Tagesdosis 23.3.2018 – Maskerade in Potsdam oder: DDR-Kunst im Besserwessi-Blick

Ein Kommentar von Klaus Hartmann.

Wenn sonst nix los ist, beschäftigen wir uns mit Kultur. Der Jammer über Putins glänzenden Sieg legt sich allmählich, die Briten beschäftigen sich weiter mit dem Verwischen ihrer Giftgasspuren, Assad ist böse wie immer oder noch böser und in Berlin wird weiter gemerkelt wie bisher. Die Medien käuen es zwar täglich wieder, aber das Recyceln von Mist mag zwar als nachhaltig gelten, Mist bleibt es doch.

So blicken wir zurück auf die Freude, gerettete Kunstwerke aus dem repräsentativen Gebäude einer Hauptstadt wiederzusehen, das vor einiger Zeit von Verrückten oder Verbrechern zerstört wurde. Nein, nicht das World Trade Center in New York, sondern der Palast der Republik in der (bis 1990) Hauptstadt der DDR. Dieses 1976 eröffnete Volkshaus beherbergte das Parlament, diente als Kultur- und Konzerthalle, als Disko und Theater, hatte eine Vielzahl gastronomischer Angebote – und eine Galerie mit 16 großformatigen Gemälden.

Den vorläufigen Siegern (sogenannten Wessis) war klar: dieses Wahrzeichen der DDR musste weg (wie der Lenin am vormals gleichnamigen Platz), der Bundestag beschloss den Abriss 2003. Anstelle des Volkshauses nimmt hier das neue alte Berliner Stadtschloss Platz, was – so gesehen – auch besser zur neuen Herrschaft und ihrem Staat passt. Die Gemälde aus dem Palast mit dem Leitmotiv „Dürfen Kommunisten träumen?“ verschwanden – im Depot des Deutschen Historischen Museums.

Und, wer hätte es sich träumen lassen, letztes Jahr tauchten sie wieder auf, in Potsdam, im Museum Barberini. Das Museum zeigte zwischen Oktober 2017 und Februar 2018 die Ausstellung „Hinter der Maske – Künstler in der DDR.“ Ein Glück, beim ersten flüchtigen Blick hatte ich „Hinter der Mauer“ gelesen. Da Werke von Künstlern Zeitlosigkeit beanspruchen können (anders als die Taten unserer Politdarsteller), ist auch eine Nachbetrachtung zur Ausstellung gerechtfertigt.

Zunächst erschrak ich beim Betreten der Ausstellung: Bundespräsident Steinmeier als Schirmherr? Ein Schelm, wem dazu das Wort „Staatskunst“ einfällt. Womit in unserem Zusammenhang nicht die Kunst, den Staat zu leiten, gemeint ist, sondern staatlich dirigierte und beaufsichtigte Kunst. Das war die Kunst in der DDR bekanntlich aus West-Sicht, während als Ausweis von Demokratie gelten soll, wenn der Staat sich raushält. Aber die Ausstellung solcher Kunst wird nun vom Bundespräsident eröffnet? Soll er uns die „politisch korrekte“ Bildbetrachtung lehren?

Das dementierte Steinmeier in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung, die leidlich akzeptabel und kaum antikommunistisch klang. Bei so einem Quasi-Staatsakt kann auch das Quasi-Staatsfernsehen nicht fehlen, und so schaffte es die Ausstellungseröffnung bis in die „heute-Nachrichten“. Sogar der notorisch hetzerisch aufgelegte Alles-Kleber war erstaunlich milde gestimmt: „Da werden Scheuklappen abgelegt, die DDR-Kunst stur unterteilten – in ‚Staatskunst: mies‘ und ‚Dissidentenkunst: aufregend‘. In Potsdam bekommt man endlich eine fairen Blick auf die Kunstszene der im Vergleich doch kleinen DDR“. Doch mit dieser frohen Botschaft lag er ebenso daneben wie Steinmeier, der meinte, diese Ausstellung wolle dem noch immer in vielen Köpfen herumspukenden Fehlurteil entgegentreten, dass man DDR-Kunst nur verstehen könne, wenn man sofort ihren Bezug zu Staat und Gesellschaft bestimme.

