Tagesdosis 25.5.2020 – Die neue Weltmacht: Der digital-finanzielle Komplex

Ein Kommentar von Ernst Wolff.

US-Präsident Eisenhower hat in seiner Abschiedsrede 1961 vor den Verflechtungen und Einflüssen des militärisch-industriellen Komplexes in den USA gewarnt. Er gebrauchte damit einen Begriff, den zwei amerikanische Soziologen 1956 geschaffen hatten, um die engen Verbindungen zwischen Militär, Politik und wirtschaftlichen Eliten in den USA zu verdeutlichen.

Tatsächlich hatten sowohl die großen Industriekonzerne als auch die Rüstungsunternehmen in den 50er Jahren einen gewaltigen Aufschwung erlebt, der bis in die Mitte der 70er Jahre anhalten sollte. Dann aber änderte sich das Bild. Mit dem Ende des Nachkriegsbooms begann eine neue Ära, in der sich die Machtverhältnisse vor allem in zwei Bereichen immer stärker verschoben.

Zum einen setzte mit der Deregulierung des Finanzsektors eine zunehmende Finanzialisierung der Weltwirtschaft ein. Durch die fortschreitende Abschaffung einschränkender Regeln im Bankwesen wurden vor allem Investmentbanken immer stärker. Zum anderen entstand mit der Entwicklung von Computern für die breite Allgemeinheit ein ganz neuer Industriezweig – die Digitaltechnologie. Zu den Pionieren ihrer Entwicklung zählten die 1975 und 1976 gegründeten Unternehmen Microsoft und Apple, die einen kometenhaften Aufstieg erlebten.

Zur Jahrtausendwende kam es dann im Finanzsektor zu einer allmählichen Wachablösung der Investmentbanken durch die immer stärker werdenden Hedgefonds, die das Finanzgeschehen heute weitgehend dominieren. Im IT-Bereich gesellten sich der 1994 gegründete Online-Versandhändler Amazon, das 1998 gegründete Technologie-Unternehmen Google und die 2004 als soziales Netzwerk gegründete Plattform Facebook zu Microsoft und Apple und erlebten ebenfalls einen steilen Aufstieg.

Während der Beinahe-Crash von 2007/08 zahlreiche Konzerne und Banken in Schwierigkeiten brachte, gehörten sowohl die großen Hedgefonds als auch die führenden IT-Konzerne zu den Gewinnern. Nach der Krise trieben die Technologiegiganten ihre Aktienkurse auch noch durch milliardenschwere Aktienrückkäufe in die Höhe, was die größten Vermögensverwaltungen der Welt wie BlackRock und sogar Zentralbanken wie die Schweizer Nationalbank dazu veranlasste, immer größere Summen in deren Aktien zu investieren.

Heute beherrschen diese Unternehmen weite Teile des globalen IT-Marktes, kontrollieren rund um den Globus Daten- und Geldströme und sind durch ihre Finanzkraft und ihre Verquickung mit Großinvestoren in der Lage, die globalen Märkte entscheidend zu beeinflussen. Zusätzlich haben sie ihre wechselseitigen Beziehungen erweitert, sich aber auch politischen Einfluss verschafft und – vor allem mittels Stiftungen – die mächtigste Lobby geschaffen, die die Welt je gesehen hat.

So hat Microsoft-Gründer Bill Gates über die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung im Jahr 2000 die Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung GAVI ins Leben gerufen. Ihr gehören unter anderen auch die Weltbank und zahlreiche Impfstoffhersteller an, deren Markt sich seit der Gründung versechsfacht hat. Außerdem ist die Stiftung mittlerweile größter Einzelgeldgeber der Weltgesundheitsorganisation WHO, die in der Corona-Krise für den weltweiten Lockdown gesorgt und Microsoft und den übrigen IT-Konzernen damit zu noch größerer Marktmacht verholfen hat.

2012 hat die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung zusammen mit den Vereinten Nationen, der US-Großbank Citigroup, Mastercard, der Ford-Stiftung und anderen die Better-Than-Cash-Alliance gegründet, der mittlerweile dreißig Regierungen angehören und die auch von der deutschen Regierung finanziell unterstützt wird. Größte Profiteure des bargeldlosen Zahlungsverkehrs sind: Microsoft und Apple.

Sowohl das Impfgeschäft als auch die Bargeldabschaffung sind durch den Lockdown infolge der Corona-Pandemie kräftig vorangetrieben worden und haben den IT-Konzernen lukrative Aufträge beschert. So sind Apple und Microsoft zusammen mit Google führend an der Entwicklung einer Kontaktverfolgungs-Plattform für Covid-19-Fälle beteiligt, an der auch der ehemalige New Yorker Bürgermeister und Milliardär Bloomberg mitarbeitet. Bloomberg, Chef einer Finanzdaten-Agentur und eines Nachrichtendienstes, hat vor zwei Jahren 1,6 Milliarden Dollar an die Johns-Hopkins-Universität gespendet, die der WHO seit Monaten die Pandemie-Daten liefert.

