Tagesdosis 23.10.2019 – Satanische Buchkomplizen (Podcast)

Ein Kommentar von Florian Kirner.

Zerstreiten sich jetzt alle? Kommt es über die „Klimafrage“ zu ersten Duellen mit Schusswaffen? Ist Dirk Pohlmann Satanist? Oder … setzt sich jetzt dann doch langsam mal die Vernunft durch? Eine klare Antwort auf diese Frage lieferte die Frankfurter Buchmesse – und 67 Artikel im Onlinemagazin Rubikon.

Als frischgebackener Romanautor war ich zum ersten Mal zu diesem Hochamt des deutschen Buchhandels geladen – des westdeutschen Buchhandels, muss man genauer sagen. Denn die Leipziger Buchmesse steht der in Frankfurt am Main in Bedeutung nicht nach.

Die Buchmesse selbst: naaaaaaaja. Das ist ein Oktoberfest der Literatur, zumindest an den Tagen mit Publikumsverkehr. Unfassbare Menschenmassen schieben sich durch Hallen, die in ihrer multifunktionalen Anonymität und mit der Aluschienen-Architektur der Verlagsstände das gerade Gegenteil von Atmosphäre erzeugen. Für mich ist das eine völlig literaturwidrige Situation. Sie atmet, wie meine Österreichische Verwandtschaft zu sagen pflegt: das gewisse Nichts.

Immerhin aber entdeckte ich Sebastiao Salgado beim Büchersignieren. Der Mann ist einer meiner Helden und wurde dieses Jahr völlig zu recht mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet – mit der kleinen Einschränkung, dass ich persönlich den Preis an Julian Assange verliehen hätte. Aber mich hat niemand gefragt, und der Deutsche Buchhandel und die Verlegerschaft blieben auch zur Messe skandalös still zum Fall Assange, als würde sie dieser jahrelange Schauprozess gegen Grundprinzipien und Grundrechte des Journalismus und des freien Wortes gar nicht betreffen.

Sebastiao Salgado nun also ist Fotograf. Er war an den Krisen- und Kriegsschauplätzen der Welt unterwegs. Seine Bilder von den Goldschürfern in der brasilianischen Mine Serra Pelada machten ihn vor Jahrzehnten berühmt. Schön und schaurig verewigte er diese Arbeiter in ihrem Elend und doch auch in ihrer Würde.

1991 fotografierte Salgado dann den ersten Irakkrieg der USA unter Georg Bush Senior. Nachdem Salgado schließlich den Völkermord in Ruanda erlebte und fotografisch begleitete, geriet er an eine Grenze. Er wurde krank. Sterbenskrank. Die Ärzte konnten aber keine Ursache finden. Bis ein Arzt zu Salgado sagte: „Du hast soviel Tod gesehen in Deinem Leben, dass Dein Körper sterben will.“

Ein Neuanfang musste her. Gemeinsam mit seiner Frau beschloss der ehemalige Todesberichterstatter, das Leben suchen zu gehen. Sie suchten es in Brasilien, wo die Familie einige Hektar herrlichen Regenwalds besaß. Aber als sie hinkamen, war da kein Wald mehr. Sondern eine gerodete Wüstenei.

Es war Salgados Frau, Lélia Deluiz Wanick, die resolut die Perspektive aufmachte, diese ökologische Katastrophe nicht zu akzeptieren. Vielmehr, so schlug sie vor, sollten sie sich zu zweit der Aufgabe stellen, diese fürchterlichen Wunden heilen zu helfen, die der Mensch der Welt der Tiere und Pflanzen an dieser Stelle geschlagen hatte.

Seither haben die Salgados mehrere Millionen Bäume gepflanzt. Das Tal in Brasilien erlebte eine ökologische Revolution. Versiegte Quellen sind wieder angesprungen. Hunderte Tierarten sind in das Gebiet eingewandert. Der Regenwald kehrt zurück.

Ich bin nun nicht der Mensch, der auf die Jagd nach Autogrammen geht. Aber Sebastiao Salgado live zu sehen, einige Meter weg, für kurze Augenblicke, bevor der Strom der Frankfurter Besuchermassen mich weiterriss: das hat mir viel bedeutet.

Bedeutend war auch die Jubiläumsfeier des Westendverlags. 15 Jahre besteht er jetzt und er hat das Kunststück vermocht, inmitten einer allgemeinen Verlagskrise einen robusten Aufstieg hinzulegen. Westend gehört noch nicht zu den ganz großen Verlagen. Aber er ist unbestreitbar auf dem Weg dahin.

