Tagesdosis 25.6.2019 – Das Freiheits-Dilemma

Um das Gemeinwohl wieder in den Vordergrund zu stellen, müssen wir weniger Liberalismus wagen.

Ein Kommentar von Roberto J. De Lapuente.

Allgemein gilt als ausgemachte Wahrheit: Der Liberalismus ist in Gefahr — wegen der Rechtspopulisten. Daher müsse man gerade jetzt die liberale Gesellschaft stärken und bekräftigen. Das klingt halbwegs logisch, jedenfalls solange man glaubt, dass mit dem Rechtspopulismus und dem Liberalismus zwei Kontrahenten die Szenerie betreten. Zweifelt man an dieser Gegnerschaft, so sieht es schon ganz anders aus. Fadenscheiniger. Denn die Rechtspopulisten in Deutschland pflegen über weite Strecken eine liberale Haltung — und viele der Probleme, die unsere Gesellschaft belasten, existieren nicht trotz sondern wegen des Liberalismus‘ in der Welt.

Wie alles im liberalen Weltbild, so wurde auch die Freiheit privatisiert. „There is no such thing as society“ — Thatchers Parole war kein Zufall; der Liberalismus der letzten Jahrzehnte war der emsige Feind des Gemeinsinns. Kommunitaristische Ansätze ließ er nicht gelten. Die Freiheit sollte nicht mehr kollektiv gelten, denn das galt als sozialistisch — sie sollte individuell gestaltbar sein, denn jeder sei schließlich seines Glückes Schmied. So wurde aus dem Liberalismus langsam die progressive Herznote herausgeköchelt.

Echt gemein, so ein Gemeinsinn

In den letzten Jahrzehnten haben wir in allen Bereichen des Zusammenlebens Liberalisierungen erlebt, Deregulierungen und Dekonstruierungen, mit weniger Vorgaben, Bürokratie und Konventionen. Reduziert wurden Hürden im Alltag und in den Köpfen. Nicht alles davon war schlecht. Orientierung hat dieser Prozess oftmals dennoch gekostet.

Wer heute einen Handwerksbetrieb eröffnen möchte, muss nicht mehr zwangsläufig seinen Meister in der Tasche haben. Geplante bauliche Maßnahmen werden immer seltener durch behördliche Sicherheitsvorgaben ergänzt. Das Fernsehen sendet rund um die Uhr. Läden müssen in den meisten Bundesländern gar nicht mehr erst schließen. Und wir wählen zwischen verschiedenen Anbietern der Mobilfunknetze. Außerdem kann jeder leben, mit wem und in welcher Konstellation er möchte. Zu den Alleinerziehenden zu gehören, ist kein Makel mehr. Wilde Ehe ebenso wenig.

Alles kann, nichts muss — das Credo unserer Zeit. Die Gesellschaft ist pragmatischer geworden. Mit allen Vor-, aber auch allen Nachteilen. Eine Frage wurde in den letzten Dekaden dabei allerdings kaum noch gestellt: Dient die Veränderung dem Gemeinwohl?

Die Liberalisierung wurde stets als individuelle Verbesserung angepriesen — so gut wie nie als progressiver Akt für das Gemeinwesen.

Ja, die Debatte hat sich in diesem Punkt zuletzt sogar radikalisiert. Über konsumkritische Verbotsstrategien, über die Einberechnung von Verursacherkosten zum Beispiel, hat sich der liberale Zeitgeist bitterlich beschwert: Das sei Zwang, der Staat dürfe da nicht mitmischen. Ebenso bei Fahrverboten oder autofreien Städten: Hier würde Freiheit eingegrenzt. Insbesondere bei der Diskussion zur Willkommensgesellschaft, als Angela Merkel — und nicht nur die Bundeskanzlerin — staatliche Grenzen und damit staatliche Kontrolle für überkommen und die One-World-Vorstellung für das Gebot der Stunde deklarierte, entlarvte sich die Radikalisierung des liberalen Milieu.

