Tagesdosis 26.4.2019 – Die Freiheit auf Knien?

Ein Kommentar von Dagmar Henn.

Wenn man Frankreich in drei Bilder zusammenfassen müsste, wären dies der Eiffelturm für die Technik, Notre Dame für die Geschichte und das bekannteste Gemälde von Delacroix, Die Freiheit führt das Volk, für das schlagende politische Herz des Landes. Frankreich heute lässt sich ebenfalls in zwei Bilder bannen – das brennende Dach von Notre Dame, und ein einzelnes Foto von einer Gelbwesten-Demonstration des letzten Wochenendes.

Jeder hat das Gemälde von Delacroix im Kopf. Die Freiheit, keine Dame, eher eine Wäscherin, hält hoch erhoben die Tricolore, links neben sich einen Jungen mit Baskenmütze und zwei Pistolen, rechts einen Bürger mit Zylinder; barfuß und barbrüstig geht sie voran, über die bereits Gefallenen. Als das Bild, das die Julirevolution 1830 verherrlicht, das erste Mal ausgestellt wurde, mokierte sich das bürgerliche Publikum über ihre plebejische Erscheinung. Heinrich Heine, der im französischen Exil die Ausstellung besuchte, beschrieb diese Reaktion (1):

„Papa!“ rief eine kleine Karlistin, „wer ist die schmutzige Frau mit der roten Mütze?“ . „Nun freilich“, spöttelte der noble Papa mit einem süßlich zerquetschten Lächeln, „nun freilich, liebes Kind, mit der Reinheit der Lilien hat sie nichts zu schaffen. Es ist die Freiheitsgöttin.“ – „Papa, sie hat auch nicht einmal ein Hemd an.“ – „Eine wahre Freiheitsgöttin, liebes Kind, hat gewöhnlich kein Hemd, und ist daher sehr erbittert auf alle Leute, die weiße Wäsche tragen.“  Bei diesen Worten zupfte der Mann seine Manschetten etwas tiefer über die langen müßigen Hände…“

Nicht nur die bloße Brust verbindet dieses Gemälde mit dem Gelbwesten-Foto vom letzten Wochenende.

Obwohl auf diesem Foto ein Mann kniet, mit bloßem Oberkörper, die Hände hinter dem Kopf; die Hose ist ihm nach unten gerutscht, eigentlich eine zutiefst entwürdigende Haltung. Vor ihm ein Polizist mit voller Aufstandsbekämpfungsmontur, Helm, Knieschoner, Weste.

Er hält seine linke Hand flach auf die Brust des Mannes, und daneben hält er mit der Rechten ein Gummigeschossgewehr, aufgesetzt auf die Brust. Auf diese Entfernung abgefeuert, wäre das Geschoss auf jeden Fall tödlich. Die Machtverhältnisse scheinen also klar, wie gewohnt.Der Kniende allerdings blickt nicht nach unten, sondern seinem Bedroher direkt in die Augen. Da ist keine Unterwerfung und keine Furcht. Vor diesem Blick wird die ihm gegenüberstehende Macht zum Trugbild.

Im Gegensatz zu den Demonstrationen der Gelbwesten, die inzwischen bald ein halbes Jahr andauern, in allen großen Städten, jedes Wochenende, und die doch nicht stattzufinden scheinen, wird über den Brand von Notre Dame ausführlich berichtet. Wobei man hinzufügen  muss, nicht wirklich über den Brand selbst; da gibt es zwar reichlich Schlagzeilen über Bauarbeiter, die trotz Verbots geraucht haben sollen, aber kaum über die Unwahrscheinlichkeit, dass alte Eichenbalken, die selbst brandrechtlich wie Stahlträger zählen, derart spontan entflammen(2). Nein, berichtet wird besonders gern über die Spendenbereitschaft der französischen Oligarchie.

