Tagesdosis 21.11.2018 – Im Westen nichts Neues: Der Gestank der Verwesung

Ein Kommentar von Gunther Sosna.

Der Kapitalismus, und da hilft nicht einmal mehr die wohlwollenste Betrachtung, zerstört die Welt. Er verdaut sie in seinem Magen-Darm-Trakt aus entarteter Profitgier und Wachstumswahn.

Die Übelkeit verursachenden Ausscheidungen bestehen aus sozialer Spaltung, Massenarbeitslosigkeit, explodierender Armut, Fremdenfeindlichkeit, Umweltzerstörung und dem Elend zahlloser Kriege, deren gegenwärtige Höhepunkte auf den Killing Fields im Nahen Osten zu finden sind. Jeder, egal in welchem Winkel der Welt, hat den Gestank der Verwesung bereits in der Nase.

Auf welche Seite der Barrikade gehört der aufgeklärte Mensch? Auf die Seite der Vernunft sollte man annehmen. Doch dem ist nicht so. Die Anpassung, die Verbeugung vor der Funktionalität in einer immer weniger funktionierenden Gesellschaft treibt große Teile der ökonomisch abgehängten Schichten in die Gleichgültigkeit.

Die Kleinbürger, die sich als Mittelstand verstehen und sich an der Bio-Fleischtheke der Discounter innerlich wegen ihrer Fortschrittlichkeit abfeiern, schmiegen sich durch Jubelgeschrei oder durch Tuschelei hinter vorgehaltener Hand an die Zerstörer der Erde an, statt ihnen in den Arm zu fallen.

Die Hand der Kriegstreiber zu beißen, sie auszugrenzen und ihnen die Rote Karte ins Gesicht zu halten, ist zugegeben schwerer, als Nein zu sagen. Nein! Nein! Nein! Der angepasste Charakter sagt … Nichts sagt er. Der Verantwortung ist spätestens Genüge getan mit der Versendung elektronischer Bittbriefe an seine Herren.

Jenen Funktionsträgern des Kapitalismus, die Heimatministerien eröffnen, ihre feuchten Tagträume von geschlossenen Grenzen in einer globalisierten Welt verbalisieren und schmutziges Kriegshandwerk als brauchbares Lösungsmittel für die Beilegung von Konflikten ansehen.

Lächelnd fast, den Tod für andere Menschen zu fordern, aber selbst zu feige, in die Schützengräben zu steigen, wohl dennoch innerlich fähig, in die Rolle des von Schuld befreiten Schlächters zu schlüpfen, der einen Knüppel in die Hand nimmt, um einem Kind in Afghanistan, einer Schwangeren im Jemen oder einem Greis in Syrien persönlich den Schädel einzuschlagen.

„Je primitiver das menschliche Wesen ist, desto mehr glaubt es an sich selbst“, soll Erich Maria Remarque geschrieben haben. Das Wort irrt nicht. Diese feine Riege ist der moralische Bodensatz einer sich in Auflösung befindlichen Gesellschaft, die keine Werte mehr kennt und jede Haltung aufgegeben hat, die nur im Ansatz mit Verantwortungsbewusstsein in Einklang zu bringen wäre.

Ein politischer Gegenpol ist in den Parlamenten nicht auszumachen. Seit dem Siegeszug der Unaussprechlichen, durch die die braune Ursuppe wieder offen aus der Terrine der Herrenmenschenideologie gelöffelt werden darf, ist jeder Sozialspalter, jeder Scharfmacher, jeder gekaufte Lobbyist, jeder Waffenhändler und jeder Kriegshetzer ein lupenreiner Demokrat.

Ihre Frontvermischung, heiliggesprochen in den Medienkritiken der Schönfedern des Feuilleton, findet regelmäßig in einer der vielen belanglosen Polit-Talks-Shows statt, wo Vertreter angeblich klar abgrenzbarer politischer Positionen ihre Standardsätze aufsagen, die sozial Schwächsten nach politischer Wetterlage ver- und standrechtlich aburteilen, um sich nach getaner Arbeit zum Erinnerungsfoto selbst mit den Feinden der freien Gesellschaft verschrauben zu lassen.

