Tagesdosis 23.05.2018 – Wenn die Autorität nicht mehr zählt: Werden Lehrer immer öfter angegriffen? (Podcast)

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Lehrer werden immer öfter angegriffen, von Schülern. Ach, ist das so? Werden Lehrer jetzt häufiger als zuvor von Schülern angegriffen, beleidigt und sogar geschlagen? Einer Umfrage des Lehrerverbandes VBE zufolge ist das so [1]. Ist das aber wirklich so? Komisch, nicht wahr, dass ich das in Frage stelle, denn ich halte das für Lobbyismus. Jetzt fragen sicher viele hier: „Woher will der denn das wissen?“ Na, weil ich seit sechzehn Jahren in dem Thema eine Menge Erfahrung und Wissen angehäuft habe[2]. Und genau deswegen halte ich das für eine Finte. Denn, sollten wirklich immer mehr Lehrer und Pädagogen angegriffen werden, körperlich oder verbal, dann müsste das inzwischen eine sehr große Menge an Gewalt gegen Lehrer sein. Alle paar Jahre nämlich häufen sich derlei Schlagzeilen und sie gehen in etwa so: „ Schüler werden immer aggressiver.“ Der Schulhof, ein Ort zunehmender Gewalt.“ „Immer mehr Hauptschulen werden zu Brennpunkten der Gewalt. Lehrer machtlos!“ Und so weiter. In Wirklichkeit soll hier ein Kontinuum der Gewalt durchlöchert werden, damit wir das Kontinuum nicht erkennen. Also, ist alle Jahre wieder das Thema Schulgewalt in aller Köpfe zu hämmern. Gelöst wird damit nichts.

Wer das hier liest oder hört, der könnte sich ja einmal ernsthaft die Frage stellen, wo diese Gewalt bei den Schülern eigentlich herkommt? Wieso sind Schüler überhaupt gewalttätig? Weil sie zu wenig Autoritäten vorfinden? Weil Eltern viel zu viel zulassen? Weil Kinder heute Wohlstandszombies werden? Weil sie zu viel Zeit mit dem Smartphone und zu wenig mit ihren Eltern verbringen? Womöglich macht Schülern Unterricht und Schule überhaupt gar keinen Spaß? Tja, bei so viel Wohlstand, so vielen Bildungs- und Berufschancen in diesem wunderbaren Land, müssten Schüler doch eigentlich vollkommen zufrieden sein. Happy ohne Ende. Das müssten sie sein. Was fehlt ihnen?

Amokläufe, so heißen School Shootings im Mainstream, damit  auch jeder irgendwie kapiert, dass es sich um ein Schulmassaker handelt. Mehr muss der verbildete Akademiker dazu auch nicht wissen. Denn stäche er in den Kern, was er Wahrheit zu nennen konditioniert wurde, dann, ja dann wäre der Bock aber fett. Besser, man macht Kurse. Schülerlotsen oder Streitschlichter. Ja, das ist allemal besser . Man muss was tun, als Schulleitung. Und es muss in der Zeitung stehen.

Haben Schüler Konflikte? Sind sie zu aggressiv? Und wie kommt die Gewalt aus uns Menschen heraus. Ups, jetzt habe ich Menschen und nicht Schüler oder Lehrer geschrieben. Sind Menschen Opfer von Gewalt, von zu viel Aggressivität? Wo aber sind denn die Konflikte, die blöden Dinge, die uns ausrasten lassen? Achja, Kinder sind ja nur so Halblinge. Schüler ja auch. Die sind ja noch nicht fertig. Also muss die Gewalt ganz infantile Gründe in der Unfertigkeit haben. Oder doch nicht? Rüdiger, jetzt langweile doch die Leser und Zuhörer nicht schon wieder. Verwirre sie nicht dauernd. Das nervt! Ja, das Übel ist die Verbildung. Die verdrahtet die Synapsen nämlich, macht dann Nervennetze die ständig auf sich selbst zurückgreifen. Andere Ideen scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. Das Hirn lernt. Auch dann, wenn es verbildet wird.

Es gibt ja dieses Beispiel aus dem Zen-Buddhismus, wo der Meister dem Mönch eine Tasse Tee einschenkt. Und er hört nicht damit auf, Tee in die übervolle Tasse zu schenken. Der Mönch erschrickt, doch der Meister schenkt weiter und weiter ein, bis die Teekanne leer ist. „Genaus so übervoll ist Dein Geist, sagt er dann. Leere ihn, damit Neues hineingelangen kann. Ja, das ist die Verbildung. Sie macht uns alle auch übervoll an seltsamem Wissen.

