Tagesdosis 24.10.2018 – Die Untertanen-Macher (Podcast)

Die Qualitätsmedien promoten brutale Erziehungsmethoden mit Nazi-Tradition.

Ein Kommentar von Birgit Assel.

Erstaunliches passiert seit kurzem: In den Qualitätsmedien wird ein Dokumentarfilm hochgelobt, der sich „Elternschule“ nennt. Zwei Filmemacher — Jörg Adolph und Ralf Bücheler — haben in einer Gelsenkirchener Kinderklinik gefilmt und es mit ihrem Film bis in die Kinos geschafft!

Im Fokus stehen Eltern, die mit ihren Nerven am Ende sind: Ihre Kinder schreien stundenlang, verweigern das Essen, haben einen Wutanfall nach dem anderen, schlafen nicht, sind aggressiv, hauen und beißen — der blanke Horror! Die Eltern sind am Ende mit ihrer Kraft — sie fühlen sich als Opfer ihrer Kinder, die ihnen das Leben zur Hölle machen …

Der Kinderpsychologe Dietmar Langer hat die Lösung! Er bezeichnet den Säugling als das egoistischste Wesen auf dem Planeten und wenn dem nicht Einhalt geboten wird, stehen die Eltern bald mit dem Rücken zur Wand!

Wow — Johanna Haarer lässt grüßen! Johanna Haarer war eine Lungenfachärztin und hatte profunde Kenntnisse vom Wesen junger Menschen. Sie entwickelte ihre eigene Erziehungstheorie und war eine große Verehrerin von Adolf Hitler. Dieser war begeistert von Frau Haarer und machte so sehr Werbung für sie, dass es nicht lange dauerte und ihr wunderbarer Erziehungsratgeber „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ stand bei allen Eltern, die etwas auf die Erziehung ihrer Kinder gaben, im Bücherschrank!

Bei Haarer ist zu lesen, dass Kinder — also auch Säuglinge, die laut Dietmar Langer einfach nur egoistisch sind — nichts anderes im Sinn haben, als ihre Eltern zu quälen, sie in einen Ausnahmezustand zu bringen und dabei auch noch strategisch vorgehen (1).

Um die Worte Dietmar Langers zu benutzen: Sie wollen ihre Eltern „weichkochen“, sie wollen, dass sie sich ihrem Willen unterwerfen und es die Aufgabe der Eltern sei, dies rechtzeitig und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterbinden (2).

Eltern, die es versäumt haben, rechtzeitig zu handeln, deren Kinder schon zu kleinen Terroristen geworden sind, gehören für ihn in ein Trainingslager (3). Dieses Training kann folgendermaßen beschrieben werden: Die kleinen Terroristen werden absichtlich in Stress versetzt und wenn sie dann anfangen zu schreien oder sich zu wehren, ist die Strategie der Trainer: hart bleiben, nicht sprechen, stattdessen einfach ignorieren!

Schließlich propagierte schon die fantastische Johanna Haarer die absolute Härte gegen Kindertrotz (4)! Und wenn die kleinen Terroristen nur richtig trainiert werden, dann werden sie später einmal flink wie die Windhunde, hart wie Kruppstahl und zäh wie Leder.

Essen: Bei Essensverweigerung wird es erst im Guten versucht. Funktioniert das nicht — es funktioniert natürlich nicht, schließlich ist die Strategie der kleinen Terrorzwerge, im Hungerstreik zu bleiben, um ihren Willen durchzusetzen — setzt die Zwangsernährung ein: Der kleine Terrorist wird festgehalten von einer starken und kräftigen Krankenschwester, deren Körper sich komplett über den kleinen Terroristen wirft und mit Gewalt wird ihm so über einen Löffel die Nahrung in den Mund gepresst. Der kleine Terrorist hat keine Chance gegen so eine körperlich Übermacht und muss seine Strategie aufgeben — er isst!