Beide hätten sich die Ausstellung besser vorher anschauen sollen, dann wäre es nicht zu solch krassen Fehlurteilen gekommen. Es ist im Gegenteil das durchgängige Leitmotiv der Ausstellungsmacher, jeden Künstler, jedes Werk nach dem Verhältnis zum sozialistischen Staat zu bewerten. Das Kuratorenpaar aus dem Westen belegte mit seinen Texten, dass es besagte Scheuklappen gerade nicht ablegen konnte.

Über 110.000 Besucher waren meist überrascht und begeistert von der Vielfalt der Kunstwerke: Wunderbare Bilder, beschissene Texte – könnte man resümieren. „Seltsam, eine solche Vielfalt bei – wie es penetrant die Texte zu den Bildern und den Künstlern vermitteln – angeblich dogmatischer Kunstpolitik in einer Diktatur“, bemerkt sarkastisch Hans Bauer, Vorsitzender der „Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung“. Harald Kretzschmar im „Neuen Deutschland“: Denn wenn eines klar wurde, dann, wie lästig die ständige Überbetonung des konkreten politischen Kontextes dieser Kunst inzwischen ist. Ihr Wert war ja fast dahinter verschwunden. (…) Jede anerkennenswerte künstlerische Qualität als Widerstandstat gegen einen verhassten Staat zu feiern, ist lebensfremd.“

So wohltuend das Wiedersehen mit den Werken von Willi Sitte, Werner Tübke und 85 weiteren Künstlern sowie jenen aus dem Palast der Republik war, die Begleittexte wollten ihre aufdringliche Botschaft über „verordneten Kollektivismus“ und unqualifiziert-abfällige Bemerkungen über den „sozialistischen Realismus“ dem Betrachter „beibiegen“. Und das ist dann doch ein wenig des Schlechten zuviel.

Nicht nur die Besucher, auch die Künstler werden so bevormundet. Künstlern und Werken wird gewaltsam die Kategorie „oppositionell-subversiv“ übergeholfen, und der aufmerksame Besucher konnte dann über biografische Daten staunen, dass diese „Oppositionellen“ Stipendien erhielten, in staatlichen Museen ausstellten, zu Hochschullehrern und Akademiemitgliedern berufen wurden.

Zum titelgebenden Masken-Motiv wird uns die Frage vorgelegt: „Ist die Maske Schutz oder Angriff?“ Der Kommunist Theo Balden (1904-1995) erfährt über sein Werk: „Ist es der Künstler, der sich hier zurückzieht und in seine Rolle fügt, oder ist es nicht vielmehr der Staat, dem hier der Künstler die Maske aufsetzt, und die er damit offenlegt – das ist dieses Spiel zwischen Offenlegung und Tarnung, zwischen Rückzug und Behauptung“, dichtet die Kuratorin Valerie Hortolani. Balden war Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, wurde mit dem Kunstpreis der DDR, dem Nationalpreis (2fach), dem Vaterländischen Verdienstorden (2fach) und zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet, er war Hochschulprofessor, Akademie-Mitglied und Ehrenmitglied des Verbandes bildender Künstler.

Künstler, in deren Werk man bei noch so schlechtem Willen so gar nichts „Oppositionelles“ hineinfantasieren kann, werden mit „Kunstkritik“ bestraft. „Die schaffenden Kräfte“ von Kurt Robbel (1909–1986) z.B.: „Aber seine Botschaft, Arbeit und Erholung gehören zusammen und das Miteinander der jungen Menschen wirkt durch die radikale Stilisierung plakativ und erhält etwas unbeholfen Naives.“

„Forscht, bis ihr wisst“ von Arno Mohr (1910-2001) wird beschieden: „Figuren und Landschaft wirken zu schlicht und zu lakonisch für das monumentale Format.“ Willi Sittes (1921-2013) „Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg“ geht laut Kurator Michael Philipp „eine unübersichtliche Verbindung von barockem Pathos und ideologischer Agitation ein“.

