Tagesdosis 29.1.2020 – US-Vorwahlen: Bernie Sanders spielt auf Sieg! (Podcast)

Ein Kommentar von Florian Kirner.
Es geht los – und das Parteiestablishment der Demokraten, sowie die angeschlossenen Medienstationen flippen schier aus. Denn die Umfragen zeigen einen kontinuierlichen Aufstieg von Bernie Sanders. Am 3. Februar gibt es in Iowa die erste Vorwahl. In fast allen Umfragen liegt Sanders vorne. Es folgt die Wahl in New Hamphire. Die Umfragen zeigen einen Vorsprung von 14% für Sanders. Auch in den landesweiten Umfragen hat Sanders nun endlich Joe Biden überholt. Im direkten Vergleich mit Donald Trump liegt Sanders 9% vor dem Amtsinhaber.
Gelingt der Massenbewegung, die sich um die Kandidatur von Bernie Sanders gebildet hat, der Durchmarsch ins Weiße Haus? Bis dahin ist es noch ein sehr weiter Weg und die Bereitschaft, Sanders zu verhindern, ist groß in den Eliten. So gab es die letzten Wochen eine nicht enden wollende Serie medialer Attacken. Allerdings gingen sie samt und sonders nach hinten los.
Da war Hillary Clinton. Sie ist immer noch fassungslos, dass sie 2016 gegen Trump verloren hat. Und wenn daran mal nicht die Russen schuld sind, ist eben Bernie Sanders daran schuld. Dass der 39 Kundgebungen für sie abgehalten hat, hat sie längst vergessen. Und sie findet: „Nobody likes Bernie“.
Das mag nun in Hillary Clintons Kreisen tatsächlich der Fall sein, dass niemand Bernie Sanders mag. Dass es viele gibt, die Bernie mögen, zeigte sich auf Twitter am Tag darauf. Der Hashtag „I Like Bernie“ stürmte ansatzlos auf Platz 1 der Twitter-Trends. Auch Tulsi Gabbard, formal eine Konkurrentin von Sanders im Vorwahlkampf, ließ wissen: „Ich mag Bernie“ Wie es dagegen um die Beliebtheitswerte der Clintons bestellt ist, wollen wir an dieser Stelle gnadenvoll unerwähnt lassen.
Auch Obamas alter Wahlkampf-Manager Jim Messina sprach sich deutlich gegen Sanders aus. Er warnte, dass man mit einem solchen Kandidaten nur verlieren könne. Naja, Messina. Zuletzt hatte der einen Job als Wahlkampfberater von Theresa May, als die ihre Wahl brutal verloren hat. Aber es wird nicht zum ersten Mal deutlich, dass sich die Obama-Welt mit Händen und Füßen gegen den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Bernie Sanders wehrt.
Und dann teilte Joe Rogan mit: er werde bei der Vorwahl in Kalifornien wahrscheinlich für Sanders stimmen. Joe Rogan betreibt den einflussreichsten Podcast der USA, sein Interview mit Bernie Sanders liegt aktuell bei 11 Millionen Zugriffen. Die Sanders-Kampagne war stolz auf Rogans Unterstützung und verbreitete die Meldung in den sozialen Netzwerken.
Natürlich, wieder: Empörung, Skandal, Verstoß gegen die Politische Korrektheit. Joe Rogan, der im Hauptberuf als Comedian tätig ist, hat nämlich in seiner langen öffentlichen Karriere auch drei bis fünf Dinge gesagt, die man vielleicht besser anders formuliert hätte. Also wurde wiederum Sanders vorgeworfen, Sexist zu sein und transphob.
Weiterhin wird auch daran gearbeitet, Bernie Sanders als Antisemiten und „selbsthassenden Juden“ hinzustellen. Aber man hat das im Grunde bei der Vorwahl der Republikaner 2015 gut beobachten können: als das Establishment die Gefahr Trump endlich erkannt hatte und mit Figuren wie Mitt Romney und dem Bush-Clan versuchte, ihn zu stoppen, begann der Durchbruch Trumps erst so richtig.
So auch diesmal. Die Angriffe aus dem Establishment werden immer wütender – und gerade das heizt die Unterstützung für Bernie immer mehr an.
