Tagesdosis 29.6.2019 – Das amerikanische Trauma

Eine Erklärung des Russiagate-Narrativs aus psychologischer Perspektive.

Von Caitlin Johnstone.

Das Interview, das Aaron Maté von The Grayzone unter dem Titel „America in denial: Gabor Maté on the psychology of Russiagate“ (auf Deutsch etwa: „Amerika verschließt sich der Wahrheit: Gabor Maté über die Psychologie hinter Russiagate“; Anmerkung der Übersetzerin) mit seinem Vater geführt hat, ist das beste und aufschlussreichste politische Video, das ich je gesehen habe. In 27 Minuten beschreibt es im Grunde die fundamentalen Probleme unserer Zeit, nicht nur in Bezug auf Russiagate, sondern auf die gesamte Weltpolitik, vom übergreifenden Verhalten der Mächte, die den Planeten dominieren, bis zu der Art und Weise, wie unser inneres Widerstreben, der Realität objektiv gegenüber zu treten, diese Mächte unterstützt. Daher verdient das Video seinen eigenen Artikel.

Als ich erfuhr, dass Gabor Aarons Vater ist, war mein erster Gedanke: „Das passt ja haargenau.“ Aarons Beiträge schlugen in die Russiagate-Debatte scheinbar wie aus dem Nichts ein; er wurde schnell zur gründlichsten und klarsten Stimme zu diesem Thema. Dabei hielt er sich strikt an das Prinzip der Auswertung von Fakten und Beweisen, anstatt dem aggressiven Anpassungsdruck seiner Medienkollegen und autoritativen Behauptungen von Regierungsbehörden nachzugeben.

Gabor war mir seit Jahren für den großen Respekt bekannt, den ihm andere Kreise, in denen ich mich bewege, für seine tiefe Einsicht in die menschliche Psyche entgegenbringen. Es leuchtet also unmittelbar ein, dass jemand wie Aaron mit der moralischen Stärke, gegen den Strom des Gruppendenkens zu schwimmen und dem Willen, um jeden Preis die Wahrheit zu sagen, von einem Menschen wie Gabor persönlich geprägt wurde.

Ich würde jedem ans Herz legen, sich das ganze Interview anzusehen, doch ich weiß, dass viele meiner Leser Videos nicht besonders viel abgewinnen können. Daher fasse ich hier mit Auszügen aus dem Grayzone-Transkript meine persönlichen Höhepunkte zusammen — denn ich halte dieses Interview wirklich für ausgesprochen gut und wichtig.

Emotionale Beteiligung

Der ältere Maté sprach über die öffentliche Unterstützung für das Russiagate-Narrativ und die unvermeidbare Enttäuschung, die folgte, nachdem Robert Mueller keinerlei Beweise für eine Zusammenarbeit zwischen der russischen Regierung und dem Trump-Wahlkampfteam von 2016 vorbringen konnte. Sowohl die Unterstützung als auch die Enttäuschung seien das Ergebnis emotionaler Beteiligung.

„Enttäuschung bedeutet, dass man etwas erwartet hat und gehofft hat, dass es passiert, und es ist nicht passiert“, sagte Maté. „Einige Menschen wollten also, dass Mueller Beweise für eine Zusammenarbeit findet, was bedeutet, dass sie emotional involviert waren. Sie wollten also nicht einfach nur die Wahrheit wissen. Sie wollten eine bestimmte Art von Wahrheit. Und wann immer wir eine bestimmte Art von Wahrheit wollen, dann rührt das von unseren emotionalen Bedürfnissen her und nicht einfach nur von einem reinen Interesse an der Realität.“

Gabor erklärte, diese emotionale Beteiligung habe ihren Anfangspunkt in dem Trauma, das Trumps Wahlsieg darstelle. Die Menschen konnten sich ihre Gefühle von Schmerz und Angst damals entweder bewusst machen und dann die Faktoren ernsthaft prüfen, die zu Trumps Wahlsieg geführt hatten, oder aber sie konnten ein ausländisches Schreckgespenst dafür verantwortlich machen und so diese Selbstkonfrontation vollständig vermeiden.

