Tagesdosis 24.7.2017 – Die da rufen nach Lynchjustiz

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Ein Sturm der Entrüstung tobt durch die Medien: Die 16jährige Linda W. aus Sachsen wird im Irak verhaftet. In ihrer Heimat hatte sie sich unbemerkt radikalisiert. Vor einem Jahr war sie über die Türkei nach Mossul eingereist – allein – um den mörderischen »Dschihad« zu unterstützen. Sie heiratete einen IS-Terroristen, wurde in den Trümmern verwundet. Nun, sagt das gefangene Mädchen einem Reporter, wolle sie nur noch nach Hause, weg vom Krieg, vom Elend, von der Zerstörung.

Was Linda W. selbst getan hat, ist unklar. Niemand weiß, warum sie, mitten im vermeintlichen Hort der Demokratie, das Verlangen fühlte, den IS-Terror zu unterstützen. Was verleitet eine 15jährige dazu, ihr Leben für eine mörderische Vision aufs Spiel zu setzen? Was läuft schief, wenn sich Kinder wie sie einem Mordkommando anschließen?

Das will der Mob gar nicht wissen. Er verlangt Rache. Er will lynchen. Das Mädchen nach Deutschland ausliefern und hier verurteilen? Dem Mädchen helfen, einen sinnvollen Weg in ihr Leben zu finden, das kaum begonnen hat? Nein!, ruft es in den Onlineforen. Selbst schuld sei sie. Und wenn sie im Irak zum Tode verurteilt werden sollte, sei das völlig in Ordnung. Dem Lynchmob reichen die Opfer des IS nicht. Er will mehr. Er schreit nach Autorität, nach härtesten Strafen. Er verlangt Tribut statt Aufarbeitung, Hilfe und Resozialisierung. Auch wenn er keine Ahnung von den Umständen hat.

Dass sich schon Kinder einer hoch militarisierten, raubenden, unterdrückenden, wie ein Konzern operierenden Todesarmee anschließen, ist ein Drama. Genauso fassungslos macht die Aggression, mit welcher sich moralisch erhaben Fühlende nach Vergeltung brüllen. Hängt sie alle!, schreien sie.

Eine ähnlich aggressive Stimmung beherrscht seit zwei Wochen die Berichterstattung zu den G20-Krawallen. Die Bild startet einen Fahndungsaufruf. Der Mob jubelt dem Springer-Blatt enthusiastisch zu. Würde da jemand selbst gern mit einer Kalaschnikow losziehen, um vermeintlich Erkannte zu richten?

Obwohl niemand weiß, wer die vermummten Zerstörer waren – immerhin haben bereits mehrere neofaschistische Gruppen ihre Teilnahme bekundet – ist der Feind erkannt: Linksextremisten. Die Antifa. Mit letzterer sei, schreibt ein Kommentator auf Facebook, »wie mit dem IS zu verfahren: Alle Anhänger sind zu vernichten«. Seit Tagen steht der Mordaufruf im Netz. Der Facebook-Konzern löscht lieber nackte Frauenbrüste.

Frei von aggressiven Gewaltfantasien sind auch Teile des Staatsapparats nicht. In Hamburg waren sie es nicht. Allein die Zahl der Polizeiangriffe auf Journalisten ist so groß, dass man nicht von Einzelfällen sprechen kann. Selbst ein Chefreporter der Bild zeigte sich schockiert darüber, wie Beamte Reporter massiv attackierten. Einem drohte ein Polizist: »Hau ab oder ins Krankenhaus!«

Die Liste ist lang: Ein Wassewerferstrahl zerstörte zwei Kameras von Stern-Reporter Jürgen Burkard; der Fahrer habe »herzlich gelacht«. Ein Berliner Fotograf, der seine Presseakkreditierung zeigte, bekam zur Antwort: »Ist mir scheißegal.«  Dann trat der Polizist zu. Beamte bedrohten Medienvertreter mit vorgehaltener Waffe. So taten sie es übrigens auch mit Sanitätern, die Verletzte versorgen wollten.

Die Videos im Netz sprechen für sich: Ein Polizist beugt sich über einen am Boden Liegenden und schlägt zu, sieben mal mit der Faust ins Gesicht. Ein Beamter nimmt Anlauf und tritt einem Sitzenden ohne ersichtlichen Grund gegen den Kopf. Polizisten prügeln mit Schlagstöcken auf einen Wehrlosen ein, der sich vor Schmerzen am Boden windet, einen anderen bearbeiteten sie fortgesetzt mit Stiefeltritten. Und so weiter.

Die massive Staatsgewalt ist bewiesen, selbst wenn sie Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz stoisch abstreitet. Doch sie stört offensichtlich wenige. Hysterisch sprechen die, die den Strick für eine 16jährige als gerecht empfinden, die Prügeljustiz des Staats auf der Straße heilig. Bayern hat dem Verlangen nach »voller Härte« stattgegeben: Gesetzliche Präventivhaft für potentielle Gefährder. Im Klartext: Unendliche Haft für jemanden, der noch gar nichts getan hat. Die Nazis nannten das in den frühen 30ern »Schutzhaft«. Mit diesem Ansinnen verschleppten sie Kommunisten und Sozialisten ins KZ Dachau, später nach Buchenwald.

Wer derart harte Staatsgewalt gegen Menschen fordert, ja, eine Art Lynchjustiz nach Gefühl, sollte nicht nur über mögliche Folgen für alle nachdenken. Er sollte sein eigenes Verhältnis zur Gewalt kritisch überprüfen. Und wer meint, dass der Staat auf dem linken Auge blind sei, wie es Springer und Co. pausenlos suggerieren, dem sei gesagt: In Hamburg überfiel die Polizei eine Demo, knüppelte wahllos drauflos, weil einige ihr Tuch vor Mund und Nase nicht lüften wollten. Im thüringischen Themar hingegen sah die Polizei jüngst seelenruhig zu, wie Hunderte Neofaschisten rhythmisch ihren Arm zum »Sieg Heil«-Gebrüll heben.