Playlist des Zeitgeists: I am what I am — I did it my way — I want it all and I want it now

Dem mit diesem Lifestyle-Liberalismus infizierten Bürgertum geht es kaum noch um das Gemeinwohl. Ihr Freiheitsbegriff ist individuell gefasst. „Mir geht nichts über Mich“, hat der Philosoph Max Stirner (1806 — 1856) gesagt. Er war der schlimmste Hardliner des Individualismus. Was immer der Mensch fähig ist zu tun — er kann es tun: Auf einen Nenner gebracht war dies in seinen Augen das oberste Menschenrecht. Ethik, die das Zusammenleben regelt, galt ihm als künstlicher Zivilisationstand, der mit der Erlangung von wirklicher Freiheit nichts zu tun hat.

„Was kümmert Mich das Gemeinwohl?“ Denn schließlich ginge es dem Staat „nicht um Mich und das Meine, sondern um Sich und das Seine“ — so sah Stirner, der Mich und Ich immer mit Großbuchstaben anfing, die ganze Chose. Und er klingt dabei schrecklich modern, fast wie ein Mitglied unseres zeitgenössischen liberalen Bürgertums.

Der Zeitgeist hat den liberalen Gedanken, die Vorstellung einer evolutionären Entwicklung zu mehr Freiheit hin, zu einem Individualprozess modifiziert. Die Idee des Gemeinwohls kommt darin gar nicht mehr, bestenfalls aber nur noch dann vor, wenn man von der Besserstellung aller auch selbst profitiert. Die Gerechtigkeits- und damit die soziale Frage darbt demgemäß.

Ersatzweise hat sich jeder auf Identitätsthemen versteift und ein seltsames Verhalten zum Staat kultiviert. Ein staatsbürgerliches Verhalten hat sich etabliert, das inspiriert ist durch die neoliberalen Vorstellungen eines möglichst schlanken Staates, in dem nicht mehr Vorgaben, Gesetze und Regeln das Zusammenleben, Wirtschaften und den Umgang in einen strukturierten Rahmen setzen, sondern das beste Wissen und Gewissen der Menschen. Hoffen wir einfach das Beste — Hauptsache frei.

Nur sehr selten die Abwesenheit von Grenzen

Daher ist es kein Zufall, dass sich die Politik seit Jahren nur noch als Ratgeber und immer weniger als Gesetzgeber versteht. Sie erklärt das damit, dass Gesetze ja nichts änderten — eine Behauptung, die zu beweisen wäre. Sie zieht freiwillige Selbstkontrollen verbindlichen Standards vor. Besonders die amtierende Verbraucherministerin hat darin eine perfide Meisterschaft entwickelt. Ob nun in der Autobranche oder in der Lebensmittelindustrie: Das freie Unternehmertum darf ja angeblich von der Politik nicht bevormundet werden.

Synchron dazu etabliert sich ein Lebensgefühl, das für sich ebenso entdeckt hat, dass der Staat sich raushalten sollte. Ob nun Tempolimit oder Schwangerschaftsabbrüche: Man diskutiert darüber nur noch unter dem Gesichtspunkt der Freiheitsberaubung. Dass die eigene Freiheit dort endet, wo der Nächste beeinträchtigt wird, eigentlich eine Binsenweisheit, gilt offenbar gar nichts mehr.

Die grenzenlose Weite taugt vielleicht für die Zigarettenwerbung — nicht jedoch für ein Gemeinwesen. Freiheit ist nur sehr selten die Abwesenheit von Grenzen — sie ist meistens hingegen dann garantiert, wenn sie innerhalb bestimmter Grenzen angesiedelt wird. Wenn man jedoch keine Grenzen setzt, kollidieren die Interessen und die einzige Freiheit, die dann noch bleibt, ist diejenige, sich eine gute Deckung zu suchen.

Ohne Grenzen ist Freiheit nicht garantiert, sondern das Chaos. Und dorthin tendieren wir, wenn wir so tun, als sei der Liberalismus die Antwort auf den Rechtspopulismus.

