Rolle; z.B. die Ermordung von Detlev Karsten Rohwedder, durch das „RAF-Phantom.“

    Zum Schluß möchte ich noch bemerken, daß „die Wende“ auch in der BRD der Startschuß für Privatisierungen öffentlichen Eigentums war.
    Nun, laut Frau Dahn hat uns das ohnehin nie gehört. Darum hat uns wohl auch keiner gefragt. Vielleicht kommt man mit Fragen auch nicht weiter?

    • Sehen wir es mal so: Die „Abwicklung der DDR“ ist im Kontext des als Globalisierung bezeichneten Neokolonialismus als interne, nationale Kolonialisierung zu bezeichnen. Der Neokolonialismus zielt auf Urbanisierung in Megacities (Europa ist da ziemlich abgehängt), wozu Migration beitragen soll. Militärs bereiten sich schon auf die Befriedung dieser Megacities vor. Kriege und Unruhen (Mord und Totschlag, genauer genommen) finden dann außerhalb dieser Megacities statt. Die westlichen und die östlichen Oligarchensysteme gleichen sich an und konkurrieren weiter in ihren Megacities. Das Bevölkerungsproblem ist dann zweigeteilt. Diejenigen außerhalb der Megacities scheinen in Amerika und anderswo den Beginn der Zukunft zu sehen. Das Problem: Gelingt das, bevor Unruhen, Revolten oder Kriege „ausbrechen“ oder das Finanzsystem kollabiert.

    • Da gab es auch „Ostdeutsche Wirtschaft im Umbruch 1970-2000“ von der Bundeszentrale für politische Bildung, wo auch zur Wirtschaftswende und Treuhandunwesen deutliche Worte gefunden werden.
      Wen wundert es, es ist nicht mehr erhältlich.

      Und nicht zu vergessen, es entfiel die dringende Notwenigkeit, den menschenfreundlichen Kapitalismus vorzutäuschen.

  7. Argumentationskette auf Phoenix zum Wahlausgang: Die durch das „Ostsystem“ zu Unzufriedenen gemachten sind die gleichen Kreise, welche zum Wahlausgang ausschlaggebend sind. Das war so gemeint, daß Ursache und Schuld dafür im ehemaligen Ostsystem zu suchen sei, nicht aber im westlichen System: das Ostsystem habe sie zu schlechten Wählern gemacht. Als Westler bin ich zutiefst beunruhigt über das intellektuelle Niveau im Westen und erinnere mich an die Zeiten, als ich mich als Student durch Unmengen von Büchern quälte, um dann festzustellen, daß meist zwei Bücher von Ostdeutschen für den selben Erkenntnisgewinn reichten.

    • Verlinkt in den Hinweisen des Tages der NachDenkSeiten:

      AfD-Wähler: Nahezu 68 Prozent lebt in Westdeutschland

      (BIAJ) Nahezu 68 Prozent der AfD-Wähler und -Wählerinnen lebt in Westdeutschland – nach vorläufigen amtlichen Endergebnissen erhielt die AfD bei den Bundestagswahlen am 24. September 2017 in Westdeutschland 3,970 Millionen ihrer insgesamt 5,877 Millionen gültigen Zweitstimmen (67,6 Prozent). Dies wird unter Überschriften wie „Der typische AfD-Wähler – Arbeiter, männlich, ostdeutsch“ (1) vergessen bzw. verdrängt. Trotz der i.d.R. weit überdurchschnittichen AfD-Stimmanteile in den ostdeutschen Wahlkreisen (siehe PDF_BIAJ20170930) hätten die ostdeutschen AfD-Stimmen allein nicht zum Einzug in den Deutschen Bundestag gereicht. 4,1 Prozentpunkte des AfD-Wahlergebnisses (12,6 Prozent der gültigen Zweitstimmen) kamen aus Ostdeutschland, 8,5 Prozentpunkte aus Westdeutschland.
      http://biaj.de/archiv-kurzmitteilungen/980-bundestagswahl-2017-nahezu-68-prozent-der-afd-waehler-lebt-in-westdeutschland.html

    • Ist doch wahr. Das sind doch die schlechten Wähler im Osten, wenn man es mit den Augen der Mächtigen betrachtet. Und offensichtlich hat dieses fürchterliche ostdeutsche System dazu beigetragen, dass die Leute nicht einfach alles glauben.
      Manche sind zugegeben nicht weitergekommen als der Regierung zu misstrauen, aber alles andere bereitwillig zu glauben. (und darüber bin ich als Ostler durchaus auch beunruhigt) Damit ist Manipulation aber auch Tür und Tor geöffnet. Und davon wird von verschiedenen Seiten kräftig Gebrauch gemacht.

  8. Bärbel Bohley bezeichnete damals das Ergebnis der „Wende“ als Annektion. Vielleicht führt das zu dieser Veröffentlichung: „Die Hälfte der Ostdeutschen sieht die DDR laut einer Studie dennoch positiv. Der SED-Staat habe mehr gute als schlechte Seiten gehabt.“(http://www.spiegel.de/politik/deutschland/studie-mehrheit-der-ostdeutschen-sieht-ddr-positiv-a-632751.html)
    Die Herrschenden werden dieses Erinnern mit der Einseitigkeit ihrer Narrative in die totalitarismustheoretische Richtung des Bildes einer nach dem Faschismus zweiten Diktatur in Deutschland zunehmend in Vergessenheit geraten lassen. Das Narrativ des Westens erklärt damit die Kaiserzeit, in der u.a. die SPD verboten war, zur Demokratie und verfälscht so in propagandistischer Absicht gleich noch mehr als die letzten hundert Jahre…

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