Tagesdosis 21.9.2019 – „Dark social“ oder die Angst vorm schwarzen Mann (Podcast)

Massenmedien starten Offensive gegen den Instant-Messaging-Dienst Telegram.

Ein Kommentar von Christiane Borowy.

Wenn politische Gruppen sich organisieren, vernetzen und schließlich gegen bestehende Verhältnisse demonstrieren, ist das gewöhnlich den Machthabern ein Dorn im Auge – es sei denn sie erfahren rechtzeitig davon, weil sie bei Verdacht auf staatsfeindliche Tätigkeiten die Kommunikation der politisch Aktiven überwachen können. Menschen, die in ihrer Kommunikation im Internet ihre Privatsphäre schützen wollen, können den Messenger Telegram, eine Alternative zu Whatsapp, benutzen. Dort gibt es mehr Privatsphäre, weil Telegram – noch – nicht verpflichtet ist, mit staatlichen Behörden zusammenzuarbeiten. Spiegel online warnt jetzt davor, Telegram zu verwenden. Der Grund: Angeblich immer mehr Rechtsextreme und überhaupt dunkle Gestalten wechseln dorthin.

Der Begriff „dark social“ als medialer Kampfbegriff

„In den ‚Katakomben des Infokrieges‘: Warum gerade Rechtsextreme zum Messenger Telegram wechseln“ titelt vor wenigen Tagen der Spiegel-Online-Ableger bento.de (1), der vor allem junge Menschen ansprechen soll. Im Untertitel heißt es weiter: „Und warum auch andere Gruppen auf ‚Dark social‘ setzen.“ Wie bitte? „Dark social“? Was soll das sein? Von „Darknet“ hat man vielleicht mal etwas gehört, und zwar nichts Gutes. „Dark“ heißt schließlich „dunkel“ und „finster“.

Mit Darknet sind in den Vorstellungen vieler Menschen düstere und illegale Seilschaften und geheime Bünde assoziiert. Ursprünglich war es entstanden, weil weltweit Tauschbörsen wie beispielsweise Napster wegen Urheberrechtsverletzung strafrechtlich verfolgt wurden. Dennoch ist das Darknet deshalb „dunkel“, weil man dort unter bestimmten technischen Voraussetzungen unsichtbar surfen kann. Es ist nicht zu erkennen, wer von wo aus welche Website nutzt. Das hatten sich auch Kriminelle zunutze gemacht, doch das bekannte Computer Magazin Chip.de weist darauf hin, dass inzwischen die Top 10 der Seiten im Darknet nichts mit kriminellen Machenschaften zu tun haben sollen (2). Laut Chip.de ist die beliebteste Seite dort eine Alternative zu Facebook, die von einer Milliarde Nutzern regelmäßig genutzt wird. Das Darknet ist also entgegen seinem Ruf nicht zwingend ein Hort düsterer krimineller Gestalten.

Die Negativassoziation des Darknet machen sich die Massenmedien seit geraumer Zeit zunutze, indem sie den Begriff „dark social“ für alternative Messengerdienste wie Telegram nutzen. Die Massenmedien widmen sich bereits seit 2012 dem Thema ausführlich, nachdem der Grünen-Politiker Robert Habeck seine Accounts bei twitter und facebook gekündigt hatte (3). Anfang dieses Jahres titelt die Süddeutsche Zeitung: „Whatsapp, Telegram & Co.‘Dark social‘ – ich poste was, was Du nicht siehst“ und verweist auf den Journalisten Alexis C. Madrigal (Chefredakteur The Atlantic), der den Begriff 2012 erstmalig verwendet haben soll (4). Besonders furchterregend findet Madrigal dabei, dass die Betreiber von Webseiten nicht sehen können, woher die Besucher ihrer Seiten genau kommen, wenn sie in „privaten Räumen“ kommunizieren, links austauschen und weiterverbreiten. Madrigal will einen vor allem für Seitenbetreiber bedrohlichen Anstieg der persönlichen Kommunikation über das „dark social“ festgestellt haben (5).

Aktuelle Beiträge zum Thema „Dark social“ findet man wesentlich bei der Süddeutschen Zeitung. Sie erfüllt damit die Prophezeiung des Journalisten Jörgen Comrath, der auf seinem Blog für das Jahr 2019 prognostiziert hatte: „Dark social wird das dominierende Thema im Jahr 2019“.

Proteste, wie die der Gelbwesten in Frankreich, Aufstände in Indien oder Südamerika sollen so organisiert worden sein, dass über die Kommunikation nicht nachverfolgt werden konnte, wie sich eine systemkritische Gegenöffentlichkeit hat organisieren können. Die Süddeutsche Zeitung beschwert sich darüber, dass die Kommunikation zur Organisation von Protesten außerhalb dessen stattfinden würde, „was klassisch als Öffentlichkeit gilt“. „Geheim“, „unsichtbar“, „dunkel“, „nicht vertrauenswürdig“ sind Begriffe, die mit „dark social“ in Verbindung gebracht werden.