Etwas passt hier nicht. Vieles in dieser Gesellschaft scheint aus dem Ruder zu laufen. Vielleicht sollten wir einmal über systemische Gewalt und Verrohung nachdenken. Und über psychologische Folgen derselben in uns selbst. All die Rufer nach härtesten Strafen bei puren Verdacht mit ihrem offenkundigen Wunsch nach einem autoritären Regime inklusive Prügelpolizei und Lynchjustiz in Deutschland sollten sich fragen, warum sie genau das anderswo ablehnen.

Danke an den Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

Alle weiteren Beiträge aus der Rubrik „Tagesdosis“ findest Du auf unserer Homepage: hier.

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen

14 Kommentare zu: “Tagesdosis 24.7.2017 – Die da rufen nach Lynchjustiz

  1. Nachtrag: Selbsternannte Linke (Dummböller) zerstören PKWs von demokratisch gewählten Kandiaten…gut? Jede abeichende Meinung zu Israel oder betonierten Wahrheiten ist Nazi, AfD oder Faschist? Die Hasser der Deutschherkunft sind sowas von in! Wohin geht ihr Weg Frau LinksFaschistin?
    Das pseudowissenschaftliche Aufdröseln von unwerten Nachrichten nützt keinem. Das Gebrüll aus links angepinselten Lager ist wohlfeil. Statt der hechelnden Entrüstung wäre ein konstruktiver Beitrag der „Linken“ im Bundestag zur Befriedung der Volksseele ein Ansatz! Doofe Zwischenrufe sind zu unterlassen! Ich schäme mich, in Thüringen zur Landtagswahl die Linke gekreutzt zu haben, weil ich Familie habe und Deutscher bin, wie meine Kinder. Für meine Herkunft trage ich keine Schuld, vor allen vor keinem Opferrenter!!!!. Heute würde ich sie-Die Linke (die den Namen nicht verdient) lieber gekreuzigt sehen. Ein Haufen von Undemokraten und Hassidioten!
    Ja: Der Apparat bedient sich seiner Instrumente…doch die Linke sitzt im Bundestag…wofür, frage ich mich Frau Bonath! Für ein Geblöcke, sobald die AfD zur Sache antritt! Mehr ist nicht! Armseliger Verein!

  2. Eine Ergänzung der NachDenkSeiten, „Precrime-Gesetzgebung“ zunächst nur für Bayern, aber vielleicht bald auch in ihrem Theater:

    Das bayerische Gefährder-Gesetz. Wegsperren – diese Möglichkeit zielt auch auf aufmüpfige Menschen, auf den fortschrittlichen Teil unserer Gesellschaft insgesamt
    Veröffentlicht in: Audio-Podcast, Erosion der Demokratie, Innere Sicherheit

    Am 19. Juli hat der Bayerische Landtag ein Gesetz verabschiedet, das weitreichende Folgen haben wird. Sogenannte Gefährder können vorbeugend länger eingesperrt werden. Nicht nur 14 Tage wie bisher, sondern drei Monate und nach richterlicher Überprüfung auch mehr, unendlich, wie Heribert Prantl in seinem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung meint. Es bedarf keiner „konkreten“ Gefahr, sondern künftig nur einer „drohenden“ Gefahr. Das neue Gesetz betrifft nicht nur potentielle terroristische Anschläge von sogenannten Islamisten, sondern jeden Bürger. Der Bayerische Innenminister Herrmann bezog sich ausdrücklich auf die Ausschreitungen von „Extremisten und Chaoten“ beim G20-Gipfel in Hamburg. Sie finden unten im Anhang A. die einschlägige Pressemitteilung von Minister Hermann und ab B. einige Artikel mit weiteren Informationen zum Thema. Zunächst einige Gedanken zum Vorgang. Albrecht Müller.
    (…)
    2. Der Beschluss ist weitreichend, weil die Möglichkeit, Menschen wegzusperren, nicht nur solche Menschen betrifft, die hier als Flüchtlinge oder aus anderen Gründen zugewandert sind und hier leben und die man der Vorbereitung terroristischer Anschläge verdächtigt. Es können auch Menschen weggesperrt werden, die des Linksextremismus (oder des Rechtsextremismus) verdächtigt werden. Innenminister Hermann erwähnt die Proteste beim G 20-Gipfel. Wir wissen, dass zwischen friedlichem Protest und gewalttätigem Protest oft schwer zu unterscheiden ist, und dass aus polizeilicher Sicht die Grenzen fließend sein können.

    3. Das kann dann konkret bedeuten: Die neuen rechtlichen Möglichkeiten werden eingesetzt, um jene, vor allem junge, Menschen wegzusperren, die sich auf ihre Weise gegen die Zumutungen der neoliberalen Ideologie und Gesetzgebung wehren wollen, gegen Arbeitslosigkeit, gegen Ausbeutung, gegen eine forcierte Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich, in arbeitslos und in Arbeit.
    Wenn man gut hinhört und wenn man die Sensoren ausfährt, dann kann man in rechtskonservativen Kreisen und rechten Kreisen unserer Gesellschaft durchaus die Sorge spüren, dass die Zumutungen der ihnen eigenen neoliberalen Ideologie und Praxis in Protest und gewalttätigen Protest umschlagen könnten – wie in Griechenland oder in Spanien. Der bayerische Innenminister und sein im Landtag verabschiedetes Gesetz zielen darauf, diesen Kreisen ein besseres „Sicherheitsgefühl“ zu vermitteln. Von der Notwendigkeit, „das Sicherheitsgefühl der Menschen zu erhöhen“, ist in der Pressemitteilung des Bayerischen Innenministeriums die Rede.
    (…)
    5. Solche Gesetze sind Teil der Vorbereitung auf innere Auseinandersetzungen, notfalls auf den Bürgerkrieg. Sie gehören auf jeden Fall mit in das Repertoire, mit dem linker Protest und linke Bewegungen hierzulande und in Europa kleingehalten werden sollen. Das sind Vermutungen. Ich würde sie nicht äußern, wenn ich sie nicht für plausibel hielte.