Schlafen: Der kleine Terrorist kommt in die sogenannte „Mäuseburg“, dort soll er das Schlafen lernen. Die Strategie des kleinen Terroristen ist, dass er seine Eltern mit Schlafentzug foltert (Schlafentzug ist eine beliebte Folter bei Strafgefangenen), um einzufordern, dass ihm rund um die Uhr die volle Aufmerksamkeit gegeben wird. Diese Strategie wird gebrochen, indem dem kleinen Terroristen nachts keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt wird, sein Brüllen und Schreien wird ignoriert. Nach wenigen Tagen hat der kleine Terrorist seinen Widerstand aufgeben und schläft freiwillig — die von ihm ausgedachte Strategie hat keine Wirkung mehr.

Auch hier übernehmen diese Aufgabe die Trainingsexperten der Kinderklinik, weil es die Eltern in der Regel nicht schaffen, mit solcher Härte die Strategien ihrer kleinen Terroristen zu durchbrechen. Weil diese es — sehr zum Leidwesen der Experten — geschafft haben, dass ihre Eltern am Stockholmsyndrom leiden und Mitgefühl für die kleinen Terroristen entwickelt haben. Dieses Mitgefühl muss unbedingt behandelt werden, weil es dem Umerziehungstraining nur schadet! Die Eltern müssen in der Elternschule lernen, hart zu werden: gegen sich selbst und vor allen Dingen gegenüber ihren kleinen Terroristen.

Nach drei Wochen im Trainingslager ist das Wunder vollbracht: Aus dem kleinen Terrorzwerg ist ein sanftmütiges, braves und glückliches Kind geworden!

Nie wieder wird es sich gegen Autoritäten zu Wehr setzen, auch nicht, wenn aus ihm ein erwachsener Mensch geworden ist! Als großer Mensch wird er brav seine Eltern, seine Vorgesetzten und seine Regierung verehren.

Sollte es dann so richtig darauf ankommen, wird er sein Land mit Glückseligkeit und ganzer Hingabe verteidigen — flink wie ein Windhund, hart wie Kruppstahl und zäh wie Leder!

Das hat mit Johanna Haarers Pädagogik auch wunderbar geklappt. Am besten wäre es folglich, wenn sich auch die Dietmar-Langer-Pädagogik im ganzen Land und bei allen Eltern durchsetzen würde. Dass das auch wirklich passiert, dafür sorgen die Medien: Das Qualitätsblatt Süddeutsche Zeitung titelt: „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss“ oder „… ein Einblick in eine verunsicherte Gesellschaft, die sich mit Autorität schwer tut und ihren Instinkten kaum noch traut.“

Und auch der WDR tut in einer Filmdoku. (5) sein Bestes, damit wirklich alle Eltern das Geheimnis einer guten Erziehung endlich lernen. Von diesem Sender wurde sogar der Filmemacher Ralf Bücheler interviewt, der noch einmal bestätigte, wie wichtig diese Doku für alle Eltern sei. Er selbst hat viel während der Dreharbeiten für den Umgang mit seinen kleinen Terroristen gelernt (6).

In der ZDF-Sendung „Volle Kanne“ kam der Wunderpsychologe und Wunderpädagoge Dietmar Langer selbst zu Wort (7). Und auch die ARD darf hier nicht fehlen: Wie gehen wir richtig mit unseren Kindern um — und mit uns selbst? Wenn Familien in chronischen Stress geraten, können sie Hilfe suchen in der Kinderklinik Gelsenkirchen. „Elternschule“ zeigt, wie ganzheitliches Verhaltenstraining mit Psychotherapie und Erziehungscoaching funktionieren kann (8).

