Tagesdosis 30.11.2019 – Klickarbeit: ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zustände

Ein Kommentar von Norbert Häring.

Millionen verrichten weltweit über das Internet kleinste Jobs gegen Centbeträge. Auch in den Industrieländern wächst dieser noch kleine Arbeitsmarkt stark. Das hilft den Unternehmen, Kosten zu sparen. Für die Clickworker soll es eine gute Gelegenheit sein, mit sonst ungenutzter Zeit etwas dazuzuverdienen. Aber so läuft es nicht.

Vermittelt von Internetplattformen und Apps ist in den vergangenen Jahren ein neuer Arbeitsmarkt entstanden: Arbeiter und Auftraggeber finden dort für kleinste Jobs zusammen. Manchmal geht es nur um Minuten, die gearbeitet wird, einige Jobs lassen sich sogar in Sekunden erledigen. Gezahlt werden dann Centbeträge.

Seit Juni sollten diese Jobs eingetlich nicht mehr erlaubt sein. Das „Gesetz gegen illegale Beschäftigung und Sozialleistungsmissbrauch“ verbietet es, Arbeitskraft als Tagelöhner im öffentlichen Raum anzubieten, oder solche Angebote in Anspruch zu nehmen. Verhindert werden soll, dass Arbeitsschutz- und Steuergesetze unterlaufen werden. Aber für Clickwork gilt dieses Gesetz nicht. Der öffentliche Raum Internet ist nicht gemeint, nur der sogenannte „Arbeiterstrich“ auf der Straße.

Zwei Ökonominnen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) haben nun untersucht, wie sich dieser Arbeitsmarkt aus Sicht der Auftragnehmer gestaltet. Insbesondere haben Uma Rani und Marianne Furrer analysiert, wie es um die Möglichkeiten der Klickarbeiter bestellt ist, durch Erfahrung und gute Arbeit ihren Verdienst zu mehren. Hierzu gab es bisher kaum wissenschaftliche Erkenntnisse.

Die Frage ist besonders interessant, weil Plattformen wie der 2005 eingeführte Amazon Mechanical Turk oder die große deutsche Plattform Clickworker ein stürmisches Wachstum verzeichnen. Es ist daher denkbar, dass derartige fragmentierte Arbeitsverhältnisse in Zukunft einen beträchtlichen Teil des Arbeitsmarktes ausmachen.

Wenn durch Lernen im Job, Erfahrung und Reputationsaufbau viel zu holen wäre, gäbe das Grund zu der Erwartung, dass sich Arbeitsbedingungen und Bezahlung im „Crowdwork“, wie diese Arbeitsform auch genannt wird, mit der Zeit verbessern. Andernfalls wäre die Ausbreitung des Crowdwork eine sehr schlechte Perspektive für die Arbeitnehmerschaft. Denn die Bezahlung ist bisher wegen der weltweiten Konkurrenz notorisch schlecht und die ausgeschriebenen Aufgaben sind oft nervtötend einfach und monoton.

Monotones Arbeiten, weit unter Mindestlohn bezahlt

Das hat System und macht den Reiz der Klickarbeit für die Auftraggeber aus. Aus komplexeren Aufgabenbündeln, die bisher von eigenen, über Mindestlohn bezahlten und sozialversicherungspflichtig angestellten Mitarbeitern erledigt wurden, werden die einfachsten, gut beschreibbaren Handgriffe herausgelöst und gegen kleine Vergütung breit ausgeschrieben.

Das kann große Ersparnisse bringen, wie die Autorinnen anhand von Beispielen berichten. So könnten Versicherungsformulare für ein Sechstel der bisherigen Kosten digitalisiert werden, oder ein kleines, spezialisiertes Programm für fünf Dollar von einem Klickarbeiter eingekauft werden, statt für 2000 Dollar von einem mittelständigen Zulieferer. Die Plattformen ermöglichen es Unternehmen, weltweit Leute zu finden, die dringend genug Geld brauchen, dass sie Arbeiten zu fast jedem Lohn erledigen.