„Man kann sich dem stellen“, erklärte Maté. „Oder man kann sich sagen, dass ein Teufel hinter dem Ganzen stecken muss, und dieser Teufel ist eine ausländische Macht, und sein Name ist Putin, und sein Land ist Russland. Damit hat man eine einfache Erklärung, die es nicht erforderlich macht, dass man sich mit seinem eigenen Schmerz und seiner eigenen Angst und seinem eigenen Trauma beschäftigt.“

„Ich glaube wirklich, dass dieses Russiagate-Narrativ für viele Menschen ein Zeichen echter Beunruhigung über etwas echt Beunruhigendes war“, führte Maté weiter aus. „Doch anstatt sich damit auseinanderzusetzen, war es einfacher, diese Energie in eine Art glaubhafte und beruhigende Geschichte umzulenken. Es ist wesentlich beruhigender zu glauben, dass uns das von einem Feind angetan wird, anstatt sich anzusehen, was es über uns als Gesellschaft aussagt.“

Verweigerte Auseinandersetzung

Als nächstes sprach Maté darüber, dass Trump nicht nur traumatisierend, sondern zugleich selbst traumatisiert sei. Er sei jemand, der seine inneren Konflikte auf zutiefst unbewusste Weise nach außen in die Welt trage:

„Donald Trump ist das offensichtlichste Beispiel eines traumatisierten Politikers, das man je erleben konnte. Er verleugnet unaufhörlich die Realität. Er ist selbstverherrlichend. Sein grundlegendes Selbstbild ist das eines Niemands. Also muss er sich ständig selbst groß und bedeutungsvoll machen und beweisen, wie mächtig und schlau er ist, welche akademischen Abschlüsse er hat und wie intelligent er ist. Dadurch will er sein furchtbares Selbstbild kompensieren. Er kann seine Aufmerksamkeit auf nichts konzentrieren. Das heißt, in seinem Kopf geht es so wirr zu, da es zu schmerzhaft für ihn war, seine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten.“

„Worauf läuft all das hinaus? Wir wissen, dass er seine Kindheit unter einem diktatorischen Vater verbracht hat, der seine Kinder gnadenlos erniedrigte. Einer von Trumps Brüdern hat sich zu Tode getrunken. Und Trump kompensiert das alles, indem er versucht, sich so groß und stark und erfolgreich wie möglich zu machen. Und natürlich kompensiert er die Wut auf seine Mutter, die ihn nicht beschützt hat, indem er Frauen angreift, ausnutzt und öffentlich damit prahlt. Er ist ganz offensichtlich traumatisiert. Ich sage das nicht, um Sympathien für Trumps Politik zu wecken.Ich beschreibe einfach nur, was für ein Mann das ist.“

Maté brachte seine Beobachtungen über die Weigerungen der Russiagate-Verfechter und auch Trumps, sich mit ihren jeweiligen inneren Traumata auseinanderzusetzen, in Verbindung mit dem Verhalten der gesamten amerikanischen Bevölkerung. Diese verweigert eine Konfrontation mit den Schrecken, die ihr eigenes Land über die Welt verbreitet hat und die selbst das Schlimmste in den Schatten stellen, was die russische Regierung Amerika angeblich angetan haben soll.

„Niemand, der sich ernsthaft mit Geschichte befasst, kann verleugnen, dass sich die USA in die inneren Angelegenheiten beinahe jeder Nation der Erde eingemischt haben“, sagte Maté und fügte hinzu, dass diese Einmischung oft in Massenmord bestand. „Nehmen wir Chile als Beispiel: Dort gab es eine gewählte Regierung, die Amerika ganz vergnügt gestürzt und dann auch noch damit geprahlt hat. Von der gegenwärtigen Einmischung in Venezuela und seine Innenpolitik ganz zu schweigen.

