Tagesdosis 27.7.2019 – Aufstand in der Christopher Street

Ein Kommentar von Florian Kirner aka Prinz Chaos.

„In der schwarzen Bürgerrechtsbewegung rannten wir vor der Polizei. In der Friedensbewegung rannten wir vor der Polizei. Aber in dieser Nacht rannte die Polizei vor uns davon, vor uns, vor den Niedrigsten der Niedrigen. Und es war fantastisch.“

Das sagt der Aktivist John O’Brien rückblickend über jene Nacht der Nächte in der Christopher Street in New York City. Jene Nacht des 28. Juni 1969, als eine Polizeirazzia in der Bar „Stonewall Inn“ mit wütendem Widerstand beantwortet wurde, der in einen mehrtägigen Riot eskalierte.

Seymour Pine, Deputy Inspector der „Sittenabteilung“ der New Yorker Polizei, hat es auf der Gegenseite so erlebt:

„Wir hatten keine ausreichende Truppenstärke. Und die Truppen auf der anderen Seite kamen heran als wäre es ein Krieg. Und das genau ist es auch gewesen: es war ein Krieg!“

Flaschen flogen. Steine flogen. Gefangene wurden wieder befreit. Drei Tage und Nächte währten die Straßenschlachten im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. Auf der einen Seite die Polizei. Auf der anderen Seite eine buntscheckige Menge von Leuten aller erdenklichen Hautfarben und sexuellen Identitäten, deren Wut über die ständigen Schikanen der Polizei, über den Moralterror der bürgerlichen Gesellschaft und die allgegenwärtige Diskriminierung ihrer Liebe endlich auf die Straße brach.

Drag Queens, lesbische Frauen, schwule Männer, Transgender, Stricher – alles, was nicht in die rigiden Moralvorstellungen dieser Zeit passte, hatte sich im Stonewall Inn gefunden gehabt.

Das Stonewall Inn war keine ideale Heimat. Der Laden war ein mieser Abzockschuppen, kontrolliert von der örtlichen Mafia, die bei den regelmäßigen Razzias mit der Polizei zusammenarbeitete.

Aber dieser miese Mafiaschuppen war auch ein echter Freiraum. Es war so ziemlich der einzige Ort im damaligen Amerika, wo Männer mit Männern tanzen konnten und Frauen mit Frauen, wo gleichgeschlechtliche Liebe und Leben außerhalb der Geschlechterdefinitionen sich offen zeigen konnte.

Im Verlauf des 28. Juni 1969 stand das Stonewall Inn dann irgendwann in Flammen. Die Polizei hatte sich zuvor darin vor der wütenden Menge verbarrikadiert. Gleichzeitig loderte zum ersten Mal in der Geschichte der Nachkriegszeit die Flamme der sexuellen Selbstbestimmung.

Der Schriftsteller Allen Ginsberg hat beschrieben, was das Erlebnis des militanten Widerstands mit den Beteiligten gemacht hat. „Und weißt Du“, sagte Ginsberg: „die Leute waren so unfassbar schön. Sie hatten diesen verwundeten Blick verloren, den zehn Jahre zuvor alle Schwuchteln gehabt hatten.“

Dieser verwundete Blick hatte seine Gründe. Homosexualität galt in den reaktionären USA der 1950er und 1960er Jahre als Krankheit – und war der ultimative moralische Verstoß in einem Land, das von den sittlichen Vorstellungen fundamentalistischer Christen dominiert wurde. Die angesagte „Heilmethode“ für Homosexualität bestand in einer Elektroschocktherapie. Unzählige schwule Männer wurden Opfer dieses medizinischen Terrors. Die allgegenwärtige Homophobie beendete zahllose Karrieren, Familien verstießen angewidert die eigenen Kinder. Die Selbstmordrate war horrend. Gewalt gegen queere Menschen ein Kavaliersdelikt.

Offenes, selbstbewusstes Leben außerhalb der heterosexuellen Norm war derweil undenkbar – aber in der Gegenkultur der 60er Jahre wuchs eine Generation heran, die sich mit den herrschenden Zuständen nicht mehr länger abfinden wollte. Frauen wurden selbstbewusster, die schwarze Bürgerrechtsbewegung brachte Massen auf die Straße, der Krieg in Vietnam politisierte Millionen.