Die Konsequenz auf der Gegenseite ist, dass monotones Arbeiten wie zu Hochzeiten des Taylorismus zunehmend um sich greift. Das Prinzip des Taylorismus bestand darin, Arbeiten, die bis dahin qualifizierte Handwerker erledigt hatten, in einzelne Handgriffe zu zerlegen, die dann schnell und effizient am Fließband von angelernten Arbeitskräften erledigt werden konnten.

Möglicherweise ist die Monotonie der Arbeit und die schlechte Bezahlung nur ein Anfangsphänomen. Vielleicht werden, wie seinerzeit in den Fabriken, die Aufgaben der Arbeitnehmer auch wieder komplexer, wenn sich das System etabliert und verfeinert hat, und wenn die Auftragnehmer ihre Zuverlässigkeit und Qualifikation gezeigt haben.

Dafür fanden die Autorinnen jedoch bei ihrer Befragung von 2350 Klickarbeitern wenig Indizien. Sie schrieben die Befragung als bezahlte Klickarbeit auf fünf großen internationalen Plattformen aus, darunter Clickworker. Sie fanden Ergebnisse anderer Studien bestätigt, wonach die erzielbare Vergütung pro Stunde in Industrieländern überall weit unter dem Mindestlohn liegt.

So verdienten unter Berücksichtigung unbezahlter aber nötiger Nebentätigkeiten, wie Suche und Abwicklung von Aufträgen, nur ein Drittel der amerikanischen Klickarbeiter mindestens den nationalen Mindestlohn von 7,25 Dollar. Von den deutschen kamen sogar nur 10 Prozent auf den Mindestlohn von 8,84 Euro. Der Durchschnitt in Industrieländern lag bei knapp vier Dollar die Stunde, der Median sogar nur bei drei Dollar. Der Median ist derjenige Stundenlohn, der genau in der Mitte der Verteilung liegt. Die Hälfte verdient weniger, die andere Hälfte mehr.

Die meisten Klickarbeiter sind überqualifiziert

Dabei sind die meisten Klickarbeiter hochqualifiziert. Die Hälfte derjenigen, die länger dabei sind, hat einen Universitätsabschluss. Das Anforderungsprofil der Aufgaben liegt typischerweise weit unter dem Qualifikationsniveau der Klickarbeiter. Das bessert sich auch mit zunehmender Erfahrung nur wenig, geben die Klickarbeiter an.

Es schlägt sich auch bei den Verdienstperspektiven nieder. Im ersten Jahr, in dem sich Neuankömmlinge auf den Plattformen noch eine Reputation erwerben und Erfahrung sammeln müssen, steigt der Verdienst merklich an, von unter vier Dollar auf knapp fünf Dollar im Durchschnitt über alle Plattformen und Regionen. Aber schon nach zwei Jahren gibt es für die Klickarbeiter im Durchschnitt keine Verdienststeigerung mehr.

Möglichkeiten zur bezahlten Qualifizierung gibt es praktisch nicht, „learning on the job“ findet ebenfalls kaum statt. Im Gegenteil machen die Klickarbeiter die Erfahrung, dass ihre Tätigkeit sowohl im sozialen Umfeld als auch bei traditionellen Arbeitgebern einen schlechten Ruf hat. Sie machen sich deshalb Sorgen, ob sie nach einer Zeit als Klickarbeiter noch Chancen auf einen normalen Job haben.

Dabei ist die Klickarbeit für viele durchaus nicht nur eine unbedeutende Nebenbeschäftigung für die Zeit bis der Bus kommt oder die Fahrt im Zug. In Entwicklungsländern ist sie für 41 Prozent der Umfrageteilnehmer die Haupteinkommensquelle, in Industrieländern immerhin für 27 Prozent.

