Tagesdosis 30.7.2018 – Kämpfen lernen beim Kampf

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will: Einer der ungewöhnlichsten und Aufsehen erregendsten Streiks in der bundesdeutschen Geschichte hat gezeigt, wie sehr die arbeitenden Schichten das Kapital zum Zittern bringen können. Könnten – denn deutlich geworden ist ebenso, und das nicht zum ersten Mal: Das Kapital und sein bürgerlicher Staat haben die Gewerkschaften leider gut im Griff.

Die Rede ist von der Motorblockgießerei »Neue Halberg Guss«.  Mehr als sechs Wochen waren die rund 2.000 Arbeiter des Automobilzulieferers geschlossen im Streik. Die gesamte Produktion stand still. Mit allen Mitteln hatte der Unternehmenseigner Prevent versucht, die Belegschaften in den Werken Leipzig und Saarbrücken zur Aufgabe zu zwingen. Wochenlang biss sie sich an den Streikenden die Zähne aus.

Die Geschäftsführung wollte den Streik juristisch unterbinden lassen. Sie warf den Arbeitern öffentlich Sabotage vor, drohte mit Strafanzeigen. Sie setzte Prämien von 2.500 Euro für Denunzianten und Streikbrecher aus. Sie drohte mit sofortiger Werksschließung und bemühte sich redlich, West gegen Ost oder die Halberg-Belegschaft gegen Arbeiter von Abnehmerkonzernen, wie Opel und VW, auszuspielen – alles vergeblich. Fast täglich gab es Solidaritätsbesuche. Beschäftigte von anderen Betrieben übernahmen während einer Verhandlungsrunde zwischen Gewerkschaft und Unternehmen sogar die Streikposten.

Vor gut einer Woche hatten sogar 22 Halberg-Abnehmer einen verzweifelten »Aufruf zur Beendigung des Streiks« in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung inseriert. »Setzen Sie diesem Wahnsinn ein Ende«, klagten die Konzernchefs in Richtung der Streikenden. Sie gaben ihnen die Schuld für einen drohenden Produktionsstopp in ihren Firmen. Doch je mehr Schikanen auf die Arbeiter einprasselten, desto solidarischer zeigten sie »im Kampf gegen das Kapital« – wie sie es selbst nannten.

Hintergrund ist die von Prevent im April angekündigte Werksschließung in Leipzig zum Jahresende 2019. Knapp 700 Arbeiter wird das den Job kosten. In Saarbrücken will Prevent mindestens 300 weitere Stellen abgebauen. Besonders die älteren Kollegen dürften es schwer haben, einen neuen Job zu finden. Ihnen droht die Enteignung durch das Jobcenter.

Darum soll jeder Gekündigte vom Gewinn der Prevent-Gruppe einen Anteil bekommen. Die Streikenden fordern eine Abfindung von 3,5 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr sowie eine Transfergesellschaft, finanziert aus einem Treuhandfonds. Das Unternehmen bietet zwischen 0,4 und 0,6 Monatsgehältern.

Die Geschichte dahinter: Nach mehreren Eigentümer-Wechseln erwarb Anfang dieses Jahres die Prevent-Gruppe die »Neue Halberg Guss«. Die Eigentümerin weiterer Automobilkonzern-Vertragspartner liefert sich seit längerem einen harten Preiskampf mit Volkswagen. Auch für Halberg ist VW einer der Hauptkunden. Kurz nach dem Erwerb des Betriebs erhöhte Prevent die Preise für die Motorenblöcke drastisch. Als Volkswagen nicht mitspielen wollte, verklagten die Halberg-Eigentümer den Konzern erfolgreich wegen Vertragsbruchs. VW muss bis zum Ablauf des Vertrags blechen.

Doch Opfer ist Volkswagen in diesem Spiel keineswegs. Im Streben um Monopolstellung diktieren derart große Konzerne ihren Zulieferern die Preise und versuchen, sie zu drücken. Mit Arbeitern verfahren sie wie mit Schachbrettfiguren. Deren Bedürfnisse und die Existenz ihrer Familien sind für sie bedeutungslos.