Josef Joffe, das transatlantische Sturmgeschütz der ZEIT, scheint tief erschüttert über mangelnde Dankbarbeit für diese Spenden: „Der Milliardär Bernard Arnault brachte es auf den Punkt: Er sei „bestürzt, dass man in Frankreich auch dann kritisiert wird, wenn man etwas für das Gemeinwohl tut“. Steuerliche Abzüge wolle er nicht. Dito die Milliardärsfamilie Pinault”(3). Was Joffe tunlichst unterschlägt, ist die Vorgeschichte. Nicht nur, dass die genannten Spender erst jüngst von Macron reichlich beschenkt wurden, durch die Abschaffung der Vermögenssteuer auf Finanzanlagen.

2003 wurde per Gesetz auf Anfrage des Spenders die Erstattung von 60% der Spenden für kulturelle Zwecke in Form von Steuerersparnissen ermöglicht. Benannt wurde das Gesetz nach Jean-Jacques Aillagon, ehemals Kulturminister unter Jacques Chirac, inzwischen Finanzberater des Oligarchen Pinault, der ein Vermögen von über 30 Milliarden Euro besitzt. Wenn es um die Rettung von nationalem Kulturerbe geht, ist sogar ein Steuerabzug von 90% möglich.

Es war eben dieser Aillagon, der unmittelbar nach dem Brand empfahl, Spenden für Notre Dame mit diesem höheren Steuerabzug zu bedenken. Es war diese Dreistigkeit, die letztlich dazu führte, dass der Verzicht auf die Steuerbefreiung erklärt wurde.

Joffe meint, die Franzosen seien noch nicht arm genug, um solche Wohltaten kritisieren zu dürfen. “Dabei hat Frankreich im EU-Vergleich neben Dänemark die geringste Armutsrate und die höchste Umverteilungsquote – höher als in Deutschland und Schweden.” Und er lobt die braven Deutschen: “In einer liberalen Gesellschaft kommt es darauf an, mit den selbstsüchtigen Motiven der Leute gute Politik für das Ganze zu machen.(…) In Deutschland entsteht eine Kultur des Gebens (fünf Milliarden 2017).  In Frankreich muss wie seit dem 14. Ludwig der Staat her, der freilich allzu oft Gruppen bedient, die strategische Macht besitzen, wie Lkw-Fahrer oder Eisenbahner. “

Es muss nicht verwundern, dass Herr Joffe mit zwei fest geschlossenen Augen durch die Welt geht, und deshalb übersieht, dass auch hier eher eine Kultur des Nehmens herrscht in den gewissen Kreisen, weil den von ihm gepriesenen 5 Milliarden allein geschätzte 55 Milliarden durch Cum-Ex-Betrug von den Superreichen ergatterte Steuergelder gegenüberstehen, und es auch in Frankreich selbstverständlich nicht die LKW-Fahrer und die Eisenbahner sind, die die Macht besitzen. Herr Joffe beisst nun einmal ungern in die Hand, die ihn füttert.

Aber um zu begreifen, warum diese plakative “Wohltätigkeit” in Frankreich eher Öl ins Feuer gießt statt die Wogen zu glätten, muss man sich die großzügig ausgereichten Millionen in normale Verhältnisse herunterrechnen. Wenn ein Bernard Arnault, Eigentümer des Luxuskonzerns Luis Vuitton-Mouton-Hennessy sowie noch einiger anderer Dinge, zweihundert Millionen aus seinem Vermögen spendet, dann wäre das bei, sagen wir mal, Oma Erna mit einem Vermögen von 40 000 Euro eine Spende von hundert Euro. Nie im Leben wäre der Hunderter von Oma Erna eine Schlagzeile wert.

Auf die Vermögens- oder eher Einkommensverhältnisse von Hartz-IV-Beziehern lässt sich eine solche Spende gar nicht mehr herunterrechnen, weil kein Vermögen da ist, also alles aus dem täglichen Bedarf abgezweigt werden muss. Oder anders herum – damit jemand wie Bernard Arnault über den Akt einer Unterschrift hinaus überhaupt etwas von dieser Spende an seinem Geldsäckel bemerkt, müsste sie im Bereich von Milliarden, nicht von Millionen liegen. Er besitzt 73,2 Milliarden Euro; ein Jahr zuvor waren es erst 46,9 Milliarden.