„Wenn Kommunisten träumen“ von Walter Womacka (1925-2010): „Persönliches Glück, Familie am Strand – das Ideal der Familie, das die Utopie der sozialistischen Gemeinschaft verkörpern sollte – eine wenig überzeugende Allegorie:“ Auch der im Bildvordergrund stehende Junge kriegt sein Fett weg: „Der Junge verkörpert die Neugier der kommenden Genration – er betrachtet einen Käfer auf seiner Hand, und dieses Element verleiht dem Bild eine kitschige Note.“

Martin Kippenberger beauftragte einen Plakatmaler, seine Foto-Serie „Lieber Maler male mir …” in ein größeres Format zu übersetzen. Das Ergebnis sehen die Ausstellungsmacher so: „Er inszenierte sich in diesen Selbst- und Fremdbildern als Zeitzeuge der deutschen Teilung.“ Ja wenn das der Künstler gewusst hätte! Das gezeigte Bild zeigt (vermutlich) ihn an einem Souvenirstand zwischen Plakaten zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR. Keine Mauer, kein Grenzsoldat weit und breit. Aber beim Stichwort „DDR-Gründung“ schreit es in den Ohren der Wessi-Kuratoren natürlich sofort: Teilung!

Und dann wundern sie sich, die Kuratoren, die aus ihren Denkschablonen nicht herauskönnen (Märkische Allgemeine, 01.02.18): „Viele Besucher mit DDR-Sozialisation hätten mit ihren Texten ein Problem gehabt“ – „oberlehrerhaft“ oder „Siegermentalität“ lauteten die Gästebuch-Einträge – nicht zu fassen! Und die derart „unverstandenen“ Kuratoren tun ihre Überraschung kund, „wie verbissen viele Besucher vorgefasste Meinungen verteidigt haben“. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man lachen über so viel Verblendung.

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9 Kommentare zu: “Tagesdosis 23.3.2018 – Maskerade in Potsdam oder: DDR-Kunst im Besserwessi-Blick

  1. Kultur meint die Urbarmachung der Natur einerseits (Landbau, Happa Happa) und die Verfeinerung der menschlichen Umgangsformen. Beide Bedeutungen von Kultur haben das Ziel, das Wohlbefinden des Menschen in der Gesellschaft zu steigern.

    Kultur ist nicht Politik. Steinmeier kann keine Kultur schaffen, bewahren, einleiten – er kann mit Macht und Herrschaft nichts dergleichen, denn Kultur ist ein Geistesfortschritt, der sich nur ungezwungen einstellt und nicht befohlen werden kann.
    Politik ist Religion und Religion ist so ziemlich das Gegenteil von Kultur – denn jeder angenehme Inhalt der Religion entspricht in Wahrheit nicht der Religion, sondern der Kultur.
    Miteinander auf eine gute Weise umgehen ist nicht das Wesen der Religion – denn für dieses urmenschliche Bedürfnis bräuchte es weder Kirchen noch einen Kirchenstaat noch eine politische Klassengesellschaft mit Klerus und deren militärischen Zwangseinrichtungen. Die haben wir aber seit es die Religion in ihre heutige Breite geschafft hat und Kultur auf dem stagnierenden Ast ist.
    Nein, das Wesen der Religion ist nur Begrenzung von eigentlich freien Bereichen. Und damit wirkt sie der Kultur entgegen.
    Ein Beispiel: „Gebote“.
    Alle Menschen sind sich darüber im Klaren, dass sie im Universum deshalb eine Chance gegen andere Arten und die Unbill der Natur haben, weil sie zusammenhalten. Nur Kooperation erbaut ein schützenden Haus – ein feindliches Gegeneinader wäre dazu nicht in der Lage.
    Das „Gebot“, man solle nicht stehlen, hört sich erstmal gut an. Man denkt, dass es toll ist, dass die Religion uns dieses Gebot gestiftet hat.
    Aber dieses Gebot beinhaltet nicht, dass man sich zurücklegen könnte und keine Angst mehr um den Besitz haben bräuchte, das ist Blendwerk.
    Eigentlich steht da nur „Du sollst…“
    Es geht gar nicht darum „nicht zu stehlen“… es geht nur darum, dass man etwas nicht tun soll – wer darauf hört, hat bereits seine Eigenverantwortung abgegeben und wird – und das weiß ich nicht, ob der Leser / die Leserin da verstehen wird, weil es scheinbar paradox ist – umso mehr stehlen!
    Denn vor dem Stehlen, also dem Schädigen anderer durch Entzug ihres Bedarfs an bspw. Nahrung, beschützt uns nur eins… die eigene Vernunft das Begreifen eines guten Miteinanders und das ist letztendlich Kultur.
    Dafür braucht es keine Religion. Das kommt von alleine – kann man an sich in der Kindheit selbst beobachten, wie sich dieses Verhalten einstellt, ohne dass Religion bereits im Geist des armen Kindes zu wüten begonnen hat.
    Streicht man also den kulturellen Aspekt – also den Aspekt der Verbesserung des menschlichen Lebens weg, der sich sowieso mit Vernunft als Selbstverständlichkeit einstellt – dann erhält man nur noch: „Du sollst!“
    Und wer darauf hört, statt auf den selbstverstänlichen inneren Kompass, der wird ziellos im Leben und sich fortan, wie eine Sucht, nur noch an die Gebote und Befehle anderer klammern – und das ist die Wurzel des heutigen Übels – daher rührt unsere gesellschaftliche Krise, dass die Menschen ihr Ich verlieren und damit auch die ihnen angeborenen Fähigkeiten der Vernunft und der Kultur.
    Das spiegelt sich wieder, wenn Autoren schreiben, dass man sich nur mit „Kultur“ beschäftige wenn sonst nichts los sei. Und dann im Folgenden doch wieder nur über Herrschaft und (Staats-) Politik referieren… ohne echte Kultur, die auf freier Zwischenmenschlichkeit basiert auch nur zu erwähnen.