Ganz zu schweigen auch davon, dass — wie du und viele andere angemerkt haben und womit die Times auf ihrem Titelblatt prahlte — die Vereinigten Staaten Boris Jelzin zu seinem Wahlsieg verholfen haben. Selbst wenn die schlimmsten Dinge, die über Russland behauptet werden, wahr sein sollten, wiegen diese kaum einen Bruchteil dessen auf, was Amerika laut öffentlichem Bekenntnis überall auf der ganzen Welt getan hat und tut.“

Opfer oder Täter

Maté brachte zur Sprache:

„Es ist immer einfacher, uns selbst als Opfer statt als Täter zu sehen. Ob es nun Großbritannien oder Frankreich sind, mit ihren riesigen Kolonialreichen, sie sind immer die Opfer aller anderen. Die Vereinigten Staaten sind immer das Opfer aller anderen. All dieser Feinde, die uns bedrohen. Wir sprechen hier von der mächtigsten Nation der Welt, einer Nation, die die Erde mit den ihr zur Verfügung stehenden Waffen im Alleingang eine Milliarde Mal zerstören könnte — und sie ist immer das Opfer.“

„Diese Opferrolle hat etwas Beruhigendes, denn sie erlaubt uns erneut, den Blick nicht auf uns selbst zu richten“, erklärte Maté. „Und ich glaube, die Einnahme einer Opferrolle hat einen großen Beitrag zu diesem Russiagate-Narrativ geleistet.“

Maté sprach davon, wie Mueller, trotz seiner schrecklichen Vorgeschichte — er unterstützte die Lüge über die Massenvernichtungswaffen vor dem Einmarsch in den Irak —, zu einem Helden hochstilisiert wurde. Hollywood hat die Psyche der Öffentlichkeit darauf trainiert, in jeder Extremsituation die „Guten“ und die „Bösen“ zu suchen. Dadurch wurde Putin als übermächtiger Superschurke gemalt, der fähig sei, in die höchsten Kreise der US-Regierung einzudringen, und Mueller wurde zum Ritter in glänzender Rüstung, der uns alle retten würde.

Das wahre Problem

„Wir haben nicht gesagt ‚Okay, hier gibt es ein großes Problem. Wir haben einen zutiefst traumatisierten, großspurigen, intellektuell und emotional instabilen, frauenverachtenden Selbstverherrlicher an die Macht gebracht. Etwas in unserer Gesellschaft hat dazu geführt. Lasst uns mal sehen, was das gewesen ist. Und lasst uns diese Dinge klären, wenn wir können. Und lasst uns einen Blick auf die Liberalen werfen, die, anstatt all diese Dinge zu hinterfragen, all ihre Energie in diese Erklärung einer ausländischen Verschwörung investiert haben.‘ Denn diese Dinge zu hinterfragen hätte bedeutet, dass sie sich mit ihrer eigenen Politik hätten beschäftigen müssen, die genau in die gleiche Richtung ging.“

„Man setzt sich nicht damit auseinander, wie unter Clinton hunderttausende Menschen ins Gefängnis gesteckt wurden, die nie hätten verhaftet werden sollen. Man sieht sich nicht an, wie es unter den Bushs und unter Obama zu dieser enormen Umschichtung von Vermögen zugunsten der oberen Bevölkerungsschichten kam. Man fragt nicht, warum Barack Obama für eine einstündige Rede vor der Wall Street 400.000 Dollar bekommt — was bedeutet, dass unser Glaube an die Funktionsweise unseres Systems vielleicht etwas erschüttert werden müsste, damit wir sehen können, was wirklich vor sich geht. Anstatt das alles zu tun, lasst uns unsere Aufmerksamkeit lieber wieder auf einen fremden Teufel lenken.“

Maté erklärte, dass Obama, obwohl ein Kriegstreiber wie die anderen US-Präsidenten, in den Köpfen der Menschen ein schönes Ideal darstellte, und dass der Kontrast zwischen diesem Ideal und Trump dessen Wahlsieg zu einer besonders traumatischen Erfahrung machte. Das machte die Menschen unwillig, die tatsächlichen Gründe für Hillary Clintons Niederlage zu betrachten, die zusammengenommen eine viel größere Bedrohung für die Demokratie darstellen als alles, was Russland vorgeworfen wird — selbst wenn diese Vorwürfe zu hundert Prozent zutreffen sollten.

