Tagesdosis 3.7.2019 – Frieden heißt alle Menschen (Podcast)

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

„Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts.“ Willy Brandt

Letztes Wochenende war es wieder so weit. Es wurde von der Initiative Stopp Airbase Ramstein nach Ramstein eingeladen, um gemeinsam gegen die dort ansässige US-Airbase zu demonstrieren. Oskar Lafontaine sprach von der Nichtsouveränität Deutschlands. Wow! Auf einer Friedensveranstaltung vormals linker Organisatoren sprach ein linker Berufspolitiker davon, das Deutschland nicht souverän ist. Das müsste Oskar Lafontaine nicht nur einen Eintrag bei Psiram einbringen. Bis zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Artikels steht nichts von dieser Rede in seinen Einträgen auf Wikipedia(1). Vielleicht bemüht sich ja Feliks(2) noch darum? Schwierig, denn wenn Oskar über die Nichtsouveränität Deutschlands im Sinne der Airbase Ramstein redet, ist das Thema nicht mehr reichsbürgernah oder rechts. Oder, Potzblitz, ein Erkennungsmerkmal der AfD. Anmerkung für die selektiven Aufmerksamkeitsmeckerer: Ich bin nicht ein Sympathisant der AfD. 

Du bist unerwünscht

Zeitgleich kommt ein bekannter Friedensaktivist nach Ramstein, zur selben Demo, jetzt Politiker der AfD, in Privatunion, um für den Frieden mit zu demonstrieren. Schon erscheint prompt einer, der dieser Person die offizielle Unerwünschtheit an dieser Demo mitteilt. So geht Frieden, wenn er politisch ist. Er separiert und nimmt nur eine Person in die Arme, die der eigenen Markendefinition und Ideologie entspricht. Dass solche Friedensseparatisten vom Wesen des Friedens jedoch keinerlei Wissen haben, kommt ihnen selbst natürlich nicht in den Sinn. Und dass die zu separierende Person die Friedensfahrten nach Russland ins Leben gerufen hat und damit den Willen der Friedensbewegung selbst nicht hätte besser darstellen können, ist solchen Friedenskriegern völlig egal. Zumal dieselbe Person damals noch hochlobende Worte für diesen Einsatz fand! Der Mensch spielt keine Rolle. Seine Identifikation ist ausschlaggebend, nicht seine Identität. Es wird ausgegrenzt und nicht miteinander gesprochen, obwohl die zu separierende Person zur Umarmung aufrief. Solche sehen den Frieden nicht mit ihren Herzen. Im Grunde genommen sind solche die Feinde in den eigenen Reihen. Aber was heißt das schon im Sinne des Friedens, wenn der politische Frieden zur Eigenmarke und somit politischen Identifikation verschmolzen ist. 

