Tagesdosis 20.7.2017 – Der süße Duft des Adels

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Es hatte schon etwas von Symbolcharakter. Gegen 1:00 Uhr des jungen Morgens schüttelte sich für eine knappe Stunde unsere Himmelsdecke über Berlin. Donnerwetter.

Lag es an dem süßlichen Duft der seit den Mittagsstunden des Vortages über der Stadt hing? Prinz William und Gattin Kate waren am Mittag gelandet[1]. Die Stadt im Adelsrausch- vermeintlich.

Ja, auch Politiker wollen mal auf der sonnigen Seite ihres Berufes stehen. Sie haben es nicht immer leicht in hiesigen Zeiten. Mal nicht Krieg und Sozialabbau erklären müssen. Mal nicht, inhaltsleer und verklausuliert, Interesse an der Bevölkerung heucheln.

Bescheiden wie sie sind, empfingen sie die britischen Gäste in ihren bescheidenen Arbeitsräumen. Die Kanzlerin auf der Terrasse vom Kanzleramt. Schöne Bilder. Unser Bundespräsident, ganz der Gentleman, lud zur Tea Time in seinen kleinen Garten Bellevue. Es gab Streuselkuchen. Schöne Bilder. Der Berliner Bürgermeister Müller musste auf Wunsch von den beiden Gästen, in ein Kinder – und Jugendhaus in Marzahn. Er hätte ihnen sicherlich gerne auch seinen Balkon gezeigt, waren dann aber auch schöne Bilder. Der Berliner Tagesspiegel, mental schon almost stoned vom süßlichen Duft der Adelswelt- unter einem Live Blog ging es nicht[2]. Die Hauptstadtpresse weiß, dieser Besuch begeisterte Berlin.

Zu dem Programm gehörte auch ein Mittagessen, an einem unbekannten Ort in Berlin Mitte. Bedauerlicher Weise, hat eine Bekannte von mir dort ihr kleines Geschäft. Stunden davor und dabei komplette Absperrungen des Bürgersteigs und der Umgebung. Dieses bedeutete für sie keinerlei Umsatz. Warten.

Warten, wird da ein Besucher, ein Adels-Fan am Brandenburger Tor rufen? Hab ick ooch. Stunden in die Sonne. Füan Selfie, vastehste. Der Müller ooch wieder dabei. Der hats jut.

Streichelzoo unter Aufsicht, also mit Security. Die Berliner Zoos suchen übrigens ehrenamtliche Security, also Aufpasser für ihre Streichelzoos[3]. Die Problematik liegt vermeintlich bei den sog. Tollpatsch Kindern, nicht bei den Eltern, die nicht erklären wollen. Diese sind wahrscheinlich gerade am Smartphone auf der Instagram Seite von Kate und William[4]. Bestimmt schöne Bilder.

Quellen

[1] – https://www.morgenpost.de/berlin/article211297539/Prinz-William-und-Herogin-Kate-in-Berlin-eingetroffen.html
[2] – http://www.tagesspiegel.de/berlin/blog-zu-royals-in-berlin-kate-und-william-begeistern-berlin/20078248.html
[3] – http://www.berliner-kurier.de/berlin/kiez—stadt/angst-vor-tollpatsch-kindern-zoo-sucht-leibwaechter-fuer-ziegen-und-schafe-27973322
[4] – https://www.instagram.com/kensingtonroyal/

 

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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3 Kommentare zu: “Tagesdosis 20.7.2017 – Der süße Duft des Adels

  1. Anbei ein aktueller Artikel Herrn Wernickes, beim Rubikon, in welchem exakt wiedergegeben ist, in welchem Kontext diese und diverse andere Possen zu verorten sind.
    Komplett im vorbestellbaren Buch „Lügen die Medien?: Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung.“ (357 Seiten, ISBN-10: 3864891884)

    Lügen die Medien?
    Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung.
    von Jens Wernicke

    „Die gegenwärtigen Formen repräsentativer Demokratien sind Elitedemokratien, also de facto Wahloligarchien. Seit ihren historischen Anfängen wurde die Idee einer ‚repräsentativen Demokratie‘ mit der Absicht entwickelt, das als irrational, infantil und launenhaft angesehene ‚dumme Volk‘ von politischer Macht und Einfluss fernzuhalten. Die Etablierung einer repräsentativen Demokratie war also explizit dazu gedacht, eine wirkliche Demokratie im Sinne der Ermögli¬chung einer angemessenen Teilhabe, also Partizipation, der Bürger am Gemeinwesen und einer Volkssouveränität zu verhindern. Worum sollten Machteliten auch ein Interesse an wirklicher Demokratie haben, wo eine solche doch ihren Status gefährdete?“
    Rainer Mausfeld

