Tagesdosis 30.8.2017 – TV-Duell nach Merkels Regeln

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Am 3. September, also diesen Sonntag, findet für das Wahlvolk eine der wichtigsten Veranstaltungen statt. Martin Schulz, der Herausforderer, trifft auf die Bundeskanzlerin Angela Merkel. Beide werden sich dort im Schlagabtausch ein schon im Vorfeld viel beachtetes Duell der besseren Argumente für das Amt des Bundeskanzlers liefern. Bisher war der Bundestagswahlkampf dadurch auffällig, dass er so gut wie niemanden auffiel. Alle wissen zwar, dass im September die Bundestagswahlen sind, doch die Kandidaten tun so, als wäre das Rennen schon gelaufen.

Vor allem Martin Schulz fällt dadurch auf, dass er diese Wahl- zu der er sich über seine Partei, die SPD, hat aufstellen lassen- nicht so ernst nimmt wie seine Vorgänger. Es scheint, als sei die Wahl schon gelaufen. Merkel bleibt im Amt und Schulz wird neuer Vorsitzender der SPD. Ein Trauerspiel, so die vielen Wähler, die darauf warten, dass es endlich losgeht, mit dem Kampf um die Wahl des mächtigsten Menschen in diesem Land. Der Wähler, dazu aufgerufen, diesen Wahlkampf durch seine Stimme und seine Wahl zu legitimieren, soll nun den wichtigsten Prozess, dem man ihn in der Demokratie zugedacht hat, mitgestalten. Seine Stimme ist wichtig und um diese Stimme wird gekämpft. Natürlich ist dies kein Kampf, aber um dem ganzen ein Spektakel und etwas mehr Wichtigkeit zu verleihen, wird dieser Begriff des Kampfes dazu benutzt, dem Wähler Bedeutung und Teilnahme an einem demokratischen Prozess zu vermitteln. Achtung: Spoiler!

Der Stern schreibt, dass das Kanzleramt massiven Einfluss auf die Gestaltung des Duells zwischen Merkel und Schulz genommen habe. Er moniert, dass es nicht einmal einen Aufschrei dazu gibt: „Die Nation nimmt es weitgehend achselzuckend zur Kenntnis.“ Weiter schreibt der Stern: „Es soll ja Zeiten gegeben haben in dieser Republik, da hätte ein solcher Versuch der Einflussnahme die Wahl entscheiden können – und zwar zu Ungunsten des Einflussnehmers. Heute sieht sich das Kanzleramt nicht einmal zu einer Stellungnahme genötigt. Darauf in ihrer üblichen Sommer-Pressekonferenz am Dienstag angesprochen, sagte die Kanzlerin, es sei „guter Stil“, dass man über die Modalitäten spricht, wie die Dinge ablaufen können. Zweifellos ist das so, schließlich sollen die Kandidaten als Teil des Programms professionell auftreten können. Sicher nicht zum guten Stil zählt aber, was der „Spiegel“ nach wie vor unwidersprochen berichtet; nämlich, dass Merkels Medienberaterin Eva Christiansen und Steffen Seibert (was hat eigentlich der Regierungssprecher im CDU-Wahlkampf zu suchen?) den TV-Anstalten die Pistole auf die Brust gesetzt haben sollen. Maxime: Entweder spielen wir nach den Regeln der Kanzlerin oder eben gar nicht.

Wechseln wir nun zum Mannheimer Morgen. Der schreibt einen Tag später, am 30. August 2017: Strafanzeigen gegen Merkel „alle haltlos“, Hochverratsvorwürfe der AfD – Bundesanwaltschaft sieht keine Basis für Ermittlungen. Bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe sind seit Beginn der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 „mehr als 1000 Strafanzeigen“ gegen Kanzlerin Angele Merkel (CDU) eingegangen. Vorwurf: Hochverrat. „Die Strafanzeigen gegen die Bundeskanzlerin haben sich alle als haltlos erwiesen“, sagte Sprecherin Frauke Köhler am Dienstag auf Anfrage des „Mannheimer Morgen“.