Das Einmaleins des Friedens

Der Frieden ist keine Ideologie im herkömmlichen Sinn. Er ist eine Vorstellung davon, ohne Gewalt wirken zu können. Sein Wirken zeigt sich ohne Beteiligung an physischer, psychischer und struktureller Gewalt. Jemanden auszugrenzen ist zunächst einmal eine Gewaltabsicht von Jemanden an Jemanden (Wir wollen Dich hier nicht, verschwinde!). Sein Durchsetzen wäre soziale Ausgrenzung (Ich will mit vielen Menschen zusammenstehen, werde aber ausgegrenzt!). Dadurch wäre eine Folge seines Wirkens, also der Separation auch strukturelle Gewalt (Ich werde von der Gruppe ausgeschlossen, das schmerzt). Der Frieden ist ein Gefühl, dass jeder Mensch in seinem Inneren erst einmal finden muss. Das heißt, dass ein Gefühl für den Frieden mit der eigenen Identität verbunden wird. Hat sie oder er Frieden gefunden, so wird dieser sich in ihrem oder seinem Verhalten ausbreiten. Erst jetzt kann er sich auch im Außen ausbreiten. Wer ihn für sich im Inneren gefunden hat und das Gefühl für ihn festhalten kann, der wird niemals eine Person von der Teilnahme an der eigenen Friedensbereitschaft ausschließen können. Er wird niemals zur Separierung aufrufen können, denn dieser Mensch hat ja selbst die Erfahrung machen können, dass er den Frieden in seinem Inneren nur dadurch finden konnte, weil er seinen Verstand, der immer vergleicht, der immer werturteilend im Dualismus unterwegs ist, einzäunen konnte. Daher ist Frieden immer schwere und konzentrierte Arbeit an sich selbst, nicht am Anderen oder nur im Außen, Überzeugungsarbeit zu leisten. Die meisten Menschen aber glauben, der Frieden sei eine rein politische Sache und rein an Außenbedingungen geknüpft (Du musst jetzt mal deinen Frieden bezeugen, indem du von uns den Friedensschlag bekommst). Sie glauben das deswegen, weil sein Antagonist, der Krieg, ja auch von der Politik gestaltet wird. Womit sie ja richtig liegen. Doch das ändert nichts daran, dass der Frieden zu einer Wortmarke der Politik missbraucht wird und in den Köpfen politisch denkender Menschen dazu konditioniert wurde. Erst kürzlich ist auf NuoViso ein grundlegendes Video zum Thema Frieden online gegangen, in dem Ralph Valenteano(3) das Einmaleins des Friedens mit Katrin Huß diskutiert. Solche Menschen könnten der Friedensbewegung neue Impulse geben. 

Frieden ist keine Parteiwortmarke

Es weht auch hier der Geist der Separierung, äußerte sich Ken Jebsen in einem kurzen Interview beim You Tube-Sender eingeschenkt.tv(4) zur Veranstaltung der Stopp Airbase Ramstein-Veranstaltung. Alte Männer erzählen dem Aktivistenpublikum, was Friedensphase ist und kommen nicht weiter in ihren Reden und Ausführungen, als es ihr Parteiprogramm ihnen vorschreibt. Es scheint, sie alle verlassen beim Reden nicht ihr Parteibuch. Sie Stecken selbst hier noch fest im Sattel ihrer Parteikarrieren. Kurzum, es war auch eine Veranstaltung für alte Parteihengste, die noch einmal erzählen wollten, wo denn der Friedenshammer hängt. Ich habe einmal auf die Frage von Ken Jebsen, kommst Du auch nach Ramstein, geantwortet, Ich komme erst nach Ramstein, wenn Du dort als einer der Hauptredner eingeladen wirst. Der linke Opportunismus dort muss endlich kooperativ mit den bürgerlichen Aktivisten lernen, umgehen können. Das Hoheitsrecht linker Ideologien ist eine Heuchelei für große Teile der Friedensbewegten, die dadurch ausgeschlossen werden, weil sie nicht erwünscht sind. Das hört sich nicht nach dem Frieden an, den ich in mir fühle. Ich will eine Friedensbewegung der Bürger, in der niemand separiert wird, in der sich die gesamte Bevölkerung widerspiegelt. Frieden heißt alle Menschen. Da gibt es nicht den besseren Frieden oder das parteizertifizierte Friedensalleinstellungsmerkmal. Frieden heißt auch nicht, dass sich irgend eine Gruppe als der Friedenshegemon ausweisen kann. Der Frieden ist eine menschenweit umspannende Idee. Er ist keine in München angemeldete Parteiwortmarke. Friedlich sein heißt ohne Feindbild leben zu lernen. Das ist das Schwerste gerade für ideologisch festzementierte Parteiideologen. Ich entscheide mich für die Demokratie, für echte Demokratie, nicht für die Blattlinie einer Partei. Die Idee des Friedens ist älter als jede Partei. Er hat seinen Ursprung in der Spiritualität. Im Glauben daran, dass uns alle das Netz der Liebe miteinander verbindet.

