Tagesdosis 29.10.2018 – Unterwerfen bis zum Crash?

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Unnütze Umweltzerstörung für ein paar Arbeitsplätze? Im Hambacher Forst stehen sich Gewerkschaften und Umweltschützer feindlich gegenüber. Erstere klammern am Lohnarbeitsmodell des vorigen Jahrhunderts. Letztere wenden sich gegen das System der Ausbeutung von Mensch und Natur – ein Widerspruch, der zeigt: Die am Kapitalismus klammernde Sozialdemokratie kann aktuelle Probleme nicht lösen.

Riesige Mondlandschaften erstrecken sich am Niederrein nahe Köln. Der Energieriese RWE fördert dort Braunkohle. Mehr als 3.500 Hektar Wald und etliche Dörfer sind dem Tagebau bereits zum Opfer gefallen. Nun sollen die letzten 200 Hektar, der Hambacher Forst, der Kohleförderung weichen. Obwohl laut einer von der Bundesregierung eingesetzten Kohlekommission das letzte Kraftwerk im Jahr 2038 vom Netz gehen soll. RWE will in den kommenden 20 Jahren alles herausholen. Es geht um Profite.

Umweltschützer wehren sich seit Jahrzehnten gegen die Pläne des Konzerns. Wenn der Mainstream überhaupt einmal darüber berichtete, tat er die Waldbesetzer gerne als Spinner ab. Erst jetzt, wo RWE ernst machen will, ist der Widerstand zum Massenprotest angewachsen.

Vor einigen Wochen demonstrierten rund 50.000 Menschen gegen die – gerichtlich lediglich vorläufig gestoppte – Abholzung. Letztes Wochenende nun die nächste Großaktion: Tausende Aktivisten reisen an, errichten ein Camp, durchbrechen Polizeiketten, besetzen einen Bagger, blockieren eine Kohle-Bahnstrecke. Die Polizei setzt Wasserwerfer, am Ende auch rohe Gewalt ein und füllt die Gefangenen-Sammelstelle.

Ziviler Ungehorsam ist angesagt – und schon ätzt die rechte Presse. Focus online titelt: „Kapitalismus-Kritik statt Umweltschutz“. „Linksradikale Gruppen“ würden den Protest für „ihren Kampf gegen das kapitalistische System missbrauchen“, findet das Untertanen-Blatt. Es jammert über besorgte Staatsschützer, warnt vor „Gewaltpotential“ und „Krawalltouristen“. Nun ja, möglicherweise hat der Autor des Artikels, Axel Spilcker, den Zusammenhang zwischen kapitalistischem Profitstreben und Umweltzerstörung noch nicht begriffen.  

Schöne Grüße an dieser Stelle auch an die „Law & Order“-Fraktion, die eifrig unter besagtem Artikel krakeelt. Nein, Bagger besetzen und Konzerne blockieren ist nicht dasselbe wie Ausländer attackieren oder deren Unterkünfte anzünden. Auch wenn Springer, Focus und Co. das immer wieder gerne suggerieren.

Immerhin hat der Focus ganz richtig erkannt: Im Hambacher Forst geht es längst um mehr, als ein kleines Waldstück. Dafür sprach schon das Frontbanner eines Demozuges, auf dem es hieß: „Kapitalismus ist keine Naturgewalt“. Es geht darum, den exzessiven Raubbau an der Natur zu stoppen und die Macht der miteinander verschmolzenen Großkonzerne und Banken zu brechen. Es geht letztlich um das einzige, was einen ökologischen Kollaps vielleicht noch verhindern könnte: Die Umstellung der Produktionsweise von profitgetrieben auf bedarfsorientiert. Mit Wattebäuschen und Bittstellerei funktioniert das nun einmal nicht. Der Hambacher Forst ist ein Symbol für den Kampf für das Überleben von Milliarden Menschen geworden.

Vor einem ökologischen Kollaps hatte jüngst sogar der Weltklimarat gewarnt. Schreite die Erderwärmung mit der aktuellen Beschleunigung voran, heißt es in dessen Bericht, könnte das Klima schon in zwölf Jahren kippen. Das bedeutet laut Forschern: Der Meeresspiegel steigt binnen kurzer Zeit rasant, Dürrewellen überziehen die Kontinente, Wüsten breiten sich aus, Überschwemmungen mehren sich und viele Gebiete werden unbewohnbar. Der Klimawandel, erklären sie, werde zur Fluchtursache Nummer 1.