Nun ist es sicher nichts Neues, dass gegen eine Kanzlerin oder einen Kanzler ermittelt wird. Denn Anzeigen kann jeder stellen und Staatsanwälte müssen ermitteln. Das ist die Normalität des Rechtsstaates. Was aber unberücksichtigt dabei bleibt, dass ist der Unmut großer Bevölkerungsschichten. Diese teilen sich in zwei Gruppen auf. In Protestwähler und Nichtwähler. Der Protestwähler will mit seiner Stimmenabgabe sagen, dass ihn die große Politik nicht erreicht hat, er sich vielleicht von ihr hintergangen oder ausgegrenzt fühlt. Der Nichtwähler hat einfach die Schnauze von diesem ganzen Spiel voll. Er ist nicht bloß frustriert, er meint, für sich erkannt zu haben, dass die Politiker ihr Spiel sowieso spielen und alle Wahlen nur eine Farce für das Stimmvieh sei.

Dass die Bundeskanzlerin in der Flüchtlingsfrage sogar grobe Fehler gemacht hat, das ist unübersehbar. Nicht etwa, weil sie Flüchtlingen Asyl gewährt hat, sondern wie sie im Alleingang die Grenzen für Flüchtlinge geöffnet hat.

Was ist hierbei das Problem? Das Problem ist, dass in dieser sogenannten Demokratie gar keine demokratischen Entscheidungen getroffen werden. Es werden Hierarchie-Entscheidungen getroffen, die diktatorische Züge involvieren. Und zwar durch alle Gremien, Parteien und Parlamente hinweg. Um dies zu verdeutlichen, lade ich den Leser in ein kurzes Seminar über Entscheidungsfindungen ein.

Angenommen sie haben in einer Gruppe ein Arbeitsproblem, dass sie nur mathematisch lösen können. In ihrer Arbeitsgruppe sind weitere drei Kollegen und zwei Kolleginnen. Alle sind unterschiedlich in Mathe begabt und sie wissen von sich, dass sie Mathe überhaupt nicht gut können. Was machen Sie? Sie fragen die ganze Gruppe nach einer Lösung und Inge meldet sich schnell und hat eine Lösung, Bernd stimmt ihr zu. Rolf erklärt, Inge habe sich geirrt und nennt eine neue Lösung, alle stimmen zu. Das läuft nun mehrmals in ihrer Arbeitsgruppe ab und sie merken, dass Rolf ziemlich gut in Mathematik ist. Sie bestimmen Rolf nun zum Aufgabenlöser für solche Probleme. In der Psychologie sagt man zu solchen Lösungen: Die Sahne steigt immer nach oben, sprich, gute Leute werden immer in der Hierarchie nach oben befördert.

Jetzt ist es in der Realität jedoch so, dass die Sahne nur selten wirklich nach oben steigt. Denn in der Kommunikation hat sich ein ganz anderer „Konsens“ entwickelt, nämlich das Umgehen von Konsens ganz allgemein. Und das geht so: Der Chef, oder die Gruppenleiterin lädt die Arbeitsgruppe wegen eines Problems zu sich ins Büro und möchte von der Gruppe Lösungen. Er gibt als erster oder sie als erste seine Einschätzung zum Problem ab, sendet eine Lösung in die Gruppe und fragt nun den in der Hierarchie nach ihm oder nach ihr Angestellten nicht etwa nach einer Lösung. Es wird nach Zustimmung der eigenen Lösung gefragt und dann folgt Zustimmung im Radfahrermodell. Das heißt, „in absteigender Rangfolge“ wird zugenickt, was der Chef oder die Gruppenleiterin zuvor als individuelle Lösung benannt hat.