Friedensfähigkeit erzeugt keine Feindbilder

Was man in Friedensveranstaltungen, die von politischen Parteien oder politisch Denkenden erlebt, ist eine Mangel- und Angstgesinnung. Eine Konditionierung hin zu einem Angst haben müssen, wenn ich nicht die richtige Interpretation der jeweiligen Parteien mit Friedenswortmarkenrecht kenne. Es fehlt dort an Liebesgesinnung, an einer Haltung, den Frieden mit der Liebe zu verbinden. Ohne Selbstliebe ist das nicht möglich. Was vielen Teilnehmern und Aktivisten dort außerhalb des Rednerpults vorzüglich gelingt. Der politische Frieden ist immer vom Mangel und von der Angst gesteuert, was Feindbilder entstehen lässt (Wenn der Andere nicht so unfriedlich wäre, dann könnten wir doch friedlich leben). Eine Friedensgesinnung die Feinde besitzt oder benötigt, um Gruppenzugehörigkeit oder Gruppenzwang dadurch auszuüben, ist nicht friedlich und damit missbraucht sie den Begriff des Friedens lediglich für ihre Ideologie darüber, wie andere mit ihnen, nicht aber auch wie sie mit den Anderen zusammenleben könnten. Es ist ein einseitiger Zwangsfrieden, was an sich ja gar nicht geht.

Das alte Denken überwinden

Oft wird politisch noch immer von Sicherheit geredet. Friedenspolitik ist Sicherheitspolitik und Sicherheitspolitik ist immer mit der Volkswirtschaft verbunden. Heute als Globalisierung und Bündnispolitik in Sicherheitskonferenzen verifiziert. Die ökonomische Sicherheit des uneingeschränkten Wirtschaftswachstums wird als Friedenspolitik missbraucht. Das ist in der westlichen dominierten Welt demokratischer Usus. Darin wird die Umweltpolitik als nicht Wirtschaftsschädigend sein zu dürfen festgeschrieben (Es dürfen keine Arbeitsplätze darunter wegfallen). Der Frieden wird darin als Waffe der Geldwirtschaft missbraucht (So bist du nicht willig, so kommt der militärisch-industriell-mediale-Komplex zu Besuch). Und es ist egal, auf welchem Ross die Politdarsteller daherreiten und den politischen Frieden dem Volk verkünden. Sie alle sind dem Glaube verfallen, dass Friedenssicherung und Umweltschonung zuerst im wirtschaftlichen Kontext zu betrachten sind. Damit wird der menschliche Kontext wegdefiniert. Der politische Frieden ist die Ausrede einer Geld- und Politiker-Kaste, die im ständigen Verkonsumieren der Welt, vor ihrer eigenen Menschlichkeit davonläuft. Sie hält den Frieden von der Menschlichkeit fern, um die eigenen Prioritäten verschieben zu können. Den meisten dieser Politdarsteller ist dies weder bewusst, noch haben sie das Gefühl, dass sich daran in ihnen etwas ändern müsste. Ich bezeichne genau dies als das alte Denken, das überwunden werden muss. Den Frieden zu organisieren heißt nichts anderes, als den Menschen einen Raum dafür zu organisieren, dass sie ihre Menschlichkeit zum Mittelpunkt ihrer Gesellschaft machen können. Das Gemeinwohl hat ein sehr großes naturgegebenes Bedürfnis, sich nicht an einem Krieg über ihre Steuerpflicht beteiligt zu wissen. Das Gemeinwohl will keinen Krieg, es will keine geldscheffelnde und sich am Krieg entlanghechelnde Rüstungsindustrie, es will nicht die eigenen Kinder in den Krieg schicken. Eine reine Verteidigungsarmee würde vielen reichen.