    6. Die Reaktion auf den Beschluss des Bayerischen Landtags vom 19. Juli ist ausgesprochen leise. Es gibt keine Demonstrationen dagegen. Das liberale Bürgertum schweigt, wohlwissend, dass das neue Gesetz auch ihr Vermögen zu schützen hilft – so meinen sie zumindest.
    Weder der Spitzenkandidat der mit Frau Merkels CDU/CSU konkurrierenden SPD noch der Bundespräsident hat sich zu diesem Vorgang geäußert. Der Bundespräsident äußert sich zu Menschenrechts- und Rechtsverletzungen in der Türkei, zu deutlich sichtbaren Gefahren hierzulande schweigt er. Die Oppositionsparteien ducken sich weg.
    (…)
    8. Der Zusammenhang zur Flüchtlingspolitik ist eng. Erst offene Arme, dann Sorgen um die innere Sicherheit, und dann ein solches Gesetz, das es nicht nur möglich macht, gegen unkontrolliert eingewanderte Gefährder vorzugehen, sondern auch gegen den sich im Innern formierenden Protest des von der Agenda 2010, von Leiharbeit, von beruflicher Unsicherheit und Ausbeutung malträtierten Teils unseres Volkes.

    9. Das Gesetz aus München ist im Sinne der gesamten CDU und CSU. Es entspricht der dort gängigen Strategie, so breit wie möglich anzutreten: Merkel lässt die Ehe für alle laufen, Seehofer ist für die Flüchtlings-Obergrenze, er und sein Innenminister sorgen für das neue Gefährder-Gesetz. Und die Wählerinnen und Wähler können sich jeweils aussuchen, was in ihr Präferenzschema passt. Und die SPD meint, durch Schweigen Schaden von sich abwenden zu können. Da täuscht sie sich gewaltig.
    (…)
    c. SZ vom 19.7.2017
    19. Juli 2017, 18:50 Bayern
    Gefährder-Gesetz verschärft
    Personen, die keine Straftat begangen haben, aber im Verdacht stehen, dies zu tun, können in Zukunft präventiv in Gewahrsam genommen werden..

    Von Lisa Schnell

    Der Freistaat Bayern weitet die Rechte der Polizei gewaltig aus. Am Mittwoch beschloss das Parlament eines der schärfsten Gesetze zur Überwachung von gefährlichen Personen. Dabei geht es um Personen, die keine Straftat begangen haben, aber im Verdacht stehen, dies zu tun – wie sogenannte Gefährder. In Bayern können sie in Zukunft sogleich bis zu drei Monate präventiv in Gewahrsam genommen werden. Bisher galt eine Höchstdauer von zwei Wochen, die nun völlig aufgehoben ist. Alle drei Monate muss die Haft von einem Richter überprüft werden. Theoretisch können Betroffene so jahrelang im Gefängnis sitzen, ohne ein Urteil. Auch elektronische Fußfesseln für Gefährder sind Teil des Gesetzes. Damit weiß die Polizei immer, wo sich die Person aufhält, der sie einen Anschlag zutraut. Nähert sie sich nicht erlaubten Orten, löst die Fußfessel Alarm aus. Das neue Gesetz bezieht sich aber nicht nur auf mögliche terroristische Anschläge. Es betrifft jeden Bürger

  3. Haß

    Kann man einem erwachsenen Menschen, der weder Haß empfindet noch auf irgend eine Weise unbewußten Haß ausagiert, Haß einimpfen? Was wäre das für ein Mensch, dessen Leben völlig ohne Haß verläuft? Gibt es solche Menschen überhaupt? Und was ist das eigentlich genau, dieser Haß? Die deutsche Wikipedia, die man ja eigentlich nicht mehr zitieren sollte, zumindest, wenn es um aktuelle gesellschaftspolitische Zusammenhänge geht, meint dazu:

    Hass ist ein menschlicher Zustand scharfer und anhaltender Antipathie. Ausgehend von der Fähigkeit zu intensiven negativen Gefühlen wird der Begriff auch im übertragenen Sinne verwendet und steht allgemein für die stärkste Form der Abwendung, Verachtung und Abneigung. Die Motive des Hassenden können teils unbewusst sein, lassen sich in der Regel jedoch bewusst machen. Als Gegenbegriff in vergleichbarer Gefühlsstärke wird vor allem die Liebe angesehen. Hass entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können. Hass ist somit eine Kombination aus Vernunft und Gefühl. Die Vernunft ruft nach dem Ende der Verletzung und nach einer Bestrafung des Quälenden. Laut Meyers Kleines Lexikon Psychologie ist das Gefühl des Hasses oft mit dem Wunsch verbunden, den Gehassten zu vernichten. Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.