Alles beginnt damit, dass man dir deinen freien Willen raubt. Da gibt es dieses Experiment, das man mit Kleinkindern macht, die ein Jahr alt sind. Sie schauen auf eine Wand und dann erscheint ein kleines Holzmännchen. Das will einen Berg hinaufklettern. Der kleine Mensch kann nun sehen, wie schwer zu gehen ist. Und dann kommt eine weitere Holzfigur dazu. Diese unterstützt nun die erste Figur und fast oben angekommen, kommt eine weitere Figur. Diese drückt nun beide wieder runter. In diesem Moment machen die Kleinkinder oft ihre Münder auf, gestikulieren ein „Oh, ist der aber gemein“ zum Versuchsleiter. Dieses Spiel machte man mit hunderten von kleinen Kindern und danach kommen sie in einen anderen Raum, wo Mütter und Väter warten. Die Kleinkinder erzählen durch Mimik und Geräusche, was sie erlebten. Dann werden alle drei Figuren auf einen Tisch gelegt und die Kinder dürfen sich eine Figur aussuchen und mitnehmen. Und jetzt ratet einmal, welche Figur der Held für diese Kinder ist. Es ist der Unterstützer.  Dieser wird von fast allen Kindern ohne zu zögern gleich genommen und an die eigene Brust gedrückt. Einige Monate später kamen die selben Kinder wieder und es folgte das gleiche Experiment. Diesmal aber hatten die kleinen Kinder viel gelernt und waren gesellschaftskonform erzogen und konditioniert worden. Welche Figur war nun der Held? Richtig! Die Figur, die es den beiden schwer gemacht hat, weiter zu gehen. Aus Kooperation wurde Wettbewerb. Aus Helfen wurde Egoismus. Der Kapitalismus ist bei ihnen angekommen.

Dann kommen die Meisten von uns in den Kindergarten oder die Kindestagesstätte. Dort werden die Kinder fast tagtäglich mit wettbewerbsorientierten Spielen konditioniert. Das Hierarchiedenken beginnt. Wir alle kennen diese Spiele und fanden sie gut. Weil wir dort gewinnen konnten. Ein emotionaler Cocktail begleitete das ständig, wenn wir gewannen. Und dieser Cocktail wurde unser bester Freund. Wir verliebten uns in ihn. Jetzt fanden wir alles doof, was nicht uns gehörte oder mit dem wir nicht spielen konnten oder durften. Besser noch. Wir fanden gleich den Menschen doof, der etwas besaß, was uns weder gehörte noch das uns gegeben wurde. Hier schnitten wir uns weiter von unserer Empathie ab. Der Egoismus wurde immer straffer. Und immer intensiver ging es nur noch, um mich. In diese gesellschaftlichen Grundlagen des Wesens hineinerzogen und konditioniert, kamen wir nun in die Schulen. Bisher wurde uns das Einmaleins des Habenwollen und des Gehorsams anstelle von Sein und Liebe beigebracht. Dies nennt man in der Psychologie eine Ersatzhaltung. Wichtig ist zu verstehen, wofür hier der Ersatz, nämlich die Gewalt gewählt wurde. Nämlich für die echte Liebe von den Eltern, die keine echte Liebe ist und für die Haltung des Miteinanders.

Nun denken natürlich die Meisten hier, „was hat der gesagt? Ich liebe mein Kind nicht!? Dieser Lenz, den sollte KenFM mal kündigen. Unerhört, was der von sich gibt!“ Viele von uns sind mit dem Glauben an eine Liebe groß geworden, die sich an das Verhalten angepasst hat, das uns unsere Eltern als solche gespiegelt haben. Sie erfreuten sich an uns, wenn wir taten, was sie wollten. Es war nicht umgekehrt, dass sie sich daran erfreuten, was wir ganz generell von selbst taten und unterstützten dies, bedingungslos. Zumindest bei den Meisten von uns.

Diese echte Liebe zu verhindern ist nicht Missgeschick der Eltern. Das ist sehr wichtig zu verstehen. Unechte Liebe als echte Liebe zu konditionieren, gehört nämlich zum Herrschaftsprinzip. Wir sollen in der großen Masse gar nicht wirklich lieben können. Das wäre fatal für die Eliten. Denn würden wir alle wirklich lieben können, wir würden unsere Kinder nicht in solche Schulen stecken, in die die meisten Eltern ihre Kinder schicken. Auch würden die meisten Eltern ihre Kinder erheblich mehr gewähren lassen und ihnen nicht in einer Elter-Kind-Hierarchie begegnen. Deswegen halten wir so viel von der Ordnung. In ihr ist Autorität, Gehorsam, Sicherheit und der Konsum als Ersatz für wahre Liebe.