Die Gewerkschaften sehen das anders. Im Schlepptau von Verdi und der IG Bergbau-Chemie-Energie protestierten zuletzt 20.000 Bergarbeiter –  für das Abholzen und gegen den Kohleausstieg. 150 Pro-Kohle-Demonstranten waren vorletzte Woche sogar vor dem Wohnhaus einer Mitarbeiterin der Kohlekommission aufmarschiert. Die Polizei stoppte sie erst, als sie wutentbrannt gegen ein Fenster schlugen.

Die protestierenden Arbeiter geißelten den gerichtlich verhängten Rodungsstopp. Sie trugen Plakate, auf denen sie RWE ihre Unterwürfigkeit bekundeten. Kein Wunder: RWE hat bereits mit Jobabbau gedroht. Die Angst vor Hartz IV, inklusive Enteignung und staatlichen Repressionen, sitzt tief.

Sicher: Ohne Gewerkschaften hätten Arbeiter heutige Zugeständnisse nie erkämpft. Organisation von unten ist bitter nötig im permanenten Klassenkampf. Das Dilemma: Die Sozialdemokratie hat die Gewerkschaften in das System eingefriedet. Sie sind zu bürokratischen Apparaten mutiert und hängen fest in jenem Lohnarbeitsmodel, aus dem sich die gigantische Profit-Akkumulationsmaschine nährt. Dieser Prozess der Selbstabrichtung in den Warencharakter der eigenen Arbeitskraft ist im Zuge der Geschichte des Kapitalismus so weit fortgeschritten, dass Tausende dafür demonstrieren, weiterhin in einer Lohnarbeit zu verharren, die sie und die Gesellschaft nachhaltig  schädigt.

Die Gewerkschaften haben keine Antwort und keinen Plan. Sie starren wie das Kaninchen auf die Schlange auf die irrationale Megamaschine, in die wir alle kraft staatlicher Gewalt hinein gezwungen werden. Dabei ist ihr einziger Selbstzweck absurd: Wenige schöpfen größtmöglichen Profit aus produktiver Arbeit ab. Die von sozialdemokratischen Gewerkschaftern so vehement gepredigte Sozialpartnerschaft zwischen Ausbeutern und Lohnabhängigen ist wie ein Virus, das ein Stockholm-Syndrom verursacht. Mögen sich die Untertanen auf ewig der Kapitalverwertungsmaschine unterwerfen, um existieren zu dürfen.

So verständlich die Angst der Kohlearbeiter ist: Dem entgegen stehen die Probleme der gesamten Menschheit: Beenden wir das kraft seiner Eigentums- und Machtverhältnisse profitgetriebene Wirtschaftssystem nicht schleunigst, werden wir bald zu spüren bekommen, dass aktuelle Kriege, Fluchtbewegungen, Dürren und Naturkatastrophen nur ein verhältnismäßig seichtes Warnsignal waren. Dann steuern wir auf ein Inferno aus Krieg, Umweltzerstörung und Naturgewalten unvorstellbaren Ausmaßes zu. Und dieses wird, so viel ist sicher, keine Grenzen, keine Nationen, keine Religionen kennen.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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16 Kommentare zu: “Tagesdosis 29.10.2018 – Unterwerfen bis zum Crash?

  1. Liebe Frau Bonath
    Vor Kurzem haben sie sich noch im „Warum-Karussell“ am Kapitalismus abgemueht
    Mehr als ein kotziges :“ja ich weiss“war oft die ohnmaechtige Reaktion.