    Ist Haß damit wirklich korrekt und ausreichend beschrieben? Meines Empfindens nach begnügt sich der Wikipedia-Autor hier mit einer sehr oberflächlichen und mechanistischen Definition. Hier wird Haß u.a. als Resultat einer ausbleibenden Bestrafung eines anderen beschrieben. Aber gründet nicht bereits der Wunsch nach Bestrafung auf Haß? Mangelt es dem Wiki-Autor hier nicht an einem umfassenderen Verständnis für die Entstehung von Haß? Meinen Kenntnissen und vor allem meiner Erfahrung mit eigenen Haßgefühlen nach ist Haß immer und ohne Ausnahme in erster Linie Selbsthaß. Ohne Haß auf gewisse Bereiche des eigenen Selbst, die man schon früh gezwungen war, abzuspalten und ins Unbewußte zu verdammen, kann man keinen Haß auf andere projizieren. Haßt man etwa das Unwetter, dem man sich urplötzlich ausgeliefert sieht, oder den Hurrikan, der einem das Haus wegreißt? Oder haßt man den reißenden Fluß, in den man aus Versehen gefallen ist und in dem man gerade zu ertrinken droht? Vielleicht den Passanten, an dem man mit dem Rad so knapp vorbeifährt, daß eine kleine ausholende Armbewegung des Fußgängers zur Folge hat, daß man vom Rad fällt? Vielleicht im letztgenannten Fall, aber gegen Naturgewalten empfindet man gewöhnlich keinen Haß. Mit denen kann man sich nicht identifizieren, außer vielleicht man glaubt an irgendwelche außerirdischen Wesen wie Götter, Engel usw. von denen man sich bestraft fühlt. Aber das ist ein anderes Thema.

    Arno Gruen schreibt in seinem Buch Der Verlust des Mitgefühls: Generell glauben Menschen, sie seien frei in ihrem Denken, sie seien zu einem kritischen und »wissenschaftlich« begründeten Urteil fähig. Ganz besonders trifft dies auf Menschen zu, die sich einer als fortschrittlich geltenden Gruppierung oder einer Gruppierung mit revolutionärem Ideengut zugehörig fühlen. Doch bloße Zugehörigkeit schützt nicht davor, innerhalb vorprogrammierter Bahnen zu denken. Und es ist genau das verinnerlichte Leugnen des eigenen Opferseins, auf das wir programmiert sind. Programmiert deswegen, weil es von Generation zu Generation weitergegeben wird, ohne daß es denen, die es weitergeben, bewußt wird und ohne daß es von ihnen in Frage gestellt wird. Indem wir den Schmerz in uns einmauern, verschließen wir uns vor den wahren Opfern und bemitleiden die Täter. Selbstverständlich sind auch die Täter Opfer. Sie unterscheiden sich jedoch von ihren Opfern dadurch, daß sie ihr eigenes Opfersein am meisten hassen und am stärksten zurückweisen und daß sie andere zu Opfern machen müssen, um ihre eigene Existenz zu erhalten. Wenn es uns gelingt, die Täter als Täter zu erkennen, werden wir sie nicht bemitleiden. Dann werden wir auch merken, daß unser Mitleid ihnen nur dazu dient, ihr Selbstmitleid zu bestätigen, mit dem sie die von ihnen begangenen Taten rechtfertigen. Wahres Mitgefühl bedeutet nicht, den Täter in seiner Selbstgerechtigkeit zu bestärken; wahres Mitgefühl bedeutet vielmehr, zu erkennen, daß der Weg zu wahrer Menschlichkeit zurückgehen muß zu einer Konfrontation mit dem eigenen, vergangenen Leid.

    In ihrem Buch Die Narben der Gewalt schrieb Judith Lewis Herman im Jahr 1993 über traumatische Erfahrungen, daß das Erforschen psychischer Traumata im Grunde der Unterstützung politischer Bewegungen bedürfe, denn die Erforschung traumatischer Erfahrungen im sexuellen und häuslichen Bereich sei nur in einem solchen Umfeld legitim, das die Unterordnung von Frauen und Kindern in Frage stellt. Das bedeutet, daß man die traumatischen Erfahrungen nicht wirklich wahrnehmen kann, so lange man die strukturellen Rahmenbedingungen, unter denen Frauen und Kinder zu Opfern gemacht werden, nicht spürt. Den meisten Menschen, mit denen ich versucht habe, über die strukturelle Gewalt unserer Gesellschaft zu sprechen, waren gar nicht erst in der Lage, mir zu folgen, denn sie glauben, Gewalt existiere lediglich in Form körperlicher Übergriffe. Man rät ja bereits Kindern in der Schule, nicht aggressiv oder gewalttätig zu werden, nur weil man sie beschimpft oder beleidigt habe, das tue ja nicht weh, das sei ja keine Gewalt, die Gegengewalt rechtfertige. Damit ignoriert man nicht nur den Schmerz der betroffenen Kinder, nein, man redet ihnen zudem ihre eigene Wahrnehmung aus, so daß sie den Schmerz in Zukunft zwar noch empfinden, aber nicht mehr als solchen wahrnehmen dürfen. So entsteht durch die Nicht-Anerkennung einer Verletzung gerade durch jene, denen man doch eigentlich vertraut, Selbsthaß auf die eigene Schmerzwahrnehmung. Das Kind, insbesondere das männliche, verurteilt sich selber als schwach und minderwertig, wenn es immer wieder Schmerz empfindet, der nicht als solcher anerkannt wird. Doch auch bei körperlichen Schmerzen, wenn ein kleines Kind hinfällt und sich z.B. das Knie aufschrammt, reagieren viele Eltern abwehrend: Das sei doch nicht so schlimm, das Kind solle sich nicht so anstellen, gleich wieder aufstehen und weitergehen heißt die Devise. Das Kind hat gar keine Zeit dazu, diesen Vorgang des Hinfallens mit dem Resultat der Verletzung richtig wahrzunehmen und zu verarbeiten.

    Eigentlich bräuchten wir dringend eine starke politische Menschenrechtsbewegung, die darauf dringt, sich um diese von der öffentlichen Meinung kaum wahrgenommenen Belange ins Bewußtsein der Menschen zu bringen. Denn ohne einen Gegenpol zum allgegenwärtigen narzißtischen Ellenbogenbewußtsein gewinnt wohl die Verdrängung die Oberhand über die aktive Auseinandersetzung mit dem Geschehen – mit den Folgen weiterer und tiefergehenderer Verleugnung, Verdrängung und Dissoziation.