Positive Desillusionierung

Zum Abschluss fragte der jüngere Maté seinen Vater nach einem Rat, was die Menschen tun könnten, um in Zukunft die Fehler zu vermeiden, die zu Trumps Wahlsieg und der anschließenden jahrelangen Russland-Hysterie geführt haben, oder um mit ähnlichen Herausforderungen auf reifere Art und Weise umzugehen.

„Nun, zuerst gebe ich den Menschen einen Rat, den zu befolgen ich selbst schwer finde, doch ich glaube, dass er wesentlich ist“, antwortete der ältere Maté. „Es ist der folgende: Wenn du schwierige Gefühle hast, nimm sie an. Nimm an, dass du verletzt bist. Nimm an, dass du verwirrt bist. Nimm es einfach an. Sage, ich bin verletzt, ich bin verwirrt, ich habe Angst. Und anstatt sofort nach einer Erklärung zu suchen, nimm das Gefühl einfach an. Und erst wenn du bereit bist, dann kannst du fragen: Was ist hier passiert? Was ist hier tatsächlich passiert? Was sind die Fakten? Welches Verhalten oder welche Vorstellungen meinerseits könnten zu dieser Situation beigetragen haben? Also sei neugierig. Sei wirklich neugierig.“

Was die Presse angeht, empfahl Gabor, den staatlichen Stellen, die Amerika mit solcher Regelmäßigkeit zu Kriegen verleitet haben, objektiv und skeptisch gegenüberzutreten:

„Sei objektiv. Spring nicht sofort auf den Zug auf. Glaube nicht sofort, dass ein bestimmter Satz, der von nahezu allen Medien verbreitet und verkündet wird, die Realität wiedergibt. Lerne aus der Geschichte. Lerne aus dieser Angelegenheit. Lerne aus dieser Russiagate-Sache, von der sie alle seit Jahren behauptet haben, sie sei eine Tatsache. Doch plötzlich stellt sich heraus, dass sie keine Tatsache ist. Also glaube ihnen beim nächsten Mal nicht mehr so schnell.“

Trotz all der Anstrengungen, die Menschen unternähmen, um eine innere Konfrontation zu vermeiden, die notwendigerweise mit Desillusionierung einhergeht, merkte Gabor an, dass es wesentlich besser sei, desillusioniert zu sein als Illusionen zu hegen.

„Würdest du lieber an etwas Falsches, also an eine Illusion glauben? Oder wärst du lieber desillusioniert?“, fragte Maté. „In anderen Worten, würdest du lieber die Wahrheit erfahren?

Ich denke, wir sollten froh sein, desillusioniert zu sein. Russiagate und das unwürdige Ende dieses Narrativs stellt für viele Menschen eine Desillusionierung dar, doch das ist prima. Nun können sie sich sagen: Okay, ich hatte diese Illusion, aber jetzt nicht mehr: ich bin nun also desillusioniert und kann endlich die Wahrheit sehen. Deshalb ist es gut, desillusioniert zu sein.“

„Das könnte also für viele Menschen ein neuer Anfang sein, wenn sie die richtige Einstellung annehmen“, schloss Maté.

Das kann man wirklich nur hoffen.

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Hinweis zum Rubikon-Beitrag: Der nachfolgende Text erschien zuerst im „Rubikon – Magazin für die kritische Masse“, in dessen Beirat unter anderem Daniele Ganser und Rainer Mausfeld aktiv sind. Da die Veröffentlichung unter freier Lizenz (Creative Commons) erfolgte, übernimmt KenFM diesen Text in der Zweitverwertung und weist explizit darauf hin, dass auch der Rubikon auf Spenden angewiesen ist und Unterstützung braucht. Wir brauchen viele alternative Medien!

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Dieser Beitrag erschien am 25.06.2019 bei Rubikon – Magazin für die kritische Masse.