In diesem rebellischen Umfeld erlebten auch queere Menschen ihren „Rosa Parks Moment“, wie Lucian Truscott schrieb: „Und sobald das passiert war, begann das ganze Kartenhaus der Unterdrückung zusammenzubrechen.“

Bis es dann tatsächlich zusammenbrach, sollte es noch Jahrzehnte dauern. Und bis heute steht ein Teil dieses Unterdrückungsgebäudes ziemlich stabil da.

Unmittelbar nach den Stonewall-Riots wurde die Gay Liberation Front gegründet und es gab einige wundervolle Jahre eines sehr radikalen queeren Aufbruchs. Eine ganze Lebenswelt entstand, mit Bars und Discos, mit Zeitungen und Buchverlagen, Treffpunkten, Coming-Out-Gruppen und den jährlichen Paraden zur Feier der Stonewall-Riots.

Nun wird den CSD-Paraden ja oft vorgeworfen, wie wild und freizügig es da zugeht und dass da „nur“ gefeiert würde. Ich persönlich würde den ewigen traurigen Latschdemos anderer Bewegungen von Herzen wünschen, von dieser Fröhlichkeit der CSD-Paraden mehr als nur eine Scheibe abzubekommen.

So lustig allerdings waren die Jahrzehnte nach dem Stonewall-Aufstand dann nicht. In den USA kam es Anfang der 1980er Jahre zu einer neoliberalen Wende unter Ronald Reagan, die mit einem kulturellen Rollback einherging. Mitten in diese ohnehin bedrohlichen Situation brach die AIDS-Katastrophe herein, die speziell die Stonewall-Generation zu Zehntausenden dahinraffte.

Die ersten schwulen Männer, die ich selbst wahrnahm, waren dann Leute um die 50 in AIDS-Talkshows, von denen man wusste: in wenigen Monaten sind die tot.

Der Wiederaufstieg der sexuellen Befreiungsbewegung dauerte lange. 1992 schrieb ich einen Eintrag in mein Tagebuch, in dem ich kaum fassen konnte, dass zum CSD in Berlin sage und schreibe 10.000 Menschen gekommen waren.

Irgendwann waren es dann Hunderttausende. Dann wurde mit Klaus Wowereit der erste offen schwule Politiker Bürgermeister der Hauptstadt usw.

Aber natürlich, wir leben im Kapitalismus. Da ist auch die Befreiung ein Geschäft und alle, die sich erfolgreich gegen Unterdrückung wehren, werden ins System hineingezogen, als neue Schicht von Konsumenten. Das ist natürlich auch in diesem Fall passiert.

Ich kann mich auch über eine lesbischen Alice Weidel oder einen schwulen Jens Spahn nicht großartig freuen. Und manche Scheindebatte einer auf das Unwesentliche fokussierten Identitätspolitik hat die radikalen Befreiungsutopien der frühen Bewegung völlig überlagert.

Dennoch: es ist gut, dass Menschen, die ihre Sexualität außerhalb der Heteronorm selbstbewusst leben wollen, nicht mehr mit Elektroschocks traktiert werden. Es ist gut, dass der Kampf für gleiche Rechte wenigstens in dieser einen Frage unbestreitbare Fortschritte gemacht hat.

Erinnert werden sollte aber daran, wie diese Fortschritte erreicht wurden. Mit militanter, massenhafter Gegenwehr und mit Millionen Menschen auf der Straße.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: Ewa Draze/ Shutterstock 

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17 Kommentare zu: “Tagesdosis 27.7.2019 – Aufstand in der Christopher Street

  1. Wer, wie hier Herr Kirner, ein von den Betroffenen eingeklagtes und in Teilen durgesetztes substantielles Recht auf Un-Gleichheit im Namen und im Rahmen des bürgerlichen (abstrakten) Gleichheitsgrundsatzes verortet, hat vom Kapitalismus und der bürgerlichen Welterklärung nichts verstanden.

  2. Wir sollten wieder ein Schwarmdenken im positiven Sinne entwickeln.
    So lange jeder irgendwie seine eigene Philosophie hat, bewegen wir gar nichts.
    „Friedlich“ ist ein schöner Gedanke – doch manchmal muss man auch auf den Tisch klopfen.

  3. „Widerstand“ wird durch Randgruppenzentrierung und Widerstandsgerede
    zum Werkzug der Machthaber.
    Revolution ist eine beliebige Marke und Guerilla (Guerilla Gardening) wenn man z.B. an Plätzen Gemüse pflanzt, die dafür nicht geeignet sind .
    Diese Entwicklung ist nicht Zufall, sie ist Konzept . – Die vollständige Entwaffnung des Volkes.

