Tagesdosis 20.2.2018 – Putins Koch und die Wilde Dreizehn

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

Wie schon die amerikanischen Demokraten sind jetzt auch die deutschen Sozialdemokraten von russischen Trollbrigaden bedroht. Aktuell im Visier: Die Wilde Dreizehn.

Bevor wir zum Drama der SPD kommen, ein Disclaimer: ich war da mal Mitglied! Willy Brandt stand zum ersten Mal zur Wahl und ich vor der Verhandlung zur Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung. Dabei handelte es sich um eine gerichtsähnliche Befragung, bei der eine Kommission die pazifistischen Motive des Verweigerers überprüfen wollte. Mit Fragen wie: „Stellen Sie sich vor, sie gehen mit ihrer Freundin im Wald spazieren und es kommen zwei Russen mit einer Waffe aus dem Gebüsch und drohen mit Gewalt. Würden Sie dann nicht auch zur Waffe greifen?“ Mit solchen Fangfragen wurde versucht, den Kandidaten in die Enge zu treiben, um seinen Antrag dann abzuweisen und ihn zur Bundeswehr zu schicken. Ich fand das unwürdig und unverschämt, und war begeistert, dass im Wahlprogramm der SPD die Abschaffung dieser Verhandlungen gefordert wurde. Eine einfache Erklärung des Wehrpflichtigen, statt Ausbildung an der Waffe Zivildienst zu leisten, sollte künftig reichen. Darum trat ich in die Partei ein, demonstrierte gegen den Alt-Nazi Kiesinger, der für die CDU kandidierte, und machte als Erstwähler mein Kreuzchen für die SPD.

Doch kaum war Willy gewählt und die erste SPD-Regierung der Bundesrepublik im Amt, wurde ein gewisser Schorsch Leber Verteidigungsminister und verkündete, dass man zu wenig Soldaten habe und Kriegsdienstverweigerer sich auch weiterhin diesen Befragungen stellen müssten. Da zerriss ich mein Parteibuch und schickte es mit einem bösen Brief an die Geschäftsstelle zurück.

Den bekannten Spruch der Linken: „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten!“ kannte ich damals noch nicht, sonst hätte ich ihn darunter geschrieben, denn ich fühlte mich persönlich verraten von dieser Partei. Das ist lange her, aber gelernt ist gelernt, und seitdem kann mich bei der SPD nichts mehr erschüttern, sie ist einfach die Umfallerpartei schlechthin. Und wenn sie so weitermacht bald nur noch einstellig bei den Wahlergebnissen.

Doch als ich letzte Woche die Umfrage mit 16% für die Sozialdemokraten schon mit „selber schuld“ quittieren wollte, ereilte mich eine Meldung der „Tagesschau“, dass jemand anderes an diesem Niedergang der SPD  schuld ist: die Russen!

„Ein Russe namens „Juri“ aus St. Petersburg“, so meldet Deutschlands führende Nachrichtensendung, soll dem Juso-Vorsitzenden Kühnert „Unterstützung bei der Kampagne gegen die Neuauflage der Großen Koalition angeboten haben. Kühnert habe diese Hilfe gerne angenommen, so der angebliche Informant.“

Mal abgesehen davon, dass es jetzt nicht mehr lange dauern kann, bis ein Mann namens Hase, der angeblich von nichts weiß, als angeblicher Informant der „Tagesschau“ auftaucht, ist nun aber wenigstens klar, wer für das Drama bei den Sozen verantwortlich ist: nicht die Schulzes, Gabriels, Nahles, sondern der Gottseibeiuns Putin, der jetzt auch die SPD unterwandert und destabilisiert.

So wie er es ja schon in Amerika getan hat, als er Donald Trump auf den Thron hievte. Das hat jetzt nach neun Monaten akribischer Recherchen der Ermittlungsausschuss unter dem ehemaligen FBI-Chef Mueller aufgezeigt, und 13 Russen angeklagt. Der Kopf der Wilden Dreizehn, ein reicher Gastronom, der auch „Putins Koch“ genannt wird, soll eine „Verschwörung“ zur Einmischung in den US-Wahlkampf finanziert haben, mit dem Ziel Hillary Clinton zu kritisieren und Bernie Sanders und Trump zu unterstützen. Dieser „Informationskrieg“, so der stellvertretende Generalstaatsanwalt Rod Rosenstein, hätte allerdings „den Ausgang der Wahl nicht beeinflusst“.