    Denn ob irgendein vertrockneter Kommunist in einem sogenannten „Volkshaus“ ein Bild hinhängt oder nicht, hat mit Kultur nichts zu tun. Kultur ist entweder vorhanden, im alltäglichen Leben der Menschen und zwar in unter anderem ihren Umgangsformen, oder nicht. Wer glaubt, dass Kultur durch Steinmeier oder DDR-Politiker befohlen werden könne, irgendwie befördert werden könne oder sonst wie gestärkt werden könne, der irrt sich.
    Denn ob das „Du Sollst“ nun von der theistischen Religion herrührt, oder von einem Affen in Hornbrille und einer Aktentasche, das bleibt sich gleich.
    Und ob nun die Herrschenden des einen oder des anderen Staates ihre kulturelle Unfähigkeit unter Beweis stellen, das bleibt sich auch für den gelebten echten Alltag der Menschen gleich.
    Ob nun in einem Gebäude zig Bilder hängen oder nicht – das sagt nichts über den kulturellen Stellenwert des Lebens der Menschen aus – wurde diese „Kultur“ gelebt? Hat das irgendjemanden in Goldenbaum, angelnd, an der Müritz sitzend, interessiert? Oder hat man hier in der Manier eines jeden Staates aus der Welt nicht vielleicht doch versucht den Widerspruch zwischen Verbesserung des menschlichen Lebens und Staat zwnaghaft zu überbrücken?
    „Quellen“ wie das neue Deutschland, die von Marxismus und anderen politischen Religionen zersetzt sind, kann man vielleicht nicht als „objektive“ Quelle heranziehen – oder grade als „objektive“ Quelle, denn hier wird Kultur zum Objekt, nicht zum lebendigen Bestandteil des Alltags der Masse – da hängen Bilder! Uga aga! Ja, das muss ja ganz famose „Kultur“ sein!!! Uga Uga.
    Ja, und mit BRD und DDR gleichermaßen in die religiöse „Du Sollst“-Stein(meier)zeit…. Schlafe wohl Selbst und Lebensdrang und lass dich weiter hin- und herschicken.