Jetzt könnte man das Ganze in einer Abstimmung, ganz demokratisch, vollziehen. Das aber nützt auch nichts mehr. Denn genau dieser „falsche Konsens in absteigender Rangfolge“ hat sich bei fast allen Mitgliedern fest eingebrannt, weil a) niemand gegen den Chef aufbegehrt, b) jeder seinen Arbeitsplatz behalten will und c), niemand aus der Hierarchie aussteigt. Denn die Hierarchie ist ja der Garant dafür, dass auch ich aufsteigen kann. Die Hierarchie ist der Haken, an dem echter Konsens zappelt und den Haien zum Fraß vorgeworfen wird.

So lange die Hierarchie über den Lösungen schwebt, so lange werden an der Spitze der Hierarchie nicht die ankommen, die wirklich gute Lösungen für anfallende Probleme erkennen, sondern die, die schnell und eindrücklich ihre Lösungen vorantreiben; egal ob diese Lösungen dann wirklich die besten sind. So funktioniert Hierarchie. Hierarchie ist ein schlechtes Mittel, um Lösungen zu finden, die vor allem prekäre Situationen umfassen. Und genau das ist unser Problem mit der Demokratie. Um echten Konsens zu erlangen, benötigt eine Gruppe, die schwierige und prekäre Probleme lösen will, keine Hierarchie. Nur so kann eine Lösung auch von jemanden erarbeitet werden, der dann die beste aller möglichen Lösungen herausfindet. Das wäre aber echte Demokratie. Demokratie benötigt eine Gesellschaft, in der die Politiker ihre Hierarchie abwerfen. In einer Parteiendemokratie ist das so gut wie unmöglich.

Ich habe das Konzept des Konsens hier nur sehr laienhaft und verkürzt dargestellt. Es ist heute gängige Praxis in der Unternehmensberatung, auf genau eine solche Struktur aufmerksam zu machen und sie möglichst ins Unternehmen einzubinden. Deren Konsequenzen sind sehr umfangreich und betreffen nicht bloß die Unternehmensstrukturen des Managements. Alle Mitarbeiter müssen einen solchen Konsens neu lernen, denn in unserer ganzen Gesellschaft gehört sein Gegenteil- also der Aufbau von Hierarchie- zum unsichtbaren Lehrmeister für die eigene Karriere. Dieser unsichtbare Lehrmeister führt uns schnurstracks in eine Diktatur im Kleinen und breitet sich weiter aus in einer Diktatur im Großen.

Sie, liebe Leserin und lieber Leser, haben das jetzt gelesen oder auf You Tube gehört. Nehmen Sie dieses knappe Wissen mit, wenn Sie sich das TV-Duell anschauen, und achten Sie auf die Hierarchie. Wenn Sie achtsam sind, dann werden sie die ganzen Fallstricke dieser Hierarchie bei den Kontrahenten erfassen können. Sie werden das Nachnicken in Form des Beklatschens beim Publikum bemerken und sie werden die Strategie und den Missbrauch bei den Moderatoren erfassen, wie sie nicht Konsens, sondern Hierarchie zu ihrer guten Gesprächsführung machen. Die Hierarchie ist ein Garant auch für deren erbärmlichsten Erfolg.

