Tagesdosis 21.3.2018 – „Da hat eine ganze Stadt den Mund gehalten“ (Podcast)

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Zitat Anfang: „2012. Damals stand Hardt also schon in Verdacht. Aber auch der Frauennotruf, die Organisation, die sich in Lübeck wie keine andere für geschlagene und missbrauchte Frauen einsetzt, hat die Sache weiterlaufen lassen. In der Hoffnung, dass schon alles gut wird? Oder weil der Frauennotruf vor allem am Geldtropf von Stadt und Land hängt und sich lieber nicht mit einem Mann anlegen wollte, der beste Drähte ins Rathaus und nach Kiel hatte?

Diana M. hat jetzt, im Februar, noch einmal eidesstattlich versichert, was ihr mit Hardt passiert sein soll. Aber schon im November 2016 war sie damit zum Frauennotruf gegangen; am 20. Juni 2017 ließ sie dort ihre Aussage protokollieren. Alles: der offene Hosenlatz, der Vorschlag, sie könne doch als Hure arbeiten. Auch dass Hardt gesagt haben soll, die Männer, die beim Umzug geholfen hatten, könne sie ganz einfach bezahlen, indem sie sich vor ihnen niederknie und es ihnen „besorge“.
Danach blieb Hardt trotzdem noch ein halbes Jahr im Amt,“ Zitat Ende.

Detlef Hardt, ehemaliger Chef des Weißen Rings in Lübeck, einer, der Opfern seine uneigennützige Hilfe angeboten hatte und wo Verbrechensopfer Hilfe in ihren Situationen erwarteten, ein Sextäter? Verurteilt ist er noch nicht, doch die ihn belastenden Beweise sind schier erdrückend.

Ortswechsel, Kandel. Das Frauenbündnis rief am 3. März 2018 dazu auf „Kandel ist überall“. Es ging um zwei Vergewaltigungsopfer und darum, Frauen vor Übergriffen zu schützen. Es ging um das, was ich ein selbstverständliches Recht von Frauen nennen würde. Gegendemonstranten. So genannte Antifa. Sie schrien den demonstrierenden Frauen „Nazi“ zu. Klar, Anlass der Demo waren zwei durch Migranten zu Tode vergewaltigte Frauen. Die Frauen forderten von der Bundesregierung, speziell von der Kanzlerin, mehr Schutz vor Vergewaltigern und Vergewaltigungen durch Migranten. Frauen würden sich Nachts immer weniger auf die Straßen trauen. Frauen fühlten sich nicht mehr sicher in diesem Land.

Da mag man sich schon fragen: In was für einer Welt leben wir eigentlich? Frauen gehen hilfesuchend zu Opferhelfern und werden noch einmal zu Opfern degradiert, missbraucht und zum Sex genötigt. Dann werden Frauen und Sexopfer von völlig verbildeten sogenannten Horden der Antifa bespuckt und zu Nazis degradiert, wenn sie dazu aufrufen, dass sie hilfebedürftig sind und mehr Empathie in ihren Anliegen von der Gesellschaft benötigen. Eigentlich etwas völlig Normales, möchte man meinen.

Mir kommt spontan in den Sinn, dass ich nicht in einem Land leben will, wo Frauen dieses Recht auf Unversehrtheit abgesprochen wird oder wo auf ihren Hilferufen herumgetrampelt wird. Leben wir hier im Westen wirklich besser, als es uns die PEGIDIASTEN ständig weismachen wollen? Oder wollen sie uns sagen, dass nur wir Inländer unsere Frauen missbrauchen dürfen? Es ist einfach nur noch zum Kotzen. Das Recht auf Freiheit, auf freie Entfaltung der Persönlichkeit schließt auch ein, dass Frauen eben wie Frauen sein dürfen. Ach, wieviele seltsame Gespräche ich schon darüber hatte, dass Frauen natürlich auch leicht bekleidet im Sommer sein dürfen und Männer dies nicht einschränken dürfen. Männer sich zu beherrschen haben, ohne anzügliche Bemerkungen oder sexistische Anspielungen von sich zu geben. Viele haben auch solche Gespräche gehabt. Ich weiss.

Ortswechsel, irgendwann in Lübeck im Jahre 2016. Diana M. Protokoll, Zitat Anfang: “Irgendwann stand er auf von seinem Platz und kam zu mir auf meine linke Seite und sagt, verdammt, Sie haben so, wie hat er gesagt, magische, nee, tolle Augen … Er könnte jetzt nicht mehr  widerstehen … und er kam dann zu mir und zog seinen Hosenlatz runter, ich war ganz geschockt. Er meinte … ob er meine Brüste anfassen dürfte, da hab ich gesagt, nee, und ich solle ihm bitte … (Genitalteil -Red.) zeigen. Das war so wortwörtlich, und er zog seinen hängenden, widerlich stinkenden … (Genitalteil -Red.) raus, Entschuldigung, ich hab den Geruch heut noch in der Nase … Ich fing an zu weinen, bin heulend zusammengebrochen. Ich … merkte, es war nichts mit Freundschaft oder mit väterlicher Hilfe … sondern wieder mal ein Arschloch, was einfach nur in der Notsituation … seinen Nutzen daraus ziehen wollte,“ Zitat Ende.