An manchen Punkten sollten wir weniger dieses laxen liberalen Gedankenguts pflegen und zurückkehren zum Gemeinsinn. Eine gute Antwort auf den Rechtsruck wäre es, die Menschen wieder weniger als Einzelkämpfer eines halbgaren Freiheitsdranges zu stilisieren, sondern als Mitglieder eines Gemeinwesens.

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Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

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Dieser Beitrag erschien am 25.06.2019 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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16 Kommentare zu: “Tagesdosis 25.6.2019 – Das Freiheits-Dilemma

  1. Liberalismus und „Rechtspopulismus“ sind in Deutschland nicht nur kein Gegensatz, sondern wenn man die Parteienlandschaft betrachtet, eine Münze. Auf einem Zwei-Euro-Stück ist auf der einen Seite die Zahl und auf der anderen Seite der Adler (oder ein anders Symbol), aber es ist die selbe Münze.
    Die CDU hat lange Jahrzehnte den rechten Rand bedient (auch versucht, dass nichts rechts von der CDU entsteht) und am liebsten Koalitionen mit der FDP gebildet, wo ich zwar nicht weiß, was außer Steuern für Hoteliers senken an der FDP eigentlich liberal sein soll, aber in der Parteienlandschaft war die FDP das liberalste in D.
    Als Teile einer (offiziell „sozialistisch“ genannten) Gemeinwohlökonomie in die deutsche Gesellschaft hätten integriert werden können – 120 kranke Kassen mit noch krankerer Bürokratie brauchte dass DDR-Gesundheitssystem jedenfalls nicht – war die Koalition CDU-FDP an der Regierung und hatte funktionierende Bahnstrecken zerstört usw..
    (Und nein, Deutschland ist keine Oligarchie der Großaktionäre der Autokonzerne, Eisenbahn ist per Naturgesetz schlecht und die Deutschen verstehen unter „Freiheit“ sich täglich 8 Stunden und mehr am Tag dafür abzurackern, den Großaktionären der Autokonzerne die monatlich die Raten in den Allerwertesten zu schieben, Samstags ihr heiliges Blechle zu putzen und Sonntags 3 Stunden total FREEEIII auf der heutzutage sogar eingezäunten Autobahn für den Umsatz der Ölkonzerne zu sorgen.
    Die jüngeren Deutschen sind völlig anders, die sind total frei in Gesichtsbuch mit ihren Ei-Fons 😉
    Jedenfalls waren CDU, die den rechten Rand bediente, und FDP, die als liberal gilt, mehr als ein Mal Regierungskoalition.

    Die AfD startete nicht als „rechtspopulistisch“, sondern als extremliberal, da wurden ursprünglich so Sachen propagiert, wie finanziell armen Menschen das Wahlrecht zu entziehen, aber diese ursprünglich extremliberale AfD punktete nicht bei Wahlen.
    Dann wunderten sich die extremliberalen AfD-Gründer öffentlich, dass die AfD Rechte anzog und immer mehr davon in ihren Reihen hatte.
    Aber egal von welcher Seite man eine Münze sieht, es ist die selbe Münze.
    Ob man finanziell armen Menschen das Wahlrecht entziehen will oder ob man Opfern militärischer und finanzieller Kriege das Asylrecht entziehen will – Menschenfeindlichkeit ist Menschenfeindlichkeit, ob es gegen ökonomisch definierte oder gegen ethnisch definierte Gruppen von Menschen geht, es ist das gleiche und übrigens im psychologischen Kern Reinszenierung ähnlicher Kindheitstraumata (es wird ja niemand mit Menschenfeindlichkeit geboren, da müssen erst Eltern ran und ordentlich was machen).

    Nicht ganz vergessen sollte man dazu auch, dass SPD und Grüne im öffentlichen Narrativ nicht als „rechtspopulistisch“ oder liberal gelten, obwohl das Menschenbild, was Harz-IV einschließlich Sanktionen zugrunde liegt, schaurige Ähnlichkeit mit „Arbeit macht frei“ hat.