Und bitte, jetzt nicht zum Verschwörungstheoretiker werden und denken: Oh je, wie schrecklich, hier werden Eltern und Kinder absichtlich „abgerichtet“ mit dem Ziel, wieder ohne Gefühl Kriege führen zu können. Eltern, denen das Mitgefühl für ihre eigenen Kinder abtrainiert wurde, schicken ihre Kinder auch ohne Bedenken in den Krieg. Und Kinder, die sich nicht mehr wehren dürfen, weil sie in großer Not sind, da ihre Eltern aufgrund eigener Bindungsstörung mit ihnen keine gesunde Beziehung leben können, müssen alles Lebendige in sich aufgeben und unterdrücken. Sie werden zu gehorsamen Untertanen, die dann, wenn nötig auch blind in den Krieg ziehen, wenn es ihnen befohlen wird.

Und bitte kein Aufschrei — bitte, bitte nicht! Nicht auf die vollkommen irrsinnige Idee kommen, dass in dieser Klinik institutionelle körperliche und psychische Gewalt angewendet wird. Niemals würde es dafür Werbung in unseren Qualitätsmedien geben und auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht. Schließlich wissen alle, dass Kinder per Gesetz ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben und dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Also kann es überhaupt nicht sein, dass in einer deutschen Kinderklinik nicht sorgfältig darauf geachtet wird, dass dort keine Gewalt zum Einsatz kommt und selbstverständlich wird die Würde des Menschen geachtet.

Doch ein Säugling ist halt noch kein Mensch, dass muss doch endlich mal verstanden werden! Das sind so richtige Egoisten, da hat Dietmar Langer schon recht. Aus diesen Plagegeistern müssen erst noch Menschen gemacht werden. Mit Gefühlsduselei, wie zum Beispiel einer liebevollen Bindung, kommt man da nicht weit.

Dann werden nämlich aus egoistischen Säuglingen furchtbar trotzige, wütende und Eltern folternde kleine Terroristen. Wer ihnen das durchgehen lässt und nicht energisch diese alles zerstörende Kleinkindenergie unterbindet, dem fliegen bald die Bauklötze an den Kopf und noch schlimmer: Dessen Kinder werden zu einer echten Gefahr für unseren so wohlmeinenden Sozialstaat! Im schlimmsten Fall organisieren die sich später noch. Anfänge sind schon sichtbar, zum Beispiel bei der Demokratischen Stimme der Jugend. Die fordern doch tatsächlich ein freies Schulsystem — also das geht ja nun mal gar nicht (9).

Wer etwas anderes behauptet, wird zurecht Verschwörungstheoretiker genannt und glaubt, die Erde sei eine Scheibe.

Trailer: „Elternschule“


 


Persönliche Anmerkung:

Als Mutter und Omi habe ich viel Mitgefühl mit den Eltern, die in dieser Klinik Hilfe suchen! Ich weiß, wie es ist, Kinder zu haben, die nicht schlafen wollen, die schreien und sich nicht beruhigen lassen — ich kenne die Verzweiflung! Mein Sohn und meine Tochter hatten Neurodermitis — das war schlimm, für meine Kinder und für mich! Bei meinem Sohn wurde mir empfohlen, ihn mit 6 Monaten allein in eine Klinik an der Nordsee zu geben, damit ich mich mal erholen kann — das war für mich ein völlig verrückter Vorschlag einer wohlmeinenden Ärztin!

Zum Glück war ich nicht allein, meine Mutter hat mich damals sehr unterstützt — sie war für meinen Sohn da, wenn ich nicht mehr konnte! Ich weiß, viele Eltern haben so eine Unterstützung nicht — sondern fühlen sich alleingelassen, wissen nicht, warum ihr Kind so reagiert, wie es reagiert!

Heute weiß ich, warum meine Kinder eine Neurodermitis entwickeln mussten. Auch wenn es eine genetische Disposition gab, Traumata waren die Auslöser — und meine Kinder wissen das auch. Wenn Kinder so reagieren, wie es in dem Film gezeigt wird, dann liegt es nicht an den Kindern, sondern an einer Bindungstraumatisierung, die die Eltern und deren Eltern erlitten haben. Um das zu verstehen, empfehle ich den Vortrag von Prof. Franz Ruppert „Trauma, Angst und Liebe“ (10).