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9 Kommentare zu: “Tagesdosis 29.6.2019 – Das amerikanische Trauma

  1. Diese Tagesdosis arbeitet sehr schoen die psychologischen Ursachen fuer Realitaetsverweigerung in der Politik heraus. Man will eigene Schuld oder Mitschuld nicht zugeben und kreiert auslaendische Schreckgespenster und schiebt die Schuld dorthin. „Wir sind ja nur die Opfer!“ Man will der objektiven Realitaet nicht in die Augen schauen, sondern nur eine bestimmte Art von Wahrheit hoeren, zu der man eine bestimmte emotionale Bindung hat. Man hatte eine diktatorischen Vater und eine nicht schuetzende Mutter, also ist man darauf programmiert, selber Diktator zu spielen und Frauenwuerde zu verletzen.
    Doch eines erscheint mir im Tenor des Vortrags nicht ganz fair: “ ‚DIE‘ Amerikaner sind halt so!“ Ich finde, obwohl es natuerlich stimmt, dass viele Amerikaner unter dieser Realitaetsverweigerung und der zugrundeliegenden Psychologie leiden, viele andere Amerikaner das nicht tun! Es gibt auch viele kritische Amerikaner! Ich lebe hier in USA und sage das aus persoenlicher Erfahrung. Wir duerfen nicht vergessen, dass in USA die Bevoelkerung ganz systematisch von den Massenmedien eingeseift werden. Das sind nur ganz wenige, die diese Massenmedien besitzen und kontrollieren und als Verdummungswerkzeuge ganz gezielt einsetzen!
    Von daher sollte KenFM vermeiden, „die“ Amerikaner zu pauschal als „die“ Boesen oder „die“ Doofen hinzustellen. „Die“ Russen sind ja auch nicht „die“ Guten oder „die“ Gescheiten. Machtmissbrauch vonseiten der militaerisch staerksten Weltmacht und dann auch Mitschuld einer zu wenig aufmuepfigen Bevoelkerung zu kritisieren, ist ok, aber dann muessen wir auch kritisch fragen, ob die Machthaber, Medieninhaber und Bevoelkerung in den anderen Grossmaechten so arg viel besser (dran) ist.
    Und wenn in USA der Chief Investigator Mueller oeffentlich in diesen besagten Massenmedien keine Beweise fuer Russia’s meddling in the elections findet, dann heisst das noch lange nicht, dass er keine hat ….

    • @ Christoph Hans Messner
      „Doch eines erscheint mir im Tenor des Vortrags nicht ganz fair: “ ‚DIE‘ Amerikaner sind halt so!“ Ich finde, obwohl es natuerlich stimmt, dass viele Amerikaner unter dieser Realitaetsverweigerung und der zugrundeliegenden Psychologie leiden, viele andere Amerikaner das nicht tun!“

      Den Eindruck habe ich auch, denn vieles, was man hier in D. über USA an Kritischem erfahren kann, stammt von kritischen USA-Bürgern.
      Nur bei 900 Millionen Amerikanern insgesamt und davon 300 Millionen Usanern haben zwei Drittel der Amerikaner mit den Machenschaften der Usaner höchstens indirekt was zu tun.

  2. Mausfeld spricht hier ganz nüchtern nicht von Trauma, sondern von einer intellektuellen und moralischen Pathologie, die auf einer exzeptionalistischen Ideologie gründet, die wiederum eine Rechtfertigung dafür bietet völkerrechtliche Normen zu missachten (Warum schweigen die Lämmer, Seite 76 f.) Folglich mögen die USA zwar gelegentlich Fehler machen, können jedoch aus grundsätzlichen Gründen keine Kriegsverbrechen begehen – weder in Vietnam noch im Irak oder in Syrien.
    Noam Chomsky bemerkte dazu lapidar, dass man aus den Berichten über die Kontrolle des Landes, aller Meere, des Luftraums, des Weltraums, des Cyberspace und der öffentlichen Meinung und der Aktivitäten der Geheimdienste in anderen Ländern nur die Schlussfolgerung ziehen könne, dass die USA – nach den Kriterien, die sie selbst für die Definition eines terroristischen Staates gegeben haben – ein führender Schurkenstaat seien.
    Allerdings ein Schurkenstaat mit Atomwaffen. Dennoch sind spätestens seit Syrien (eigentlich schon mit dem Maidan 2014) die Zeiten vorbei in denen man machen konnte was man wollte. Es wird sich zeigen, ob die einzige aus dem Kalten Krieg übrig gebliebene Supermacht fähig ist zu lernen und das „Trauma“ des Machtverlustes zu verarbeiten ohne sich und andere mit in den Abgrund zu reißen.