Wie kann Mann so etwas tun? Das frage ich mich immer, wenn ich ähnliches von Frauen höre. Wie kann einem Mann die Anwesenheit einer Frau so sehr ausser Kontrolle bringen, dass er sie zu seinem Sex zwingt? Innerlich bin ich da, wie viele andere Männer auch, vollkommen überfragt.

Und ich kenne so viele Frauen, denen ähnliches bis hin zu einer Vergewaltigung auch passiert ist. Warum lassen sich Männer derart herab? Der Grund ist ganz simpel und einfach zu erklären. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es keinerlei freien Sex gibt. Freier Sex achtet den Sex – nicht als Selbstzweck. Freier Sex unterdrückt nichts, weil er frei ist. Wilhelm Reich erkannte den Fehler in Sigmund Freuds Libido-Theorie, was beider Freundschaft entzweite. Reich war es, der eine völlig andere Theorie zum Sexus entwickelte und eine sexuelle Revolution, ja eine sexuelle Befreiung wollte. Reich erkannte auch, dass die sexuelle Unterdrückung einen Großteil des deutschen Faschismus ausmachte. Die Unterdrückung des Menschen führt zwangsläufig auch zur sexuellen Unterdrückung. Dies ist der Urgrund, gerade bei Männern, dies über sexuelle Übergriffe zu kompensieren. Reich erkannte in der sexuellen Unterdrückung das Emporkommen der menschlichen Destruktivität ganz allgemein. Es ist keine Entschuldigung dafür! Aber ein Hinweis darauf, was wir tun können, damit wir liebevoller miteinander umgehen können.

Wenn man sich dem Thema der sexuellen Unterdrückung von Frauen therapeutisch annähert, sticht man unweigerlich in ein riesiges Wespennest. Und seine andere Seite kommt ebenfalls zum Vorschein: die der männlichen sexuellen Unterdrückung von Frauen. Die gibt es nämlich nach wie vor auch. 20 bis 25 Prozent aller sexuellen Übergriffe wird von Frauen ausgeübt. Doch das Signifikante an diesen ganzen Übergriffen ist, dass die Täter und Täterinnen selbst zu über 90 Prozent Opfer sexueller Gewalt, sexueller Erniedrigung oder sexueller Bestrafung wurden. Es gibt also hier einen Kreislauf sexueller Destruktivität in unserer Gesellschaft. Statistisch betrachtet findet man die meisten Täter dort, wo sie ihre Opfer finden: in den sozialen Berufen, was die religiösen Berufen mit einschließt. Dort, wo Opfer in ein Opferverhalten hineingedrängt werden könnten, dort lauern auch Täter. Dort also, wo man den Menschen von Grund her vertraut. Sexualstraftäter gehen wie alle Gewalttäter vor. Sie optimieren ihr Verhalten von Jugend auf an die Gepflogenheiten der Gesellschaft, vermeiden es aufzufallen und bringen sich in entsprechende Positionen, aus denen sie ungehemmter agieren können. Je höher sie aufsteigen, desto sicherer sind sie davor, erwischt zu werden und desto sicherer fühlen sie sich beim Aufliegen ihrer Taten vor Repressalien. Denn je höher sie sind, desto mehr wird man ihre Taten verschweigen müssen. Das liegt an der Hierarchiegläubigkeit, zu der wir alle erzogen und konditioniert sind. Je höher jemand im Rang ist, desto edler sein Gemüt – das ist uns fast allen quasi eingeimpft worden. Auch der Herr Hardt aus Lübeck wird sich sehr lange schon auf seine Weise optimiert haben. Da, wo die Opfer freiwillig hinkommen, dort langte er zu. Seit Jahren schon. Vermutlich seit Jahrzehnten, forscht man intensiver nach. Die Unlogilk, wenn in hoher Position oder in achtenswerter Position so ein Mensch jahrelang Menschen missbraucht, ähnelt sich in folgender Weise: „Innerhalb der vergangenen Wochen haben sich mehrere Frauen persönlich und telefonisch bei uns gemeldet. Die Frauen haben Kenntnis davon, dass sowohl Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle in Lübeck als auch der Landesverband Weißer Ring seit Längerem von diesen Vorkommnissen wussten; durch das Nichthandeln und Verschleiern fühlen sie sich erneut gedemütigt. Auch wir hatten im Laufe der Jahre Beschwerden von Frauen gegen Herrn Hardt, die sich auf sexuell grenzverletzendes Verhalten und verbale sexuelle Belästigungen bezogen. Wir haben daher 2012 den Ortsverein und Herrn Hardt anonymisiert mit den Beschwerden konfrontiert.“

Die Karriere anderer Leute hängt an dem Schein, dass alles gut zu sein hat. Wäre es das nicht, so wären sie von den Taten ja befleckt. Also schauen sie weg, tun so, als wüssten sie nichts, als haben sie nichts geahnt, obwohl es von der Ferne unüberhörbare Schreie gab. Mann macht weiter, denn weitermachen heißt, dass alles in Ordnung ist. Seit Jahrhunderten geht das so in unserer Gesellschaft, in allen Gesellschaften. Am Prägnantesten kennen wir das von den pädophilen Skandalen der Kirchenvertreter.