    Also was ich sagen will: Aus dem ererbten Gehorsam heraus und der Annahme der eigenen Schlechtigkeit – denn nichts anderes stiften die Religionen – (auch der Marxismus ist eine politische Religion, der die Formen der Diktatur von den vor ihm existierenden Sozialismusverzerrungen übernommen hat und auch aus der hegelschen Philosophie) kann keine Verfeinerung des menschlichen Lebens erwachsen, sondern nur die Abwesenheit von ungezwungenem (geistigen) Fortschritt, einem bewussten Selbst (Innerer Kompass der Vernunft und der Vernatwortung) und freier Entfaltung (ungehinderte Ziwschenmenschlichkeit).
    Staatlich befohlene „FKK“ ist nicht mehr „kulturell“ als dieser ganze BRD-scheiß, wie zum Beispiel dieser affige Eurovision Song Contest. Das ist keine Kultur, das ist das pseudokulturelle Feigenblatt der politischen Macht und der politischen Religion, die die Herrschenden zelebrieren, um die Herrschenden zu bleiben.
    Es sind Selbstzweck gewordene Formen, die das Gegenteil von Kultur darstellen, denn Kultur findet nicht in speziellen Häusern dafür statt – das macht die Religion, die mit Gewalt und Ausbeutung erst Räume, wie Kirchen zur Demonstration ihrer Macht aus dem Boden stampfen muss – Kultur findet neben jenen statt, die sich über den Weg laufen.

    Und wer jetzt wirklich (!) daran interessiert ist, unseren kulturellen Stand heute ohne Angst vor bitterer Enttäuschung zu messen, der muss zunächst mal die Distanz dieser Messung zu sich und den eigenen Formen afheben, denn es gibt da keine Distanz – wir sind nicht „objektiv“, denn wir sind keine „Objekte“. Also das eigene Weltverständnis muss hier zunächst auf Null gesetzt und dann wieder unter realistischen Vorzeichen aufgebaut werden, nicht unter denen der Herrschaft und der Religion – das wird erstmal schwierig, wenn man zig Jahrzehnte mit den Augen irgendwelcher Pfaffen zu sehen… dazu gehören auch solche, wie Lenin, Marx, Steinmeier – das sind im Grunde nur politischer Klerus, der den niederen Menschen (wir, die Arbeiterklasse) das Denken „abnehmen“ woll(t)en, zu deren „Besten“…
    So nach der Tabula Rasa im Kopf bitte jetzt mal zurück in den Raum kommen, in dem sich der Leser, die Leserin befindet und mal ans Fenster gehen. Wenn man jetzt eine Person sieht, die man vielleicht Nachbar dauernd sieht, dann sollte man sich fragen, wie viel Kultur zwischen dem Nachbar und einem selber herrscht.
    Meistens wird diese Analyse sehr traurig ausfallen: Nämlich dass der Dualismus aus der Illusion von Eigentum und Lohnarbeit, der unser Arbeiterleben bestimmt, soviel Zeit frisst, dass es menschenunmöglich ist, mit der Umgebung zu verwachsen.
    Und damit meine ich nicht die Religion des Vater“landes“, denn ein Land spritzt nicht in unsere Mütter hinein, und dann kommen wir aus der Erde des „Vaterlandes“ heraus, sondern wir haben Menschen, die uns Väter sind – diese Klarheit ist wichtig, denn es sind immer andere Menschen, die die Heimat sind, nicht etwa ein Ort. Ein Ort ohne Menschen wäre eine ziemlich lebensfeindliche Umgebung für einen Menschen.
    Also nochmal zurück – Die herrschenden haben ein System errichtet, das auf unsere Kosten lebt. Staat, Militär, Bürokratie und Lebensstandart des Klerus kosten einiges, das sie uns als zu „unserem Besten“ verkaufen und für das wir zahlen müssen – deshalb gibt es nicht nur Geld, sondern auch Lohn – Lohn ist ja nichts anderes, als Sklavendasein, für das man „entlohnt“ wird… man erhält nicht die Macht über das, was man mit der körpereigenen Kraft und der eigenen Zeit errichtet hat, sondern man erhält nur ein unbedeutendes Bißchen, damit sich a) keine Sättigung einstellt und b) all die anderen Teile des Staates und des Bürgertums, die unsolidarisch sind, ihr Leben mit diesen Ausgaben fristen können, besser, als wir, die wir diesen gesellschaftlichen Reichtum erwirtschaften… Ja und dann kommen diese Leute, Vertreter dieser parasitären Gesellschaftsunordnung und schwafeln von jener Kultur, die wir nicht unter unseren nächsten leben können, weil sie uns zeitlich und mit ihren Gewaltmitteln zur Frohnarbeit einspannen…