Ein Gewerkschaftssekretär der IG Metall sprach gegenüber der Autorin von »einer bekannten Masche« der Prevent-Gruppe: »Erst kaufen sie die Firmen, dann ziehen sie alles raus und machen sie dicht – auf Kosten der Arbeiter.«  Dies wolle man sich nicht bieten lassen.

Obwohl bei den Verhandlungen um einen Sozialtarifvertrag bislang nicht viel herausgekommen war, gab die IG Metall vergangene Woche nach. Sie bot Prevent eine Schlichtung an, die Geschäftsführung nahm an. Ab dem heutigen Montag läuft die Produktion weiter – vorerst, wie die Gewerkschaft betont. Man will offensichtlich die Kunden beruhigen. Und die Gewerkschaftskassen entlasten.

Schon jetzt ist klar: Allzu viel dürfte für die Belegschaft in diesem Streik wohl nicht herausspringen. Prevent zeigte sich bisher resistent gegenüber jeglichen Forderungen. Offenbar hat die Unternehmensgruppe von jener Art, die umgangssprachlich auch als Heuschrecke bezeichnet wird, mit dem Nachgeben der IG Metall gerechnet. Man könnte nun fragen: War der Streik sinnvoll?

Ja, war er. Doch ein anderes Problem wird sichtbar. Die IG Metall steht für Einzelkampf, der politische Entscheidungen in Sachen Stärkung von Arbeiterrechten nicht berührt. Alles andere wäre ein politischer Streik. Man brauche diesen nicht, da »es Mitbestimmungsrechte gibt«, betonte ein Gewerkschaftsfunktionär denn auch. Wichtig war der Arbeitskampf trotzdem.

Denn nur im Kampf lernt man kämpfen. Der Mut der Arbeiter der Neuen Halberg Guss war beeindruckend. Heute wissen sie ganz sicher: Es gibt sie noch, die Solidarität unter den Beschäftigten und die gemeinsame Abgrenzung von den Kapitaleignern – auch betriebsübergreifend. Diese Solidarität und der gemeinsame »Kampf gegen das Kapital« bestimmten unzählige Gespräche vor den Werkstoren, war Thema bei Streikversammlungen und Demonstrationen.

Vor allem aber wurde deutlich, wie abhängig nicht nur der einzelne Betrieb von Beschäftigten ist, sondern eine lange Kette von Abnehmern das große Zittern bekommt. Diese Zeitungsanzeige klang wie ein Winseln. Was ist da noch alles möglich? Eine solche wichtige Erfahrung muss verinnerlicht werden. Für die Zukunft. Damit sie nicht verpufft.

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Danke an die Autorin für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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15 Kommentare zu: “Tagesdosis 30.7.2018 – Kämpfen lernen beim Kampf

  1. Mein kommentar in der fb-seite von Susan:

    Liebe Susan Bonath, hier sehen wir deine eigene beschraenktheit, die dich dazu bringt, innerhalb einer systemischen struktur dem kampf gegen andere elemente den vorrang gegenueber der ueberwindung systemischer begrenzungen zu geben.

    „Diese Zeitungsanzeige klang wie ein Winseln. Was ist da noch alles möglich? Eine solche wichtige Erfahrung muss verinnerlicht werden. Für die Zukunft. Damit sie nicht verpufft.“

    Das ist das ende deines textes. Der titel und deine verweise auf die potentiale ist ja voellig richtig. Aber jeder kampf braucht ein ziel. Sonst geht es ins leere.

    Solidaritaet existiert immer. Das wissen wir. Die stabilisierung materieller lebensgrundlagen ist die tragende basis. Ob dafuer die autoproduktion sinnvoll ist, wuerde ich in frage stellen. Ebenso, ob exporte dafuer sinnvoll sind.

    Die erhaltung von sklavischen abhaengigkeitsverhaeltnissen ist keine loesung, weil wir dann den unsinn aufrecht erhalten wollen. Damit erweitern wir den unsinn und ziehen uns selbst noch tiefer in den sumpf.

    Die gewerkschaften sind grundsaetzlich systemerhaltend orientiert. Sie brauchen fuer ihre eigene existenzerhltung die lohnabhaengigkeit. Aber unser ziel kann niemals die erhaltung der lohnabhaengigkeit sein, sondern immer die selbstorganisation zur herstellung unserer materiellen lebensgrundlagen.