Was diese Leute einfach nicht begreifen können, ist die Ablehnung, auf die ihr etablierter Polit-Zirkus längst in weiten Teilen der Bevölkerung stößt. Sie leben in ihren Blasen und bestätigen sich gegenseitig, wie großartig sie sind: die Vertreter der Parteimaschinen, die Strippenzieher im Kongress, die hochbezahlten Stars der Fernsehsender und die Armee der Lobbyisten. Sie sind seit Jahrzehnten gewohnt, dass Realität das ist, was sie den Leuten einreden. Und sie versuchen es immer wieder mit den alten Methoden, mit denselben miesen Tricks.
Joe Biden etwa wirft der Sanders Kampagne vor, sie hätten ein Video von ihm fingiert, in dem er sich für Kürzungen im Sozialbereich ausspricht. Und er versucht, seine Unterstützung für den Irak-Krieg von George Bush in eine spezielle Art der Opposition umzulügen. Sicher. Früher konnte man so etwas machen. Wenn man Glück hatte, war das Gedächtnis der Leute kurz genug und man kam damit durch.
Aber im Internetzeitalter? Da kann sich jeder Jugendliche die entsprechenden O-Töne aus dem Netz fischen und herausfinden, wer da lügt und wer die Wahrheit spricht.
Dazu kommt das, was die Kommentaren als „Enthusiasm Gap“ bezeichnen. Bei Veranstaltungen mit Joe Biden kommen ziemlich übersichtliche Besucherzahlen zusammen und die Stimmung ist langweilig und irgendwie nett. Elisabeth Warren hat eine echte, aktive Basis und erntet eine gewisse Begeisterung, aber ihre Zustimmungswerte sind rückläufig. Pete Buttegieg hat viel Geld im Rücken, zumeist von reichen Spendern, zieht aber deutlich kleinere Menschenmengen an. Andrew Yang hat eine Crowd, die ihn feiert und voll hinter ihm steht, aber sie ist vergleichsweise klein.
Sanders dagegen hat riesige Veranstaltungen, sogar im sehr ländlich strukturierten Iowa. Landesweit liegt die Zahl der Freiwilligen, die für seine Kampagne aktiv sind, weit über einer Million Menschen – und die Begeisterung ist enorm.
Das gilt selbst dann, wenn Sanders selber gar nicht da ist. Das ist momentan ziemlich oft der Fall, denn alle US-Senatoren sind verpflichtet, bei der schrägen Impeachment-Show in Washington DC anwesend zu sein. Also schickt die Sanders-Kampagne Leute wie den Dokumentarfilmer Michael Moore oder die junge Kongreß-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez nach vorne – und siehe da: die Sanders-Veranstaltungen ohne Sanders sind immer noch mit weitem Abstand besser besucht als die Veranstaltungen aller anderen Kandidaten.
Trump wird derweil nervös. Gegen den tollpatschigen Joe Biden, gegen die knochentrockene und leicht zu verunsichernde Elisabeth Warren, gegen den wenig erfahrenen Pete Buttegieg hätte Trump leichtes Spiel. Aber gegen Sanders?
Es gibt eine Umfrage in West Virginia, einige Monate nach der Wahl Trumps. Wie hätten Sie abgestimmt, wenn statt Hillary Clinton Senator Sanders gegen Trump gestanden hätte? Sanders hätte gewonnen: mit 48% zu 46%. Hillary dagegen hat West Virginia verloren: 68% haben für Trump gestimmt.
Diese Fähigkeit, Trump-Wähler, frustrierte Ex-Demokraten und vor allem eine Millionenschar von Erstwählern für sich zu gewinnen und zu mobilisieren, macht die Sanders-Kampagne aus. Das hält natürlich die Parteibürokratie der Demokraten nicht ab, jeden miesen Trick zu versuchen, um Sanders zu verhindern. Am Ende wären einigen von ihnen wahrscheinlich eine zweite Amtszeit von Trump lieber als eine erste von Sanders.
Aber eventuell geht es bald nicht mehr nach den Wünschen dieser Herrschaften. Sollte Sanders einen Doppelsieg in Iowa und New Hampshire gelingen, ist alles möglich.
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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: a katz / Shutterstock

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