    Auch nicht vergessen sollte man, dass alle diese mehr oder minder liberalen (FDP, Grüne) oder „rechtspopulistischen“ (CDU, Hartz-IV-SPD, AfD) Parteien gewählt werden.
    Und Die Linke ist heute im Prinzip Sozialdemokratie, mit denen würde etwas in Richtung Gemeinwohl gehen und die werden auch gewählt, aber eben auch nur von 7-9% der Deutschen.

    Also – wer hätte das geahnt – kann es nur von unten wachsen, Gemeinwohl-Start-Ups, Zusammenschlüsse in Genossenschaften o.ä.

    • Die AfD ist als Anti -Euro- Partei gestartet. Dahinter stand eine Initiative der produzierenden Industrie, gegen das Diktat der Banken. Die waren waren zwar liberal, doch wollten die Banken regulieren und keine Troika. Deshalb stießen die auf ein vielfaches an Widerstand, als die dann von Petri zerlegte völkisch ausgerichtete AfD der Opportunisten.

  2. Was genau sind denn nun eigentlich die immer wieder behaupteten „einfachen Antworten von rechts“? Ich beobachte jetzt seit einigen Jahren das intelligente rechte Spektrum recht (ha ha) genau und kann beim besten Willen nicht feststellen, dass die AfD auf irgendeine Frage „einfache“, also irgendwie simpler gestrickte Antworten anbieten würde als die anderen (relativ) großen Parteien, vielleicht mit der einen Ausnahme, dass Remigration etwas „einfacher“ wirkt als Integration, wobei es selbst hier sehr auf den Blickwinkel ankommt. Also nochmal, lieber Herr Lapuente: Welche „einfachen“ Antworten gibt „rechts“ denn ganz konkret?

    • Besonders der völkische Flügel blendet ja völlig aus, was nicht in den Kram passt. Eine heile Welt zu projezieren, die Rassismus bedingt, ist obwohl populistisch wirksam, ja nicht gerade sinnvoll.
      Ich sehe eher gar keine wirklichen Lösungsangebote nur unqualifizierte oberflächliche Statements und bis auf wenige Ausnahmen recht merkwürdige Anträge. z.B. zu BDS und Hanf.
      Natürlich haben die recht, wenn sie die Machenschaften des Systems ansprechen, nur wenn die auf der anderen Seite selbst mitmischen, und dazu die Rolle des ach so geschundenen Benachteiligten suchen. Kommt ihnen da nicht etwas ziemlich komisch vor. ?

  3. Guter Ansatz!
    Das heißt, der Artikel wirkt auf mich wie eine Einleitung zu einem wichtigen Aufsatz, bei dem Der Hauptteil fehlt. Und der ist, wie der Autor selbst in der „Einleitung“ formuliert, das Gemeinwohl. Das müsste er gründlich ausarbeiteten. Was bedeutet Gemeinwohl für die Menschen in einer Gemeinde, in Land im Staat? „Gemeineigentum ist der Reichtum des kleinen Mannes“ hat z.B mal einer sinngemäß gesagt. Oder ohne Regeln gilt das Recht des Stärkeren. Oder : Liberalismus stärkt die Reichen und schwächt die Armen. usw. All das müsste man an aunschaulichen Beispielen zeigen.

    • Was ist Gemeinwohl? Und: Was ist Gemeinsinn?

      Überlegungen dazu aus :Alberto Moravia, Die Kulturrevolution in China.

