Tagesdosis 20.12.2018 – Bausteine für ein neues „Wir“ in Deutschland. (Podcast)

Ein Weihnachtsbaukasten aus dem Hause Bertelsmann, aber nur für gute Bürger!

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Der Titel der letzten Sendung Hart Aber Fair im Jahre 2018 lautete: „Sprachlos, verständnislos, wütend: Wie gespalten ist Deutschland?“ (1) Da formuliert eines der seriöseren Stimmungsmacher des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens a) wieder einmal geheucheltes Interesse und b) allbekanntes Unverständnis gegenüber einem Großteil der Bevölkerung.

Die hinterfragte Spalte stellte sich in diesem Jahr nachweislich schon als tiefer gesellschaftlicher Graben dar. Konsequente Realitätsverweigerung.

Passend zu dieser ARD Irritation wollte die Bertelsmann Stiftung dem nicht nachstehen und veröffentlichte aktuell im Dezember eine weitere manipulative Studie, Titel: Bürgersinn in der Einwanderungsgesellschaft. Was Menschen in Deutschland unter einem guten Bürger verstehen.

Ein guter Bürger? Für wen und zu wessen Zwecken soll die Stiftung solch eine Einschätzung eruieren? Lobbypedia informiert über Bertelsmann: Über verschiedenste Mittel versucht die Bertelsmann Stiftung Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu nehmen.(2) Nun werden auf 32 Seiten Wahrnehmungen der Bürger empirisch erläutert. Anders formuliert, schmackhaft gemacht. Zuvor, Zahlen:

1. Insgesamt ist die Zahl der Ausländer in Deutschland seit 1950 kontinuierlich gestiegen. Lebten 1961 knapp 700.000 Ausländer in Westdeutschland, waren es 1974 rund vier Millionen. Zwischen 2011 und 2016 stieg die Zahl der Ausländer in Deutschland von 6,3 Millionen auf den bisherigen Höchststand von 9,2 Millionen. Da die Zahl der Ausländer relativ gesehen schneller gestiegen ist als die der Gesamtbevölkerung, hat sich der Anteil der Ausländer an der Gesamtbevölkerung erhöht.

2. Im Jahr 2017 hatten 19,3 Millionen der insgesamt 82,79 Millionen Einwohner in Deutschland einen Migrationshintergrund. Von diesen 19,3 Millionen Personen waren 9,8 Millionen Deutsche und 9,4 Millionen Ausländer. Mittelfristig wird sich der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund weiter erhöhen: Im Jahr 2017 hatten in Deutschland 39,1 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund. In der Gruppe der 35- bis unter 45-Jährigen lag der entsprechende Anteil im selben Jahr bei 30,9 Prozent und bei den 85- bis unter 95-Jährigen bei 8,9 Prozent.(3)

3. Es leben in Deutschland rund 4 Millionen Muslime. Mit einem Anteil von etwa 5 Prozent an der Gesamtbevölkerung sind Muslime die drittgrößte Glaubensgemeinschaft in Deutschland. (4)

Nun zur Studie. Sie erläutert einleitend: In diesem Zusammenhang steht Bürgersinn für Orientierungen, Einstellungen und Verhaltensweisen in Bezug auf Staat, Gesellschaft und Mitmenschen, die ein Gemeinwesen ermöglichen.

Hier heißt es wieder einmal decodieren. Orientierungen bedeutet, orientier du dich, Bürger, an dem was der Staat vorgibt, bzw. daraus resultierende Umstände. Beispiele? Mangel an bezahlbaren Wohnungen, Lohndumping, mangelhaftes Schulsystem, Existenzängste, epochale gesellschaftliche Umbrüche. Einstellungen sind erlaubt, aber bedingt erwünscht. Es muss passen. Unteilbar Demo, Karneval der Kulturen, Kölner Karneval, CSD – gut. Demonstrationen gegen G20, gegen Stuttgart 21, gegen Krieg. Hambacher Forst, Migrationspakt, Chemnitz, Pegida – nicht gut. Die Ergebnisse dieser Vorgaben, die Verhaltensweisen, münden in der differenten Wahrnehmung, am Beispiel ARD: „Wie gespalten ist Deutschland?“

Die Studie formuliert auf Seite 6. Mit der gestiegenen Vielfalt steigen auch die Ansprüche der neuen Bevölkerungsgruppen hinsichtlich Beteiligung und Akzeptanz. Ein legitimes Recht. Das Problem, ab wann dürfen Ansprüche formuliert, gefordert werden? Worin liegt die Beteiligung und wer definiert den Rahmen der Akzeptanz? Im Studientext heißt es weiter: die Zahl der Bedürfnisse und Akteure in der Arena der gesellschaftlichen Interessenaushandlung hat sich erhöht. Interessenkonflikte sind ein normaler Teil von Demokratien, solange sie nach fairen Regeln ausgehandelt werden und durch eine prosoziale Haltung in der Bevölkerung und eine Bereitschaft, sich in die Gesellschaft einzubringen, begleitet werden.

Kann, oder will man es nicht einfacher, verständlicher formulieren? Arena der gesellschaftlichen Interessenaushandlung, faire Regeln? Früher nannte man das schlicht Brot und Spiele. Härter ausgesprochen – Verteilungskämpfe. Wer bestimmt hier und heute die fairen Regeln? Die Bürger unter sich, oder der Staat gegen die Bürger?