    Waere die entschaedigungslose uebernahmer dieser produktionsstaetten eine alternative? Fuer einen begrenzten zeitraum vielleicht. Nur, dann tritt das klasseninteresse der anderen in kraft und sie werden es nicht akzeptieren. Es ist ein zulieferbetrieb, der den bedingungen der zugelieferten unterworfen ist.

    Fuer mich ist es muessig, an der erhaltung solcher konstruktionen sich abzuarbeiten. Moralisch wirst du dies wahrscheinlich verurteilen. Aber: Die Selbstermaechtigung zur Selbstorganisation entsteht nicht aus dem erhaltungskampf des Alten. Das kann nur im Neuen entstehen, was eine positive bestimmung von zielen und perspektiven vorraussetzt.

    mit lieben gruessen, willi

  2. Leider ist es nun aber so, dass die Gewerkschaft (Vertreter der Interessengruppe Arbeit) und die Eigner der Produktionsmittel wie auch die Vertreter des Finanzkapitals allesamt Teil der kapitalistischer Vergesellschaftung sind – wobei die Arbeitskraftbesitzer sehr viel weniger mächtig sind als die anderen. Dies nicht zuletzt, weil die mikroelektronische Revolution und die anbrechende ergänzende Revolution der Robotik diese menschliche Arbeitskraft in noch größerem Ausmaß überflüssig machen wird.
    Solidarität ist schön, setzt aber voraus, dass lebendige Arbeit „nachgefragt wird“. Dienstleitung etc. pp sind insoweit leider nur Kosten, teils notwendig zwar wie Rechtsberatung, Steuerberatung usw., ansonsten aber ziemlich überflüssig und von daher seit ehedem schlecht bezahlt.
    Der soziale Kampf müsste daher darum gehen, nicht mehr als Arbeitskraft der „abstrakten Arbeit“ angewendet zu werden, sondern die ursprüngliche Akkumulation und deren fortwährenden Fortgang nicht nur zu unterbrechen, sondern sogar umzukehren.

    • Liebe Petra,
      ich stimme Ihnen zu! Die digitale Revolution wird immer mehr Arbeitsplätze überflüssig machen und genau dafür brauchen wir neue Lösungen. Der Begriff „Arbeit“ muss völlig neu definiert werden und was er über lange Zeit bedeutete, nämlich dass ich für meine Händearbeit einen Lohn bekomme, hat bald keine Bedeutung mehr.
      Ob dann noch eine Rechtsberatung notwendig ist oder eine Steuerberatung, wage ich zu bezweifeln, auch das wird digitalisiert werden und ist es ja zum Teil schon. Inzwischen gibt es digitale Programme für die Steuererklärung, die sind besser als jeder Steuerberater – so zumindest meine Erfahrung.

      Wie das zukünftig mit einer Rechtsberatung aussieht, weiß ich nicht. Vielleicht kann auch die digitalisiert werden?
      Was nicht digitalisiert werden kann, ist die Mitmenschlichkeit, die Fürsorge und die Verantwortung, die wir als Menschheitsfamilie füreinander haben. Doch genau daran scheitern wir ja gerade! Die Erziehung, ob im Elternhaus, in den Kindertagesstätten oder in den Schulen ist immer noch aus dem industriellen Zeitalter – Kinder werden funktionalisiert und wie Objekte behandelt.
      Dazu ein Interview, das Jens Lehrich mit der wundervollen Ursula Wesseler führte: https://www.youtube.com/watch?v=eWD8MblrDpg

      Wenn es nicht bald ein Umdenken gibt, dann wird es ordentlich krachen im Gebälk und das dauert wahrscheinlich nicht mehr lange. Dem „Kapitalismus“ schadet das nicht, der wird sich schon etwas einfallen lassen, dass auch das Heer von nicht lohnabhängigen Menschen weiter ordentlich konsumieren kann. Wahrscheinlich wird dazu das bedingungslose Grundeinkommen missbraucht…Genügend Geld ist da und wenn es in die Taschen der Menschen fließt, wird weiterhin auf Deibel komm‘ raus konsumiert. Mit irgendetwas muss man schließlich seine Zeit totschlagen, wenn die anerzogene Arbeitsstruktur wegfällt. Wenn Menschen sich nicht mehr über ihre Arbeit definieren können, dann ist doch der Konsum die beste Lösung…

      Das Ziel der Erziehung von Kindern ist auch heute noch, dass Kinder als Erwachsene erfolgreich sind, einen gut Job bekommen und ein hohes Einkommen erzielen – das ist völlig verrückt!