Wie bitte? Ein russischer Koch wird angeklagt, weil er Geld sammelte, um in den Social Media Anti-Clinton-Werbung für Sanders und Trump zu machen, was aber den Ausgang der Wahl gar nicht beeinflusst hat. Wahnsinn! – hätten wir noch Karneval käme an diesem Punkt der Büttenrede ein Tusch, wären wir in einer Seifenoper, käme die Lachmaschine vom Band – wir sind aber in der großen Politik und dürfen nicht lachen. Denn die Anklageschrift, so teilt das ehemalige Nachrichtenmagazin mit, „ist ein einmaliges Dokument: Erstmals erhält die Öffentlichkeit einen präzisen und detaillierten Einblick in den geheimen Wahlkampf russischer Agenten in den USA zwischen 2014 und 2016.“

Wow! Präzise und detailliert kann man da nachlesen, wie  die  Wilde 13 doch tatsächlich Twitter- und Facebook-Accounts unter falschem Namen eröffnet und Anti-Hillary-Botschaften gepostet hat – und sogar „über hundert Amerikaner“ kontaktiert haben soll. Und das mitten im Wahlkampf, dessen Ausgang davon aber nicht tangiert wurde. Wahnsinn, diese russischen Agenten!

Großspurig angekündigte und kläglich gescheiterte Vorhaben werden ja gern als Tiger bezeichnet, die als Bettvorleger enden. Aber das wäre in diesem Fall übertrieben. Nicht der Tiger, der in 9 Monaten Großermittlung auf allen Kanälen täglich „Russiagate“ fauchte, sondern der Bettvorleger. Dass er von der „Tagesschau“ jetzt schon mal prophylaktisch der SPD untergeschoben wird, falls mit der GroKo was schiefgeht, ist beruhigend. Wie bei Hillary in Amerika können auch bei den  Schulzens und Scholzens nur russische Trolle schuld am Niedergang der Sozialdemokraten sein. Gegen die Wilde Dreizehn ist einfach kein Kraut gewachsen….

Mehr über das „Real Game of Thrones“ in Amerika im jüngsten Buch von  Mathias Bröckers, das im Juni 2017 im Westend-Verlag erschienen ist:  König Donald, die unsichtbaren Meister und der Kampf um den Thron 

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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6 Kommentare zu: “Tagesdosis 20.2.2018 – Putins Koch und die Wilde Dreizehn

  1. Was für eine super Nummer von der Titanic! 🙂
    Mio Mio Mate Ginger… :-):-):-)

    spiegel.de/kultur/gesellschaft/titanic-foppt-bild-mit-angeblichem-kevin-kuehnert-mailverkehr-a-1194623.html

  2. Anbei:

    SPD-Führung führt Mitgliedschaft hinters Licht
    Von Christoph Vandreier
    21. Februar 2018

    In den letzten Tagen wurden die Abstimmungsunterlagen zur Großen Koalition an die rund 464.000 SPD-Mitglieder versandt. Das verbindliche Votum über den Koalitionsvertrag, den SPD und Union ausgehandelt haben, läuft bis zum 2. März.

    Dem Abstimmungszettel lag ein dreiseitiger Brief des Parteivorstands bei, unterzeichnet von allen 37 Mitgliedern des Verhandlungsteams der SPD. Er fordert die Mitglieder unumwunden auf, mit JA zu stimmen. Den Gegnern des Koalitionsvertrags wurde hingegen keine Möglichkeit gegeben, ihre Position zu erläutern.

    Offensichtlich hat der Parteivorstand erhebliche Angst, dass selbst die eigenen Parteimitglieder die Große Koalition ablehnen, wenn sie auch nur Teile der tatsächlichen Pläne von Union und SPD kennen.

    Deshalb betreibt der Parteivorstand einen riesigen Aufwand, um den wahren Inhalt des Koalitionsvertrags zu verschleiern. Eine Vereinbarung über die heftigste Aufrüstung seit dem Zweiten Weltkrieg, über Sozialkürzungen und Polizeistaatsmaßnahmen wird im Anschreiben des Vorstands und in einer extra erstellten vollfarbigen Broschüre als Paradies für Familien, Arbeitnehmer und Senioren verklärt.

    Unter dem Punkt „Für ein demokratisches und soziales Europa“ behauptet der Vorstand, dass die Koalitionäre ein „Ende des Spardiktats“ beschlossen hätten. Tatsächlich heißt es in dem Koalitionsvertrag ganz im Gegenteil, dass mit dem „Stabilitäts- und Wachstumspakt“ (Z. 240) und dem „Europäischen Stabilitätsmechanismus“ (Z. 247) die beiden wichtigsten Folterinstrumente der europäischen Austeritätspolitik in Kraft bleiben. Der designierte SPD-Finanzminister Olaf Scholz hat bereits im Spiegel erklärt, dass er den rigiden Sparkurs von Wolfgang Schäuble (CDU) fortsetzen werde.
    (Anm.: der Sparkurs, die sog. „schwarze Null,“ dient der Privatisierung öffentlicher Güter der Daseinsvorsorge)
    (…)
    Eines der wenigen Ressorts, das unterm Strich mehr Geld bekommen soll, ist das Innenministerium. Nachdem das Budget im Jahr 2017 bereits um über eine Milliarde Euro auf 8,98 Milliarden angehoben wurde, soll es bis 2021 noch einmal auf über neun Milliarden steigen. Der Koalitionsvertrag sieht unter anderem 15.000 neue Sicherheitskräfte (Z. 5783ff), die „bessere Ausstattung für die Polizei“ (Z. 588f), die „Ausweitung der DNA-Analyse“ (Z. 589), „die Videoüberwachung an Brennpunkten“ (Z. 5961ff) und die Stärkung und Zentralisierung der Sicherheitsbehörden und Geheimdienste (Z. 5948ff) vor.