Ein weiterer Erlebnisbericht eines Opfers von Herrn Hardt, Zitat Anfang: “Ich habe Krebs, die Ärzte geben mir nur noch Wochen, aber zwei Sachen will ich noch: mein Enkelkind sehen. Und jeder soll wissen, was der Hardt mit mir gemacht hat. Ich bin als Kind missbraucht worden; 2015 habe ich mich an den Weißen Ring gewandt, denn ich hatte gehört, dass es ein neues Gesetz gibt, eine Opferrente. Hardt tat erst fürsorglich, aber als er hörte, dass ich allein lebe, sagte er: eine Frau mit Ihrem Dekolleté, und dann kein Mann, unvorstellbar … Schlimmer als seine Worte war aber sein Blick, den kannte ich, diesen Schlange-Kaninchen-Blick. Das hat bei mir alte Dinge wieder aufgerissen, etwa die Unfähigkeit, mich zu waschen, unter der ich als Kind nach dem Missbrauch wochenlang gelitten hatte. Das habe ich Hardt auch am Telefon gesagt. Und er meinte, ich hätte Glück, er könne gleich da sein und mir beim Duschen helfen. Aber vorher müsste ich ihn duschen. Da habe ich ihn angeschrien, dass ich schon meinen Therapeuten angezeigt habe, als er mir auch so kam. Der hat seine Zulassung verloren. Da hat Hardt ganz kalt geantwortet, er würde mich unter Betreuung stellen lassen. Danach habe ich aufgelegt und mich wochenlang in meiner Wohnung verkrochen,“ Zitat Ende

Die meisten Männer haben Töchter oder Nichten und die meisten Frauen haben Söhne oder Neffen. Jeder Missbrauch ist ein Missbrauch an allen Frauen oder allen Männern, Kindern, Jungen oder Mädchen. Jeder von uns war ein Junge oder ein Mädchen, ein schützenswertes Baby. Und niemand darf seinen Schmerz in einen anderen Menschen einlagern und den anderen zum Opfer machen. Einsperren der Täter oder Täterinnen hilft nicht den Tätern und Täterinnen und den Opfern schon gar nicht. Wer auch immer so denkt, dass er mit Gewalt an Sex rankommen will, geht zum nächsten Therapeuten oder zur nächsten Therapeutin. Mir ist schon klar, dass dieser letzte Satz nicht viel hilft, doch was hilft denn dann? Strafe, Todesstrafe?

Ich, als Mann, habe aufgehört, sexistische Witze zu tolerieren. Es ekelt mich an, abfälliges Gerede über Frauen oder Männer zu hören. Aber ich merke auch, dass unsere Gesellschaft derart viele destruktive Erhöhungen bei manchen Leuten braucht, dass ich keine Illusionen mehr darüber hege, dass sich dies ohne eine große sexuelle Befreiung bei Mann und Frau nicht ergeben wird.

Alles versteckt sich im Kampf, im Beherrschen müssen, im Widerstand gegen die eigene innere Menschlichkeit, dass es den Meisten nicht einmal einfallen will, dass mit uns etwas ganz Grundsätzliches nicht mehr stimmt. Und dies ist unser Mitgefühl. Mitgefühl mit sich und mit den Anderen. Mitgefühl mit allem, das wäre schon gut.

Jede Lebensform ist zum Aussterben bereit, wenn sie sich gegen sich selbst entscheidet. Und der Mensch ist ein Meister dieser Entscheidungen gegen sich selbst. Das will mir einfach nicht in den Kopf. Und ich weiß, das es vielen ebenso ergeht.

Wenn wir alle nicht gemeinsam den Sieg gegen unsere Destruktivität angehen, was haben wir dann noch zu erwarten ausser das Aussterben selbst. Wie fragte mich Dirk C. Fleck einmal: „Was ist die Steigerung von Tod?“ Seine Antwort: „Aussterben.“

Es kann für uns alle keine bessere Welt existieren, als die der echten Liebe. Ausserhalb der Liebe ist Verderben. Töten Menschen weiterhin Menschen, sei es seelisch oder körperlich, so liegt am Ende eines solchen Weges unser aller Ableben. Denn Destruktivität ist nicht bloß das Ausüben von Gewalt. Sein Ziel ist das Aussterben aller. Weil sein Mittel der langsame Tod ist. Wo keine Menschlichkeit mehr im Menschen ist, da stirbt der Mensch wie ein Baum. Langsam, fast unsichtbar, bis er kippt. Die Überschrift hier heißt: Da hat eine ganze Stadt den Mund gehalten. Städte aber haben keine Münder. Städte können nicht antworten. Städte empfinden weder Solidarität noch Mitgefühl. Nur Menschen können das.

Quelle

http://www.spiegel.de/spiegel/weisser-ring-in-luebeck-frauen-sollen-genoetigt-worden-sein-a-1198473.html

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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