    Wie aber soll sich eine solche Bewegung überhaupt bilden können, wenn selbst im Bewußtsein aufgeklärter Intellektueller kein Raum für das eigene Opfersein existiert? Die Notwendigkeit, uns der traditionellen Autoritätsstrukturen endlich zu entledigen, kann man erst gar nicht erkennen, wenn man nicht einmal die eigenen destruktiven Strukturen wahrzunehmen bereit ist. Nahezu alle Menschen glauben fest daran, sie seien durch und durch autonome, selbst denkende und fühlende Individuen, die weder durch Produktreklame noch durch Propaganda, weder durch die öffentliche Meinung noch durch die Massenmedien beeinflußbar seien. Wenn, dann sind es immer die anderen, denen diese Schwächen eignen. Es gehört heutzutage fest zum eigenen Selbstverständnis, zur gesellschaftlichen Rolle, nicht nur keine Schwächen zu zeigen, sondern davon überzeugt zu sein, keine zu haben. Widersprechende Annahmen könnten dieses Selbstverständnis schwer erschüttern; andere könnten dann womöglich die Pickel unter dem sorgfältig aufgetragenen Make-Up sehen, die Maske wäre verrutscht {1} oder bekäme häßliche Löcher, und die mit viel Sorgfalt aufgebaute und gepflegte Rolle, die man gewöhnlich mit dem eigenen Ich gleichsetzt, wäre unglaubwürdig geworden. Man würde sich zudem dem Haß all jener aussetzen, die noch fest mit ihrer Rolle, mit ihrer Maske verbunden scheinen. Das ist keine Erfindung, sondern blanke, entsetzliche Realität: Wer sich nicht mehr an die üblichen Rollenspiele hält, wird ausgegrenzt, gemieden, gemobbt, beleidigt und nicht selten auch körperlich angegangen, manchmal sogar getötet.

    Die Angst, sich all diesen Konsequenzen auszusetzen, hält die Menschen wirkungsvoll davon ab, einen solchen Gedanken auch nur in Erwägung zu ziehen. Doch ist das nicht die größte Angst, denn die ist weitgehend unbewußt. Wer sich einmal dazu entschieden hat, sich seinen inneren Ängsten und seelischen Verstrickungen zu stellen und sie aufarbeiten will, wird unweigerlich weitaus größeren Ängsten als den oben beschriebenen begegnen. Diese tieferliegenden Ängste sind um ein Vielfaches mächtiger und gewaltiger als jene, welche das aktuelle Umfeld in einem Menschen auszulösen in der Lage wäre, denn sie entstanden zu einer Zeit, als der ganz junge Mensch noch nicht sprechen oder denken konnte. Es handelt sich um aus Sicht des Säuglings oder Kleinkinds so gewaltige Furcht, daß es daran sterben würde, wenn es ihm nicht gelänge, diese Furcht und die auslösenden Selbstanteile abzuspalten und so tief wie nur möglich zu begraben.

    Wer hat nicht schon auf der Straße oder in der Straßenbahn beobachtet, wie junge Mütter ihre kleinen Kinder forsch zurechtweisen, wenn diese sich nicht still und »anständig« verhalten, oder sie sogar in aller Öffentlichkeit züchtigen? Da mischt sich niemand ein. Warum nicht? Weil man gelernt hat, daß es einen nichts angehe, das sei privat. Ich hab das schon ein paarmal gemacht. Einmal fuhr ich eine Mutter an, die ihrem vielleicht dreijährigen Kind, nachdem es sich nicht beruhigen wollte und weiter heulte, eine Ohrfeige verpaßte, worauf das Kind noch lauter schrie. Als empathischer Mensch konnte ich gar nicht anders als Partei für das Kind zu ergreifen und die Mutter zu fragen, ob sie denn wirklich glaube, daß das Kind ruhiger würde, wenn man ihm Schmerz zufüge? Die junge Frau herrschte mich an, ich solle mich raushalten, sonst würde ich auch eine fangen. Ich ließ mich davon nicht beirren und fragte, warum sie ihre kleine Tochter nicht einfach in den Arm nähme. Daraufhin nahm die junge Frau ihr Smartphone aus der Tasche und entgegnete: »Ich rufe jetzt die Polizei, Sie belästigen mich hier, und dafür gibt es genug Zeugen.« Mein letzter Versuch bestand dann darin, mich an die Fahrgäste in der unmittelbaren Nähe zu wenden und zu fragen, ob sie denn damit einverstanden wären, wie diese Frau ihr Kind behandle. Man kann nicht sagen, daß keine Reaktion erfolgte, doch bestand die fast ausnahmslos in demonstrativem Wegschauen, abgesehen von zwei jungen Männern, die mich herausfordernd und aggressiv anstarrten. Ich mußte nun befürchten, selbst zum Opfer zu werden und habe mein Ansinnen aufgeben. An der nächsten Haltestelle bin ich dann schleunigst ausgestiegen.

    Die meisten Eltern, Mütter oder Väter würden sich vermutlich nicht so dermaßen in der Öffentlichkeit entblößen, denn sie wollen das gute, wohlmeinende Bild, das sie von sich selbst als Eltern haben, unter allen Umstsänden aufrechterhalten. Indem wir unsere Augen vor Gewalttätigkeit verschließen, fördern wir sie. Gleichgültigkeit und Angst vor wahrem Schmerz bewirken, daß wir diesen immer weniger wahrnehmen. Sonst müßten wir ja etwas tun. Aber Verantwortung übernehmen erzeugt Angst, und so bleiben wir lieber gleichgültig. Wer traut sich denn schon, was zu sagen, wenn Eltern ihr Kind auf der Straße demütigen, es bloßstellen? Kinder brauchen strenge Eltern, sagen wir uns dann. Das Kind aber schämt sich und fängt an, seinen eigenen Schmerz zu vergessen, aus Angst, den Eltern nicht zu genügen.