      B: Nun gut. Produktion und Verbrauch über das Notwendige hinaus sind also unmenschlich. Aber wer entscheidet darüber, was der Mensch braucht und was nicht?
      A: Der Mensch selbst oder der Gemeinsinn.
      B: Es gab geschichtliche Epochen, in denen man, um ein Mensch zu sein, vor allem besitzen mußte und das Überflüssige zur Schau trug. Die Renaissance beispielsweise. Was sagst du dazu?
      A: Ich sage, geschichtliche Epochen interessieren mich nicht, wie mich die Geschichte, ganz allgemein, nicht interessiert. Das, was mich interessiert, ist die Gegenwart.
      B: Sprechen wir also von der Gegenwart. Ich wiederhole: Wer entscheidet darüber, wo das Notwendige oder das Menschliche und Normale aufhört und das Überflüssige oder Unmenschliche und Anomale beginnt?
      A: Ich sage es doch: der Gemeinsinn.
      B: Du setzt großes Vertrauen in den Gemeinsinn.
      A: Ja, ich traue dem Gemeinsinn der einfachen Leute: für das, was die weltlichen Dinge angeht, resultiert er nicht so sehr aus der Intelligenz, als vielmehr – wie kann man es sagen? – aus Hunger und Sättigung, aus Vergnügen und Langeweile, aus Verlangen und Befriedigung und so weiter. Der einfache Mensch mit Gemeinsinn wird eines Tages genug davon haben, unmenschlich zu sein oder dauernd vom Reichtum entmenschlicht zu werden. Dann wird er sich frei machen, auch wenn die Philosphen und die Hersteller des Überflüssigen ihn beschwören, daß er unrecht habe.
      B: Wie wird der Gemeinsinn gegenüber dem Reichtum funktionieren? Wie wird er es fertigbringen, sich vom Reichtum zu befreien?
      A: Der Gemeinsinn wird dem Reichtum gegenüber in gewisser Weise automatisch reagieren: wenn der Mensch auf dem Gipfel der Unmenschlichkeit angekommen ist, wird er verlangen, arm zu werden, und sein Verlangen wird erfüllt.
      B: Automatisch? Die Automatismen der Menscheit sind in Wirklichkeit lange, verschlungene, schwere und kostspieleige Vorgänge.
      A: Es wird ein menschlicher Vorgang sein. Der Mensch ist langsam.
      B: Und was wird die Menschheit tun, um zur Armut zurückzukehren, nachdem sie reich war?
      A: Sie wird nichts tun.
      B: Was soll das heißen?
      A: Das soll heißen, daß sie nur das Notwendigste verbrauchen wird, und deshalb wird sie nur das Notwendigste herstellen.
      B: Aber der Mensch liebt es, herzustellen und zu verbrauchen.
      A: Welcher Mensch?
      B: Der Mensch im allgemeinen.
      A: Vom Menschen im allgemeinen weiß ich nichts. Der heutige Mensch liebt es, wie du sagst, herzustellen und zu verbrauchen. Aber der Mensch von morgen könnte vollkommen anders sein.

  4. Hmm.. Das klingt alles ziemlich ahnungslos. Fast so, als sei man der Meinung, man könne dem mit Gesetzen abhelfen.
    Dabei ist das systemisch bedingt.
    Eine Gesellschaft, die die Familienstruktur nicht fördert, sondern benachteiligt, wendet sich von einer natürlichen Grundlage ab.
    Das wäre ohne das alles dominierende, monetär beherrsche System sicher kaum möglich gewesen.
    Es sind Attraktoren, und nicht etwa Gesetze, die die Dynamik. Struktur und Wohlergehen einer Gesellschaft formen.

    • Es ist mittlerweile wohl auch systemisch bedingt, aber die Frage ist doch wie diese Spirale der Entfremdung und Entsozialisierung durchbrochen werden kann!?

      und die wird – meines Erachtens – nicht nur mit Systemkritik und Veränderung herbeiführenden Gesetzen bewirkt (im übrigen glaube ich auch nicht, dass der Autor der Tagesdosis darauf hinaus wollte), sondern hier sollte ein jeder bei sich Selbst anfangen und nicht nur sich selbst, sonderen auch den Anderen eine bedingungslose Daseinsberechtigung gestatten (was im Übrigen schon für einen selbst schon schwer genug ist, wenn „wir“ mal ehrlich sind, oder . .? ).
      Das führt dann eigentlich doch recht eindeutig zu Kooperation und nicht Konkurenz, also zu Gemeinwesen und nicht zu konkurierendem Individualismus.

      Denke, dass der Autor eher darauf hinaus wollte. . .