Der französische Sozialwissenschaftler Rémy Herrera kommentiert diese Gabenbereitschaft also zu Recht mit einer gewissen Verachtung:„Unter dem bösartigen Blick der gotischen Wasserspeier erbricht das  Laster vor der Kirche, würgen die Mäuler der Ausbeuter, der Betrüger, der Verschmutzer, der Wucherer ihre Profite hervor. Mit einem Fingerschnippen wirft eine Hand voll privater Könige, der Reichen Frankreichs, die so in Steuerschlupflöcher verliebt sind, mehr als das dreifache der dreihundert Millionen Euro auf den Banketttisch, die der Staat jährlich für die Erhaltung nationaler Kulturdenkmäler zur Verfügung stellt..

Die mediale Inszenierung hält er für gescheitert:„Und plötzlich, wie durch einen Akt des Heiligen Geistes, haben sich die Kapitalisten, die das Land zu Grunde richten und die soziale Ungleichheit vertiefen, in „Erbauer von Kathedralen“ und Garanten der „nationalen Einheit“ verwandelt. Das wird vermutlich böse enden.“

Die Gelbwesten führen ihr Leben in einem anderen Universum als Herr Arnault. So beschreibt eine Teilnehmerin ihre Mitstreiter (4):“Einige haben sich selbständig gemacht, kommen nicht einmal auf 500 Euro im Monat. Jaqueline hat ein Haus neben der Autobahn, das sie sich nicht mehr leisten kann. Einige wohnen in Wohnwagen, die Miete ist zu teuer, und leben von kleinen Bauarbeiten, die auf die Hand bezahlt werden. Ein ehemaliger Legionär kommt jeden Abend zum Grillen, „weil er die Heimat so besser verteidigt als an vorderster Front“. Dany arbeitet im Krankenhaus: „Wir können keine Menschen mehr heilen, es ist nur eine Schande.“

Sie gehen Woche für Woche auf die Straße, und alles, was in Deutschland darüber berichtet wird, ist, dass aus Demonstrationen heraus den Polizisten zugerufen wurde: “Bringt Euch um.” Die Hunderte schwer Verletzter und Verstümmelter, ins Gefängnis gesteckten waren noch nie Thema. Die Aufforderung “bringt euch um” wird nur dadurch zum Thema, weil sich in diesem Jahr bereits 28 Polizisten in Frankreich das Leben genommen haben. Sie wurden zwischen Überstunden, schlechter Bezahlung, den Gewalteinsätzen gegen legitimen Protest und der daraus folgenden sozialen Ausgrenzung schlicht zerrieben. Es bleibt abzuwarten, wann die ersten die Konsequenz ziehen und die Seite wechseln.

Aus den Reihen der Gelbwesten existiert jedenfalls bereits ein entsprechender Aufruf (5):

“Aber vergesst nicht, dass ihr auch ein Teil des Volkes seid. Heute CRS oder BAC, aber morgen? Ein kleiner Fehltritt, ein ernstes Gesundheitsproblem, und ihr seid nichts. Eure heutigen Auftraggeber werden schnell von Amnesie befallen und sie werden sich nicht einmal daran erinnern, dass ihr ihren Befehlen gefolgt seid und in ihrem Interesse. Eure Kollegen in Algerien haben die Manipulation erkannt. Sie nahmen ihre Helme ab, senkten ihre Schilde. Sie weigerten sich, den Forderungen von Politikern zu folgen, die so korrupt sind wie jene bei uns.
Sagt mir nicht, dass ihr keine Wahl habt! Diese Entschuldigung ist wertlos; erinnert euch daran, dass im Namen blinden und stummen Gehorsams Millionen gestorben sind.