Apple, Microsoft und Bloomberg werden auch auf Ex-Google-Chef Eric Schmidt treffen, der zusammen mit der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung vom Gouverneur des US-Bundesstaates New York beauftragt worden ist, ein Konzept zur Neugestaltung des Gesundheits- und Bildungswesens nach dem Ende der Covid-19-Pandemie auszuarbeiten. Außerdem werden sie es dort mit mehreren Private-Equity-Firmen zu tun bekommen, die den New Yorker Gouverneur bei der Aufhebung des Lockdowns und der Wiedereröffnung der lokalen Wirtschaft beraten.

Während also die Politik den IT-Unternehmen jetzt im Gefolge der Corona-Pandemie die Möglichkeit gibt, sich das US-amerikanische Schul- und Gesundheitswesen zu unterwerfen, ermöglicht sie den als „Geierfonds“ bekannten Private-Equity-Firmen, ihre Beraterposition zu nutzen, um sich so viele der vom Bankrott bedrohten mittelständischen Unternehmen wie möglich einzuverleiben.

Knapp sechzig Jahre nach der Rede von Ex-Präsident Eisenhower kann man heute mit Fug und Recht behaupten: Der militärisch-industrielle Komplex gehört der Vergangenheit an, die Welt ist im Zeitalter des digital-finanziellen Komplexes angekommen.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildquelle: Zapp2Photo / shutterstock

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9 Kommentare zu: “Tagesdosis 25.5.2020 – Die neue Weltmacht: Der digital-finanzielle Komplex

  1. Passender Artikel zum Thema und sehr lesenswert
    https://www.rubikon.news/artikel/digitale-machtergreifung

    "Digitale Machtergreifung"
    Die Informationstechnologie ist zum ultimativen Werkzeug bei der potentiellen Errichtung einer globalen Diktatur geworden.
    von Werner Meixner

    Zitat Einführung Text:
    "Diese Zeiten erfordern eine intensive Besinnung. Sie gilt der Frage, welche Bedeutung die digitalen Techniken für die Ausweitung staatlicher Machtbefugnisse fast überall auf der Welt haben. Wesentliche Ziele der technischen Entwicklungen werden nun durch die politischen Reaktionen auf die Corona-Krise demaskiert. Wir sollten uns die grundsätzlichen Mechanismen der Machtergreifung bewusst machen. Sie könnte schwerwiegende Folgen haben: die Vollendung des geplanten Überwachungsregimes, die Vorbereitung eines dritten Weltkriegs oder sogar des ultimativen Kriegs gegen die Weltbevölkerung."

  2. Habt ihr schon mal in die Einstellungen- Google Einstellungen geschaut? Da hat der digital- finanzielle Sektor schon seine "Covid 19" Spionagesoftware ohne euer Wissen installiert! Löschen nicht möglich! Widerstand wird nicht geduldet und eigentlich auch gar nicht mehr erwartet.

  3. Bill Gates und die Anderen sind so nett! Sie denken darüber nach, wie sie uns ein besseres Leben ermöglichen können.
    Der Monolit (Black Rock) unterstützt hier bestimmt auch. Das Leben ist schön, und wird bestimmt noch viel besser! Oh! Danke Mutti! wollte ich noch sagen. Yes we KEN!

  4. Das Buch "Schönes neues Geld" von Norbert Häring beschreibt den "digital-finanziellen Komplex" im Detail.
    Das Buch sollte jeder Schüler und Student lesen (in der Hoffnung, dass die Zukunft mit ihnen dann besser wird).

  5. Vielen Dank Herr Wolff, für diese Tagesdosis!
    Sie kann ja auch als Ergänzung der vorherigen Tagesdosis von Herman Ploppa und Heiko Schönig gesehen werden.

    Denke, dass das durchaus angebracht ist, die scheinbar bestehende und bestimmende Wachablösung mal so klar und deutlich beim Namen zu nennen und herauszustellen. Auch wenn das Militär ja ebenso schon immer ein Antreiber der digitalen Technik war und wohl auch nach wie vor irgendwie dazu gezählt werden kann.

    Was ja anders ist beim digital-finanziellen Komplexes, dass wir alle mit diesem direkt verbunden sind und sogar -zwecks Kontrolle und erweiterter Machausübung durch Disziplinierungsinstrumentarien – ja noch immer weiter mit diesem verbunden werden sollen.

    Der militärisch-industrielle Komplex hat seine Eroberungskriege ausserhalb des "Gutmenschen-Imperiums USA" geführt. Der digital-finanzielle Komplex bemächtigt sich nun aber (erst schleichend und immer mehr) offensichtlicher der eigenen Bevölkerung. Er will die Gesellschaft und die Menschen nach ganz eigenen Vorstellungen gestalten.
    Um was zu erreichen? Die eigene Gesellschaft und Bevölkerungen weiter auszunutzen und auszuquetschen? Oder um sie für weitere Eroberungskriege, die ja heute per Mausklick und überwiegend wirtschaftlich geführt werden, gefügiger zu machen?