Man kennt sich eben, ist links wie rechts unter „Kollegen“ und da fällt jede Art der Berührung leicht, selbst die der Unberührbaren. Das ist die echte Querfront; geschlossen in einer Sache: Hurra, wir haben den Souverän verarscht.

Die substanzielle Auseinandersetzung, die der Souverän bei sich selbst und im Kopf der anderen suchen kann, lautet: Erhalt oder Abschaffung des Kapitalismus und seiner Mordinstrumente. Diese Entscheidung steht an, obgleich die Antwort aus rein existenziellen Gründen feststehen sollte.

Es gilt für den Souverän, den Weg zur Macht zu finden, um den Wahnsinn zu beenden, bevor dieser alles beendet. Dies kann nur eine Massenbewegung bewerkstelligen, die sich emanzipiert von Parteien, Verbänden, Organisationen und Ideologien – und die vor allem dem Gestank der Verwesung entschlossen und konsequent mit einem neuen sozialen, humanitären und friedlichen Gesellschaftsmodell begegnet.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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8 Kommentare zu: “Tagesdosis 21.11.2018 – Im Westen nichts Neues: Der Gestank der Verwesung

  1. Danke Herr Sosna! Damit wurde mal wieder alles gesagt…und bitte, liebe Rotweinstrategen nicht wieder sezieren, zerrezitieren und vertheoretisieren. Das kann jeder jeden Tag auf der Straße sehen! Hier wurde bereits alles gesagt was los ist und was nötig ist.

    • Moin, Axel, ja der Kapitalismus muss weg! Genausogut wie „Merkel muss weg!“
      Wenn das alles ist, was wir der herrschenden Klasse entgegenzusetzen haben, dann „Prost und Mahlzeit“.
      „Es gilt für den Souverän, den Weg zur Macht zu finden, um den Wahnsinn zu beenden, bevor dieser alles beendet. Dies kann nur eine Massenbewegung bewerkstelligen, die sich emanzipiert von Parteien, Verbänden, Organisationen und Ideologien – und die vor allem dem Gestank der Verwesung entschlossen und konsequent mit einem neuen sozialen, humanitären und friedlichen Gesellschaftsmodell begegnet.“
      Das ist im besten Fall geistige Onanie. Im schlechteren Fall fuehrt das zur Handlungsunfähigkeit und damit zum Erhalt des Status Quo.
      Dass ueber solche „Strategien“ diskutiert werden MUSS, sollte jedem einigermassen veränderungswilligen Menschen einleuchten.

  2. Politiker haben ihre Macht an Grosskonzerne gegeben durch freies Kapitalverkehr, Globalisierung, auch die EU ist Globalisierung, und durch Euro.
    Nur der Nationalstaat kann seine Bürger schützen, was geschah in EEC Zeiten.
    Leider, Wahnideeën über offene Gesellschaft verhindern eine gute Analyse der Probleme.
    Der Nationalstaat führt zu Gaskammer, deshalb Verwirrung wie in diesem Artikel.
    ‚Abschaffung des Kapitalismus‘, selbst Robinson Crusoë war Kapitalist, er entscheidete zwischen Konsum und Investieren.
    Er investierte, machte ein Netz zum fischen.

    • Eben, er machte ein Netz zum Fischen für den Eigenverbrauch. Auf der Insel und von Sonntag bis Donnerstag alleine, blieb ihm nichts anderes übrig als: Small is Beautiful.

      Ihre Belesenheit scheint beeindruckend, aber ich fürchte, bei Ihnen stimme ich Karl Kraus nachdrücklich zu: „In die Irre geht, wer nur den einen hört“. Er meinte auch, „In einen hohlen Kopf geht viel Wissen“, aber dieses Urteil über Sie traue ich mir nicht zu.