Ihr seid frei, eure schmutzige Arbeit, die Demonstranten zu brechen, fortzusetzen. Aber wisst, dass sich die Gewalt immer gegen die Gewalttäter kehrt.
Glaubt nicht, dass wir nicht reagieren werden, dass wir eure Schläge schweigend hinnehmen.
Begeht keinen Selbstmord, schließt euch uns an.
Beendet dieses Gemetzel, ehe ihr etwas tut, das nicht mehr gut gemacht werden kann.”

Sollten solche Aufrufe Erfolg haben, wäre die Macht Macrons – und damit jene der EU – am Ende. Es gab bereits Äußerungen aus der Armee, man wolle nicht auf das eigene Volk schießen; während Soldaten der Fremdenlegion unter der Bezeichnung ‚Sentinel‘ Gebäude schützen, um die Polizei zu entlasten, sind andere, ehemalige Legionäre nicht nur beim Grillen bei den Gelbwesten aktiv, sondern auch schon in Uniform auf Demonstrationen gesichtet worden. Das Eis unter Macrons Füßen könnte dünner sein, als er wahrhaben will.

Das wichtigste Wahrzeichen Frankreichs, das sich im Gemälde von Delacroix ebenso findet wie im unerschrockenen Blick des Mannes auf Knien, ist jedenfalls unbeschädigt; es ist gerade dabei, seinen Kopf zu heben und erneut die Bühne der Geschichte zu betreten. Womöglich ist es bald an uns, Ereignisse in Frankreich so zu würdigen, wie Heine es angesichts des Gemäldes von Delacroix getan hat:

“Heilige Julitage! Wie schön war die Sonne, und wie groß war das Volk von Paris! Die Götter im Himmel, die dem großen Kampfe zusahen, jauchzten vor Bewunderung, und sie wären gerne aufgestanden von ihren goldenen Stühlen und wären gerne zur Erde herabgestiegen, um Bürger zu werden von Paris!“

Quellen:

  1. http://www.mnge.de/content/docs_kumudg/delacroix/allegorie.html
  2. https://www.youtube.com/watch?v=-i3ftb_u_O8&t=20s
  3. https://www.zeit.de/2019/18/notre-dame-brand-frankreich-spenden-wiederaufbau-kapitalismus
  4. https://ricochets.cc/Gilets-jaunes-Revue-de-presse-du-20-21-22-avril.html
  5. http://by-jipp.blogspot.com/2019/04/therese-di-malta-lettre-tous-les-crs-et.html

Bildquelle: : David Dufresne davduf.net/@DrMomour

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17 Kommentare zu: “Tagesdosis 26.4.2019 – Die Freiheit auf Knien?

  1. Sehr geehrte Frau Henn,

    meine Gratulation und Respekt für diesen wichtigen und großartigen Artikel!
    Eine Anmerkung noch und ergänzend zu den bisherigen Kommentaren: Schon früh wusste der Sapiens um „die Macht des Bildes“. – Von den Höhlenmalereien über die Götterstatuen, den (großen) Gemälden bis hin zum heutigen Foto. Bleibt nur zu hoffen, daß dieses Bild oben (Demonstrant auf Knien) in seiner Rezeption auf Dauer die richtige „Geschichte“ erzählt…
    www.michael-hueter.org

  2. Grossartiger Text von Frau Henn. Hoffnung machend, troestlich trotz aller Ungeschminktheit.
    Setze doch einfach mal dagegen die karikatureske Erbaermlichkeit so armer Geisteskreaturen, die unsere Politkomikerkaste samt Normalmedienabschaum in ihrer Mausfeldschen „organisierten Kriminalitaet“ darstellt.
    Man kann nur noch an gewidert ausspucken.
    Es wird Zeit, selbst zu uebernehmen. Die Gelbwesten scheinens drauf zu haben, sind weit genug unten dazu.
    Befuerchte, Hiesige eifern unsaeglich diesen ewigen Sozialdemokratieloosern wie schon die letzten 120 Jahre hinterher oder den neuerlichen Gruenenluegnern und Machtspeichelleckern.
    CDU, AfD, FDP sind ohnehin ganz ohne Schamhaftigkeit gekaufte Schergen der o. a. Organisierten Staats- und EU-Kriminalitaet.
    Pfui Deibel.
    Die Franzosen muessens, wieder mal, ganz alleine retten.