    • ein weitere Unterschied in den Komplexen besteht ja auch darin, dass wir mit unserer eigenen Faszination über das digitale "Könnens" und darüber hinaus auch noch verbunden im Netz, den digitalen-finanziellen Komplex mit geschaffen haben.
      Und welche Rolle spielt dabei eigentlich das online sein?

      Gestatte mir hier auch noch mal einen Gesprächsausschnitt über die Metaphernlehre von Hans Blumenberg, von Otto A. Boehmer, zum Nachdenken, zu zitieren:
      https://www.youtube.com/watch?v=qhsunoUs1a0&list=PL6cI1_8BvV-YtMxB1L_7BuO8VvgtZtPl0&index=8

      "Als stabilere Leitmetapher der Turbo-Moderne erweist sich die des digitalen Netzes.

      Die computerisierte Kommunikation in soziale Netzwerke, die Verbindung aller nur erdenklichen Akteure in unvorstellbar kurzer Zeit, ist im Sinne Hans Blumenbergs zu einer absoluten Metapher geworden.

      Sie hat nicht nur theoretische Aufgaben, sondern unübersehbare pragmatische Konsequenzen. Eine kombination, die nach Ansicht Blumenbergs für sie charakteristisch ist.

      Wer vom Netz geht, ist schlicht weg nicht mehr vorhanden. Ein Virus in dem Computersystem eines Online-Händlers oder der Hausbank, kann zum Zusammenbruch ganzer Firmen oder Kommunikationsstränge führen.

      Das Netz trägt, verbindet, ist fein gewoben und seine Knoten sind zahlreich. Es ist niemals vollständig zu durchschauen oder vollständig zu ergründen und trotzdem ist es nicht mehr wegzudenken aus menschlichen Selbstverständnis und Weltverhältnis.

      Das Internet macht frei. Durch Facebook oder Twitter sind per Mausklick mehr Menschen zu erreichen als mit einem Romanbestseller.

      Das Web als Metapher einer anonymen Allgegenwart als gigantisches digitales Gemeindehaus im lange verheißenen globalen Dorf. In Abwandlung von Zenos Zitat: „Erst als Webnutzer bin ich in der Welt angekommen“.

      Am Netz entlang verläuft das öffentliche und auch das private Leben. Als Leitmetapher dringt es in die unterschiedlichsten Spähren ein, verbindet sie und lässt neue Knoten entstehen. Kein Friseurladen, kein Autohändler, einsamer Single oder Wissenschaftler, der ohne es auskäme, der nicht an dem Grad seiner individuellen Vernetzung, der kundigen oder dilletantischen Anwendung des WorldWideWeb gemessen würde.

      Das Netz vergisst Dich nie. Es ist hyper tolerant und wird damit zur Verheißung eines sozialen Gedächtnises. Der Cyberspace ist unendlich wie das Weltall und führt in immer tiefere Tiefen. Und mit diesen unendlichen und nie enden wollenden Möglichkeiten, kann der Mensch auch niemals auf natürliche Weise zu Tode kommen.

      Der Nutzer nimmt teil an diesem unaufhörlichem Jux der kosmischen Unendlichkeit. Darüber hinaus könnte die digitale Vernetzung zu einer Leitmetapher werden, die in eine Gemeinschaft führt, in der das Privatleben als historisch überholt gilt. Von Mark Zuckerberg, einem Gründer von Facebook stammt der Satz, dass wir in einer post-privacy-Gesellschaft leben. Nichts zählt mehr, ausser einer 24 Stündigen völligen Offenlegung der eigenen Person."

    • Ich denke das Internet ersetzt den antiken Markplatz.

      Unsere Agora, der Platz der Republik, wird vom Volk, aus Unkenntnis wenig bespielt. Das hat zur Folge, das die politischen Angestellten des Volkes, keine Ahnung davon
      haben, was das Volk möchte.

      Die postprivate Welt des Herrn Zuckerbergs ist ein Geschäftsmodell. Herr Zuckerberg ist der "Datensammler" dieser Clique. Er wird versuchen mit der "Libra" ein neues bargeldloses Zahlungsmittel zu etablieren.

    • @ icke rund

      "Ich denke das Internet ersetzt den antiken Markplatz. Unsere Agora, der Platz der Republik, wird vom Volk, aus Unkenntnis wenig bespielt."
      ja wir sollten lernen, diese Öffentlichkeit zu nutzen und darüber nachdenken, was wir eigentlich wirklich von ihr haben/ könnten.

      🙂

  6. Der militärisch – Industrielle Komplex wird um den digital – finanziellen Komplex erweitert.

    Wäre schön gewesen, hätten wir die Industrie und den Rüstungssektor schon überwunden.. 🙂

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