    • „‚Abschaffung des Kapitalismus‘, selbst Robinson Crusoë war Kapitalist, er entscheidete zwischen Konsum und Investieren.
      Er investierte, machte ein Netz zum fischen.“

      Pieter, diesen Unsinn haben Sie schon einmal geschrieben.
      Auch wenn man falsche Sachverhalte immer wiederholt, werden sie nicht wahr.

      Nach ihrer Denke ist jeder, der sich einen Pfeil und Bogen baut und damit zur Jagt geht, ein Kapitalist.
      Dass das nicht stimmen kann, sollte jedem klar sein.

      Wenn wir uns nicht darüber im Klaren sind, was überhaupt Kapitalismus ist, brauchen wir gar nicht über den Selben uns unterhalten.

      Der Nationalstaat führt auch nicht zwangsläufig zur Gaskammer.
      Das ist auch falsch.
      Woran machen Sie das denn fest?

  3. Na, das ist ja mal ’ne konkrete Handlungsanweisung :
    „Es gilt für den Souverän, den Weg zur Macht zu finden, um den Wahnsinn zu beenden, bevor dieser alles beendet. Dies kann nur eine Massenbewegung bewerkstelligen, die sich emanzipiert von Parteien, Verbänden, Organisationen und Ideologien – und die vor allem dem Gestank der Verwesung entschlossen und konsequent mit einem neuen sozialen, humanitären und friedlichen Gesellschaftsmodell begegnet.“
    Eine Massenbewegung soll das bewerkstelligen. Soso! Aber auf keinen Fall eine Partei bilden oder sich sonstwie organisieren!
    Und erst recht die Köpfe von Ideologien frei halten.
    Und dann eben mit ideologiefreiem Gesellschaftsmodell eine bessere Welt bauen! Mit dem nationalen Staat gibt man sich ja nicht zufrieden. Die Welt muss es schon sein!
    Ähnliches konnte man vor wenigen Wochen auch bei Bonath lesen. Auch dort keine Idee wie man das bewerkstelligen soll, aber hört sich ja erstmal ziemlich radikal an.
    Nein, dieses Geschwurbel fuehrt zu nichts!
    Mal angenommen, es liesse sich in noch grösserem Umfang eine Protestwelle organisieren (weltweit versteht sich!) wie sie z.Z. in Frankreich die Politik des Kapitals mit Demos kritisiert und bekämpft, wie will man gewährleisten, dass die herrschende Klasse nicht ueber ihren Suggestionapparat und die zahlreichen CIA-Ableger den Spaltpilz ansetzen und vor allen Dingen „erfolgreich“ spalten wird? Die proletarischen/demokratischen Bewegungen sind voll von Beispielen dieser Art. Nur ideologische Klarheit kann eine Gegenkraft zu Spaltungsversuchen bieten.
    Doch vor allem ist eine schlagkräftige Partei von Nöten, die die Brennpunkte der Kämpfe definiert und die Menschen dort kämpfen lässt, wo der Erfolg am wahrscheinlichsten ist.
    Zu glauben, dass die herrschende Klasse uns irgendetwas freiwillig zurueckgibt ist Träumerei. Sie wird eher untergehen, als irgendetwas kampflos zurueckzugeben.

  4. „Wir müssen den Weg gehen, die Grundlagen unserer Gesellschaft neu zu definieren und uns als ersten Schritt wieder in die Rolle des Souveräns bringen. Dieser Schritt der Selbstermächtigung stellt gleichzeitig die De-Legitimation der Parteien-herrschaft dar.

    Wie die Schritte erfolgen können und welche Aufgaben sich stellen wird im Referat ausgeführt.“
    Heinz Kruse

    LINK zum Referat von Heinz Kruse http://artikel20gg.de/video/08-Kruse.htm

    https://neue-debatte.com/2018/05/27/die-entscheidung-kapitaldiktatur-oder-souveraenitaet-der-menschen-teil-1/

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