    „Die deskriptiven Aspekte der tatsächlichen Funktionsweise der Medien innerhalb der Herrschafts- und Machtbeziehungen in kapitalistischen westlichen Demokratien sind seit mehr als hundert Jahren vielfältig untersucht worden, und es gibt zu diesem Thema reiches empirisches Material. Es belegt in geradezu überwältigender Weise, dass die Medien vorrangig dazu dienen, den gesellschaftlichen und ökonomischen Status derer zu stabilisieren, in deren Besitz sie sind oder von denen sie ökonomisch abhängig sind. Das impliziert insbesondere, dass sie die politische Weltsicht der jeweils herrschenden ökonomischen und politischen Eliten vermitteln, sodass natürlich auch die Auswahl und Interpretation von Fakten hierdurch bestimmt ist.“
    Rainer Mausfeld

    „Gegenwärtig haben die Leitmedien in ihrer Bereitschaft und Willfährigkeit, das Weltbild transatlantischer neoliberaler Eliten zu vermitteln, ganz offensichtlich jedes Maß verloren. Das hat zur Folge, dass die Medien Fakten, die nicht in dieses Weltbild passen, immer hemmungsloser verschweigen oder verzerren. So erschaffen sie medial eine gesellschaftliche und soziale Realität, in der die wichtigsten Fragen gar nicht erst vorkommen und die tatsächlichen Konflikte vernebelt und verschleiert werden.“
    Rainer Mausfeld
    (…)
    „Ohne Zweifel kommt im Reformdiskurs, über den wir hier sprechen, eine überhebliche, ja arrogante Haltung der Eliten gegenüber den vermeintlich ‚einfachen Leuten‘, insbesondere der klassischen Arbeiterschaft, zum Ausdruck. Die gesamte Debatte ist von einem deutlichen ‚Klassismus‘ durchzogen. Das bereits angesprochene Aktivierungsdogma, das Ende der 1990er Jahre zum Leitbild der Reformer wurde, beruht ja auf einem grundsätzlich negativen Menschenbild, das in aller Deutlichkeit bereits in Roman Herzogs berühmter ‚Ruck-Rede‘ artikuliert wurde, die zu einem programmatischen Bezugspunkt für die Reformdebatte und auch die Reforminitiativen geworden ist: Der Mensch ist von sich aus ein träges Wesen, dessen Antriebskräfte durch den, wie Herzog es formuliert, ‚überbordenden Sozialstaat‘ über die Jahre erlahmt sind. Daher bedarf es einer entschiedenen Aktivierung von außen – wie eben beispielsweise durch die sogenannten Hartz-Gesetze –, um diese eingeübte Trägheit in ökonomisch produktive Eigeninitiative zu verwandeln.“
    Michael Walter
    (…)
    „Die Initiative Nachrichtenaufklärung möchte darauf aufmerksam machen, dass viele Themen medial unter den Tisch fallen, die gesellschaftlich relevant sind und eine Mehrheit der Bevölkerung eigentlich angehen würden. Mit den ‚Top Ten der vergessenen Nachrichten‘ beleuchten wir jedes Jahr zehn dieser vernachlässigten und ignorierten Themen etwas näher und versuchen, sie in den Medien doch noch auf die Agenda zu heben.“
    Hektor Haarkötter
    (…)
    etc.
    https://www.rubikon.news/artikel/lugen-die-medien

    Wer dennoch etwas mehr über William und Kate, die Windsors aka Battenbergs erfahren möchte, kann sich das kurzweilige Buch von Heathcote Williams „Die Windsors – Eine schrecklich nette Familie: Royal Babylon“ (176 Seiten, ISBN-10: 3864891019) zu Gemüte führen:

    Die dunkle Seite der englischen Königsfamilie
    Wussten Sie eigentlich, dass Queen Elizabeth II. die größte Landbesitzerin der Welt ist? Sie besitzt mehr als das zehnfache an Land als der kürzlich verstorbene König Abdullah von Saudi-Arabien. Die Geschichte der Windsors (vormals Sachsen-Coburg und Gotha) ist ebenso bizarr wie erschreckend: Rüstungsgeschäfte, mörderische Fehden, Fremdenhass und unverhohlene Sympathien für den Nationalsozialismus. Das nach wie vor positive Image der Königsfamilie ist wohl nur durch ein gehobenes Maß an Ignoranz und Selbstbetrug der Öffentlichkeit zu erklären. Im Geiste der Aufklärung und in Form eines Gedichts zeigt Heathcote Williams die dunkle Seite der Königsfamilie und die schreckliche Wahrheit hinter dem schönen Schein der Royals.

    „Diesen royalen Import aus Hannover hätte sich England sparen können.“ Heathcote Williams

    P.S.: Der Welt wäre sicherlich Einiges erspart geblieben, wenn die Eliten der Insel sich ein wenig mehr auf sich selbst beschränkt hätte.

  2. Gutes Format. Tatsächlich.

    Das wird auf Dauer seinen Weg machen und Menschen individuell unterschiedlich abholen. Davon bin ich jetzt überzeugt. Großes Kompliment .

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