Tagesdosis 28.5.2018 – »Linke Bastionen« in rechter Hand (Podcast)

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Die Leipziger Veranstaltungsreihe »70 Jahre Israel« zeigt, wie reaktionäre Antideutsche die angeblich »linksradikale« Kulturszene im Leipziger Süden beherrschen.

Historisch steht links, wer sich für die unterdrückten Schichten einsetzt. Wer gegen diese vorgeht und, bewusst oder unbewusst, die Arbeit der herrschenden Klasse erledigt steht rechts. Glaubt man dem Verfassungsschutz, sind weite Teile des Leipziger Südens, von Connewitz und Plagwitz über die Südvorstadt bis hin zur Uni in Mitte, »linksextreme« Hochburgen. Doch der Schein trügt. Längst beherrschen rechts-reaktionäre Antideutsche die angeblich »linke« Kulturszene in der Sachsenmetropole.

Die in diesem Umfeld vom gleichnamigen Bündnis organisierte und aktuell laufende Veranstaltungsreihe »70 Jahre Israel« beweist es. Dominiert wird sie von Vortragsrednern, die zu zum engen Kreis um Justus Wertmüller gehören. Wertmüller ist seit langem Tonangeber in der Antideutschen-Szene sowie Mitbegründer und Redakteur deren Propagandablatts Bahamas. Der islamfeindliche, chauvinistische, proimperialistische und teils rassistische Kurs dieses Mediums unterscheidet sich kaum von rechtsradikalen Postillen.

So sind in der Bahamas immer wieder Lobeshymnen auf die AfD, den Front National, die FPÖ und diverse rechtslibertäre Publikationen zu lesen. Ein Großteil der Blattautoren ist auch in dem neokonservativen Blog Achse des Guten von Henryk M. Broder zu finden, wo Hetzartikel gegen Linke, Muslime und diverse unterprivilegierte Gruppen wie am Fließband produziert werden. Kein Wunder, dass sich auch deren Aktivitäten mit dem rechtsradikalen Lager überschneiden. So demonstrierte etwa Wertmüller im Dezember mit der AfD in Berlin »gegen Islamismus« und hielt dort eine Hetzrede gegen muslimische Flüchtlinge.

Doch nur ein Vortragsredner ließ einige am Bündnis beteiligte Protagonisten aufhorchen. Der Bahamas-und Achse des Guten-Autor Thomas Maul, der heute Abend in Leipzig über »islamischen Antisemitismus« referieren soll, teilte am 9. Mai eine Bundestagsrede von AfD-Chef Alexander Gauland zum Thema Israel auf seiner Facebook-Seite. Dazu lobte er: »Immer wieder erscheint die AfD objektiv als einzige Stimme der Restvernunft im Bundestag.« Wer deren »Wahrhaftigkeit« bezweifele, so Maul, müsse »wenigstens die zur Schau gestellte Unvernunft des herrschenden Linkskartells als Bedingung der Möglichkeit dieses Erfolgs anprangern, statt mit Dämonisierung der AfD dem allgemeinen Wahn weiter zuzuarbeiten«.

Zunächst wollte die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig nicht mehr als Mitgastgeberin im Bündnis genannt werden. Dann zogen die »Naturfreundejugend Berlin« und der Verband »Sozialistische Jugend – Die Falken« ihre innerhalb der Reihe geplanten Vorträge zurück. Sie rügten die Zusammenarbeit mit Maul.

Auf Anfrage der Autorin wurde schließlich auch die Universität Leipzig hellhörig. Dort sollen einige Referate stattfinden. Zunächst erklärte eine Uni-Sprecherin, man habe dem Studierendenrat lediglich die Räume zur Verfügung gestellt. Der prüfe das Vorgehen im Fall Maul. Am Donnerstag meldete das antideutsche Bündnis »70 Jahre Israel«, die Uni habe ihre Zusage für den Raum zurückgezogen. Beeindrucken ließ es sich davon nicht: Es verlegte den Vortrag in den angeblich »linksradikalen« Connewitzer Club »Conne Island«.

Mauls Aussagen überraschen indes nicht. Auf der Homepage des Ça-ira-Verlags stellte er schon vor Jahren nicht die Wirtschafts- und Eigentumsverhältnisse, sondern den »ordinären Alltagsislam« als alleinigen Verursacher von »Verarmung, Massenarbeitslosigkeit und Analphabetismus« dar, dem nur die »westlichen Demokratien«, inklusive NATO und Rohstoffkriege versteht sich, »fortschrittlich« entgegen stünden.