Kommen wir zum Wesentlichen, Zitat: Hierzu hat Kantar Emnid (das ausführende Meinungsforschungsinstitut) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung eine repräsentative Bevölkerungsumfrage durchgeführt, in deren Mittelpunkt die Frage stand, was einen „guten Bürger“ ausmacht.

Folgende 15 Merkmale sollen also einen „guten Bürger“ auszeichnen, wurden demnach abgefragt:

  • Wählen gehen
  • Gesetze befolgen
  • Sich über das politische Geschehen informieren
  • Steuern zahlen
  • Bereit sein, Militärdienst zu leisten
  • Für die Gleichberechtigung von Mann und Frau eintreten
  • Gegenüber Personen, die anders sind, tolerant sein
  • Umweltbewusst handeln
  • Menschen anderer Religionen respektieren
  • Einwanderern helfen
  • Seinen Stolz auf Deutschland zeigen
  • Respekt vor älteren Menschen zeigen
  • Eigenverantwortlich für seinen Lebensunterhalt sorgen
  • Sich in einem Verein oder einer anderen Organisation engagieren
  • In seinem Umfeld auf Recht und Ordnung achten

Die Bertelsmann Studie ist verlinkt (5), sollten die individuellen Ergebnisse von Interesse sein. Was bedeutet nun repräsentativ, bei aktuell 82,79 Millionen Einwohnern in Deutschland?

20.000, 200.000, 2 Millionen Teilnehmer? Kantor Emnid befragte – 2059 Bürger. Macht das Sinn? Diese wurden wiederum unterteilt in Menschen ohne (891), bzw. mit Migrationshintergrund (1168). Zudem, im Vorjahr des 30. Jahrestags des Mauerfalls, die Einteilung in West (1.787) – und Ostdeutsche (272).

Laut Bertelsmann dürfen wir Deutschen beruhigt sein. Das Ergebnis: Trotz der gesellschaftlichen Vielfalt in Deutschland ist die Bevölkerung in grundlegenden Fragen des Zusammenlebens nicht gespalten. Größter gemeinsamer Nenner der „guten Bürger“ soll lt. Studienergebnis Respekt vor Älteren sein. Gefolgt von „Gesetze befolgen“. Wer es denn dann glauben mag.

Nachdem der Migrationspakt nachweislich mit unfairen Regeln durch die Bundesregierung durchgesetzt wurde, soll nun das Haus Bertelsmann mit entsprechenden Studien die Bürger auf kommende Zeiten konditionieren. Funktioniert das? Anscheinend schon. Mediale Reaktionen: ZDF:Viele halten sich für gute Bürger(6), WDR Radio: Schön, dass wir doch ähnlich ticken(7), Focus online: Kaum Unterschiede zwischen Deutschen und Migranten beim Thema Bürgersinn.(8). Evangelisch.de: Studie: Einheimische und Migranten haben ähnlichen Bürgersinn.(9)

Zum Abschluss der Studie, auf Seite 27, erhalten Medien und verbündete Organisationen noch folgende Anleitung, Zitat: Ausblick: Bausteine für ein neues „Wir“ in Deutschland. Die Befragung zeigt, dass die deutsche Bevölkerung bei grundlegenden Fragen des Zusammenlebens nicht gespalten ist, sondern eine weitgehend übereinstimmende Meinung darüber hat, was einen guten Bürger in Deutschland ausmacht. Ebenso groß ist der Anteil der Befragten, die sich selbst als guten Bürger bezeichnen. Die Ergebnisse dieser Umfrage deuten auf ein gutes Fundament hin, auf dem in Zukunft weiter aufgebaut werden kann.

Das dieses „Fundament“, basierend auf 0,04% der Gesamtbevölkerung als gut bewertet wird, wenn keinerlei Spaltungen, geschweige denn Risse oder Gräben erkannt werden möchten, bzw. dürfen, sollte es niemanden wirklich wundern, wenn die „Arena der gesellschaftlichen Interessenaushandlung“ sich zügigst in ein innerdeutsches Krisengebiet entwickelt, welches diese gesamtdeutsche Gesellschaft nachhaltig für Generationen prägen wird.

Quellen:

  1. http://mediathek.daserste.de/Hart-aber-fair/Sprachlos-verst%C3%A4ndnislos-w%C3%BCtend-Wie-g/Video?bcastId=561146&documentId=58695070
  2. https://lobbypedia.de/wiki/Bertelsmann_Stiftung
  3. https://www.bpb.de/wissen/NY3SWU,0,0,Bev%F6lkerung_mit_Migrationshintergrund_I.htm
  4. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/51_Religionsmonitor/BST_Factsheet_Einwanderungsland_Deutschland.pdf
  5. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Migration_fair_gestalten/IB_Buergersinn_in_der_Einwanderungsgesellschaft_2018.pdf
  6. https://www.zdf.de/nachrichten/heute/studie-zu-werten-und-tugenden-viele-halten-sich-fuer-gute-buerger-100.html
  7. https://www1.wdr.de/radio/wdr4/wort/zur-sache/kommentar-bertelsmann-studie-100.html
  8. https://www.focus.de/politik/deutschland/neue-bertelsmann-studie-enthuellt-kaum-unterschiede-zwischen-deutschen-und-migranten-beim-thema-buergersinn_id_10050014.html
  9. https://www.evangelisch.de/inhalte/153802/11-12-2018/studie-einheimische-und-migranten-haben-aehnlichen-buergersinn

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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