Tagesdosis 24.9.2019 – Heiße Luft um den heißen Brei (Podcast)

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

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In Indien denken 71% der Bevölkerung, dass die Erderwärmung hauptsächlich menschengemacht ist, in den USA (38%) Norwegen (35%) und Saudi-Arabien (35%) sind es nur etwa halb soviel. Da die beiden letzteren ihren Reichtum allein dem Öl verdanken, mag verständlich sein, dass sie lieber wegschauen, wenn es um die Folgeschäden ihrer Einkommensquellen geht; in Indien hingegen, wo in  den letzten Jahren Temperaturen von mehr als 50 Grad erreicht wurden, sieht man das deutlich anders. Dass in den USA (6%) und Saudi-Arabien (5%) auch die meisten Menschen leben, die einen Klimawandel grundsätzlich abstreiten oder denken, dass menschliche Aktivitäten auf das Klima keinerlei Einfluss haben (9% bzw. 7%), ist wenig überraschend: die „Klimaskepsis“ ist ein PR-Produkt von „Big Oil“. Und sie  war sehr erfolgreich und hat dazu geführt, dass seit den 1980er Jahren so gut wie Nichts geschehen ist, um die Emissionen von Treibhausgasen zu reduzieren. Im Gegenteil: 1992 einigte sich der „Erdgipfel“ in Rio, die damals 22.000 Millionen Tonnen CO-2 pro Jahr bis 2012 auf 21.000 Mio. zu reduzieren, mit dem Ergebnis, dass es 2013 dann 35.000 Mio. Tonnen waren. Was nicht wundert, denn die Fossilindustrie wurde (und wird)  mit Milliarden Dollar subventioniert. Da gleichzeitig einer der wichtigsten CO-2-Fänger des Planeten – die Regenwälder – weiter systematisch abgeholzt und brandgerodet werden –  um eine Fläche etwa in der Größe Deutschlands, per anno! – wirkt sich dieser 30-prozentige CO-2-Zuwachs noch deutlich ungünstiger auf die Atmosphäre aus als die Steigerung um etwa ein Drittel anzeigt. Und ein Ende des Zuwachses ist noch nicht in Sicht, weshalb die Einhaltung der Beschlüsse des Gipfels von Paris 2015, nach denen etwa die EU bis 2030 40% weniger Treibhausgase produzieren will als 1990, schon jetzt äußerst fragwürdig ist. Und selbst wenn das gelänge – und tatsächlich könnte zum Beispiel Deutschland bis 2035 CO-2- neutral werden, wie der Energieprofessor Volker Quaschning in diesem Interview überzeugend darlegt – wäre das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn die Emissionen in anderen Ländern weiter steigen. Eine rasche  Decarbonisierung des Planeten kann nur mit weltweiten Anstrengungen gelingen, was man im Prinzip seit den 80er Jahren weiß, aber bei den Gipfeltreffen in Rio, Kyoto und Paris viele Lippenbekentnisse doch global keine realen Reduktionen gebracht hat.

„Ja aber CO-2 spielt doch für das Klima überhaupt keine Rolle, weil es nur einen winzigen Bruchteil der Atmosphäre ausmacht“,  flötet mir da ein  „Skeptiker“ ins Ohr, „Wasserdampf und Wolken sind viel wichtiger für den Treibhauseffekt als CO-2.“  Das stimmt, aber Wasserdampf bleibt nicht 120 Jahre in der Atmosphäre wie CO-2, er kann auf Temperaturschwankungen schnell reagieren und er ist auch nicht die Ursache der Erwärmung, sondern eine Folge: die Temperatur bestimmt, wieviel Wasser in der Atmosphäre ist und nicht umgekehrt. CO-2 hingegen ist trotz seines minimalen Anteils an der Atmosphäre für 20-30 Prozent des Treibhauseffekts verantwortlich und dies, weil es kumuliert, mit steigender Tendenz. Es ist also in Sachen Erderwärmung sinnvoll und angeraten, die anthropogenen CO-2-Emissionen durch Verbrennung fossiler Rohstoffe drastisch herunter zu fahren, auch wenn das allein keinesfalls ausreicht. Deshalb hatte ich unlängst  hier schon geschrieben:

„Wer von Ökologie spricht, kann vom Kapitalismus nicht schweigen. Das werden, so meine Hoffnung, auch die “Fridays for Future”-Kids checken wenn sie weiter nachdenken und nicht in die “Klimafalle” tappen und sich nur um CO-2 kümmern. Denn das kann nur Mittel zum Zweck sein. Das eigentliche Ziel – den Planeten friedlich bewohnbar zu halten – kann nur erreicht werden, wenn der kapitalistische Zwang zu ewigem Wachstum überwunden wird und damit auch der permanente Krieg um immer knapper werdende Ressourcen. Ohne dieses “Reset” bleibt auch eingespartes CO-2 nur heiße Luft.“

So wie das neue „Klimapaket“ der Regierung, das niemandem weh tun soll. Oder das Verbot von Plastiktüten im Supermarkt, wo Äpfel aus Südafrika, Erdbeeren aus Marokko usw. natürlich weiter erlaubt sind. Oder heiße Luftbuchungen mit neuer CO-2-Steuer hier und fortgesetzter Kohle-Subvention da. Oder keinesfalls die Benzinsteuer erhöhen – Gelbwestengefahr! – aber den e-Auto-Hype fördern. Oder, oder, oder… So wird das nichts mit dem „Reset“. Denn genauso wenig wie es „marktkonforme“ Demokratie geben kann, kann es marktkonformen Klima-und Umweltschutz geben. Das ist der heiße Brei, um den die Regierungen noch herumtanzen, wenn sie ein bißchen CO-2-Kosmetik verordnen, den Vandalismus des Kapitals und die Barbarei der Märkte aber unbeirrt weiter laufen lassen….

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Mathias Bröckers schrieb zuletzt „Newtons Gespenst und Goethes Polaroid – Über die Natur“ . Am 2. Juli ist sein Buch  „Don’t Kill The Messenger – Freiheit für Julian Assange“ im Westendverlag erschienen.  Er bloggt auf broeckers.com

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Bildhinweis: BK foto / Shutterstock

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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