Und geht’s mal nicht gegen angeblich »ungebildete Moslems«, zieht Thomas Maul gern gegen Frauen zu Felde. In diesem März etwa ging der Autor in der Bahamas auf die mutmaßlichen Missbrauchsopfer des Filmproduzenten Harvey Weinstein los. Diese Frauen seien »durch Weinstein groß gewordene Heulsusen«, die ihm »erst geizig bis ins Mark, dann kleinlich nachtragend« die »ertrickste Gegenleistung« als »kleine Siege« missgönnten, ätzte er in seinem Artikel in der antideutschen Propagandapostille.

Das Bündnis »70 Jahre Israel« firmiert auf einer Webseite ohne Impressum namens »gegen-antizionismus.de«. Laut seiner Facebook-Seite mischen in diesem unter anderem vermeintlich »linke« Szeneclubs wie das Conne Island, Kulturraum Leipzig und ein räumlich in letzteren Verein integriertes Institut für Zukunft (IfZ) mit. Das IfZ ist ein Beatclub unter Leitung einer Eventfirma, der laut Selbstauskunft eng mit dem namhaften Leipziger Technoclub »Distillery« und der Plagwitzer Szenekneipe Felsenkeller kooperiert. Im Felsenkeller tagte Anfang Mai sogar die diesjährige Bahamas-Konferenz.

Und auf der Rednerliste dieser Vortragsreihe stehen weitere Protagonisten aus dem Wertmüller-Umfeld, das sogar einige gemäßigtere Antideutsche als nach rechtsaußen abgedriftet kritisieren. So soll am 1. Juni der Bahamas- und Achse des Guten-Autor Sebastian Voigt an der Universität referieren. Voigt ist Mitbegründer des Bundesarbeitskreises (BAK) Shalom. Das ist ein Netzwerk innerhalb der Linkspartei, das gegen Linke mit antiimperialistischen und klassenkämpferischen Positionen zu Felde zieht. Der BAK-Shalom ist in diesem Zusammenhang für üble Verleumdungskampagnen bekannt.

Für dieselben reaktionären Medien wie Maul und Voigt arbeiten auch die für den 11. Juni im Conne Island angekündigten Publizisten Alex Feuerherdt und Florian Markl. Ebenso Stephan Grigat, der bereits am 8. Mai dort referierte. Grigat ist darüber hinaus Mitinitiator der Kampagne »Stop the Bomb«. Gemeint ist die westlichen Erfindungen zufolge angeblich vorhandene »iranische Atombombe«. Notfalls, heißt es dort, müsse diese durch »gezielte und wiederholte Militärschläge« des Westens aus der Welt geschaffen werden. Das »Leipziger Bündnis gegen die Iran-Delegation« ist ein Ableger dieser von Neocons und Antideutschen organisierten Anti-Iran-Kampagne und ebenfalls Mitorganisator der Vortragsreihe.

Die Bahamas-Akteure sind im Umfeld der Hochschulen in Leipzig, Halle und Dessau seit Jahren überaus aktiv. Und vielerorts reißen sie sich offensichtlich nach und nach einst linke Kulturbastionen unter den Nagel. Da Politik und Medien diese noch immer als »linksradikal« bezeichnen, ist das an der Öffentlichkeit weitgehend vorbeigegangen. Während rechts-reaktionäre Parteien wie NPD, Die Rechte und Der III. Weg sowie das Bündnis Pegida sowie der Rechtsaußenflügel der AfD um Björn Höcke vor allem auf die einfache Arbeiterjugend abzielen, rekrutierten Antideutsche fast ausschließlich die »intellektuelle« Jugend.

Unter dem Deckmantel der sogenannten »Ideologiekritik« reden sie den Kapitalismus und imperialistische Kriege als »bürgerlichen Fortschritt« schön. Sie erklären den Islamismus zum neuen Faschismus, der durch den Westen ausgerottet gehöre. Dass Faschismus nur eine Spielart kapitalistischer Herrschaftsausübung ist, leugnen sie ebenso wie die Tatsache, dass die große Masse der weltweit fast zwei Milliarden Muslime friedlich lebt. Mit einer vorgeblichen Religionskritik hat das nichts zu tun, eher mit Vernichtungsfantasien gegen einfache, oft bettelarme und abgehängte Menschen.

Man kann konstatieren, wenn Anhänger der Antideutschen fanatisch eine rechtsextreme und rassistische Regierung in Israel abfeiern, hat das ähnlich wahnhafte Züge wie sie radikalisierte Islamisten an den Tag legen. Wer wie sie Klassenverhältnisse und historische Fakten ausblendet und gegen unterprivilegierte Gruppen, darunter auch vor Krieg oder Elend Fliehende, hetzt, steht auf jeden Fall nicht links. Im Gegenteil: Auf diese Weise wird faschistisches Gedankengut, getarnt als »linke Ideologiekritik« und »Antifaschismus« in die Bildungsbürgerjugend getragen. Besser kann ein kapitalistischer Staatsapparat den Erhalt bürgerlicher Machtverhältnisse nicht managen.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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