Tagesdosis 26.2.2020 – „Psychisch krank“ oder „rechtsradikal“? (Podcast)

Ein Kommentar von Franz Ruppert.

Hanau – wieder ein Amoklauf mit anschließendem Suizid des Täters, der zunächst einmal zeigt, dass nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland die Waffenlobby mächtig ist. Jeder, der das Bedürfnis nach einer Waffe hat und schießen will, bekommt schließlich auch einen Waffenschein. Ohne Waffe hätte Tobias R. seine Taten nicht so einfach verüben können.

Was die Motive des Täters anbelangt, wird nun darüber gerätselt, ob dieser psychisch krank oder rechtsradikal sei. Von einem wirklichen Verständnis der menschlichen Psyche sind die Vertreter beider Lager meines Erachtens jedoch meilenweit entfernt.

Diejenigen, die meinen, bei Tobias R. handele es sich um einen psychisch kranken Menschen, verweisen auf Symptome wie „Verfolgungswahn“, „Stimmen hören“ und „Realitätsverlust“ und schon ist die Diagnose „Paranoide Schizophrenie“ gestellt. Woher nun diese Symptome kommen, welchen Ursprung sie in der Biografie dieses Menschen haben, wird nicht weiter aufgeklärt. Es gäbe eben Menschen, die seien grundsätzlich psychisch krank und andere, die von Hause aus psychisch gesund seien. Diese Sichtweise ist nicht deshalb so weit verbreitet, weil sie wissenschaftlich gut begründet wäre. Stefan Weinmann hat erst vor kurzem eine fundamentale Kritik psychiatrischen Denkens vorgelegt, die mit der Vorstellung, die Psychiatrie wäre eine wissenschaftlich fundierte Angelegenheit, gründlich aufräumt. Daher verdankt sich die Beliebtheit psychiatrischer Diagnosen meines Erachtens eher dem Umstand, dass sich aufgrund dessen die Mehrheit der Menschen als psychisch gesund bezeichnen darf, da ja nur sehr wenigen seitens der Psychiater eine „psychische Krankheit“ attestiert wird.

Auch das Argument „rechtsradikal“ verdankt sich eher einem Schwarz-Weiß-Denken als einer gründlichen Analyse der Psyche solcher Menschen. „Rechtsradikal“ = schlecht, weil damit haben die Deutschen bereits einen Krieg verloren, und „demokratisch“ = gut, weil damit fahren wir Deutschen in der Mehrheit im Moment ja nicht schlecht. Warum jemand solche irren Verschwörungstheorien aufgreift und zu radikalen Gewaltlösungen bereit ist, was das mit seiner Psyche und seiner Lebensgeschichte zu tun hat, wird nicht weiter aufgeklärt.

Da dem wohl bekanntesten Amokläufer und Selbstmörder der Neuzeit, Adolf Hitler keine psychische Krankheit attestiert wurde, ist er im allgemeinen Bewusstsein eben ein schlechter und böser Mensch gewesen. Dabei könnte die Biografie von Adolf Hitler durchaus Aufschlüsse geben, warum er sich in seinen Judenhass und Rassenwahn hineingesteigert und sich zum „größten Führer aller Zeiten“ hochstilisiert hat. Zum einen ist da seine traumatisierte Mutter, die vor ihm drei ihrer kleinen Kinder im Alter von 3 Tagen, 1,4 und 2,7 Jahren innerhalb von 14 Tagen an den Folgen einer Diphterie-Infektion verloren hat. Wenn eine Mutter, die miterlebt, dass ihre Kinder qualvoll ersticken, nicht psychisch traumatisiert wird, wer dann? 14 Monate nach diesem Horror bringt sie dann ein weiteres Kind zur Welt – Adolf. Was geht in einer solchen Mutter vor, wenn sie wieder schwanger ist und dann einen neuen Säugling im Arm hält? Welche Ängste und Horrorbilder müssen da vor ihrem inneren Auge ablaufen, wenn sie ihr neu geborenes Kind ansieht? Und was bedeutet es für dieses Kind, wenn es im Bauch seiner hochtraumatisierten Mutter heranwächst und nach seiner Geburt in deren geschockte Augen blickt? Wenn Adolf deren Angst spürt, er könne auch gleich sterben? Wenn es also seiner Mama beweisen muss, dass er fit und überlebensfähig ist? Zu allem Unglück ist dann Adolfs später geborener Bruder Edmund mit 6 Jahren an Masern gestorben. Das Grauen des Kindstodes war in der Familie Hitler zuhause. Hinzu kommt ein jähzorniger Vater, der Adolf bei jeder Gelegenheit verdrischt. Schulinternat, der frühe Tod des Vaters mit 11 Jahren und dann der Tod der Mutter, als Adolf erst 17 ist – eine vielschichtige Traumabiografie, die später noch durch sein Soldatentum im 1. Weltkrieg ergänzt wird (Ruppert 2002, S. 388-416).