Der Grund dafür zeigte sich bei dieser ausgelassenen Feierlichkeit in einer zur Partylocation umgebauten Halle unterhalb einer großen Brücke. Daniele Ganser war da, sämtliche drei Bröckers-Brüder, ja, wirklich: diese Bröckers-Mafia gibt es tatsächlich im Dreierpack. Zwei Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Albrecht Müller von den NachDenkSeiten, Jens Wernicke vom Rubikon, der Kabarettist Thomas Freitag, die gesammelte, wunderbare Verlagscrew und viele, viele Freunde und Autoren mehr.

Nicht zwischen allen Anwesenden herrscht nun eitel Sonnenschein. Inhaltliche und auch persönliche Differenzen kommen vor. Der Westendverlag jedoch schafft es, ein gemeinsames Verlagsdach aufzuspannen für diese buntscheckige, hochintelligente Truppe von Individualisten. In Zeiten und in einem Land, in dem die ewige Spaltung grassiert, ist das eine gewaltige Leistung. Sie kommt dem Verlag zugute und den Autoren und den Lesern. Aber auch den Zeiten und dem Land.

Eine ähnliche Leistung stellt dann auch das Projekt „Buchkomplizen“ dar. Die Buchkomplizen sind ein Angebot für Freundinnen und Freunde des guten, politischen Buches, um sich aus der vermeintlichen Abhängigkeit von Amazon zu befreien. Niemand hat jetzt mehr eine Ausrede, dass er oder sie Jeff Bezos Geld in den Rachen schmeisst und die Autoren und Verlage fast leer ausgehen dabei. Denn es gibt ja jetzt: die Buchkomplizen!

Die Buchkomplizen stehen für einen fairen Buchhandel – aber sie stehen auch für eine in aller Vielfalt klare, inhaltliche Grundlinie jenseits des Mainstreams. Dafür steht auch KenFM, immer noch und immer wieder, trotz wiederkehrender Irritationen. Der irre Interviewmarathon, den die KenFM-Crew auf der Buchmesse am Stand der Buchkomplizen absolviert hat, hat das deutlich bewiesen.

Bewiesen wurde auch, dass wir uns nicht auseinander dividieren lassen werden. Da gibt es ja zum Beispiel so eine digitale Sturmtruppe, die Dirk Pohlmann sehr gerne zum Abschuss freigeben möchte. Seine Videos werden zuverlässig geflutet mit zum Teil extrem widerlichen Kommentaren. Dieser mutige, verdiente Topjournalist wird darin als Systemling, Lügner und, besonders originell, als Satanist diffamiert.

Kurz und gut: vergesst es! Spätestens am Stand der Buchkomplizen wurde deutlich: uns sprengt so leicht niemand auseinander.

Und was für ein Schaulaufen war das! Mathias Bröckers zum ersten, zum zweiten, zum dritten. Franz Alt und Erwin Thoma. Eine Redakteur der Sendung „Die Anstalt“. Albrecht Müller, Ulrich Mies, Sevim Dagdelen, Ulrich Teusch, Hannes Hofbauer, Willy Wimmer, Wolfgang Bittner, Paul Schreyer, Hermann Ploppa und eben, einmal mehr: Dirk Pohlmann. Dazu Ken Jebsen, in Dauerhöchstform.

Einmal mehr fällt natürlich der nahezu schon groteske Frauenmangel ins Auge. Aber auch, was für eine starke Macht da in der digitalen Gegenöffentlichkeit herangewachsen ist. Uns schubst so einfach niemand mehr herum. Niemand aus dem Mainstream, aber auch nicht jene, die den Mobbingsümpfen einer restlos durchgeknallten Blogosphäre entsteigen.

Diffamierungsversuche wird es weiter geben. Kampagnen, Manöver und die inzwischen sattsam bekannten Kindertsunamis aus Dislikes und negativen Kommentaren, die wir eventuell auch wieder unter diesem Video bewundern dürfen werden. Aber wie sagte Mathias Bröckers so schön: „Das versendet sich.“ In der Tat: am Ende setzen sich zuverlässig die Vernunft und die überlegenen Argumente durch, in diesem dritten Jahrtausend.

Wer von besagten Argumenten übrigens noch welche benötigt: der Rubikon hat gerade binnen 14 Tagen satte 67 Artikel rund um die Themen Klimakrise, Ökologie und Umweltbewegung veröffentlicht. Von Chomsky bis Mausfeld, von Franz Ruppert und Nafeez Ahmed bis Charles Eisenstein und Chris Hedges reicht die erlauchte Autorenschaft.

Schaut Euch das an, lest Euch das durch und dann urteilt selbst, auf welcher Seite der Debatte der argumentative Hammer hängt. Und unter uns Bücherfreunden: es wird diese gesammelten Texte Ende November auch geben als …  Buch. Pünktlich zum nächsten Globalen Klimastreik, am 29. November.


So schließt sich er sich, der Kreis: kaum dass die Buchmesse zu Frankfurt gelesen ward.
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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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