  4. lernen und erfahren

    wenn das die beiden elementaren Strömungen sind, die Entitäten wie „Menschen“ durchlaufen, was wird dann von den Lesern dieses Artikels so schmerzlich vermisst? Von wertvollen Impulsen erwartet man ja insgeheim eine Wirkung, die in sich selbst wirkend eine Veränderung verursacht. Fehlt dieser Impuls breitet sich Enttäuschung aus.

    Ich erinnere mich noch an den Notre-Dame Brand, als mit einem nahezu hysterischen Aufjaulen all jene mit vollem Hass, voller Wut und Zorn diffamiert wurden, welche mit einer gesunden Akzeptanz dem Vergänglichen gegenüber reagierten.

    Das gleiche Muster ist auch hier wieder zu erkennen. Ähnlich dem großen Glaubensgebäude wird die Mittel dem Zweck geheiligt. Und auf der anderen Seite mit Verwunderung fest gestellt, dass Krieg, Unterdrückung und alle Folgen von Gewalt noch immer präsent sind. Regelrecht mit einer Würze der baffen Erstaunung, dass selbst nach 10.000 Jahren noch immer nicht genug Krieg erfahren und daraus gelernt wurde.

    Gewalt, genau das hat die Entität „Mensch“ nun lange genug von allen Seiten erfahren. Auch in Form und zur Nutzung der eigenen Befreiung. Wird es nicht allmählich Zeit, den nächsten Lernschritt zu gehen, ein Existieren, ein Erreichen von Zielen, ein Ent-Wickeln ohne Gewalt vorstellbar zu machen und es dann selbst in persona zu leben? Sogar mit dem Hang zum Vergangenen zu brechen. Es gehen zu lassen und einzig die flüchtige Existenz der Präsenz als IST zu akzeptieren.

    Wie wertvoll ist denn eine „Bereiung/Revolution/Veränderung“, wenn sie in einer Form von Gewalt erreicht wurde?
    Wie anders ist es denn wirklich, wenn Gewalt von unten nach oben, statt von oben nach unten erfolgt oder vom Einzelnen auf den Rest?

    Mir persönlich ist ein „Erfahren“ nichts wert, wenn es sich einreiht in „Erfahrenes der letzten Jahrtausende“ nur in anderer Form und Farbe. Neues, wirklich Neues ist frei und zwar frei von Gewalt und dann horche ich auf. Denn dann wird nicht die eigene Haut oder Leben geopfert, sondern das alte Verhalten, Denken und Muster.

    Das Baumhaus von Ken und Thoma, das ist neu, das ist gewaltfrei.
    Kirchhof, Rettenbach und Co, das ist neu, das ist gewaltfrei.

    • Auch hier greift die von Herrn Mausfeld erwähnte Scheidelsche Drohung, die konkreten Verbesserungen die durch revolutionäre Betätigung erreicht wurden, werden negiert und auf ein Blutbad, das weiter nichts einbrachte, reduziert.
      Weiters wird ausgeklammert, daß die Reaktion, die Konterrevolution nicht schläft. Ebenso wird das neoliberale, selbstoptimierende, alles stoisch erduldende, Ego propagiert.
      Dieses neben dem Versuch gelebte Geschichte am besten zu vergessen, denn auch Gewaltfreiheit ist nicht neu, siehe z.B. Nelkenrevolution. Die angebliche Gewaltfreiheit der indischen Revolution, war eher Gewalt gegen sich selbst. Und hier wie dort hat die Reaktion auch nicht geschlafen.

      Wäre ihr Ansinnen tatsächlich etwas Neues anzuwenden, dann wäre das doch wohl etwas, daß man sich nicht auf einmal Erreichtem ausruht. Aber auch das ist nicht neu, denn auch dazu wurde bereits Einiges geschrieben.

      Nun läßt sich wohl schlußfolgern, das Problem ist nicht, daß es nichts Neues gibt, sondern daß offenkundig sehr viel vergessen, bzw. vergessen gemacht wurde.