    • Da bin ich ganz bei dir. Systemkritik allein bringt natürlich auch nichts. Systemverständnis ist aber förderlich um die Misere realistisch zu beleuchten, und damit die Chance zu erhöhen, gemeinsam Attraktoren zu schaffen, die zu der erforderlichen Phasenverschiebung beitragen können. Kooperation muss auch zu Emergenz führen usw.

  5. Als Stärkung gegen die aktuell verstärkte Entwicklung des autoritären Charakters und autoritärer Strukturen. Die Geschichte wiederhole sich nicht: das ist ein undifferenzierte Behauptung.

    Die Furcht vor der Freiheit (Escape from Freedom), Erich Fromm.
    Der Mensch hat noch nicht die Freiheit – verstanden als positive Verwirklichung seines individuellen Selbst – errungen, das die These des Buches. Es ist die Rede vom „Doppelgesicht“ der Freiheit und von den Gründen für die totalitäre Flucht for der Freiheit. Von Fluchtmechanismen vor der Freiheit: ins Autoritäre, ins Destruktive (Anatomie der menschlichen Destruktivität), ins Konformistische. Analyse der psychosozialen Bedingungen, die den Nationalsozialismus ermöglichten.
    Fromm unterscheidet zwischen „Freiheit von“ und „Freiheit zu“.
    Ergänzend zu diesem Buch schrieb Fromm das Buch: „Psychoanalyse und Ethik“:
    „Ich habe dieses Buch in der Absicht geschrieben, die Gültigkeit der humanistischen Ethik erneut unter Beweis zu stellen, indem ich zeige, daß unsere Kenntnis der Natur des Menschen nicht zu einem ethischen Relativismus führt, sondern im Gegenteil zu der Überzeugung, daß die Quellen der Normen für eine sittliche Lebensführung in der Natur des Menschen selbst zu finden sind. Ich versuche aufzuzeigen, daß ethische Normen in Qualitäten gründen, die dem Menschen innewohnen, und daß ihre Verletzung psychische und emotionale Desintegration zur Folge hat. Ich werde zu zeigen versuchen, daß die Charakterstruktur der reifen und integrierten Persönlichkeit, der produktive Charakter, der Ursprung und die Grundlage der „Tugend“ ist und daß „Laster“ letzlich Gleichgültigkeit gegen das eigene Selbst und deshalb Selbst-Verstümmelung ist. […] Soll der Mensch Vertrauen in Werte haben, dann muß er sich selbst und die Fähigkeit seiner Natur zum Guten und zur Produktivität kennen.“

    • NB:

      Um das Gemeinwohl wieder in den Vordergrund zu stellen, müssen wir weniger WIRTSCHAFTS-Liberalismus wagen.

  6. Vielen Dank für diese Tagesdosis!

    hierzu passt auch ein Artikel von Jens Berger, heute auf den NDS erschienen: „Der Feind meines Feindes … die merkwürdige Symbiose zwischen Grünen und AfD“ , https://www.nachdenkseiten.de/?p=52757

    Ich finde es in der Tagesdosis eine sehr gute Zustandsbeschreibung unserer heutigen „Freiheit inszenierenden“ Gesellschaft.

    Die Karotte, welche mit diesen Möglichkeiten zur Freiheitsinszenierung, den Menschen vor die Nase gehalten wird, wird nur leider zu selten wirklich als solche erkannt.
    Einhergehend mit diesen angeblichen Freiheiten geschieht ja auch die gnadenlose Abrichtung auf Konkurrenzdenken.

    Es geht nicht mehr um die „Basic Needs“ von Grundversorgung, sondern um Lifestile Begehrlichkeiten, die nur kurzfristig Bestand haben, immer wieder neue Begehrlichkeiten wecken und eigentlich ihre Daseinsberechtigung nur durch Abgrenzungswirkung gegenüber dem Außen, dem/n Anderen erfahren.