    Tja da wenn man sich dieses Ausmaß mal vor Augen führt, kann einem schon mal schwindelig werden, vor so viel faulem Fundament, das man vorher eigentlich als „ganz solide“ empfinden musste – den Lügen dieser herrschenden und predigenden Betrüger glaubend….

    Also Leute: Das IN dem Text beschriebene ist keine Kultur – der Text ist Kultur und das was wir hier machen, macht den Text erst dazu: Dass wir ihn diskutieren und unsere Gedanken dazu schreiben und uns austauschen – das ist Kultur – nicht der Text da, der ist ziemlich ärmlich, würde er allein auf weiter Flur stehen. Um bei Nietzsche zu bleiben: Was wäre die Sonne, ohne jene, denen sie scheint… Mit dieser wunderschönen Metapher will ich aufzeigen, dass die Herrschenden und die „Cäsaren“ in der Geschichte (Oswald Spengler) nichts wären, ohne uns, die wir ihnen ihre Macht überhaupt erst, ihr Leben überhaupt erst ermöglichen. Wir haben in Realität die Macht über unser Leben – wir können nur zu einem Schwächegefühl verleitet werden, wenn wir den Quatsch der Herrschenden und ihren Medien glauben, aber die Realität ist eine andere. Und auch Kultur ist etwas ganz anderes, als das, was die Herrschenden uns glauben machen wollen – dieser Glaube ist Bestandteil der politischen Religion = Abwesenheit von Kultur. Kultur herrscht zwischen uns in ungezwungener Athmosphäre und freier, ungehinderter Zwischenmenschlichkeit, in einem solidarischen Netz aus freien Menschen.
    Der Staat – Jeder Staat, jede Kirche, alle zentralistischen Machtorganisationen – sind nicht zur Kultur fähig. Sie können nur uns durch Lohn bestehlen, mit dem Geld uns wieder neu über den Lohn bestehlen, damit wir Arbeiter ein Museum bauen, in dem sie dann die verfaulten Reste von Kultur kompostieren können, ohne, dass diese verzerrte Form von Kultur noch irgendwie in der Gesellschaft lebendig wäre.

    Wem dieser Ansatz gefällt, dem empfehle ich die Werke von Rudolf Rocker. Antiquarisch ist einiges zu haben, aber ich leihe auch gerne in meiner Umgebung aus, falls gewünscht. Dazu bitte eine Rückmeldung per Nachricht.

  2. Interessanter Beitrag, sicher treffend die Einschätzung, obwohl ich diese Veranstaltung selbst nicht besuchte, in anderen, ähnlich gearteten Ausstellungen wird ähnlich verfahren. Die DDR soll eben auch über die Kunst in ihr diskreditiert werden, und wenn sonnst nichts hilft, wird interpretiert, wie es wohl gewesen sein sollte! Dabei ist Kunst auch Waffe, sie ist eine Form der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Sein und steht immer auch für die gesellschaftlichen Verhältnisse, dessen Produkt sie ist! Das war in der DDR so, das ist in der BRD heute immer noch so und selbst die weitestgehende Beliebigkeit heutigen Kunstbetriebs steht dafür.
    Allerdings wenn Kunst auch Waffe ist, dürfte es wenig verwunderlich sein, dass die Sieger die erbeuteten Waffen, entweder versuchen zu zerstören, oder sie gegen ihre ehemaligen Träger zu wenden und einzusetzen. Und somit ist von einer Ausstellung, in der es vordergründig um DDR Kunst geht, in der BRD nicht zu erwarten, dass diese positiv daherkommt, selbst wenn den zu betrachtenden Werken nur der Vorwurf gemacht werden kann, in der DDR geschaffen worden zu sein! Was anscheint nicht Gesellschaftskornform, muss somit Widerstand sein! Vor Jahren wurde in diesem Zusammenhang nicht einmal davor zurück geschreckt, dem sozialistischen Realismus in einer Ausstellung den kapitalistischen Realismus entgegenzusetzen, welchen es so nie gegeben hat!
    Danke für den Beitrag!