  3. Danke für diesen Beitrag. Zeigt er doch die Abgehobenheit unserer Medien und wie weit der Neofeudalismus sich schon in unsere Gesellschaft und die Köpfe der Herrschenden vorgearbeitet hat. Man möchte den Gelbwesten Chapeau, für ihre Ausdauer und Kreativität zu rufen.

  4. Es ist grausam, die Brüder und Schwestern in Frankreich gegen die letzte militärische und polizeiliche und was weiß ich “ Truppenteile“- Aĺlianz verheizen zu sehen.
    Jeder Tag, der vergeht ohne solidarische Verbundenheit mit grenzübergreifender Entschlossenheit, den Franzosen zu Hilfe zu eilen, ist eine große Schande für unser deutsches Volk! Thälmann war ein stolzer Deutscher Patriot und starb auch dafür im KZ Buchenwald. Für ihn gab es damals schon Daniele Gansers Menschheitsfamilie. Wie lange wollen wir satten Deutschen Michel dieses menschliche Desaster noch stillschweigend hinnehmen?

    Scheiße ist ein harmloses Wort für diesen passiven Zustand!!!!

  5. Anbei als Anmerkung, da das ganze System im Grunde auf organisierter Kriminalität beruht:

    „Hr. Mausfeld (zur Oligarchie bzw. Machteliten): Er spielt auf der Klaviatur des Systems und das System, dazu gibt es interessante Literatur, ist von Anfang an so geschaffen, schon eigentlich zurück bis ins 18. Jahrhundert gibt es interessante Literatur die zeigt, daß die gesamte Rechtssprechung, das gesamte Rechtswesen so geschaffen ist, daß es denen die ökonomisch sozusagen Tricks darauf machen, daß es denen in die Hände spielt, sie von Verantwortung befreit, indem man sie von Produkthaftung befreit.
    Das ganze Rechtssystem ist eigentlich nicht zum Vorteil von einer Gemeinschaft, sondern zum Vorteil von einer solchen Schicht.“
    (…)
    „Es gab an der London School of Economics Susan Strange, die hat Pionierarbeit geleistet um die Entstehung von Finanzkriminalität aus diesen Strukturen zu zeigen.
    Das heißt die Finanzkriminalität wurde bewußt ermöglicht, die wurde sozusagen bewußt eingeführt, um solche Möglichkeiten der Schaffung von Reichtum zu ermöglichen.“

    Aus: Rainer Mausfeld zu den „Gelbwesten“, Neoliberalismus, Migration und Elitendemokratie

    … und hier:

    Vor allem der gesamte Bereich der Wirtschaft ist im Kapitalismus in prototypischer Weise autoritär, wenn nicht gar totalitär organisiert. Er bildet in kapitalistischen Demokratien geradezu die Basiszelle antidemokratischer Haltungen und Organisationsformen. Durch eine Erhöhung der Durchlässigkeit zentraler politischer Instanzen für Einflüsse aus dem privatwirtschaftlichen Bereich lassen sich autoritäre Elemente in öffentlich kaum sichtbarer Weise in den politischen Bereich einbringen. Andere Kernzellen genuin antidemokratischer, autoritär organisierter Systeme sind der militärische Bereich, die Geheimdienste, Think-Tanks und Stiftungen. Die Geheimdienste zeigten seit je eine natürliche Tendenz, sich gegenüber einer parlamentarischen Kontrolle zu verselbständigen und bildeten teilweise systematische Verflechtungen mit dem organisierten Verbrechen aus.
    (…)
    Auch die ursprünglich in der Mitte der Gesellschaft verankerten Volksparteien verbanden sich im Rahmen ihres Prozesses einer Oligarchisierung und Korrumpierung, wie er schon 1911 von dem bedeutenden deutschen Soziologen Robert Michels beschrieben worden war, immer enger mit wirtschaftlichen Interessengruppen und integrierten sich personell wie ideologisch in staatliche und wirtschaftliche Machtstrukturen. Durch ein großes Arsenal von Mechanismen, die bis in die Gesetzgebung reichen, wurde ein Spektrum offener und verdeckter Formen politischer Korruption etabliert. Um ein jüngeres Bsp. zu nennen: Eine empirische Studie des Roosevelt Institute untersuchte“den Einfluss des Geldes auf Stimmabgaben zur Finanzregulation“ sowie im Telekomsektor „die Verbindung von Industriespenden und Kongress-Stimmabgaben“ mit dem Ergebnis: „Eine beträchtliche Anzahl von Vertretern der Legislative verkauft das öffentliche Interesse im Austausch für politisches Geld.“ So entstanden innerhalb einer vordergründig demokratischen Gesellschaft autoritär organisierte „Stabilitätskerne“ für die tatsächlichen Zentren der Macht.
    (…)
    Zudem haben sie durch politische Etablierung von Mechanismen der Transformation ökonomischer Macht in politische Macht und einen direkten Einfluß auf die Gesetzgebung ihren politischen Einfluß in einer historisch nie gekannten Weise vergrößert: beispielsweise die Steuergesetzgebung, die internationale Gesetzgebung zum „Freihandel“, eine Verrechtlichung institutionalisierter Formen von Korruption und eine rechtliche Gleichstellung von Konzernen mit natürlichen Personen („corporate personhood“).
    Rainer Mausfeld, Warum schweigen die Lämmer? – Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören, S. 144-145/147-148

  6. Eine gute Darstellung und ein eindrucksvolles Foto, bei Letzterem hoffe ich, es mildert nicht die vielen Fotos von bereits geschehener blutiger Gewalt mit heftigen Verletzungen und lebenslangen Konsequenzen für die tapferen Betroffenen.

    • Vor Jahren haben wir uns Zusammengeschlossen und gewaltfrei gegen AKW’s protestiert.

      ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/Albrecht-wir-kommen-Gorleben-Protest-in-Hannover,gorleben240.html

      Bei späteren Protesten gegen die AKW’s und Castor Transporte hat die Kernkraft-Elite per Polizei uns mit Schlagstöcken, Pfefferspray und auch Wasserwerfern angegriffen. Doch die Aussmasse von Frankreich hatten wir noch nicht!

      haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Gewalt-ueberschattet-Proteste-gegen-den-Castor-Transport

      Traurig es so sagen zu müssen, aber Tschernobyl, Harriesburg, die Asse und Fukushima gaben uns zu 100% recht im Bemühen die Gesellschaft zu schützen. Geschlagen und gedemütigt wurden wir, entschädigt wurden wir dafür nie und Lob und Anerkennung fehlten auch! Dank der vielen Protestler und aufgrund der Unfälle fand ein Umdenken der Bürger statt.

      Wie es sich anfühlt kann man im Link hierunter erfahren.

      tvthek.orf.at/topic/Filme-Serien/13869361/Der-erste-Tag/14011469/Der-erste-Tag/14484585

      Am 22 Oktober 1981 kamen bundesweit rund 1,3 Millionen Menschen gegen die Stationierung neuer Atomraketen in Mitteleuropa. Allein in Bonn gingen rund eine halbe Million Menschen auf die Straße. Kollegen von damals, wo seid ihr heute???

      general-anzeiger-bonn.de/bonn/500.000-protestierten-gegen-Nato-Doppelbeschluss-article1176315.html

      Auch heute wird nicht ohne Grund protestiert, gegen die Vasallen in der EU oder z.B. gegen die Behandlung von Assange.