    Hier wird meines Erachtens eine Dialektik sichtbar, die die, in dieser tagesdosis beschriebenen, Freiheit mit sich bringt und auch im Alltag erlebt werden kann. Diese sogenannte Freiheit kommt nämlich meißtens mit einem unglaublichen Abgrenzungsverhalten und einer großen Reserviertheit, Unansprechbarkeit und Unentspanntheit daher. (am deutlichsten sichtbar in den langweiligen durchgentrifizierten Stadtvierteln, wo kaum noch jemand außerhalb seines bio- und gendergerechten Verhaltens, Smartphone- und Lapptopfocussierung und startup-wichtiggetue ansprechbar ist).
    Hier entlarvt sich diese nach Außen celebrierte angebliche Ich-Freiheit als Trugschluss. Menschen, die wirklich in Freiheit ihr eigenes Leben leben, haben keinen Grund auf diese ständige reservierte Abgrenzung. Sie sind entspannter, offener, lockerer und engagieren sich gerade eben für´s Gemeinwesen.

    Weitere Grenzen die standhaft ingnoriert werden, sind ie sozialen und materiellen riesigen Müllhalden, auf denen „unser“ Wohlstand aufbaut.
    Volker Pispers hat es mal wunderbar auf den Punkt gebracht, als er die „Vom Tellerwäscher zum Millionär-Philosphie“ mal auch von hinten beleuchtete: „. . .Ja jeder kann es in unserer Wohlstandsgesellschaft zum Millionär schaffen, aber eben nicht Alle . . .“ und hatte dabei auch vorgerechnet, wieviel Erden wir benötigen, wenn „Alle“ so leben wollten, wie „Wir“, in den westlichen Wohlstandsgesellschaften.
    Die relvolutionären digitalen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte haben eine scheinbar unbegrenzte Vielzahl von Möglichkeiten mit sich gebracht, den wohlständigen Lifestile, incl. pseudo-politischer Einstellung zu performen, aber eben auch für jeden den Blick freigegeben auf das große Ganze: Die alternativen Medien zeigen uns immer deutlicher wie wir verschaukelt werden von Politik und Wirtschaft. Wir (können) erfahren die eigentlichen Hintergründe der Kriege, der zerstörten Natur, der ausgebeuteten Völker, Regionen, etc. etc. . . . die Erde ist keine unbegrenzt große Scheibe mehr, sondern ein „runder“ Planet mit begrenzter Oberfläche und Atmosphäre.
    Das kann heute nicht mehr ingnoriert werden und sollte genügend Anlass sein, über Kooperation nachzudenken, anstatt Konkurrenz.

  7. Du bist nichts, das Kollektiv ist alles. Altbekannte Taktik totalitärer Akteure.
    Aber auch immer wieder interessant, wie Sozialisten in unserer etatistischen Zeit immer wieder den bösen “Neoliberalismus“ hinter jeder Ecke wittern – unser Wirtschaftssystem ist vielleicht zu 20% kapitalistisch, alleine der offizielle Staatsanteil an der Wirtschaft liegt bei 50 (!) Prozent.
    Und da sind Steuern, Regulierungen und Verbote nicht mal mit einberechnet.
    Aber bloß nach jeder Krise immer lauter brüllen, der Markt habe versagt.
    Irgendwann verstummt vielleicht auch der letute neoliberale Zweifler, und der Sozialismus wird endlich verwirklicht!

    • Die „neoliberalen Zweifler“ gehören halt nicht zu den Gläubigen, beispielsweise diejenigen, die glauben, der Markt besäße eine „Eigenschaft“ ( wie etwa ein Mensch; oder wie ein guter/böser Dämon?). Eben weil – auch von Wissenschaftlern! – das Credo! verteidigt wird, das magische! Viereck/DER MARKT regelt alles, muss leider Versagen eben jenes MARKTES festgestellt werden, wenn die Magie mal wieder zur Krise geführt hat. Aber vielleicht ist doch ein Dämon am Werk bei diesen immer wiederkehrenden „kreativ-destruktiven“ Krisen.

      „…zu 20%….? „…bei 50%?“ …. „Die wahren Wahrheiten sind die, die man erfinden kann“ (Karl Kraus) – z.B. mittels Statistiken.

      Ein Witzbold: Kopfjucken ist keine Gehirntätigkeit. (Karl Kraus)

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