  3. Wie ich mich noch an die Ausstellung „ Aufstieg und Fall der Moderne“ erinnere, welche zum Anlass der Kulturhauptstart Weimar gezeigt wurde, hat sich noch immer nichts verändert.
    Die Ausstellung wurde ja als eine Art entartete Kunst präsentiert, und war an Geschmacklosigkeit den Künstlern gegenüber, kaum zu überbieten.
    So wird auch heute noch ein Wolfgang Matheuer als banal bewertet, dagegen ein Markus Lüpertz als Malerfürst gefeiert.
    Natürlich haben die Maler aus dem Westen, und damit ihre Galeristen und Käufer kein Interesse daran, Künstler die Jahrzehnte lang als „angepasst“ bezeichnet wurden, und unter „Kunst und kalter Krieg“, vom Westen verunglimpft wurden, nun plötzlich den Stellenwert einzuräumen, den sie tatsächlich haben.
    Ein Baselitz, Richter, oder Lüpertz, könnten da eventuell ein wenig an Glanz und Wichtigkeit einbüßen.
    Außerdem könnten die so schön hoch gehandelten Objekte, eine Werteibuße erleben.
    Schließlich hat doch die Gelddruckmaschine Kunst so wunderbar funktioniert.
    Da wird lieber weiter mit Dreck geschmissen.
    Wahrscheinlich sorgt sich auch Herr Steinmeier um seine Prätentiösen.

  4. schöner beitrag, der zeigt, das es heutzutage an kritiklosigkeit fehlt. nur noch Gleichmacherei/ Einbettung /Personenkult und Schwachsinn. hätte ich mir in meiner kurzen Sozialisierung in der DDR nie vorstellen können, dass der „westen“ so dumme menschen beinhaltet!

  5. Lieber Klaus Hartmann, vielen Dank für den guten Artikel.
    Habe aus diesem Anlass mal aus meinem Bücherschrank die Kataloge von DDR-Kunstaustellungen aus den 80er Jahren herausgekramt. Der Inhalt war breiter, als sich das die heutigen DDR-Erklärer träumen lassen. Und dabei handele es sich um die Kunstwerke die die Ministerien für ausstellenswert hielten. Natürlich gabe es da auch genügend nach dem Motto „breiter unsere Hände, klatscht mit!“ aber es gab auch sehr sehr kritische Werke.
    Ein Bild zum Beispiel hieß „Schießplatz“ und zeigte einen NVA-Schießplatz mit den üblichen Zielscheiben. Und in der vordersten war neben den Einschüssen die Abdrücke einen Menschen angedeutet. Das Bild sagte dem verständigen Betrachter: auch der gerechteste Verteidigungskrieg beinhaltet das Töten von Menschen und ist daher nicht anzustreben. Dieses Bild wurde von staatswegen würdig für die Ausstellung betrachtet.
    Man kann ja mal darüber nachdenken, ob heute eine Mahnung „Krieg bedeutet immer auch Tod und Verderben“ von staatswegen gefördert würde.
    Es ist doch erstaunlich, was die DDR bei allen groben Fehlern so an Grundeinstellungen übers Herz gekriegt hat.

  6. Auch von mir ein herzliches Dankeschön !! für die treffende Analyse.

    Ja es ist ein Trauerspiel. . . .und diese Gewissheit (fast dreißig Jahre nach der Wiedervereinnahmung), sie (kuratoren) können es nicht besser/anders . . .

    . . . wir dürfen gespannt sein, wenn das neue Humboldforum (altes neues Schloss) seine Pforten öffnet und die Beutekunst aus den Raubzügen der Kolonielzeit wieder ausstellt und wir wohl mit angeblich „weltoffener Völkerverständigung“ zugetextet werden . . .