Selber denken ist möglich. Es ist anstrengend. Ja! Aber wenn wir diese Anstrengung vermeiden, setzen wir unsere wahren Werte aufs Spiel. Und diese heißen: Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen. Solange die Bundestagswahlen über einen hierarchischen Konsens ablaufen, laufen sie nach einem undemokratischen Modell ab. Demokratie hat den Nachteil, dass auch sie missbraucht werden kann, sobald Mehrheiten manipulativ zum Narrativ der Demokratie erhoben werden. Nämlich von der in uns sehr fest verankerten Hierarchie, die wir dazu benutzen, selbst mit Nachdruck Karriere zu machen. Karriere ist in einer wettbewerbsorientierten Gesellschaft wie der unsrigen ein egoistisch narzisstischer Entwurf für das Ego. Ein Konsens, der dazu führt, dass alle an einer Lösung arbeiten und mal jener oder jene eine Lösung findet, wäre nicht nur ein besserer Weg für uns. Es wäre ein Fortschritt für die ganze Menschheit. Bundeskanzlerin Merkel oder Martin Schulz – sind sie wirklich diejenigen in unserer Gesellschaft, die zu guten Lösungen beitragen können? Ich glaube nicht. Denn das, was beide repräsentieren, ist Hierarchie, nicht aber Konsensfähigkeit. Sie arbeiten nicht mittels Konsens. Sie arbeiten mit einem Heer von Beratern, die wiederum in einem hierarchischen System unterwegs sind. Wahlen sind in diesem Sinn solange undemokratisch, weil sie ein bloßes Mittel zur Macht und zur Karriere sicher stellen. In niemandem ist dies deutlicher zu erkennen, als im langweiligsten Wahlkämpfer Martin Schulz.

Quellen

http://www.stern.de/politik/deutschland/bundestagswahl-2017–tv-duell-im-kanzlerinnen-modus—ein-unding–7597658.html

https://www.morgenweb.de/mannheimer-morgen_artikel,-politik-strafanzeigen-gegen-merkel-alle-haltlos-_arid,1104424.html

Christopher Chabris, Daniel Simons, „Der unsichtbare Gorilla, wie unser Gehirn sich täuschen lässt“, München 2011

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12 Kommentare zu: “Tagesdosis 30.8.2017 – TV-Duell nach Merkels Regeln

  1. hallo Lösungssuche !
    danke ! 🙂 Ihre Sichtweise macht mir Mut ,doch ich muss anmerken weil ich zu den 22% w.o.g. Gruppe zähle und jetzt erst Zeit habe , da ich die Tretmühle des Angestellten noch nicht verlassen kann, das es schon ein wenig kurz gedacht ist das
    die “ Alten“ nur noch ihre Stabilität und Gewohnheiten sich wünschen. Solange sich nicht die Menschen in die Öffentlichkeit
    und in die Politik wagen die mit ernstzunehmenden Fakten das System nur anprangern und kritisieren und zur Wahl stellen ( verzichte auf eine Aufzählung der vielen möglichen Kandidaten die in den vorangegangenen Kommentaren auftauchen und zitiert werden) , solange werden uns diese “ „jetzigen Schauspieler/innen aus der Hierarchie immer weiter in den Abgrund führen.!
    Ich erinnere mich mal Anfang der 90-ziger Jahre
    in Bonn in die Parlamentarische Gesellschaft eingeladen zu sein , um am Abend darüber zu staunen , das nach einer heftigen Debatte über den Abtreibungsparagraphen ,man sich doch ohne Scheu und Beachtung des Gastes parteiübergreifend auf die Schultern geklopft hat „Na Herr Kollega was haben wir denn heute wieder einen famosen verbalen Schlagabtausch uns geliefert ha , ha ! “ Das schult einem als jungen Mann fürs Leben mit dem Erkenntnisgewinn: der Bundestag ist doch ein verabredetes Stück Volkstheater , dessen Drehbuch ganz “ Andere“ schreiben.
    Bleiben Sie auf Lösungssuche und Positiv !

  2. Das Problem ist, wie vom Autor gut beschrieben, dass Denken in Hierarchien. Es herrscht ein ausgeprägter Opportunismus in großen Teilen der Bevölkerung (Karrieregeil). Man hat sich in dem bestehenden System, trotz besseren Wissen das es so nicht weiter gehen kann, eingerichtet. Deshalb wird sich auch bei der anstehenden Wahl nichts ändern. Ausser das einige fehlgeleitete Protestwähler evtl. der AfD zu viele Stimmen zukommen lassen. In der Hoffnung den Etablierten damit eins auszuwischen, was aber nach hinten los gehen wird! Solange die „Nach oben buckeln, Nach unten treten“ Denkweise nicht aus den Köpfen zu bekommen ist, wird sich nichts ändern.