    Vor allem aber vertuscht der Brief des Parteivorstands, was ihm Zentrum des Koalitionsvertrags steht: die massive Aufrüstung der Bundeswehr und die Schaffung einer europäischen Armee. Während bei Bildung und Familien gekürzt wird, soll der Verteidigungshaushalt massiv erhöht werden. Mit 14,5 Prozent steigt dieser so stark wie kein anderes Ressort. Nachdem das Budget im Jahr 2017 bereits um fast zwei Milliarden Euro auf 37 Milliarden gesteigert wurde, soll es bis 2021 laut Finanzplan auf 42,39 Milliarden Euro ansteigen.

    Aber das ist noch längst nicht alles. In einem in der bundesrepublikanischen Geschichte beispiellosen Akt haben SPD und Union beschlossen, dass jeder entstehende Haushaltsspielraum prioritär für die Aufrüstung der Bundeswehr und im gleichen Verhältnis für zivile Krisenintervention genutzt wird (Z. 6861ff). Nimmt man den Haushaltsüberschuss des letzten Jahres von 10,4 Milliarden Euro als Bezugsgröße, würden sich in der kommenden Legislaturperiode allein daraus weitere Ausgaben für die Bundeswehr in Höhe von 20,8 Milliarden Euro ergeben. Der Verteidigungshaushalt läge 2021 dann bei etwa 50 Milliarden Euro.
    (Anm.: Die Bereiche innere und äußere Sicherheit erhalten mehr Geld. Dies um zu gewährleisten, daß das Diebesgut und zukünftiges Diebesgut sicher in der Hand der Privatiers verbleibt.)
    https://www.wsws.org/de/articles/2018/02/21/spdm-f21.html

    Noch eine Anmerkung zum Schluß; ich denke nicht daß sich an diesen Vorhaben etwas ändern würde, wenn eine SPD in die Opposition ginge.
    Denn selbst wenn eine Minderheitsregierung durch wundersame, magische Weise, durch eine „Opposition“ blockiert wäre, so stünde dennoch die Forderung des Großkapitals nach absolut willkürlicher Machtausübung im Raum.
    Im Zweifel wird dann wohl auch Deutschland technokratisch zwangsverwaltet. Da können sie demonstrieren, protestieren bis sie schwarz werden. So haben es die Griechen erfahren.

  3. Juri und die 12 Wilden?

    Ja wir wissen doch alle, dass schon Stalin mit diesen Methoden gearbeitet hat. Der hat Jesus und seine 12 Antikenhacker losgeschickt um uns von den Waffen fernzuhalten. Das ist ganz sicher bewiesen. Das stand im Stürmer.
    (muss ich da ironie-off dahinter schreiben?)

    Die Tagesschau ist sich auch für nichts mehr zu blöde… Aber ich hab mal wieder herzhaft gelacht. Tag gerettet. 🙂

  4. „Das US-Verteidigungsministerium hat ein 300-Millionen-Dollar-Programm aufgelegt, um pro-amerikanische Nachrichten in ausländischen Medien zu platzieren. Diese werden allerdings nicht als Beiträge der US-Regierung gekennzeichnet sein. Das Ziel sei, sagte Pentagon-Sprecher Lawrence DiRita, „faktische, wahre Information zu liefern, mit einem gewissen Grad an Transparenz, soweit das angemessen ist.“

    Naja nun, [wiegel ab!!!] der Artikel ist ja schon von 2005, das machen die ja schon nicht mehr. Bestimmt. Nicht. Mehr für 300 Mio…
    https://www.berliner-zeitung.de/das-pentagon-lanciert-pro-amerikanische-nachrichten-echtes-geld-fuer-falsche-artikel-15832282

  5. Ganz nebenbei wurde ja mittlerweile mittgeteilt, das dieser Mail-Verkehr wohl ein Fake war. Mal nebenbei gefragt, was ist denn aus dem FISA Memo geworden? Die Aussagen darin schienen ja faktenbasiert gewesen zu sein, im Gegensatz zu den ganzen unbelegten Behauptungen zu „Russia Gate“. Hat die aus Versehen ein Praktikant geschreddert? Ach kann ja nicht sein, sowas gibt es nur bei uns, wenn es m die nationale Sicherheit geht.

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