    Jetzt fragen Sie aber wozu der Kapitalismus noch gut sein soll.
    Das ist natuerlich viel spannender.
    „Warum“ bewegt sich in der depressiven Vergangenheit und pflegt das Selbstmitleid des Egos.
    (Ja ich weiss,es muss halt wieder leiden)

    „Wozu“ fragt konstruktiv in die Zukunft und fordert jeden frischen Geist auf am neuen
    dialektische Ideal der Menschheit mitzuwirken.
    Unser Geist kontrolliert naemlich die Materie weiss die Hermetik!
    Das macht wirklich (wirklich kommt von wirken) viel Freude, weil der Schoepfer in uns zum schwingen kommt
    und wir uns nicht mehr ohnmaechtig fuehlen.
    Wenn unser Ego nicht wir sind ,dann koennen wir jetzt ein bischen mehr erfahren wer wir wirklich sind.
    Und das finde ich schoen.

    Danke fuer den neuen frischen Aufwind !

  2. Das ist für mich die entscheidende Frage. Wie konnte es gelingen, einen von der Wortherkunft in den verschiedensten Sprachen mit Mühsal, Leiden, laborieren, Sklaverei etc… verbundenen Begriff zu so einer zentralen Stellung im menschlichen Leben zu erhöhen? Arbeit durfte nur noch am Rande als Quelle des Mehrwerts in der kapitalistischen Produktionsweise erscheinen und mußte immer mehr ins Zentrum des Selbstwertgefühls von Menschen gerückt werden. Trotz abnehmender Bedeutung der menschlichen Arbeitskraft in der kapitalistischen Produktionsweise, definieren sich die meisten Menschen nach wie vor sehr stark über ihre Arbeitskraft und dies zeigt mir wiederum wie tief dieser Lohn-Arbeit Reflex verankert wurde.
    Im Sozialismus gab es übrigens eine Arbeitspflicht, die jetzt im Kapitalismus durch eine existenzielle Bedrohung bei Arbeitslosigkeit abgelöst wurde. Ein Schlaraffenland wird es auch in Zukunft nicht geben, aber es wäre wünschenswert zu einer normalen Einstellung zur Arbeit zurückzukehren. Es gab schon mal Zeiten da wurde für eine 35 Stunden Woche gestritten. Warum ist man da stehen geblieben?

    • Moin, passant,
      “ Es gab schon mal Zeiten da wurde für eine 35 Stunden Woche gestritten. Warum ist man da stehen geblieben?“
      Ist es eine rhetorische Frage? Dann hat sich meine Antwort diesbezgl. erledigt. Ansonsten:
      Die 35 Std Woche wurde diskutiert noch vor der sog. Wende, gemeint ist die Annexion der eh. DDR.
      Um fuer die „darbenden“ Doofis von der anderen Seite Anregungen zu geben fuer ihren Neid und dem damit verbundenen Unwohlsein, hat man im Westen ein paar Köder ausgeworfen. Die 35 Std Woche war so etwas. Ich erinnere mich, dass dann auf der Werft nebenan die 38 Std. Woche eingefuehrt wurde. Ebenfalls relativ hohe Lohnerhöhungen, alles um etwas glänzen zu können gegenueber dem „Klassenfeind“.
      Heute ( seit gut 25 Jahren) ist alles vorueber. Heute „muss“ das Kapital nachholen, was es am Anfang dem Proletariat zugestanden hat. Darum wird es nichts mehr mit der 35 Std Woche in diesem System.
      Wir muessen uns schon unsere Rechte erkämpfen!

  3. Moin, Frau Bonath, wie wahr! Und erst recht die 2 folgenden Feststellungen:
    „Die Gewerkschaften haben keine Antwort und keinen Plan.“ und
    „Beenden wir das kraft seiner Eigentums- und Machtverhältnisse profitgetriebene Wirtschaftssystem nicht schleunigst, werden wir bald zu spüren bekommen, dass aktuelle Kriege, Fluchtbewegungen, Dürren und Naturkatastrophen nur ein verhältnismäßig seichtes Warnsignal waren.“
    Doch welche Antwort haben Sie auf diese dringende Frage? Ich meine, welchen Handlungsplan entwickeln Sie gegen diese Entwicklung?
    Dass es das Kapital schafft ueber seine Ideologen und Schreiberlinge verschiedene Gruppen der Bevölkerung gegeneinander aufzuhetzen ist nichts wirklich neues. Dass die Sozialdemokratie eine mehr als unruehmliche Rolle spielt, ist glaube ich auch jedem Linken klar. Was also ist zu tun?
    Nun, ich denke auch, dass „Mit Wattebäuschen und Bittstellerei funktioniert das nun einmal nicht.“ Genau, und deshalb muessen wir uns organisieren. Muessen uns ideologisch schulen, damit wir gefeit sind gegen die Umarmungsversuche der Gegenseite. Aber ganz oben an auf der Prioritätenliste steht der Aufbau einer Kaderpartei nach Lenins Vorbild.