  5. Sehr geehrter Florian Kirner aka Prinz Chaos!
    Ich empfinde die schlichte, moralisierende Logik ihres Artikels sehr erschreckend und frage mich, welch Geistes Kind Sie sein mögen.
    „Erinnert werden sollte aber daran, wie diese Fortschritte erreicht wurden. Mit militanter, massenhafter Gegenwehr und mit Millionen Menschen auf der Straße.“
    Eine Frage: lassen Sie sich auch fühlen, was Sie hier schreiben?
    Fortschritte – Sie meinen hier gesellschaftlicher Art, nicht wahr? – werden „mit millitanter, massenhafter Gegenwehr“ erreicht?
    Eine erschreckende Logik, die mich zu weiteren Fragen führt: Ist Ihr Name „Prinz Chaos“ Programm und liegt Ihnen wirklich etwas an gesellschaftlicher Veränderung oder geht es hier vielleicht vielmehr nur um den Ausdruck Ihrer persönlichen Befindlichkeiten?
    Mich schaudern Ihre Gedanken.

    • Da sie nicht argumentativ bei der Sache sind:

      Rainer Mausfeld: Wir müssen natürlich Kritik und Diffamierung unterscheiden. Kritik zielt auf die Sache, Diffamierung auf die Person. Kritik beruht auf Argumenten, Diffamierung arbeitet mit einem Diffamierungsvokabular. Worum geht es mir in meinen politischen Beiträgen in der Sache? In meinen Vorträgen geht es mir weniger um Vermittlungen konkreter Inhalte und Positionen. Denn hier gibt es wie stets bei der Betrachtung komplexer Systeme einen großen Spielraum für unterschiedliche Perspektiven; ich lege jedoch in meinen Beiträgen stets offen, dass meine Perspektive durch die radikaldemokratische Tradition der Aufklärung geprägt ist.

      Mir geht es in meinen Vorträgen vor allem um die Vermittlung einer Denkmethodologie, also gleichsam um das Handwerk des Denkens, mit der wir unsere alltäglichen politischen Erfahrungen wieder in einen Sinnzusammenhang einordnen können. Denn nur so können wir wieder ein Stück Autonomie gewinnen und angemessene Handlungskonsequenzen aus unseren Erfahrungen ziehen.
      (…)
      Da sich ihre Urheber in den von Ihnen genannten Fällen nicht einmal die Mühe machen, etwas anzuführen, das sie als Argumente oder Belege ansehen, haben diese Anwürfe mit mir und den Inhalten, die ich zu vermitteln suche, nichts zu tun. Das ist eigentlich für jeden, der sich ernsthaft mit meinen Beiträgen beschäftigt, klar erkennbar. Wer nun dennoch meint, eine ernsthafte Auseinandersetzung durch ein paar hingeworfene Schmähwörter ersetzen zu können, wird mit einer solchen intellektuellen Selbstauskunft leben müssen.

      Aus:
      „Wir leben in einer Zeit der Gegenaufklärung“
      02. Oktober 2018 Paul Schreyer
      https://www.heise.de/tp/features/Wir-leben-in-einer-Zeit-der-Gegenaufklaerung-4178715.html?seite=all

      Dann hier um zur Sache zu kommen:

      Soziale Errungenschaften wurden den Mächtigen stets abgetrotzt, in sozialen Kämpfen. Sie können die gesamte Geschichte zurückgehen: Soziale Errungenschaften wurden immer in sozialen Kämpfen den Mächtigen abgetrotzt – und nicht etwa in einem empathischen Dialog errungen.

      Aus:

      28. Pleisweiler Gespräch mit Professor Mausfeld – 22. Oktober 2017 Wie sich die „verwirrte Herde“ auf Kurs halten lässt: Neue Wege der „Stabilitätssicherung“ im autoritären Neoliberalismus
      https://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/171022-Mausfeld_Transkript_Landau_NDS.pdf

      Und schließlich hier:

      „Das Bewußtsein der Massen wird eines Tages reif sein zu erkennen, daß ihre Arbeitsbedingungen, insbesondere die Folgen der Arbeitsteilung, inhuman sind, das heißt, ihrer Lage als ganzheitliche menschliche Wesen nicht entsprechen.
      Wenn dieses Gefühl von einer politischen Bewegung umgesetzt werden kann in eine massenhafte Empörung gegen diese Ungerechtigkeit, dann wird die Lage kritisch (…)

      Ob unsere Demokratie die Kraft hätte, Maschinengewehre gegen revoltierende Arbeitermassen zu richten, bezweifle ich.
      Ein Noske, der 1919 erklärte: einer muß den Bluthund machen, scheint mir nicht am Horizont.“

      (Günther Nollau, Wie sicher ist die Bundesrepublik?)