  7. Anbei eine Anmerkung zu dieser starken Tagesdosis, nur da Cum-Ex auch nicht krimineller ist, als der Rest der Institution auch:

    „Hr. Mausfeld (zur Oligarchie bzw. Machteliten): Er spielt auf der Klaviatur des Systems und das System, dazu gibt es interessante Literatur, ist von Anfang an so geschaffen, schon eigentlich zurück bis ins 18. Jahrhundert gibt es interessante Literatur die zeigt, daß die gesamte Rechtssprechung, das gesamte Rechtswesen so geschaffen ist, daß es denen die ökonomisch sozusagen Tricks darauf machen, daß es denen in die Hände spielt, sie von Verantwortung befreit, indem man sie von Produkthaftung befreit.
    Das ganze Rechtssystem ist eigentlich nicht zum Vorteil von einer Gemeinschaft, sondern zum Vorteil von einer solchen Schicht.“
    (…)
    „Es gab an der London School of Economics Susan Strange, die hat Pionierarbeit geleistet um die Entstehung von Finanzkriminalität aus diesen Strukturen zu zeigen.
    Das heißt die Finanzkriminalität wurde bewußt ermöglicht, die wurde sozusagen bewußt eingeführt, um solche Möglichkeiten der Schaffung von Reichtum zu ermöglichen.“

    Aus: Rainer Mausfeld zu den „Gelbwesten“, Neoliberalismus, Migration und Elitendemokratie
    https://www.youtube.com/watch?v=mdchIFjToG8

    … und hier:

    Vor allem der gesamte Bereich der Wirtschaft ist im Kapitalismus in prototypischer Weise autoritär, wenn nicht gar totalitär organisiert. Er bildet in kapitalistischen Demokratien geradezu die Basiszelle antidemokratischer Haltungen und Organisationsformen. Durch eine Erhöhung der Durchlässigkeit zentraler politischer Instanzen für Einflüsse aus dem privatwirtschaftlichen Bereich lassen sich autoritäre Elemente in öffentlich kaum sichtbarer Weise in den politischen Bereich einbringen. Andere Kernzellen genuin antidemokratischer, autoritär organisierter Systeme sind der militärische Bereich, die Geheimdienste, Think-Tanks und Stiftungen. Die Geheimdienste zeigten seit je eine natürliche Tendenz, sich gegenüber einer parlamentarischen Kontrolle zu verselbständigen und bildeten teilweise systematische Verflechtungen mit dem organisierten Verbrechen aus.
    (…)
    Auch die ursprünglich in der Mitte der Gesellschaft verankerten Volksparteien verbanden sich im Rahmen ihres Prozesses einer Oligarchisierung und Korrumpierung, wie er schon 1911 von dem bedeutenden deutschen Soziologen Robert Michels beschrieben worden war, immer enger mit wirtschaftlichen Interessengruppen und integrierten sich personell wie ideologisch in staatliche und wirtschaftliche Machtstrukturen. Durch ein großes Arsenal von Mechanismen, die bis in die Gesetzgebung reichen, wurde ein Spektrum offener und verdeckter Formen politischer Korruption etabliert. Um ein jüngeres Bsp. zu nennen: Eine empirische Studie des Roosevelt Institute untersuchte“den Einfluss des Geldes auf Stimmabgaben zur Finanzregulation“ sowie im Telekomsektor „die Verbindung von Industriespenden und Kongress-Stimmabgaben“ mit dem Ergebnis: „Eine beträchtliche Anzahl von Vertretern der Legislative verkauft das öffentliche Interesse im Austausch für politisches Geld.“ So entstanden innerhalb einer vordergründig demokratischen Gesellschaft autoritär organisierte „Stabilitätskerne“ für die tatsächlichen Zentren der Macht.
    (…)
    Zudem haben sie durch politische Etablierung von Mechanismen der Transformation ökonomischer Macht in politische Macht und einen direkten Einfluß auf die Gesetzgebung ihren politischen Einfluß in einer historisch nie gekannten Weise vergrößert: beispielsweise die Steuergesetzgebung, die internationale Gesetzgebung zum „Freihandel“, eine Verrechtlichung institutionalisierter Formen von Korruption und eine rechtliche Gleichstellung von Konzernen mit natürlichen Personen („corporate personhood“).
    Rainer Mausfeld, Warum schweigen die Lämmer? – Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören, S. 144-145/147-148