Damit wird der legitime und richtige Wunsch nach Privatsphäre in der Internetkommunikation sowie die Möglichkeit der Organisation von Gegenöffentlichkeit zur Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse verdreht und in die Nähe von Illegalität gerückt.
Telegram ist der Stachel im Fleisch der digitalen Überwachung

In dem genannten Artikel des Spiegel-Online Ablegers bento.de geht es noch einen Schritt weiter. Das beginnt damit, dass der Messengerdienst Telegram „dark social“ zugerechnet wird. Als sei das nicht schon schlimm genug, wird ganz tief in die Diffamierungskiste gegriffen. Der Autor des Artikels möchte den Leser und Messenger-Benutzer vor allem vor Folgendem warnen und behauptet: „Telegram wird bei der Neuen Rechten immer beliebter“


Indiz für diese Behauptung ist ein Videogruß von Martin Sellner, politischer Aktivist und Chef der sogenannten „Identitären Bewegung“, die beispielsweise die „Jugend ohne Migrationshintergrund“ erreichen möchte. Auf seiner Website schreibt Sellner: „Ich bin auf Facebook und Instagram gesperrt und werde auf YouTube laufend zensiert. Um am Laufenden zu bleiben musst du in die Telegramelite kommen.“

Wenn jemand solche Statements auf seiner Seite abgibt, ist es zwar legitim ihn als „rechts“ zu bezeichnen, doch was will der Autor des Artikels damit erreichen, wenn er betont, dass Sellner zu Telegram gewechselt hat, dort viele Sympatisanten findet und sich in Gruppen austauscht? Das sagt noch lange nichts über Telegram an sich aus. Nur, wenn man Telegram in den Sinnzusammenhang von „verborgen“ und „Geheimbund“ rückt, wird ein medialer Schuh daraus, den man in Richtung jedes mündigen und unüberwachten Internetusers wirft. Denn schließlich wollen gerade wir Deutschen doch nicht, dass wieder aus dem Verborgenen Nazi-Schergen auftauchen und die Macht übernehmen?

So kann weiter behauptet werden: „Telegram, einst das gefragte Social-Media-Portal bei Islamisten, wandelt sich so zum Tummelplatz für Identitäre und Rechtspopulisten.“ Jetzt wird noch eins draufgelegt, denn schließlich ist das gar nicht gut, wenn Islamisten auch diesen Messenger benutzen. Oder? Ob ein Messenger ein „Social-Media-Portal“ ist, sei dabei noch dahingestellt, aber da wollen wir mal nicht so kleinlich sein, nicht wahr? Erst die „Islamisten“, dann die „Rechtspopulisten“. Um Himmels Willen, was kommt als nächstes? Richtig: Die Russen.

So heißt es: „Initiiert wurde er [der Dienst Telegram] von den Brüdern Nikolai und Pawal Durow, die bereits das bei Rechten und Faschisten beliebte Netzwerk VK.com gegründet hatten.“ Islamisten und Rechte, alle von Russen zusammengeführt. Das schürt sämtliche Ängste in der traumagebeutelten und gehirngewaschenen deutschen Seele.

„Die Akteure der Szene vernetzen sich untereinander – und bauen sich so eine Gegenwirklichkeit zum Social-Media-Treiben bei Facebook und YouTube auf“. Wer seinen Facebook-Account, YouTube-Kanal oder Twitter-account löscht, und dann zu Telegram wechselt, wird automatisch verdächtig gemacht. In dem Artikel wird befürchtet, dass die „Neue Rechte“ nach und nach ihre Follower zu Telegram wechseln lässt. Diese Behauptung lässt sich der Autor durch Expertenmund bestätigen. Politikberater Martin Fuchs, der auch Regierungen berät, bestätigt brav, dass „AfD-Unterstützer, Rechtsrockgrößen und ‚Patriotenverbände‘“ reihenweise zu Telegram wechseln und dort mithilfe von rechten Influenzern eine neue digitale Heimat finden. Fuchs nennt das „Die Katakomben des Infokrieges“ und findet damit Eingang in den Titel dieses Beitrages zur Diskreditierung von Telegram.  Das entscheidende Problem ist jedoch, dass Telegram sich laut Politikberater Fuchs einer „Kooperation mit Regierungen“ verweigert.

In die Hand des Innenministeriums gespielt

Genau das ist die Stelle, an dem dieser Artikel sichtbar werden lässt, wem er in Wahrheit in die Hände spielt: Keinem Geringeren als unserem Bundesinnenminister Horst Seehofer. Wie in den Massenmedien weiträumig berichtet wurde, hat Seehofer im Mai dieses Jahres gefordert, auf richterliche Anordnung hin verschlüsselte Nachrichten bei Messenger-Diensten dem Bundesverfassungsschutz zugänglich zu machen. Wer sich dem widersetzt, soll nach Willen des Innenministers bestraft werden (6).

Vielleicht vergegenwärtigen wir uns in dem Zusammenhang doch noch einmal die exakte Bezeichnung des „Bundesministerium des Innern, Bau und Heimat“, dessen Aufgaben und Bedeutung. Ob Herr Seehofer auch bei Telegram ist?

Quellen:

  1. https://www.bento.de/politik/rechtsextreme-auf-telegram-warum-der-messenger-bei-identitaeren-und-neonazis-beliebt-wird-a-bc1b4560-9a92-4a8b-b718-c1455ae76df1#refsponi
  2. https://www.chip.de/artikel/Darknet-So-funktioniert-der-Zugang-ins-Deep-Web_139935034.html
  3. https://www.sueddeutsche.de/politik/gruenen-chef-habecks-freiwillige-selbstkontrolle-1.4278602
  4. https://www.sueddeutsche.de/digital/dark-social-media-gruppen-whatsapp-telegram-facebook-habeck-1.4289076
  5. https://www.theatlantic.com/technology/archive/2012/10/dark-social-we-have-the-whole-history-of-the-web-wrong/263523/
  6. https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/horst-seehofer-will-messengerdienste-zum-entschluesseln-zwingen-a-1269121.html

Bildquelle:  / Shutterstock

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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