  3. Eine sehr gute Entwicklung, die hier als „erste Schritte der Veränderung“ eingestuft werden darf 🙂

    allerdings darf man hier noch einiges hinzufügen:

    Zitat „Er ist ganz offensichtlich traumatisiert. Ich sage das nicht, um Sympathien für Trumps Politik zu wecken.Ich beschreibe einfach nur, was für ein Mann das ist.“

    Nicht „was für ein Mann das ist“, das ist die alte Gewohnheit des „urteilens“. Wer gewaltfrei Kommunizieren möchte, nennt stets das Verhalten und nicht die Person. Gewaltfrei würde es sich lesen „was für ein Verhalten dieser Mann an den Tag legt“. So wird ein weiterer Schuh draus.

    Ein sehr empfehlenswertes Werkzeug für die eigene, persönliche Arbeit ist die Fragestellung. Denn unser Gehirn, gleich welcher der drei großen „Mächte“, versucht immer eine Antwort zu finden. Interessant ist, dass der rationale Teil stets eine Antwort parat hat, die wahrlich logisch ist, aber nicht immer „wahr“ sein muss. Der Gefühlsteil liefert gerne wahre Gefühle, wenn auch nicht immer die ursächlichen respektive Erst-Gefühle des Traumas. Und das Überlebenshirn, gerne auch das Reptilienhirn genannt, kennt eigentlich nur jene ihm zugeschriebenen 3 Artikulationsmuster (Angst/Flucht, Angst/Fortpflanzen, Angst/Ernährung). Gibt es aber auch hier eine zweite Seite, die sich bis dato noch zu wenige Menschen angesehen beziehungsweise wissenschaftlich untersucht haben.

    Wenn also eine oder mehre Antworten jeweiliger Hirn-Teile oder sagen wir Bewusstseinsteile geliefert, ist das schon mal ein sehr wertvoller Ausgangspunkt zur Präzisierung oder sagen wir Detailbeleuchtung.

    Fragestellung wie jene helfen enorm:
    Für wen oder welchen Teil oder welche Zelle steht stellvertretend die Person XY (Trump, Merkel, usw.)
    Für wen oder welchen Teil oder welche Zellen steht stellvertretend die Situation, das Geschehen, der Vorgang XY
    In welchen Bereichen ist meine Sprache, meine Glaubenssätze, meine Gewohnheiten geschwängert und durchtränkt von Gewalt, Dominanz, Ignoranz und Verleugnung. Welchem Gefühl möchte ich aus dem Weg gehen und wann war dieses Gefühl das erste Mal da.

    schöner, wertvoller Beitrag 🙂

    • @ Danny
      Die Regeln der gewaltfreien Kommunikation können hilfreich sein, wenn man zu verletzenden Äußerungen neigt und in Alltagssituationen, wo man im Augenblick reagiert, die gröbsten Fehler vermeiden will.
      (Ich würde mich dann fragen, warum ich Regeln brauche, um nicht verletzend zu werden, warum ich eine Neigung zu verletzenden Äußerungen habe, wo die herkommt … wenn es mir gelingt das herauszufinden und daran zu arbeiten, dann werde ich von innen heraus neutraler und brauche irgendwann keine äußeren Regeln mehr … )
      Allgemeingültig sind diese Regeln nicht, sie können auch missbraucht werden um angreifend zu kommunizieren, Beispiel:

      Ich sage: „Hier wird eine Wortgruppe aus dem Zusammenhang gerissen.“

      FORMAL spreche ich nur ein Verhalten an und keine Person.
      FORMAL nach den Regeln müsste das gewaltfrei kommuniziert sein.
      Ist es aber keineswegs.
      FORMAL sage ich nicht „Sie Danny machen das und das“, sondern FORMAL sage ich „hier wird „, aber es ist natürlich klar, wer gemeint ist.
      FORMAL sage ich nicht „macht etwas falsch“, sondern „wird eine Wortgruppe aus dem Zusammenhang gerissen“, aber es ist natürlich klar, dass ich das falsch finde oder gar versuche das als objektiviert falsch zu setzen.
      Also ich könnte die Regeln der gewaltfreien Kommunikation formal einhalten und Sie trotzdem – oder sogar noch wirksamer, weil verschanzt hinter den Regeln – persönlich angreifen.
      Regelkonform ausgedrückt würde ich diese Regeln nie über den Inhalt der konkreten Äußerung stellen.

      Aber ich will versuchen, so sachlich wie möglich zu erklären, was ich meine.
      Sie schreiben:
      „Nicht „was für ein Mann das ist“, das ist die alte Gewohnheit des „urteilens“.“

      „Was für ein Mann das ist“ steht in einem Zusammenhang:
      Zitat Artikel:
      „Wir wissen, dass er seine Kindheit unter einem diktatorischen Vater verbracht hat, der seine Kinder gnadenlos erniedrigte. … seine Mutter, die ihn nicht beschützt hat … Er ist ganz offensichtlich traumatisiert“
      Und in Bezug darauf kommt dann:
      „was für ein Mann das ist.“

      „Was das für ein Mann ist“ bedeutet also: ein wie beschrieben traumatisierter Mann.
      Darin sehe ich eben gerade keine Gewalt der Kommunikation, d.h. eben gerade keinen Angriff auf die Person und kein Urteil, sondern eine sachliche Erklärung für das Verhalten der Person.

      Sie schreiben:
      „Wer gewaltfrei Kommunizieren möchte, nennt stets das Verhalten und nicht die Person. “

      Wer psychologisch betrachten möchte, sucht vom Verhalten ausgehend nach den Ursachen für das Verhalten.
      Untertitel des Artikels ist „… aus psychologischer Perspektive“.
      Da könnte man durchaus erwarten, dass im Text drin ist, was angekündigt wurde.^^

  4. Es gibt da so einen Spruch von den Visionen und davon, was einer tun solle, der Visionen hat. Ich teile den Inhalt dieses Spruches nicht; und meine Vision in Sachen Trump ist, dass solche Leute zum Arzt gehen. Ihm aber gab man in den Medien ein Forum, um im Unternehmertum die „You are fired“-Ethik zu etablieren. Und schließlich gab man dem notorisch pleitegängigen „Unternehmer“ die Möglichkeit, sich als Präsident endgültig zu sanieren. Was er dafür tun soll?

    Psychische Traumatisierungen spielen eine Rolle für die Entwicklung psychischer Störungen. Der Begriff Trauma bezeichnet das Ereignis oder die Symptome oder das Leiden. Was ist also das „amerikanische Trauma“? Ist das „amerikanische Trauma“ das des traumatisierten Präsidenten Trump? Ist das Leiden Trumps das Leiden der Amerikaner? Was ist das Symptom?

    Ein Ereignis, das zum Symptom, zur „Erscheinung“ (s.u.) wurde, an dem die amerikanische Gesellschaft leidet, ist m.E. die radikale kommerzielle Psychologisierung (Instinktivismus, Behaviourismus) und deren mediale Instrumentalisierung (Hysterisierung) als Herrschaftsinstrument durch die kommerzielle Elite (anger management ….). Das neue kommerzielle Psycho-Wort ist Trauma, in Mode gekommen mit kommerziellen Kriegen. Das Wort und die Kriege: amerikanisch; logisch, weil kulturelle Hegemonie mit militärischer einhergeht.