      Hr. Mausfeld: An dieser trockenen Analyse, würden wir auch heute noch sagen, da ist sicherlich etwas dran. Der Schluß erscheint mir etwas optimistisch, denn ich denke wenn die Situation da ist, daß die Zentren der Macht sich wirklich bedroht fühlen, dann wird es sicherlich auch keinen Mangel an Noskes geben, die bereit sind sich für diese Aufgabe zur Verfügung zu stellen.
      (…)
      Begriff der ,Gewalt´ gehört zum politischen Falschwörterbuch

      Als ,Gewalt´ werden Reaktionsweisen der Machtunterworfenen angesehen,
      Gewalt ist das, was einzelne (nicht staatliche) Täter begehen

      Nicht zur ,Gewalt´ zählen:

      – Gewalt durch staatliche Zwangs- und Sicherheitsorgane
      – Gewalt durch Zerstörung ökonomischer und ökologischer Lebensgrundlagen
      – Gewalt durch die systematische Erzeugung von Angst und Unsicherheit
      – Gewalt durch Verletzungen sozialer Menschenrechte
      – …

      > Die Folgen struktureller Gewalt werden auf das Individuum projiziert – individualisiert und pathologisiert. Dadurch wird strukturelle Gewalt unsichtbar.
      (…)
      Hr. Mausfeld: Vergessen sie den Traum von sozialer Gleichheit, das führt nur zu Gewalt. Das ist die Scheidelsche Drohung.
      Interessant ist auch hier wieder, wichtig ist ja sozusagen daß wir politische Denkmethodologie üben und uns immer wieder die Sprache ansehen. Scheidel spricht von dem ungeheuren menschlichen Leid. Er meint das ungeheure menschliche Leid das in der Geschichte dadurch entstanden ist, daß Leute gegen menschenunwürdige Zustände gekämpft haben.
      Er meint nicht das ungeheure menschliche Leid das durch die Zustände, durch die Mechanismen die zu diesen Zuständen geführt haben, durch die Zustände selbst entstanden ist.
      Hier sehen sie im Grunde schon wieder eine ideologische Verbrämung des Status quo.

      (Verbrämung – positive, abgeschwächte Darstellung von etwas Negativem)

      Aus:

      Rainer Mausfeld: Neue Wege des Demokratiemanagements
      https://www.youtube.com/watch?v=1x8x9NokCZ0&feature=youtu.be&t=1080

      Insofern … ihr Schaudern ist recht selektiv.

    • @Phonac
      Zwar würde ich jederzeit Gandhis Methoden vorziehen, aber wenn man sich das Zitat von Florian Kirner aka Prinz Chaos anschaut:

      „Erinnert werden sollte aber daran, wie diese Fortschritte erreicht wurden. Mit militanter, massenhafter Gegenwehr und mit Millionen Menschen auf der Straße.“

      dann steht dort „Gegenwehr“.

      Heutzutage gibt es aus USA Bilder, wo die erste Reihe friedlicher Demonstranten einfach die Smartphones hochhält, filmend oder bereit zum filmen – und die Polizisten dann wie deplatziert dastehen, wohl wissend, dass mögliche Bilder von Polizeigewalt umgehend öffentlich werden und dass das für die Polizei, zumindest für ihr Image und auch für deren politische Agenda, nach hinten losgehen würde.
      SO finde ich das gut und heutzutage gibt es mit dem Internet die Möglichkeiten – und darum von der Gegenseite die entsprechenden Zensurbestrebungen – aber woran der Artikel erinnert, fand 1969 statt.

      Will sagen: dass Florian Kirners Erinnerung möglicherweise zweideutig formuliert ist, das mag kritisiert werden, m.E. wäre dabei aber schon noch der Zusammenhang mit den beschriebenen Ereignissen von 1969 zu sehen.

      Und ich bezweifle ja, dass dieses eine Ereignis alleine die Wirkung erzielte, sicherlich war es herausragend, aber m.E. gehört mehr dazu, breite gesellschaftliche Wirkung zu erzielen, ich vermute Ende der 1960er ist vieles gleichzeitig passiert.
      Und noch zu den Methoden:
      Ghandi konnte die Massen der Inder vereinen, die Homosexuellen, Queeren, sonstwie anders (als stockhetero) sexuell orientierten waren und sind in der Unterzahl; was hätten die denn sonst machen sollen, außer sich weiter benachteiligen und schikanieren zu lassen?
      Ob das ein Rezept für heute wäre, steht auf einem anderen Blatt. 😉

    • @Box
      Schaudern ist ein Gefühlsausdruck, der kann nicht selektiv sein – bestenfalls die vorausgehende Wahrnehmung.
      Das Sie kluge Zitate verwenden können war schon dem Artikel zu entnehmen,
      Millitant bedeutet eine aggressive Haltung, die vorhandene Bereitschaft zur Gewalt – nicht mehr und nicht weniger. Ud genau darum geht es hier. Daran ist nchts selektiv und muss deshalb wohl auch nicht weiter erklärt werden.