    • Moin, schwarz ist weiss!
      Eine Kaderpartei oder Partei der Berufsrevolutionäre ist ein Zusammenschluss (nicht unbedingt eine parlamentarische Partei) von Menschen, die das Ziel haben dieses System und die damit verbundenen Auswuechse zu beseitigen. Da wir es mit einem hochorganisierten Gegner (Kapitalismus/Imperialismus) zu tun haben ist die Ueberwindung nur mit einer ebenfalls hochorganisierten Gegenwehr zu schaffen. Lenin sah fuer die Berufrevolutionäre eine Zeitung als unabdingbare Voraussetzung vor, um dort die wichtigen Fragen der Bewegung zu diskutieren. Das wäre wohl heute eher ueber das Internet zu bewerkstelligen. Der Sinn ist, dass alle Mitglieder der Kaderorganisation „an einem Strang ziehen“. Lenin hat seine Vorstellungen dazu in seinem Buch „Was tun“ entwickelt.

    • Das mit dem Organisieren können sie vergessen. Die Dienste, vor allem der CIA (Vorgesetzter des BND), haben alles unter Kontrolle, könnten wenn nötig, überall ihre Leute einschleusen, wie etwa damals in die Piraten- Partei.
      Wir brauchen absolute Offenheit in der Diskussion und Fragen, die verstanden werden.
      (Siehe meinen Kommentar weiter unten.)

    • »Man schafft niemals Veränderung, indem man das Bestehende bekämpft. Um etwas zu verändern, baut man Modelle, die das Alte überflüssig machen. «

      Richard Buckminster Fuller

    • Wie waere es denn mit Evolution statt Revolution?
      Ich meine Taeter zu Opfer und Opfer zu Taeter Karussell fahren
      heiss sich auch nur im Kreis drehen .

  4. Den Kapitalismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.
    Aber ein dritter Weltkrieg, könnte ihn stoppen. Oder ein Preisausschreiben mit der Frage:
    Wie lässt sich der Trend, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, umkehren?
    Die Suche nach der richtigen Antwort würde zur Bewusstwerdung beitragen.
    Die Antwort ist auf zwei Sätze und 22 Worte beschränkt.
    Könnte KenFM das nicht aufziehen? In Zusammenarbeit mit anderen alternativen Medien?
    Ich höre es schon. Selber machen!! …bin leider nicht mehr fit genug.

    • Danke Freischwimmer, manche Blüten übersieht man oder geht achtlos an Ihnen vorbei, denn sie entfalten erst viel spätter ihre Wirkung. Es ist erstaunlich, im Grundsatz hat sich nicht viel geändert, schon gar nicht zum Besseren.

    • Nachtrag am Rande:

      Mag sein, dass man die Musik von Hans Hartz heute naiv und pupertär empfindet, aber seine Musik vermittelt mir den damaligen Zeitgeist im Besonderen.

      Der eigener Vater, der Schuldirektor in seiner Schule war, verweigerte ihm das Abitur.
      Das Berufsleben gestaltete sich schwierig, die Zahntechniker Ausbildung brach er ab, arbeitet im Kaufhaus, verdiente Geld auf dem Bau und gründete einen Kindergarten. Einzige Konstante im Leben war seine Musik.

      Einen Megaerfolg erhielt er durch die Becks-Bier-Reklame mit der Titel-Musik „Sail Away“. Während die Firma durch den Song den Umsatz steigerte und als Szene-Bier Erfolge feierte, erhielt Hans Hartz nur 3.000,- DM. Dies führte dazu, dass er telefonisch sich in der Chef-Etage beschwerte. Die Verbindung wurde mit ihm abgebrochen und Joe Cocker erhielt ein Millionenvertrag.

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