      Meine Praxis läuft über, weil immer mehr Menschen an ihre Grenzen kommen – unter dem sogenannten Burnout leide; in eine Depression verfallen – weil die Erziehungsziele, die ihre Eltern für sie hatten, einfach nicht mehr funktionieren. Sie arbeiten sich fast zu Tode, doch der innere Erfolg will sich nicht einstellen…Das Gehirn schüttet einfach keine Belohnungshormone aus, egal wie sehr sie sich auch anstrengen – die Anerkennung und das Lob von außen fehlt.

      Das ist frustrierend und macht Menschen Mut- und Hoffnungslos. Sie sind in einem Hamsterrad gefangen und haben keine Idee, wie sie da wieder herauskommen…Die Kreativität neue Lösungen zu finden, wurde vielen Menschen aberzogen – doch es gibt auch Hoffnung, weil die vielen psychischen und körperlichen Symptome Menschen „aufwachen“ lassen, so zumindest ist mein Erleben. Klar, es sind noch viel zu wenige – doch es gibt sie – und das macht mir Mut 😉

    • Herzlichen Dank Mamomi!

      „Wenn unsere „Zivilisation“, nicht zu mehr Empathie findet, dann war Hitler nur ein Vorspiel der kommenden Barbarei“
      So Arno Gruen, Hannah Arendt und viele andere Zeitzeugen des Nationalsozialismus, des zweiten Weltkrieges und der Zeit danach. Ein Mangel an Empathie der, gemäss diesen Autoren, besonders im Bildungsmilieu ausgeprägt ist.

  3. Liebe Frau Bonath,

    so unterirdisch Ihr Artikel zur AfD und verdeckt zu Rainer Rothfuß war, so herausragend ist dieser Artikel.

    Sie sollten bei Ihren Stärken bleiben: wie man als „Linke“ siegen lernen kann – genau das brauchen wir.
    Die undifferenzierte Spaltung der Friedensbewegung, bei gleichzeitig pöbelnden Angriffen – die braucht kein Mensch.

    Bleiben Sie bei dem, was Sie gut können, das ist wertvoll – wie dieser Artikel.

    Beste Grüße
    ~~

  4. Nicht neue Gesetze werden gebraucht, sondern neue Gewerkschaften. Solche, die die Umgestaltung der Gesellschaft und die Überwindung des Kapitalismus zum Ziel haben und die sozialen Klassen aufheben.
    Beispiele finden sich weltweit seit es den Syndikalismus gibt. Die einzige Arbeiterbewegung, der einzige Sozialismus, der nicht vom Bourgeois Marx herrührt, sondern von uns selbst!

    Wir Syndikalisten beten keine Intellektuellen von der UNi an, wie die Linken (Marx, Engels, Blähnin, Stahlihn, Adorno usw.) – wir suchen unser Leben selbst zu verbessern. Und genauso müssen die Gewerkschaften sein: Solidarisch, kämpferisch und basisdemokratisch organisiert – Keine Zentralgewerkschaften! Die haben schon zum Ersten Weltkrieg mit den Kriegstreibern und Waffenlobbyisten paktiert. Und tun es immer noch – denn würden sie einen Generalstreik gegen das Generalstreikverbot in die Gänge leiten und gegen den Krieg, gäbe es keinen Krieg.
    Der DGB ist Schuld am Krieg – würde er mit seiner Massenstruktur für den selbst organisierten Generalstreik arbeiten, gegen den Kapitalismus und den Staat, wären wir frei und es gäbe keinen funktionierenden Militärapparat mehr.
    Würde das ganze mit Vorlaufzeit passieren, sodass man internationale Streikbündnisse, für einen internationalen Generalstreik gegen den Kapitalismus und alle Staaten in die Wege leiten würde, hätte die Menschheit die Perspektive auf eine globale Kulturerneuerung der selbstverwalteten Konsumption und Produktion ohne Herrschaft.

  5. Frau Bonath schreibt ja, dass sie nur am Beispiel der NHG referieren will. Ihre Sicht der Dinge hat sie m.E. gut zum Thema NHG vorgetragen.