Den Staffelstab des Friedens an die Jüngeren übergeben

Die Friedensbewegung braucht junge Menschen als Redner und Gestalter der Friedensbewegung. Die alten Hasen können beraten und mitmachen, aber genau das scheinen sie nicht zu akzeptieren, weil der potente Hengst in ihnen noch immer nach Bedeutung und Anerkennung wiehert. Mir jedenfalls würde es erheblich mehr Spaß bringen, junge Leute zu beraten, oder Workshops für mehr Friedensfähigkeit im Einzelnen anzubieten als immer bloß Reden zu schwingen. Solange die Friedensbewegung nicht das ist, was sie sein müsste, um erfolgreich zu werden, nämlich eine Bürgerbewegung und Menschenversammlung, wird sie erfolglosbleiben und sich weiterhin bloß in ihrer eigenen Filterblase verharren. Sie ist voller gutmeinender Zersetzer, Selbstdarsteller und politischer Karrieristen. Sie meinen es gut. Das nehme ich ihnen ab. Doch gutgemeint ist nicht immer gutgemacht. Sie hat, auch wenn es sie schon seit den 1970er Jahren gibt, noch immer zu lernen, was das Spektrum des Friedens für eine Kraft und damit für einen flächendeckenden Aktivistenerfolg bedeutet. Sie ist die Kunst, das eigene Brot zu teilen, und zwar mit jedem Menschen. Wirklich mit jedem. Wer das nicht kann, der hat noch vieles über sich selbst zu lernen, nicht über den Anderen. Der Weg des Friedens ist daher immer auch mit einer Ablösung eigener destruktiver Muster verbunden. Daher sind wir alle hier nur Vorbereiter eines Friedens, der von späteren und jüngeren Generationen erst eingelöst werden kann. Auch das gehört zur Verantwortung aller Friedensaktivisten, die Jüngeren mitzunehmen, sie nicht auszugrenzen und ihnen den Weg bereiten. Das heißt auch, sich zurückzunehmen. Daher brauchen wir Älteren die Kraft die Jüngeren und die Jüngeren die Erfahrungen der Älteren als Mentoren, nicht als Lehrer, die sich anmaßen, ihnen etwas beizubringen, was sie noch nicht können. Die Alten müssen lernen, ihre Hierarchiemuster abzulegen. Denn diese dominieren die Friedensbewegung bis heute hinein. Frieden muss Spaß machen, doch mit Unterdrückung, Selbstgefälligkeit und dem alten, gut bewährten Gehorsam an die Autoritäten (wieder so ein Friedenswiderspruch), will heutzutage niemand mehr etwas zu tun haben. 

Die Altparteien sind auf Auflösungskurs. Ich glaube, dass es sich dabei auch um einen gesellschaftlichen Umbruch handelt, der ebenfalls in der Friedensbewegung nicht haltmachen wird. Die Zeichen der Zeit zu erkennen heißt auch, die Zeichen des Friedens zeitgemäß neu zu organisieren und anzuerkennen, dass es ein gesellschaftsangemessenes Friedensmarketing geben muss. Der Staffelstab muss übergeben werden, jetzt. So wie es bisher lief, ist es nicht mehr zeitgemäß. Werden, wie in den Altparteien, die Zeichen der Zeit nicht erkannt und umgesetzt, weil das Ego und die Karriere wichtiger sind, als das Allgemeinwohl, wird es in einem Absturz enden, den dann, wenn er geschieht, allen Fassungslosigkeit und Unkenntnis des Vorgangs ins Gesicht geschrieben stehen wird. Und wieder werden eine oder zwei Generationen vertan. Noch ist die Zeit reif für die junge Kraft. Wer den Frieden will, der wird auch für ihn weichen und Weichen stellen können für die Zukunft der Menschen. Es wäre ein kleiner Schritt für den Menschen, aber ein großer für die Menschheit. 

Quellen

(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Lafontaine

(2) https://www.youtube.com/watch?v=pQVODT7KnCk

(3) https://www.youtube.com/watch?v=lkywwffP9MY&fbclid=IwAR1vVUQrQTIQsOSYRR1U1NL7yzosCToOzzCzZTAzKCyTmVASlsP6tP4MVtI

(4) https://www.youtube.com/watch?v=Fv0ZNlU6qLg&t=603s

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: LittlePerfectStock/ Shutterstock

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