Noch klarer ist die Traumabiografie bei Anders B. Breivik, dem Amokläufer von Oslo und Utoya, der im Zusammenhang mit dem Täter von Hanau des Öfteren genannt wird. In meinem Buch „Wer bin Ich in einer traumatisierten Gesellschaft?“ (Ruppert 2019) habe ich an Hand seiner Fallgeschichte dargestellt, wie aus einem kindlichen Trauma-Opfer, das von seiner traumatisierten Mutter nicht gewollt, nicht geliebt und auch von seinem Vater nicht vor Gewalt und sexuellen Übergriffen seitens seiner Mutter geschützt wird, ein Trauma-Täter wird. Hier und in der Geschichte vieler, die später Zuflucht zu „Wahnvorstellungen“ und „narzisstische Größenphantasien“ nehmen, gibt es klare Gesetzmäßigkeiten:

  • Je früher ein Mensch psychisch traumatisiert wird, desto weniger hat er ein Bewusstsein davon. Alles, was vor dem Alter von 3 Jahren geschieht, brodelt im psychischen Untergrund eines Menschen vor sich hin.
  • Je früher eine menschliche Psyche traumatisiert wird, desto leichter verliert sie ihren Ich-Bezug und nimmt dann Zuflucht zu Identifikationen als Ersatz-Ich.
  • Die konkreten Bedrohungen, die von traumatisierten Müttern und Vätern oder von traumatisierenden Geburtsprozessen ausgehen und die eigene Psyche verdunkeln, werden nicht begriffen und deshalb in finstere Mächte hineinprojiziert („Weltjudentum“, „Geheimdienste“) oder an scheinbar konkrete Phänomene wie „Ausländer“ oder „Migranten“ gebunden.
  • Je massiver seine Opfer-Erfahrungen sind, desto stärker werden die Trauma-Überlebensstrategien eines Menschen, das eigene Trauma zu verleugnen und durch gedankliche Konstrukte in ihr Gegenteil umzudeuten und verbissen an ihnen festzuhalten.
  • Je massiver jemand zum Trauma-Opfer gemacht wird, desto größer ist die Tendenz, anderen die Todesängste und den Schmerz zuzufügen, die in einem selbst zwar ins Unbewusste abgespalten werden, aber niemals zur Ruhe kommen.

Um also wirklich zu verstehen, warum Tobias R. so gehandelt hat, müsste seine Lebensgeschichte aufgeklärt werden, vom Zeitpunkt seiner Zeugung an. Ebenso wäre zu klären, in welchen Traumabiografien seine Mutter und sein Vater steckten bzw. stecken. Dann würde vielleicht auch erklärbar, warum er seine Mutter erschossen hat.

Sich auf dieses vertiefte Verständnis der Entwicklung einer menschlichen Psyche einzulassen, würde uns allen helfen, aus unseren primitiven Schwarz-Weiß-, Gut-Böse-, Gesund-Krank-Schemata herauszufinden. Wir würden erkennen, wie verletzlich wir alle sind und wie leicht unsere Psyche schweren Schaden nehmen kann. Dann wäre auch klar, was gegen Wahn und Hass wirklich hilft:

  • Kinder nicht so früh zu traumatisieren, dass sie den Kontakt zu sich selbst aufgeben und sich dann im Äußeren verlieren,
  • zu lernen, mit seinen statt gegen seine Gefühlen zu leben und sich ins abstrakte Denken und in den Aktionismus zu flüchten,
  • unsere Trauma-Überlebensstrategien zu durchschauen und auf den Begriff zu bringen,
  • zu erkennen, dass es in einer Gesellschaft, die Konkurrenz vor Mitgefühl stellt, notwendigerweise immer Verlierer geben wird, die sich mit Gewalt dagegen wehren werden, die Looser zu sein.

Statt zu einer weiteren Spaltung unserer Gesellschaft zu führen und neue Verrücktheiten dieser Art zu befördern, würde dieses vertiefte Verständnis unserer menschlichen Psyche konstruktive Solidarität und echte Integration bestärken.

Literaturangaben:

Ruppert, F. (2002). Verwirrte Seelen. Der verborgene Sinn von Psychosen. München: Kösel Verlag.

Ruppert, Fr. (2019). Wer bin Ich in einer traumatisierten Gesellschaft? Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.

Weinmann, S. (2019). Die Vermessung der Psychiatrie. Täuschung uns Selbsttäuschung eines Fachgebiets. Bonn: Psychiatrie Verlag.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Heiko Kueverling / Shutterstock

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