  8. Hallo Frau Henn,
    vielen Dank für Ihren informativen und tollen Kommentar!! Das zugrunde liegende ikonisch anmutende Bild des knienden, doch furchtlosen und ungebrochen Mannes ist eine sehr wahrhaftige Ausgangslage Ihres Kommentars.
    Die Details zur Erstattungsfähigkeit von Spenden insbesondere für kulturelle Zwecke ebenso wie der Youtube-Verweis auf die Brandeigenschaften der Eichenbalken waren sehr aufschlussreich. Die zitierten Kritiken über die Spendenfreudigkeit der Multimilliardäre als auch die der „Gelbwesten“ runden die Zusammenhänge stimmig ab. Sie haben in aller Kürze ein berührendes und sachkundiges Statement gegeben, das mir nicht nur ausgesprochen gut gefallen hat, sondern mir auch das Konfliktthema „Freiheit in Europa“ eindringlich näher brachte.
    Freue mich auf weitere Kommentare von Ihnen!
    Grüße
    N.Wick

  9. “ … sich in diesem Jahr bereits 28 Polizisten in Frankreich das Leben genommen haben. Sie wurden zwischen Überstunden, schlechter Bezahlung, den Gewalteinsätzen gegen legitimen Protest und der daraus folgenden sozialen Ausgrenzung schlicht zerrieben.“

    Das wären die äußeren Faktoren.
    Über die inneren Faktoren können diese 28 leider keine Auskunft mehr geben, da stehen Fragen im Raum.
    Jedenfalls waren die wenigen Polizisten, mit denen ich mich privat unterhalten habe, ansonsten ganz normale Menschen und warum sollte das in Frankreich anders sein … okay, wie die sind, mit denen ich mich nicht unterhalten habe, also 99,99%, das weiß ich natürlich nicht, aber warum sollten Polizisten grundsätzlich anders sein, das ergäbe m.E. wenig Sinn.
    Mal angenommen, die Motivation Polizist zu werden ist ein ganz normales Helfersyndrom, gutes tun wollen und so, in den jungen Jahren der Berufswahl auch sich beweisen wollen und so.
    Das gibts in einigen anderen Berufen auch und auch in diesen Berufen gehen Leute mit Helfersyndrom kaputt (z.B. Lehrer mit „Burnout“).
    Bei der Polizei gibts aber besondere quasi militärische Strukturen, das Gewaltmonopol des Staates, überwiegend stark konservative Einstellungen und einen bestimmten Corpsgeist.
    Wenn ganz normale Menschen mit ganz normalen psychischen Vorbelastungen in diesen speziellen Strukturen drin sind …

    Andererseits; wenn psychisch maximal stabile Charaktere Polizisten wären – okay, woher nehmen? in gestörten Gesellschaften, aber mal angenommen – dann würden die auch schon mal Befehle verweigern, die dem Grundgesetz der Bundesrepublik widersprechen (oder in Frankreich der französischen Verfassung).
    Das wäre dann eine Polizei, wie sie in Demokratie und Rechtsstaat sein sollte – und weniger geeignet politische Interessen durchzusetzen.
    Ein Schelm wer sich vorstellen kann, dass die Zustände innerhalb der Polizei zumindest als Nebeneffekt geduldet werden.

  10. Ich stimme Hog1951 zu. Auch ich würde mehr von Frau Henn lesen. Selten so einen guten Artikel über die Gelbwesten und Frankreich gelesen.Chapeau!!!! Frau Henn. Leider ist es den Franzosen nicht vergönnt ihren Artikel zu lesen. Ein französisches KenFM wäre den Franzosen gegönnt.
    Vous avez faites un bon travail!

    • Danke fuer den Hinweis, schwarz ist weiss! Ich habe ihre Seite schon lange als Lesezeichen, es ging mir darum hier auf KenFM mehr von ihr zu lesen.

      mfG

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