Tagesdosis 27.4.2018 – Papst und Teufel: Kein Wunder in der Hölle (Podcast)

Ein Kommentar von Klaus Hartmann.

Glaubt man der italienischen Zeitung „La Repubblica“ kurz vor Ostern 2018, soll Jorge Mario Bergoglio alias Papst Franziskus gesagt haben: „Die Hölle gibt es nicht, was es gibt, ist die Auslöschung der sündhaften Seelen.“

Die Stuttgarter Zeitung meldete am 04.04.2018: „Ausgerechnet Papst Franziskus soll angeblich das finstere Reich des Teufels und der von Gott getrennten Toten, den Ort des endzeitlichen Strafgerichts, wo die Menschen für ihre Sünden ewig büßen müssen, geleugnet haben.“

Fast hätten auch wir Freidenker an ein Wunder geglaubt, doch es war wohl keines: „Vatican news“, das amtliche Online-Organ des Vatikanstaates dementierte umgehend: Die Hölle existiere – auch der Papst habe nie daran gezweifelt. Das „Wallstreet Jounal“ bedauerte am 12.04.2018: „Noch während die Sündigen dieser Welt aufatmeten und ausgelassen feierten, wurde der Vatikan aktiv, dementierte umgehend und bestätigte die Existenz der Hölle.“

Na, wenn das keine frohe Botschaft ist. Auf die Kirchenoberen ist doch immer noch Verlass. „Falsch zitiert“ oder „falsch verstanden“ sei der Gottesmann geworden, hieß es zur Begründung. Das „falsche Zeugnis“ stammte nämlich aus einem Gespräch mit dem Gründer von „La Repubblica“, Eugenio Scalfari. Und da der Atheist schon biblische 93 Jahre alt ist, kann der Vatikan mit seiner Diagnose „Zeitungsente“ auf einen Hauch Glaubwürdigkeit rechnen.

Erzbischof Fisichella, Präsident des Päpstlichen Rates für Neuevangelisierung, schob als Begründung für die Existenz der Hölle nach: „… nicht, weil Gott in seiner Barmherzigkeit die Hölle will, sondern vielmehr wegen der Dickköpfigkeit des Menschen. Der Mensch ist es, der sich einbildet, er könne seine Freiheit bis ins Letzte ausreizen – und dadurch erniedrigt er sich schließlich.“

So bleibt uns die Hölle, laut Bibel „ewige Verdammnis“ mit „Heulen und Zähneklappern“, Gott sei Dank erhalten. Der Katholische Katechismus muss auch nicht umgeschrieben werden: „Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden.“

Himmel, Hölle, Fegefeuer – reale Orte auf der irdischen oder kosmischen Landkarte? Da die Kirche nicht daran interessiert sein kann, dass nur die im Geiste armen zur gläubigen Gemeinde zählen, fand schon vor geraumer Zeit ein Umsteuern statt, das die Intelligenz des durchschnittlich gebildeten Gläubigen nicht allzu sehr beleidigt.

Schon der 2005 verstorbene Karol Wojtila alias Papst Johannes Paul II. verkündete: „Die Hölle meint nicht so sehr einen bestimmten Ort, sondern vielmehr die Situation dessen, der sich frei und endgültig von Gott entfernt hat.“ Gemeint sind wohl Freidenker, Agnostiker und Atheisten, wobei die mehrheitlich bestreiten werden, sich von etwas entfernt zu haben, was ohnehin nur eine Fantasiegestalt ist.

Nicht zum ersten Mal ist somit ein von Scalfari verheißenes Wunder geplatzt: Schon 2014 schien sich ein solches anzubahnen, da Papst Franziskus die Ehelosigkeit katholischer Priester als „Problem“ bezeichnet habe, wofür er „Lösungen finden“ würde. Die Äußerung wurde als sensationell und als Abgesang auf den Zölibat aufgefasst, doch zu früh gefreut – auch dies war eine Ente.

Für viele Kinder und Minderjährige waren die Jahre in kirchlichen Erziehungseinrichtungen die sprichwörtliche Hölle auf Erden. Um die Verschleierung von Missbrauchsfällen einzudämmen, berief Papst Franziskus eine „Päpstliche Kommission für den Schutz von Minderjährigen“, auf die sich große Erwartungen richteten.