    Trump ist ein Narzisst, und psychische Traumatisierungen mögen dabei eine Rolle spielen. Meine Empathie für ihn als erwachsenen Menschen bezüglich seiner „Leiden“ hält sich jedoch in Grenzen.

    „Amerika verschließt sich der Wahrheit.“ Vielleicht ist das Problem eher (also mehr) ein philosophisches Problem von „Erscheinungen“ und Wahrheit und Wirklichkeit als ein psychologisches Problem. Ein Problem, wie Erscheinungen (Wirklichkeiten, Wahrheiten) gemacht werden.

    Aus dem Essay „Erscheinung und Wirklichkeit“ von Bertram Russell:
    „Hier kommen wir auf einen Unterschied… den Unterschied zwischen ‚Erscheinung‘ und ‚Wirklichkeit‘, zwischen dem, was die Dinge zu sein scheinen, und dem, was sie sind.“

    …..“ Was wir unmittelbar sehen und fühlen, ist daher bloße „Erscheinung“, und wir glauben, daß diese Erscheinung als Zeichen auf eine hinter ihr liegende Wirklichkeit verweist. …Die Philosophie kann nicht so viele Fragen beantworten, wie wir gerne möchten; aber sie kann wenigstens Fragen stellen, die unser Interesse an der Welt vergrößern und uns zeigen, wie dicht unter der Oberfläche der alltäglichen Dinge alles seltsam und erstaunlich wird.“

    Hat Trump B. Russell gelesen? Oder irgend einen Philosophen? Wohl nicht. Sicher aber einige derjenigen, die Erscheinungen machen.

    Bertrand Russel, Probleme der Philosophie, edition suhrkamp

  5. Für die ersten drei Lebensjahre sollte in der Kinderbeziehung Mutter zu Kind, gelten: Bindung statt Bildung. Wobei die Mutterbindung zeitweise ab einem Jahr auch durch den Vater ersetzt werden kann. Geschieht das nicht, werden solche Erziehungsopfer wie Trump produziert. Die gleichen Fehler werden mit der Förderung der Kinderkrippen in Deutschland genau so gemacht. Die Frage, die sich stellt ist:
    Ist eine Kind- besser noch Menschen gerechte Mutter- Kind Beziehung im Neoliberalismus überhaupt, als Regel, nicht als Ausnahme, überhaupt möglich? Ich denke nicht.
    Das ein Erziehungsopfer wie Trump Präsident werden konnte, zeigt nur wie krank das System ist.

  6. USA Trump:
    „Wir wissen, dass er seine Kindheit unter einem diktatorischen Vater verbracht hat, der seine Kinder gnadenlos erniedrigte. Einer von Trumps Brüdern hat sich zu Tode getrunken. Und Trump kompensiert das alles, indem er versucht, sich so groß und stark und erfolgreich wie möglich zu machen. Und natürlich kompensiert er die Wut auf seine Mutter, die ihn nicht beschützt hat, indem er Frauen angreift, ausnutzt und öffentlich damit prahlt. Er ist ganz offensichtlich traumatisiert. Ich sage das nicht, um Sympathien für Trumps Politik zu wecken.Ich beschreibe einfach nur, was für ein Mann das ist.“

    Deutschland „besorgte Bürger“:
    Wir wissen, welche Erziehungsmethoden von vielen deutschen Eltern angewendet wurden und werden.
    Und „besorgte Bürger“ kompensieren das alles, indem sie versuchen, sich so groß und stark und erfolgreich wie möglich zu machen. Und natürlich kompensieren sie ihre Wut auf ihre Eltern, die sie mindestens emotional misshandelten, indem sie Menschen ausländischer Herkunft angreifen und öffentlich gegen diese Menschen hetzen. Die sind ganz offensichtlich traumatisiert. Ich sage das nicht, um Sympathien für „besorgte Bürger“ zu wecken. Ich beschreibe einfach nur, was für Leute das sind.

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