  3. Ein Bild sagt oft mehr als 1000 Worte.
    Hier paaren sich Verachtung mit Trotz und Erkenntnis über eklatantes Versagen.
    Jetzt gilt nur noch Augen zu und durch. Die Tage sind gezählt.
    Erich Mielke „ich hab euch doch lieb“ und Nicolae Ceausescu „Hallo, Hallo“ lassen grüßen.
    Wer ist der Brutus in den eigenen Reihen.
    Der Herr bzw. Frau vom Haufen, wird wohl bald runter gestoßen.
    Die Hierarchie gebiert einen neuen Froschkönig.
    Mutti wird vielleicht durch einen smarten Baron ersetzt, welcher sich schon mal in Position bringt.

    Mir ist es eh wurscht, ich erwarte so wie so nichts.
    Also , NICHT WÄHLEN , bis es der letzte verstanden hat.
    In 12 Jahren liegt dann die Wahlbeteiligung bei 20 %
    Das wäre doch schon mal eine gute Voraussetzung für einen Neuanfang.

  4. Dass die Kanzlerin die Bedingungen für ihren Tv Auftritt stellt, ist für mich kein Grund mich aufzuregen. Ist doch OK. Ich würde das auch so machen. Dass die Medien allerdings so ein Trara über die Bedingungen machen, ist schon seltsam. Was hatten die denn vor? Eine Falle stellen? Wer die Medien kennt und welche Macht sie haben, muss die fairen Regeln absichern. Schulz könnte ja auch sagen: nö, so nicht, wenn ihm die Regeln nicht gefallen.

    Meine Einschätzung der Lage: Merkel wird nicht wiedergewählt.

  5. „Dass die Bundeskanzlerin in der Flüchtlingsfrage sogar grobe Fehler gemacht hat,“

    Wer feststellen will ob diese Frau grosse Fehler begann muss wissen was sie wollte als sie das ‚Wilkommen‘ sprach.

    Ich habe die Folgende Ziele, die Merkel gehabt haben könnte:
    – definitiv das Volk von Gaskammer und sechs Millionen vernichten, aus Rache
    – ein besseres Volk machen wollen, aus humanitaire Grunden
    – durch schöpfen von ein neues Volk ihre imperialistische Ziele erreichen.

    Eine Mischung aus der erste und der dritte Möglichkeit scheint mich am wahrscheinlichsten.

    Das Schulz und Merkel nur Theater bringen, das steht für mich fest.
    Die Streit heute ist zwischen Nationalismus und Globalisierung, wobei der EU Globalisierung ist.
    Nur Trump macht die Spieler unsicher, was will er ?; Globalisierung oder Nationalismus.

  6. normalerweise lasse ich das Bild stehen und höre mir den Beitrag an.
    Dieses mal musste ich runterscrollen, um das Bild nicht zu sehen. Unterträglich dieser Hosenanzug.
    Guter Beitrag Herr Lenz.

  7. Zitat, zitiert aus einem aktuellen Rubikonbeitrag:

    „Heute“, stellte See 2014 fest, „bin ich fest davonüberzeugt, dass alles Ringen um mehr Demokratie im Staat und in anderen gesellschaftlichen Institutionen vergeblich ist, solange die Konzerne als demokratiefreie Überstaaten nur Demokratien tolerieren, die ihre Macht vor demokratischer Kontrolle schützen und ihre Ausbeutungspraktiken, selbst die von diesem Staat offiziell durch das Strafrecht verbotenen, faktisch unterstützen. Daher halte ich denen entgegen, die glauben, Wirtschaftsverbrechen könnten allein durch eine Verschärfung des Wirtschaftsstrafrechts oder – wenn dies nicht hilft – durch mehr Demokratie im Staat verhindert oder auch nur minimiert werden: Die Demokratisierung der Wirtschaft ist notwendig, weil anders nicht verhindert werden kann, dass es in absehbarer Zeit in immer mehr Staaten der Welt dramatische Mehrheiten für sozialdarwinistische und faschistische Parteien geben wird.“ (Wirtschaft zwischen Demokratie und Verbrechen – Grundzüge einer Kritik der kriminellen Ökonomie, 2014)