    Wenn das Leiden an unserem frühen Opfersein unterdrückt werden muß, wird das Mitgefühl zum nächsten Opfer. An seinen Platz tritt das Selbstmitleid, von dem wir uns Rettung vor einem verstümmelten Menschsein erhoffen. Selbstmitleid rettet uns auf zweierlei Art: Zum einen »schützt« es uns davor, unser wirkliches Leid und unseren wirklichen Schmerz wahrzunehmen, insofern, als wir uns statt dessen selbst bemitleiden, weil unser Rollenspiel nicht genügend gewürdigt wurde. Zum anderen bewirkt unser Selbstmitleid eine Art Selbstliebe, einen Narzißmus, der uns vor dem Schmerz des Nicht-Geliebtwerdens ebenfalls »schützt«. Dieser Narzißmus – von der klinischen Literatur verkannt und als unwürdige Selbstliebe geschmäht – sichert jedoch unser psychisches Überleben: Denn ein Kind kann den Schmerz und das Leid, die ihm angetan werden, nur dadurch ertragen, daß es sie ins Gegenteil verkehrt, sie also verneint und fortan so tut, als ob die Welt heil sei. Narzißmus ermöglicht Geliebtwerden in Form von Selbstliebe, die sich danach richtet, wie gut wir die Rolle des oder der Angepaßten spielen, wie »richtig« wir uns verhalten haben.

    Die Geschichte unserer Kindheit ist deshalb nicht nur die Geschichte der Verleugnung unserer Kinder, sondern auch die Geschichte der Weitergabe des Hasses auf den eigenen Schmerz, auf das Opfer in uns, das uns wertlos macht. Da unser Sein von Haß auf unser Opfersein wesentlich bestimmt wird, ist die Geschichte unseres Menschseins über die vergangenen 6000 Jahre hinweg eigentlich die Geschichte der Unterdrückung des Mitgefühls. Aus der Unterdrückung des Mitgefühls entwickelt sich aber jenes Bewußtsein, das Gewalt und Zerstörung legitimiert.

    Zum Ziel des Lebens wird dann die Eroberung dessen, was außerhalb der Grenzen des eigenen Selbst liegt, das In-Besitz-Nehmen von Lebewesen oder Dingen. Diese nach außen gerichtete Handlung fungiert quasi als »Fluchthelfer« vor der Konfrontation mit dem eigenen verletzten Selbst. Statt sich selbst ganz zu besitzen, werden äußere Dinge oder andere Personen in Besitz genommen – wobei das Besitzen-Wollen eine Eigendynamik entwickelt, da es Erleichterung verschafft. Der amerikanische Dramatiker und Nobelpreisträger Eugene O’Neill brachte seine Kritik an den Amerikanern auf den gleichen Nenner: Sie seien immer darauf ausgerichtet, etwas außerhalb ihrer selbst zu besitzen, um in den Besitz der eigenen Seele zu kommen. Damit erfaßte er genau das Defizit, das aus der Entwertung des eigenen Selbst entsteht und das man vergeblich mittels des Besitzens von äußeren Objekten zu füllen trachtet.

    Dank an Annette für das Stichwort HASS, das mich zu diesem Beitrag angeregt hat:
    Der aufgestaute Hass richtet sich gegen sich selbst, indem man gegenüber seinen Mitbürger hasserfüllt vor geht, denn nie wird der Grund dafür gesucht, doch wenn es einen gibt, dann ist er nur beim Anderen zu finden.

    {1} Schwoißfuaß: https://www.youtube.com/watch?v=KAuZk8vr99k&list=PLS5bkOOGHMNgA1XUhRvI6XaElw15pKUoX

    • Menschenrechtsbewegung?
      Die Voraussetzung für jegliche Moral/Ethik sind Urteile. Jedes Rechtssystem beruht auf Moral. Allein die Moral entscheidet, was Haß ist. Recht ist immer das Recht des Stärkeren, denn nur dieser kann Recht auch durchsetzen.
      Jedes Urteil und daher jede Moral ist ein Herrschaftsanspruch, ein Besitzanspruch.
      Menschenrechte sind eine moralische Kategorie, die Versachlichung und in Folge die Entmenschlichung des Menschen.

      Liebe braucht keine Rechte, auch und gerade keine Menschenrechte. Liebe ist loslassen, _nicht_ festhalten. Der haßerfüllte Menschen kann nicht loslassen.

    • Außer „oh je oh je“ fällt mir zu deiner Antwort absolut gar nichts ein. Bei welcher rechten Organisation sagtest du, daß du arbeitest?

    • Soso, ich bin jetzt ein Rechter?
      Sind nicht eher diejenigen immer im Recht, die Recht mit Gerechtigkeit verwechseln?

      Naja, abstraktes folgerichtiges Denken ist in der Tat jedenfalls nicht Deine Stärke…

  4. Wer in Plinsdorf, in Sachsen, oder wie das Kaff hiess aus dem sie stammt, aufwachsen muss, für den kann sogar der Dschihad attraktiv erscheinen. Man kann das verstehen.
    Dass in deutschen Medienlandschaft da kein kein angemessener Artikel zum Leben des armen Mädchen erscheinen kann, sollte einen nicht wundern. SPON war mal wieder einsame Spitze was die Qualität angeht…

    In einem zivilisierten Land hätte man einem Mädchen in ihrer Lage, einen neuen Namen in einem neuen Umfeld angeboten und die jetzige Diskussion wäre gar nicht erst entstanden.

    Aber dann… Ein zivilisiertes Land würde auch nicht alle Waffen die es nur herstellen kann, so schnell und profitabel als nur möglich in Kriegsgebiete liefern, und die Armee eines zivilisierten Landes hätte die Aufgabe im Verteidigungsfall bereit zu stehen, und nicht politisch opportun zur Unterstützung von Verbrechern im Rest der Welt mitzumorden.