Doch deren Arbeit ist keineswegs eine Erfolgsgeschichte. Zunächst auf drei Jahre bis Ende 2017 befristet, berief der Papst Anfang 2018 neue Kommissionsmitglieder. Die französische Kinderpsychiaterin Catherine Bonnet verzichtete auf ein zweites Mandat, weil sie keine Mehrheit für ihr Anliegen fand, Bischöfe und Ordensobere im Fall eines jeden Missbrauchsverdachts von Priestern zur Anzeige bei zivilen Behörden zu verpflichten.

Das britische Kommissionsmitglied Peter Saunders, selbst Missbrauchsopfer, wurde im Februar 2016 „beurlaubt“, weil er „kein Mitglied einer PR-Übung“ sein wollte, sondern gegenüber Medien z.B. den australischen Kurienkardinal und Finanzchef des Vatikan George Pell, der unter dem Verdacht steht, Missbrauch vertuscht oder gar selbst begangen zu haben, als „hartherzigen Soziopathen“ bezeichnete. („Der Spiegel“, 07.02.2016)

Im März 2017 trat das irische Missbrauchsopfer Marie Collins „aus Frustration über mangelnde Kooperationsbereitschaft vatikanischer Behörden“ aus der päpstlichen Kommission aus, lt. „kathnet“ „eine der profiliertesten Stimmen.“

Das Dekret „Wie eine liebende Mutter“, mit dem Papst Franziskus die Absetzung von Bischöfen und Ordensoberen regelt, die Missbrauch verschweigen oder unzureichend darauf reagieren, hätte im September 2016 in Kraft treten sollen, „aber bis auf den heutigen Tag wurde in keinem einzigen Fall ermittelt“, erklärte Catherine Bonnet lt. „vaticannews“.

Das ist umso bemerkenswerter, als allein der Abschlussbericht der staatlichen australischen Missbrauchskommission auf 100.000 Seiten von „Zehntausenden Kindern und Jugendlichen“ berichtet, die zu Opfern von Missbrauch wurden. (vaticanhistory, 16.12.2017)

Doch auch der Papst selbst macht beim Pädophilie-Skandal eine unglückliche Figur. Im Januar 2018  hatte er bei einer Pastoralreise nach Chile Vorwürfe gegen Bischof Juan Barros vor Journalisten als „Verleumdung“ zurückgewiesen. Barros wird vorgeworfen, von Missbrauchsvorwürfen gegen den chilenischen Priester Fernando Karadima, gewusst und ihn gedeckt zu haben. Nachdem Franziskus 64 Zeugnisse von Beteiligten und Opfern vorgelegt wurden, bekannte er in einem Brief an die chilenischen Bischöfe „einen schwerwiegenden Fehler“, lobte aber zugleich die diesbezügliche Diskretion der Medien.

So ist von den Hoffnungen auf Reformen und vom Nimbus des „Modernisierungspapstes“ wenig übrig geblieben. Die „Mittelbayerische“ stellte am 05.03.2018 ernüchtert fest: „Nach fünf Jahren Franziskus hat eine Art Entzauberung eingesetzt. Und vielen Menschen vor allem in Deutschland scheint der Papst sowieso egal zu sein.“

Daraus zu schließen, dass die Katholische Kirche nun gänzlich nicht mit der Zeit ginge, wäre jedoch verfehlt. Besonders dem Trend zur Militarisierung wollen sich manche offenbar nicht verschließen. So vermeldet „kathnet“ am 06.04.2018 aus Brasilien, dass während des Gottesdienstes in der Stadt Sorocaba eine Monstranz für die Eucharistiefeier mit einer Drohne den Mittelgang entlang zum Altar geflogen kam. „Während des Fluges jubelten die Gottesdienstbesucher.“

Es bleibt zu hoffen, dass in solchem Hokuspokus nicht die mahnenden Worte Franziskus‘ untergehen, die auch unsere Unterstützung verdienen: „Damit das System fortbestehen kann, müssen Kriege geführt werden, wie es die großen Imperien immer getan haben“, „Wir sind am Limit. Ein Zwischenfall wird reichen, um einen Krieg zu entfesseln. Deshalb müssen wir die Waffen zerstören und uns für die nukleare Abrüstung einsetzen.“

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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