    Übernommen aus:

    Deutschland als demokratie- und rechtsstaatsfreie Zone für Großkonzerne?
    Für die großen Unternehmen ist der Rechtsstaat nicht so wichtig.
    von Herbert Storn
    https://www.rubikon.news/artikel/deutschland-als-demokratie-und-rechtsstaatsfreie-zone-fur-grosskonzerne

    • Ja liebe(r) Box,

      Konzerne haben eine große Macht.
      Weil diese viele Menschen beeinflussen können.

      Es geht bei einer Transformation von der Menschheit nicht nur von dem Wirkfaktor der Konzernmedien aus.

      Es geht um das individuelle Bewusstsein, der ständigen Vernetzung mit allen Menschen auf der Welt, Stichwort: gute/ schlechte Laune wirkt auf das Umfeld und den Menschen, welchen ich täglich begegne.

      Dann geht es im nächsten Schritt um die Wahrnehmung, wie Konzernmedien ständig auf viele Millionen oder Milliardenmenschen ( Stichwort Facebook und Google) Einfluss nehmen. Sich diesem Einfluss bewusst zu werden – genau hinzuschauen.

      Dann geht es im noch weiteren Schritt, um die Fähigkeit grundsätzlich eine andere Meinung als andere Meinung stehen lassen zu können, ohne sich unendlich lange zu bekämpfen, wer nun die besseren Argumente hat – wenn keine Lösung möglich ist: eine andere Meinung als abweichende Meinung akzeptieren lernen.

      Wenn der 3. Schritt gemeistert wurde, dann gibt es den 4.Schritt: gemeinsame Lösungen zu suchen, zu überlegen, zu formulieren; im Bewusstsein, dass nahezu jeder Luxus auf Kosten anderer Menschen in anderen Teilen der Welt geschieht.

      5. Schritt: Die Lösungen umsetzen.

      Theoretisch und Praktisch lässt sich auch vieles schon in kleinerem Rahmen gestalten.

      Aber es gibt auch hier bei KenfM Autoren und Kommentatoren, die oft eine pessimistische Sichtweise äußern, aber anscheinend dem Gedanken des perspektivischen Sehens und des Konstruktivismus gegenüber noch verschlossen sind. Sonst würden diese Menschen erkennen können, was sie als Kommentatoren oder als Autoren sich und anderen Menschen zumuten, wenn es eine rein negative Sichtweise der Welt ist.

      Dann bleibt es nämlich eine Negativäußerung, ohne Gestaltungswert. Und was passiert damit bei vielen Menschen?

      Sie springen auf die Autorenaussage an, denken negativ, schreiben negativ – und wo ist die Lösung? In der Negativität?

      Nein. In der Konsenssuche und in der Fähigkeit sich selbst und andere Menschen wahrzunehmen und sich die Gestaltungsmöglichkeiten bewusst machen.

      Ich habe vereinzelt das Gefühl, dass es von Autoren- und Kommentatorensicht einige Bewegung gibt; aber es braucht eben Zeit.

      Nachdem mir klar geworden ist, dass seit 16 Jahren eigentlich immer schon Wahlkampf psychologisch auf Grundlage der Bevölkerungsstruktur geführt wird, ist es einen gedanklichen Ansatz wert, dort auch mal nach Lösungsmöglichkeiten zu schauen.

      Wieviele Prof. Rainer Mausfeld braucht Deutschland? Bzw. Wieviele fühlen sich berufen, als Psychologen wirklich mal auf die ganzen, ständigen und stetigen Manipulationstechniken ähnlich umfassend und informativ wie Rainer Mausfeld hinzuweisen?