    Aber dann, Regierungen treffen Entscheidungen und wieder bewahtheitete sich eine alte Weisheit: Jedes Volk hat die Regierung die es verdient!

    • Um bei Wortbedeutungen, Unkenntnis derselben und somit weitgehend beim Artikelthema zu bleiben: Wir leben größtenteils in zivilisierten Ländern. Zivilisation ist die eine Seite der Medaille, die anderen wird gewöhnlich mit dem Begriff »Barbarei« symbolisiert und meint damit gewöhnlich »primitive Völker«, denen man automatisch hohe Gewaltbereitschaft unterstellt. Das dies keineswegs zutrifft, hat bereits 1975 der Neuropsychologe James W. Prescott darzustellen versucht darzustellen. Ich stimme nicht in allen Belangen mit Prescott überein, schätze aber seine tabellarische Darstellung aggressiver bis weitgehend aggressivloser Völker: http://www.scireview.de/prescott/article-d.html

      Als Zivilisation wird eine menschliche Gesellschaft bezeichnet, bei der die sozialen und materiellen Lebensbedingungen durch technischen und wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht und von Politik und Wirtschaft geschaffen werden. Allgemeingültige Kennzeichen für Zivilisationen sind die Staatenbildung, hierarchische Gesellschaftsstrukturen, ein hohes Maß an Urbanisierung und eine sehr weitgehende Spezialisierung und Arbeitsteilung. (Wikipedia)

      Als Gegenstück zur Barbarei bedeutet uns der Zivilisationsbegriff aber auch sorgfältigen Umgang miteinander, Mitgefühl für den Mitmenschen, allgemeine Hilfsbereitschaft und Gestaltung eines Umfeldes, in dem Menschen sich generell wohlfühlen. Trifft das tatsächlich auf heutige oder auch vergangene Zivilgesellschaften zu? Ich fürchte, diese Frage kann man nicht wirklich bejahen, wenn man die Geschichte der Zivilisationen seit ihren Anfängen vor vielleicht 7000 Jahren kennt. Aus Sicht der oberen Klassen war und ist Zivilisation mit Sicherheit etwas Wunderbares, denn sie bietet ihnen allen nur denkbaren Komfort. Für jene große Mehrheit aber, die diesen Komfort für die Oberen erarbeiten mußten und auch heute noch müssen, ohne selbst in seinen Genuß kommen zu können, stellt sich das anders dar. Doch zuerst einmal: Woher kommt der Begriff eigentlich?

      Die Barbarei (auch das Barbarentum genannt), abgeleitet vom griechischen Wort βάρβαρος, bárbaros für nicht (oder schlecht) Griechisch und damit unverständlich sprechende Völker, bedeutet umgangssprachlich so viel wie ungezügelte Rohheit (siehe auch Vandalismus). (Wikipedia)

      Das heißt, der Begriff des Gegenpols zur Zivilisation, das Barbarentum, wird stets mit rauen Sitten und hoher Gewaltbereitschaft gleichgesetzt. Schauen wir uns die Gewaltbereitschaft der großen vergangenen Zivilisationen wie die der Griechen, Römer, aber auch die ägyptische oder die chinesische Zivilisation näher an, finden wir dort immer und ohne Ausnahme äußerst hohe, ständig drohende und häufig auch ausgeführte Gewaltbereitschaft. Und auch unsere heutigen „modernen“ – oder wie ich gerne paraphrasiere, modernden – Zivilisationen weisen eine immens hohe Gewaltbereitschaft auf, innerhalb der jeweiligen Gesellschaften ebenso wie nach außen gerichtete. Da verhielten sich so manche angeblichen „Barbarenvölker“ häufig weitaus friedvoller als als alle Zivilisationen zusammen.

      Aus meiner Sicht stellt der Zivilisationsbegriff daher lediglich eine Blendgranate dar, ein unerfülltes Ideal, das dem heutigen wie schon dem damaligen Zivilisationsbewohner suggerieren soll, daß seine Gesellschaft die bessere, wertvollere, ethisch und moralisch anspruchsvollere sei. Der Barbarenbegriff dagegen diente und dient auch heute noch vorrangig der Rechtfertigung gegen Andersartige, gegen Schwächere und vermeintlich Primitivere. Es ist ganz ähnlich wie mit der christlichen Religion und ihren zehn Geboten: Ob christliche Kirchengemeinschaften oder Regierungen, stets führen sie christliche Bekenntnisse auf den Lippen, ohne sich in ihren Handlungen auch danach zu richten. Lippenbekenntnisse sind Heucheleien, um den Schein zu wahren, sind Pose und Schauspielerei, um sich und andere vor der Erkenntnis zu schützen, selbst die brutalen und herzlosen Barbaren-Monster zu sein, die man in anderen zu bekämpfen vorgibt.

      Es gibt keine und es gab meiner Kenntnis nach niemals eine Zivilisation, welche diesem Begriff innewohnende Zuschreibungen auch tatsächlich aufwies. Der Anthropologe Stanley Diamond (1976) meinte: Überall dort, wo eine Zivilisation aufkommt (…), setzt die rätselnde Suche danach ein, was abgebaut wurde, die Suche nach verschiedenen Möglichkeiten, Mensch zu sein, die Suche nach dem Primitiven.

      Der hier verwendete Begriff »das Primitive« sollte uns aber nicht irreführen, er hat wenig oder nichts mit »primitiv« zu tun.