Nach der Grundschule beginnen die Probleme der Lehrer und der Schüler in Form von Gewalt, Gestalt anzunehmen. Die Schüler erleben nämlich folgendes. Das ganze bisherige Leben darf ich gehorchen für einen Plan, den ich mir nicht ausgesucht habe und den ich nicht ändern kann. Immer wenn ich wirklich etwas kann, dann ist das nicht gefragt. Werde ich trotziger darin und bestehe darauf, dass das anerkannt wird, dann gehe ich dem Lehrer damit auf den Wecker und bekomme eine schlechte Note. Die Note ist ein Zuchtmittel. Es ist der Rohrstock der das Wir in unseren Köpfen zerschlagen soll und er fühlt sich wie eine Kette um den ganzen Körper und Geist an. Was die von mir wollen ist, dass ich etwas auswendig lerne, was die mir vorgeben. Habe ich eigene Ideen dazu, die vielleicht sogar besser sind, dann gibt es auch eine schlechte Note. Und jetzt kommt der Grund, warum so viele Schüler gewalttätig werden MÜSSEN. In ihnen wird das Bild von ihnen selbst geprägt, dass sie nichts wert sind. Egal was sie machen. Ob in der Schule oder im Elternhaus. Immer geht es nur noch darum, was ich zu tun und was ich zu lassen habe, damit meine Noten gut oder besser werden. Bin ich, ich selbst, so bin ich für diese Gesellschaft eine Last, nichts wert und störe bloß. Passe ich mich an, dann verliere ich mich komplett und werde auch so ein Zombie wie die, aber ich bekomme vielleicht irgendeinen Job, den ich gar nicht will.

Das Ausschlaggebende dabei ist, dass die jungen Menschen nicht das sein können, was sie in sich selbst aber fühlen und wissen. Das ist der echte Grund, warum so viele Schüler gewalttätig werden. Sie müssen es werden, denn diese Gesellschaft schneidet sie von ihren Begabungen und Wünschen ab. Weil die vorherigen Generationen auch diese Torturen durchlaufen mussten, sind sie der Ansicht, dass die jungen Leute sich nicht so zimperlich anstellen sollen. „Die sollen endlich mal nicht so bescheuert daherschwurbeln. Hat ja schließlich nichts geschadet. Wer sich bemüht und anstrengt, der wird was. Also, Zähne zusammen beißen und durch.“

Die jungen Menschen wissen vielleicht nicht so haarfein, worüber Susan Bonath so ausführlich und krass hier Montags immer schreibt. Aber sie fühlen ganz genau, worüber Susan Bonath schreibt. Was wir den jungen Menschen in diesem Land antun, ist schier grausam. Wir raspeln mit einem Hobel ihre Gefühle und damit ihre individuelle Wertigkeit ab, bis fast nichts mehr von ihnen übrig ist. Das, was sie wirklich sind, das müssen sie verleugnen lernen. Sie müssen es abtrennen von sich, es innerlich abtöten. Nur dann sind sie willkommen in dieser Gesellschaft.

Und wir? Da wir das alles ja schon längst durchlaufen haben, sind wir der Meinung, dass es ihnen nicht schadet. Denn sie müssen ja ihren Weg in dieser Gesellschaft finden und einen Beruf erlernen. Und da wir schon die Sklaven der Eliten wurden, also einen Beruf in ihrem Sinne erlernten, zur Schule gingen, nach Noten und Zeugnissen wetteiferten, sind wir zur Gesellschaft geworden. Wir sind die Raspel, mit der wir ihre Gefühle und Werte zerstören, so wie die Generationen vor uns unsere Raspel war.

Tja und wer jetzt nicht selbst darauf kommt, warum Schüler Lehrern Gewalt antun, dem ist nicht zu helfen. Sie wehren sich gegen ihre Eltern und die Autoritäten, die sie nicht wollen. Sie wollen nicht durch das Nadelöhr der Gesellschaft. Und Streitschlichter oder Schülerlotsen, beruhigen die Erwachsenen. Den Schülern ist dabei nicht geholfen, denn diese dürfen jetzt die Gewalt der Gesellschaft selbst wegräumen. Auf Schulhöfen. Was nicht gehen kann, wie soziale Logik uns lehrt.

Die Überschrift heißt: Wenn die Autorität nicht mehr zählt: Werden Lehrer immer öfter angegriffen?  So verunstaltet lässt sich die Wahrheit nicht mehr erkennen. Denn Fakt ist, dass Kinder, Kleinkinder, Minderjährige und Jugendliche immer von den Präferenzen der Gesellschaft angegriffen werden. Und das permanent, bis zu ihrer Jobergreifung. Denn in Wahrheit findet ein Missbrauch mit unseren Herzen, unseren Körpern und unseren Gehirnen statt. Menschlichkeit wird missbraucht, umfunktioniert in Gehorsam. Wir können das ändern. Bisher nur jeder für sich, über eine Aufklärung und einen entsprechenden Aktivismus. Um das hinzubekommen müssen wir den Goethe, den Schiller oder den Humboldt in uns wiederbeleben.

Quellen:

[1] – https://www.stern.de/tv/gewalt-gegen-lehrer–wenn-die-autoritaet-nicht-mehr-zaehlt-7983628.html

[2] – https://www.ebook.de/de/product/18387666/ruediger_lenz_die_fratze_der_gewalt.html?searchId=2003096035&adCode=532Q10V31N01Y&utm_source=zx&utm_medium=af&utm_content=t&utm_campaign=zx_Lkgen&ref=9359_1527068385_daad0b6ca23e3d7d91e0516039399124

 

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