      Es braucht Unterstützung und Ermutigung in der Gesellschaft zu gegenseitigem Handeln. Von Oben wie von Unten.

      Jeder, der einen der fünf genannten Punkte wenigstens ein bisschen verstanden hat, ist schon einen Schritt weiter, hinsichtlich: gemeinsame Lösungen suchen und finden.

      Lieben Gruß

    • Dieses Thema (nicht vorhandene innerbetriebliche Demokratie) hat mich auch am meisten interessiert an diesem Beitrag. Es ist eines der allerwichtigsten Themen überhaupt, aus meiner Sicht – und wird nur selten hier und allgemein in Deutschland aufgegriffen.

      Zum wiederholten Male möchte ich in diesem Zusammenhang auf Prof. Richard Wolff’s Vorträge hinweisen (z.B. auf youtube).

  8. Interessanter Beitrag, danke.

    Da wird einem als Leser recht viel zugemutet an Gedankensprüngen und nicht ganz zu Ende erklärten Zusammenhängen, finde ich. Aber das ist wohl vom Autor bewusst so gemacht.

    Merkel und Schulz werden ja von den gleichen Puppenspielern gelenkt, und die Deutschen wollen v.a. Harmonie – warum also überhaupt noch einen richtigen „Wahlkampf“ aufführen? Ist nur konsequent.

    • Merkel und Schulz werden ja von den gleichen Puppenspielern gelenkt, und die Deutschen wollen v.a. Harmonie – warum also überhaupt noch einen richtigen „Wahlkampf“ aufführen? Ist nur konsequent.

      Ja. Das sehe ich auch als einen Punkt an, aber eben auch, wieviele Menschen Angst haben, sich zu engagieren, Stichwort: Zivilcourage, Stichwort: Aktivismus , Fragen stellen, Dinge hinterfragen etc.

      Da gibt es so viele Menschen, die gerne innerhalb eines vorhandenen Systems leben und froh sind, dass dieses System irgendwie funktioniert.

      Aufwachprozesse sind neben Journalisten und unabhängigen Medien auch von jedem einzelnen Menschen mitzugestalten.

      Sonst wird es noch Jahrzehnte dauern, bis auch Menschen erreicht werden, die gerne die Gleichförmigkeit des Alltags, des Lebens und der Nicht-Veränderung befürworten.

      Ich komme beim Schreiben auch regelmäßig an meine Verstandesgrenzen, ob viele Menschen diese Dinge einfach nicht sehen wollen, können – oder der Alltag so gemütlich ist, dass eine Abweichung gefährlich wäre ; aus mehrerer Sicht?

  9. Ein echt toller Beitrag, Herr Lenz.

    Es bräuchte mehr Herr Lenz in dem Journalismus.
    Ab und zu gibt es bei der Tagesdosis, die Menschen, welche sich als Journalisten bemühen Vernetzungen von Zusammenhängen zu erläutern.

    Manchen Autoren reagieren nur auf Zustimmung oder Einforderung von mehreren Kommentaren mal etwas optimistischer und lösungsorientierter, so mein Eindruck.

    Aber dieser Eindruck bestätigt letztlich Ihre Argumentation, dass vieles in Hierachie eingebettet ist. Auch konstruktive Bücher, die mit Lösungsansätzen zum Vorteil vieler Menschen werden, haben in den Chefetagen von Unternehmen jedenfalls nicht die Bestsellerrangliste angeführt.

    Das lässt sich an den Unternehmensstrukturen und den Abhängigkeitsmustern gegenüber den Aktionären erkennen, ob ein Unternehmen tatsächlich konstruktive Veränderungen wünscht.

    Alles im Sinne des Neoliberalismus. Immer schön Karriere machen und wenn möglich : 2-3 Häuser minimum bauen und kaufen.