      Wir haben Völker, die mit diesem Wort charakterisiert wurden, mindestens ein Jahrhundert lang mehr oder weniger systematisch untersucht (…) Das Wort »primitiv« ist meiner Ansicht nach der entscheidende Terminus der Anthropologie, der Dreh- und Angelpunkt des Untersuchungsfeldes, doch entzieht er sich der Definition, da er eine Reihe von miteinander zusammenhängenden gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen, geistigen und psychischen Bedeutungen vereint, sie jedoch nie völlig trifft. Das heißt, mit »primitiv« werden eine bestimmte Geschichtsebene und eine bestimmte Kulturform bezeichnet (…) Diese Kulturform wird durch die Zivilisationsprozesse beständig verdeckt oder abgebaut, und dies weitaus einschneidender, als wir gewöhnlich anzuerkennen willens oder in der Lage sind; infolgedessen ist das Bild einer identifizierbaren, über die Kulturen hinweg vor jeder Zivilisation bestehenden, ja sogar im vornherein gegebenen Chance des Menschen praktisch aus unserer Vorstellungswelt verschwunden. Der unnachgiebige Kulturrelativismus, der Kulturdeterminismus und der gesellschaftswissenschaftliche Szientismus sind zum Teil und jeder auf seine Weise Rationalisierungen einer Zivilisation, die vergessen hat, welche Fragen sie sich selbst zu stellen hat (…) Die Suche nach dem Primitiven ist der Versuch, eine ursprüngliche Möglichkeit des Menschen zu definieren (…) Ohne eine Anthropologie, die darauf gerichtet ist, den Charakter der menschlichen Natur wiederzuentdecken, wird zum Beispiel die medizinische Wissenschaft durchaus bestehen bleiben, die Kunst des Heilens jedoch absterben. Das Heilen nämlich ergibt sich aus der Einsicht in primäre, »vorzivilisatorische« menschliche Prozesse; sie setzt ein Wissen über das Primitive, einen Sinn für das minimale Menschliche, einen Sinn für das voraus, was wesentlich dafür ist, daß der Mensch Mensch ist (…) Um uns selbst zu verstehen und in diesem Zeitalter abstrakter Schrecken heilen zu können, müssen wir den Sinn für die Totalität und die Unmittelbarkeit des menschlichen Erlebens wiedergewinnen (…) Die Geschichte ist das Maß unserer Fähigkeit, die Verbindung zwischen Mensch und Mensch, der Schlüssel zu uns selbst.

      Es gäbe an dieser Stelle noch weitaus mehr zu berichten und zu berücksichtigen, z.B. die zunehmende Entfremdung des in Städten lebenden Menschen, die seit Tausenden Jahren vorherrschende hierarchische und somit autoritäre Struktur der Zivilisationen, sowie die zunehmende Schädigung der Natur und des Planeten durch die hemmungslose Ausbreitung der Zivilisationen, wie sie heute zu beobachten ist.

  5. Der aufgestaute Hass richtet sich gegen sich selbst, indem man gegenüber seinen Mitbürger hasserfüllt vor geht, denn nie wird der Grund dafür gesucht, doch wenn es einen gibt, dann ist er nur beim Anderen zu finden.
    Der Mob ist verdummt,er lebt eher sein Muskel-Dasein, weil der IQ klein aus fällt.
    Die Ignoranten unserer wahren Gesellschaft, ist genauso wenig bereit Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, man müsste ja ehrlich werden und das tut weh!
    Die Gewaltbereitschaft hat sich gesteigert, so wie die Bildung gleichermaßen sank.Weder Eltern noch Lehrer taten etwas dagegen, die Gleichgültigkeit,, das Haschen nach mehr, hat viel Verstand gekostet, was politisch genutzt wird.
    Dein Feind die Polizei=dein Feind der Bürger! Beide Seiten sind Idioten und lassen sich ausspielen…so lange bis der Volksaufstand, Seehofer Gefängnisse baut, weil es sie voll bekommen möchte?
    Der Wähler wählt die Gewalt, sie wird ihm auf dem Teller serviert…, dagegen schreiben…allmählich muss man sich dabei ebenso dumm vor kommen, denn damit erreicht man nichts..Der Zug ist abgefahren, Handlungen zählen, die gab es kaum, welche wären auch möglich gewesen????
    Versagen auf ganzer Flur,durch geistig Minderbemittelte sowie auch klugen Köpfen, bei denen es aber auch nie zu einer Abwehr reichte!

  6. Was die G20 Demo betrifft, sollte sich jeder den von DEUSSEMPERMAJOR verlinkten Dokumentarfilm über Genua2001 auf
    „Statement zu Hamburg“ ansehen. Danach ist mir erst richtig klar geworden, wie genau solche Demos gelenkt werden und was das in Hamburg wirklich war. Damit Hamburg die Leute nicht zu sehr an Genua erinnern könnte, hat man die vielen verletzten Polizisten dazugemogelt.

  7. Super, Frau Bonath.

    Ich hab mich generell bei Tagesdosis weitgehend rausgehalten.

    Beim ersten Mal habe ich etwas kritisch-konstruktives geschrieben.

    Und jetzt möchte ich auch etwas mitteilen, denn diesen Beitrag finde ich sehr gut, denn: gerade die Beschreibung härtester Bilder, die leider auch Realität sind -im Zusammenspiel mit der Fragestellung „Warum Doppelmoral bei anderen Ländern?“ das ist toll. Das wird einige Menschen erreichen. Da bin ich sicher.

    Ich glaube wirklich, jede Tagesdosis wird ihren Weg finden.

    Und es ist toll, dass Sie auch regelmäßig dazu beitragen.

    Denn gerade kritische Stimmen, die zum Nachdenken anregen, die braucht es bei aufgeheizter Stimmung besondern.

    Großes Lob an Sie, Frau Bonath.

    Vielen Dank für diese Tagesdosis.

  8. Hass bringen, jeden Tag wieder, IS als Terroristen, Musleme die verstehen wie das Westen sich benimmt, seit Hunderte von Jahren, radikalisiert nennen, es hat seine Folgen.
    Victor Klemperer, ‘I will bear witness, A diary of the Nazi years, 1942-1945’, New York 1999
    Dieses Buch einer deutschen Jude, er wohnte in Dresden, lässt sehen das Goebbels weniger Erfolg hatte.

Hinterlasse eine Antwort