    . .. kurz vor dem Abriss des Palastes der Republik, hatten in dem – zu großen Teilen entkernten – Gebäude noch Kunstausstellungen stattgefunden. Ich fand es damals als Besucher sehr spannend und einen ziemlich skurilen Ort und hatte damals gedacht, dass das eigentlich die beste Lösung wäre: Das dreiviertel entkernte Ding so stehen lassen, mit all seiner Unvollkommenheit, fehlgeschlagener Asbestsanierung, etc. . . und als Ort der wirklich kritischen Diskussion und Auseinandersetzung – wie Bühnen im Theater – immer wieder neu zu entwerfen, zu besetzen und zu nutzen . . . Das wäre aus meiner Sicht ein wirklich aufrichtiges und glaubwürdiges Statement gewesen. . .

    . . . Leider bekommen wir stattdessen die Walt Disney-gerechte originalgetreu nachgebaute Schlossfassade vor die Nase gesetzt, in der wir dann – soweit die Pläne – „Sachen von den unzivilisierten Wilden aus Afrika“ gezeigt werden . . .

    . .. auf der albernen Wippe können sich dann Ost und West zusammenschubbsen lassen . .

  7. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Interpretation von Kunst ist ja eine Sache für sich, war und ist nicht mein Ding aber jeder was er mag. Ich habe nur ein Problem damit wenn das in eine politische Richtung geht bzw. In Propaganda abgleitet.
    Es gibt glaube ich nur wenige die in der damaligen Zeit lebten, und die Verhältnisse unreflektiert durch die rosarote Brille sehen. Das es Überwachung und Repressalien n der DDR gab leugnet keiner, man sollte bei dieser Gelegenheit aber auch bitte an Berufsverbote und Überwachung durch BND bzw. NSA denken. Klar war die Reisefreiheit eingeschränkt, bin ich heute aber „angehängt“ nutzt mir die Freiheit auch nicht viel, wenn das Geld fehlt.
    Komischerweise würde damals Kultur und Kunst sowie der soziale Sektor staatlich unterstützt. Heute fehlt dafür das Geld, weil es uns ja so gut wie nie geht. Heutzutage wird z.B. ein „Künstlerkollektiv“ oder die „Antifaschistischen Sturmtruppen“ staatlich gefördert um die freie Meinungsäußerung zu diskreditieren oder tätlich zu unterbinden.
    Geld für „Stiftungen“ und „Think Tanks“ die zur „Demokratieförderung“ im In- und Ausland tätig sind werden auch problemlos mit öffentlichen Mitteln bedacht.
    Kann mir jemand sagen, ob er gefragt wurde, als „Volkseigentum“ ohne Entschädigung des „Volkes“ in Privateigentum umgewandelt wurde?

  8. Danke Herr Hartmann, für diese treffende Analyse!
    Und die derart „unverstandenen“ Kuratoren tun ihre Überraschung kund, „wie verbissen viele Besucher vorgefasste Meinungen verteidigt haben“.
    Man könnte darüber lachen, wenn diese Geisteshaltung nicht das gesamte Etablishment durchziehen würde.
    WIR befinden uns in einem System, das sich geriert wie das Destillat all der negativen Attribute die dem Kommunismus, der ehem. DDR, ja all jenen Systemen zugeschrieben wird, die eben nicht wie unsere „Vorzeigedemokratie“ sind und waren.
    Schlimm, dieses arrogante darüberstellen, schlimm dieses „Wir sind das Vorzeigesystem schlechthin, das beste was je dagewesen ist, die Krone der Schöpfung, ja, gar Staatskunst, im Sinne von; die Kunst den Staat zu führen, die Besten, die Freiheitlichsten, die Hochhalter der Menschenrechte…“.
    Der Kaiser ist längst schon nackt, diese Kuratoren, der Alleskleber, all die Staatsfunker und Systemlemminge indes, bewundern die Schönheit seiner Kleider, sie schwärmen und loben, sie singen und tanzen, sind beglückt, tief berührt, beeindruckt ob all der Herrlichkeit und sind dabei längst schon das, was sie in eben jenen Worten und Taten vorgeben abzulehnen….

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