    Traurig ist hier ihre Erkenntnis, dass die Gewerkschaften jetzt auch „kapitalistisch“ denken und lieber einen Streik vorzeitig abbrechen und ihre „alten Aufgaben“ nicht mehr richtig wahrnehmen. Diese Erkenntnis hatte ich schon lange. Letztendlich zahlt der Steuerzahler über Arbeitslosengeld oder Konkursausfallgeld oder der ehemalige Arbeiter der NHG mit Auflösung seiner Altersversorgung die Zeche. Ein Streik mag kurzfristig erfolgreich sein, aber der langfristige Erfolg schaut immer düster aus.

    Gewerkschaften sind eben langfristig erfolglos, früher war das anders. Vielleicht abschaffen ?

    Diese Heuschrecken wie die PREVENT-Gruppe sind nur zu stoppen, wenn man neue Gesetze einführt:

    Der Verkauf von Betrieben ab einer bestimmten wirtschaftlichen Größe soll durch den Einspruch staatlicher Stellen vor Ort reglementiert werden. Das wäre auch logisch, denn diese Firmen, egal wer sie jetzt besitzt und betreibt, nutzen ja auch die staatlich bezahlte Infrastruktur, die dieser Staat z.B. PREVENT bzw. der NHG kostenfrei zur Verfügung stellt.

    Bei jedem Immobilienverkauf hat die Gemeinde ein Vorkaufsrecht in Deutschland, warum also nicht auch hier eine sinnvolle Regelung ?

    • Moin, Karl Bernd Esser,

      “ Ein Streik mag kurzfristig erfolgreich sein, aber der langfristige Erfolg schaut immer düster aus. “

      Wenn wir die Messlatte anlegen, die gemeinhin benutzt wird, so haben Sie wohl recht! Aber gerade der Kampf und auch die darin enthaltene ev. Niederlage birgt doch u.U. sehr viel Nutzen:
      Die gemeinsame Kampferfahrung, das Entlarven der Gewerkschaftsfuehrer als die Handlanger des Kapitals und auch ganz simpel welcher meiner Kampfgefährten ist zuverlässig und auf wen sollte man weniger schwere Aufgaben Lasten.
      Geschehen solche Kämpfe mehr und mehr, so wird die Gewerkschaftsfuehrung auch ersetzt werden durch „normale“ Arbeiter und Angestellte anstelle jetziger Advokaten und Karrieristen.
      Und das wäre sehr viel mehr Wert, als kurzfristige „gute“ Abfindungen.

  6. Dieser Kommentar von Susan Bonat, welche ich ansonsten sehr schätze, ging voll daneben und war völlig einseitig. Sprechen Sie mal mit den Beschäftigten, die nicht in der Gewerkschaft sind. Da ist verständlicherweise wenig von Solidarität zu spüren.
    Die Forderungen der Gewerkschaft von 3,5-Monatsgehältern ist völlig überzogen, üblich sind 0,50 Monatsgehälter. Auch die Anzeigen der Kunden waren verständlich. Hier hängen noch weit mehr Arbeitsplätze von der Belieferung der NHG ab. Außerdem sind sehr viele Zulieferer von NHG betroffen, über die spricht keiner.Natürlich ist das Vorgehen der Prevent-Gruppe unmöglich. Es hätte aber allen Beteiligten klar sein müssen, wem man sich hier ausliefert. Am Ende werden die Beschäftigten die Verlierer sein. Der IG-Metall, die wochenlang „dicke Backen“ gemacht hat, wird der Streik jetzt zu teuer. Eine Schlichtung wurde seitens der Geschäftsführung von NHG bereits vor mehr als 4 Wochen angeboten, davon ist auch nicht die Rede. Der Beitrag von Susan Bonath ist daher viel zu einseitig, weil er nur aus Sicht der dort Beschäftigten gesehen wird.