Als Eltern tragen wir keine Schuld daran, dass wir ein Bindungstrauma erlitten haben, doch es liegt in unserer Verantwortung, es nicht an unsere Kinder weiterzugeben. Und diese Verantwortung können wir zu jeder Zeit übernehmen, auch dann noch, wenn unsere Kinder schon erwachsen sind! Wobei es natürlich sehr viel hilfreicher und wichtiger ist, die Verantwortung so früh wie möglich zu übernehmen. Das erspart viel Leid und viel Kummer — für beide Seiten. Mein größter Wunsch ist, dass die Eltern, die ihre Kinder zur Behandlung nach Gelsenkirchen brachten, erkennen können, was sie da mit sich machen ließen und was ihren Kindern angetan wurde.

Mein Wunsch an Dietmar Langer ist, dass er seine eigenen „Täteranteile“ (vergleiche hierzu die Traumatheorie nach Prof. Franz Ruppert) erkennt, sich erinnert, was ihm als Kind passiert ist, und aufhört, Kinder und Eltern weiter in Traumatisierungen hineinzutreiben. Wenn ihm das gelingt, gehört ihm meine größte Achtung, weil ich weiß, wie schwer das ist!

Katharina Saalfrank ist das gelungen! Sie hat erkannt, in welchen „Täterstrukturen“ sie in der Sendung „Die Super-Nanny“ unterwegs war! Heute übernimmt sie dafür die Verantwortung und setzt sich mit Engagement für eine bindungsorientierte Begleitung von Eltern und Kindern ein! Katharina Saalfrank hat meine Hochachtung — weil ich diese Herausforderung aus eigener Erfahrung kenne!

Wenn wir unser Zusammenleben auf diesem Planeten verändern wollen, müssen wir aufhören, uns gegenseitig zu traumatisieren. Doch damit das gelingt, müssen wir offen und ehrlich miteinander sein, unser Opfersein erkennen und für unser daraus resultierendes Tätersein die Verantwortung übernehmen. Leicht ist das nicht — wahrscheinlich ist das die größte Herausforderung, vor der wir stehen, doch es geht! Und immer mehr Menschen haben auch die Bereitschaft dazu!

Eltern, die in Gelsenkirchen waren und sich bewusst darüber werden, welche Gewalt ihnen und auch ihren Kindern widerfahren ist, können sich gerne an mich wenden.


Quellen

  1. https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2018-07/ns-geschichte-mutter-kind-beziehung-kindererziehung-nazizeit-adolf-hitler
  2. https://m.focus.de/familie/erziehung/familie-kinofilm-elternschule-tausende-eltern-sind-entsetzt-ein-kinderarzt-schlaegt-alarm_id_9771653.html?fbclid=IwAR1uuAaNDBbl2w8i2XW–73lYw_YXjKH8rY97yZVraZoov_riztNN7VrG1Q
  3. https://www.kaenguru-online.de/themen/medien/elternschule-nichts-fuer-schwache-nerven.html?fbclid=IwAR1EqnA6-dW3AtkgwfDVJehDt1Bf4fAEU8PV3ZyoSESn2z_Me7Qa9qJb3sE
  4. https://www.unerzogen-magazin.de/download/?b=false&artID=439
  5. https://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/doku-elternschule-100.html
  6. https://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/ralf-buecheler-102.html
  7. https://www.zdf.de/verbraucher/volle-kanne/dokumentarfilm-elternschule-100.html
  8. https://www.ardmediathek.de/tv/kinokino/Der-Dokumentarfilm-Elternschule/BR-Fernsehen/Video?bcastId=14913678&documentId=56808536
  9. https://www.youtube.com/watch?v=c9dxEgGQhDk
  10. https://www.youtube.com/watch?v=WU344Ld3dOU

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Dieser Beitrag erschien am 20.10.2018 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse

Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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