    Wenn Sie sich die Bevölkerungsstatistik für 2017 anschauen:
    https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!y=2017

    So sind es 17,7 Millionen +65 Jährige ( 22%), 20-64 Jährige: 49,3 Millionen ( 60%) und unter 20 Jährige : 14,5 Millionen ( 18%).

    Wer sich da genauer mit beschäftigt, wird feststellen, dass ein Großteil der Menschen in Deutschland zur Zeit älter ist.

    Schauen wir uns dann die künstliche Medienfigur „Mutti“ alias Merkel an – und wie deren Interviews geführt werden, z.B.:

    https://www.youtube.com/watch?v=35cTnp-o0yM
    Sommerinterview-Farce bei „ZDF Berlin direkt“ • Wagenknecht vs. Merkel

    Dann wird auch klar, welcher Kurs gefahren wird: Einlullen.

    Die Mehrheit der Deutschen ist Älter und ältere Menschen neigen zu Gewohnheiten, Stabilität.

    „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“ etc. sind Sprüche, die im Alter gerne an Bedeutung gewinnen.

    Diesen Einwurf mit Zitaten bringe ich auch hier, weil es so offensichtlich ist, wie Politik gemacht wird.

    Opportunismus pur. Da wollen große Parteien gewählt werden, mit interessanten Texten auf den Werbeplakaten; wer ansatzweise die letzten 4 Jahre schaut: wo sind meine individuellen Themen als Wähler bei den Parteien vertreten worden, der kann eigentlich nur „Nein“ ankreuzen bei den Parteien, die am 03.09.2017 sich ein Duell liefern.

    TV-Duell – es klingt schon von der Aufmachung her so:

    Linke, Grüne, AfD, FDP, Humanistische Friedenspartei, Die Partei, Deutsche Mitte, Die Violetten, MLPD etc… – alle diese Parteien existieren doch garnicht, oder?

    Ich mein: wenn ein GEZ-Sender nun doch für den GEZ-Beitrag Dich als Wähler informiert, dann sieh es wie in den USA: 2 Kandidaten… das auch dort noch die Green Party und andere Parteien evtl. gewesen sein könnten – nein.. die USA hat nur 2 Parteien; und wenn das Fernsehen das schon sagt, muss es ja stimmen, Basta!

    Jeder kann sich das Tv-Duell natürlich anschauen. Aber wo bleiben die anderen Parteien und deren Wahlkampfthemen?

    Angeblich wird sich psychologisch nur auf zwei Parteien fokussiert, um die Bürger für Politik zu interessieren.

    Aber gerade so ein Meinungsbrei von zwei Parteien, die in der Koalition schon Mist gebaut haben, dann als zwei Gegner zu präsentieren, wo Martin Schulz schon durch sein Verhalten im Eu-Parlament für Unglaubwürdigkeit gesorgt hat und Merkel mit ihrem „Mutti“-Stempel auftritt…

    zwei mediale Karrieristen, die sich die angeblich psychologischen Kostüme von „Mutti“ und „Wohltäter Martin Schulz für die kleinen Leute“ anziehen möchten.

    Wer die SPD und CDU-Politik nur ein klitzekleines bisschen sich angeschaut hat, wird sich ein Lachen kaum verkneifen müssen – es sei denn, er konsumiert die üblichen Verdächtigen als Nachrichten und ist schon älter und ist froh, wenn jeder Tag gleichmäßig ähnlich abläuft.

    Dann ist er froh, wenn ihm immer wieder etwas vorgesetzt wird, was zwar zum speien übel ist, aber er hat es ja schon mehrfach jahrelang vorgesetzt bekommen und ist dankbar, dass alles so unveränderlich scheint.

    Truman-Show passt als Filmempfehlung auch gut dazu( gerne auch den kompletten Film schauen):
    https://www.youtube.com/watch?v=GSoLmKW5Wgk&t=1m10s

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