  6. Naja ob der gewaltsame Protest das einzige war; es gab ja in den 1960ern und 70ern auch den einen oder anderen Hollywoodstreifen – Hollywood, wo sonst straff staatstragende Propaganda produziert wird, James Bond und so – worin zumindest mit den Rollen gespielt wurde.
    Also da war vielleicht insgesamt entsprechende Bewegung in der Gesellschaft und die gewaltsamen Proteste waren dann noch das für alle unübersehbare Zeichen …

  7. @Hera
    Ich möchte hier nicht in dasselbe Horn blasen wie Dionysos, aber unter Widerstand kann man auch etwas anderes verstehen, als „militanter, massenhafter Gegenwehr“. Soetwas kann man auch als Aufruf zur Gewalt verstehen; frei nach „Prinz-Chaos“-Manier „Ich der Gute“.
    Ist es nicht erstaunlich, wie leicht aus den vermeintlichen Opfern Täter werden – vor allem auch, wenn sie selbst nie direkt betroffen waren? Mir graut es vor Leuten, die auf der Srasse lauthals schreien: „Haut, die Bullen platt wie Stullen“, weil ich sehr unmiitelbar erlebt habe, was sie anrichten können. Nur sie selbst kommen dann seltsamerweise oft „zufällig“ mit heiler Haut davon.

    • Die militante, massenhafte Gegenwehr kommt ja nicht vom Himmel gefallen. Und man wird auch nicht als Krawallo geboren. Warum fragt auf diesem blauen Bällchen eigtl niemals jemand nach der URSACHE????

      Gerade an den Beispielen Homosexualität oder auch Emanzipation kann man sehr gut sehen was passiert, wenn eine Gesellschaft Andersdenkende oder -handelnde unterdrückt oder diffamiert. Sowas kippt dann gern mal ins Gegenteil und geht dann voll nach hinten los, weil die Gegenbewegung dann gnadenlos übertrieben wird. Die AfD ist auch ein gutes Beispiel dafür. Je mehr der mainstream motzt, desto mehr halten die Leute zusammen und werden stärker.

      So ist die Welt nunmal gebaut. Wenn eine Mehrheit einer Minderheit das Leben schwermacht, das rächt sich immer. Dauert manchmal ein bisschen länger, passiert aber immer. Karma is ne bitch. 😉

    • @Hera
      Es hier um die vorhandene(!) Bereitschaft zur Gewalt – das meint der Ausdruck „millitant“. Man kann die Aussage also leicht als indirekten Aufruf zur Gewalt verstehen. Es ist gerade diese (latente) Bereitschaft zur Gewallt, die friedliche Demonstrationen immer wieder untergraben. Das die Gewalt von der Herrschenden ausgeht, bleibt davon unberührt, insbesondere auch ihre im Zweifel vermeintlich demokratische Legitimierung.

      Karma ist sächlich, kann also keine Bitch sein. 😉

  8. Tja in der DDR wurde sowas toleriert. War zwar nicht gern gesehen usw aber man hat es hingenommen. Und schwul sein ist auch erst seit 1993 laut WHO keine Krankheit mehr.

    Und ich bin echt kein Fan vom CSD und dem ganzen drum herum aber man muss einfach anerkennen das sie nach wie vor und unaufhörlich demonstrieren, Stärke, Geschlossenheit und Einigkeit zeigen und sich warum auch immer, nicht haben spalten lassen.

    „Michl“ bekommts irgendwie nicht gebacken…. Soll es wirklich „nur“ daran liegen das die Schwulen wirklich von allen gehasst und unterdrückt wurden und noch werden? Wenn ja, so sollten wir von ihnen lernen. Applaus und Chapeau!

    • Dionysos? Ernsthaft? Zeus war heut auch schon hier. Wenn jetzt noch Apollo hier reinschneit, machen wir nen Götterstammtisch.

      Ich glaub es ging Prinz Chaos darum aufzuzeigen, was Widerstand bewirken kann. Ich wusste zB nicht diese Details von den Riots damals. Hat der mainstream mir einfach nicht erzählt.

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