Der Auftraggeber entscheidet, ob er zahlt

Auch in Sachen grundlegende Arbeitnehmerrechte sind die Klickarbeits-Plattformen ein Rückfall in längst überwundene Zustände. Der Anteil nicht bezahlter Arbeit ist hoch, war ein weiteres Ergebnis der Befragung. Der Patron entscheidet völlig frei. Ist er nicht zufrieden, bezahlt er nicht. Eine Begründung sei nicht erforderlich. Oft könne er sogar das Arbeitsergebnis behalten.

Die Untersuchung stützt die Forderung der ILO nach Einführung internationaler Mindeststandards für Digitalarbeit. Wenn es eines Gesetzes gegen Tagelöhnerei bedurfte, dann lässt sich nur schwer begründen, warum man auf solche Standards verzichtet.

+++

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

+++

Dieser Artikel erschien zuerst am 27.11.2019 auf der Seite: http://norberthaering.de

+++

Bildhinweis: JKStock / Shutterstock

+++

Alle weiteren Beiträge aus der Rubrik „Tagesdosis“ findest Du auf unserer Homepage: hier und auf unserer KenFM App.

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

BitCoin Adresse: 18FpEnH1Dh83GXXGpRNqSoW5TL1z1PZgZK

4 Kommentare zu: “Tagesdosis 30.11.2019 – Klickarbeit: ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zustände

  1. Diese Gedanken erinnern mich an 2003, als ich finanziell mit dem Rücken an der Wand stand und nach jedem Strohhalm griff, auch nach Cent-Beträgen.

    Beim Versuch, meine Sammlung aus Videos im VHS-Format zu Geld zu machen, staunte ich über die hohen Preise, die ich erzielte. Ich kaufte kistenweise ein, weil alle Welt sich auf DVD stürzte, bezahlte 50 Cent bis 1 Euro pro Stück und verkaufte für 6,80 bis 19,80 Euro bis zum heutigen Tag. Die einzigen Verkaufskanäle sind amazon, ebay und xjuggler. Ohne die drei hätte ich kein einziges Stück verkauft.

    Mein Lager wuchs auf mehr als 5000 Titel an, wovon mehr als 1000 verkauft sind. Oft bin ich Alleinanbieter. Der "Restwert" beläuft sich auf einen fünfstelligen Betrag. Natürlich weiß ich nicht, wann Schluss mit lustig ist, aber noch läuft das Geschäft, obwohl inzwischen blu rays in 4k-Auflösung und 3D-Darstellung Standard sind.

    Deshalb war diese Klickarbeit für mich nur eine vorübergehende Randerscheinung, die ich nicht wirklich ernstnehmen konnte. Ich lernte, unternehmerisch zu denken und zu handeln. Ich hörte auf, ein Lohnsklave zu sein und mein Heil in einer abhängigen Beschäftigung zu sehen.

  2. Vielen Dank, Norbert Häring, bis zum Lesen Ihres Artikels war mir die *Klickarbeit* vollkommen fremd. Es ist allerdings fuer mich mehr als fragwuerdig ob das von Ihnen prognostizierte Ziel jemals eintreten wird.

    "Möglicherweise ist die Monotonie der Arbeit und die schlechte Bezahlung nur ein Anfangsphänomen. Vielleicht werden, wie seinerzeit in den Fabriken, die Aufgaben der Arbeitnehmer auch wieder komplexer, wenn sich das System etabliert und verfeinert hat, und wenn die Auftragnehmer ihre Zuverlässigkeit und Qualifikation gezeigt haben."

    Die Autorinnen der Studie haben offensichtlich die gleichen Bedenken.

    Hier hat sich der Kapitalismus wiederum eine Möglichkeit geschaffen die Arbeiterschaft zu spalten. Zudem an allen Gewerkschaften vorbei, um die Bedingungen fuer sich am besten zu organisieren, ohne Einspruch von der Gegenseite. Hier zeigen sich einmal mehr, die "fantastischen" Möglichkeiten des Neoliberalismus fuers Kapital.

    mfG

    • DAzu:

      Prof. Kreiß: Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft (10.11.19)

      youtube.com/watch?time_continue=1441&v=lESCUO4yzMA&feature=emb_title

Hinterlasse eine Antwort