    • Moin, Wolfgang Altpeter,

      „Der Beitrag von Susan Bonath ist daher viel zu einseitig, weil er nur aus Sicht der dort Beschäftigten gesehen wird.“

      Wenn Sie umfassend/objektiv informiert werden wollen, dann reicht ein Blick in den Mainstrem!
      Ich finde es ausgezeichnet, dass Susan Bonath genau auf den Kampf der Belegschaft fokussiert, Dass sie herausarbeitet wie wichtig der Kampf der Arbeiter gegen das Kapital ist und dass auch im Falle einer vordergruendigen Niederlage, die Erfahrungen des Kampfes so wichtig sind, weil sie nicht so schnell verwehen im Bewusstsein der Kämpfenden.
      Leider wird die unruehmliche Rolle der Gewerkschaften sichtbar, sodass nach wie vor deutlich wird, wie wichtig fortschrittliche Arbeit in den Gewerkschaften ist, um sie wieder zu Kampforganisationen der Arbeiterklasse zu machen.

      „Die Forderungen der Gewerkschaft von 3,5-Monatsgehältern ist völlig überzogen, üblich sind 0,50 Monatsgehälter.“

      Das kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen! Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?
      Die Menschen, die ihre Arbeit verlieren werden, können nicht so ohne Weiteres am nächsten Tag eine neue Arbeitsstelle antreten. D.h., dass mit ihnen viele Familien, die an den Einkommen hängen ebenfalls unter den Kuendigungen leiden werden. Wie kann man in dieser Situation von einer „ueberzogenen Forderung“ reden? Die Frage ist doch hier auf welche Seite man sich stellt auch rein argumentatorisch?

    • Hallo Hog 1951,

      Sie bemerken, dass Susan Bonath aus Sicht der bei NHG-Beschäftigen argumentiert. Das ist ja das Problem. Sie hätte recht, wenn alle Mitarbeiter in der Gewerkschaft wären. Das ist aber nicht der Fall. Die nicht Organisierten schauen nämlich in die Röhre. Diese haben auch Familien zu ernähren. Auch die Beschäftigten der Zulieferer und Kunden sind betroffen. Der aller kleinste Teil der Mitarbeiter profitiert von dem Streik. Die Gewerkschaften sind heute „zahnlose Tiger“. Das ist zwar bedauerlich, aber spiegelt die Realität wider. Die Heuschrecken, und als solche empfinde ich den derzeitigen Eigentümer sind „Hydras mit Abertausenden von Köpfen“.
      Was die Höhe der Abfindung betrifft (0,5 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr), so ist das keine Erfindung von mir, sondern üblich. (googlen Sie mal)
      Jetzt bin ich mal gespannt, was bei der Schlichtung herauskommt. Ich wohne ganz in der Nähe der NHG und kenne viele Menschen die dort arbeiten und ich fühle mit ihnen.

    • Moin, Wolfgang Altpeter,
      “ Sie hätte recht, wenn alle Mitarbeiter in der Gewerkschaft wären. Das ist aber nicht der Fall. Die nicht Organisierten schauen nämlich in die Röhre. “
      Die Gewerkschaften sind (besser: sollten sein) eine Solidargemeinschft. D.h., wenn in einem Berieb gestreikt wird, dann erhalten die Arbeiter dort Geld aus der Streikkasse, in die viele andere vorher eingezahlt haben. Das ist aber nur ein Aspekt der Gewerkschaftsorganisation. Von daher ist es schon wichtig und ratsam sich einer betrieblichen Gewerkschaft anzuschliessen, um nicht hinterher dem entgangenen Streikgeld nachtrauern zu muessen.
      “ Die Gewerkschaften sind heute „zahnlose Tiger“.“
      Ja, da kann ich leider nur zustimmen. Das bedeutet, dass wir all die Karrieristen an der Spitze der Gewerkschaften abwählen muessen, um sie wieder zu unseren Kampforganisationen zu machen. Das bedeutet, dass wir die Gewerkschaftsarbeit aufnehmen muessen, und es nicht dabei belassen können nur ihren Zahnausfall zu beklagen.
      „Was die Höhe der Abfindung betrifft (0,5 Monatsgehälter pro Beschäftigungsjahr), so ist das keine Erfindung von mir, sondern üblich.“
      Ich hatte schon bei meiner 1. Antwort bemerkt, dass ich Unverständnis habe ob dieser Aussage. Ich denke, dass alles das, was man dem Kapital entreissen kann, ersteinmal gut und nicht zuviel ist. Ich wuerde mich fuer die Kollegen freuen, sollten sie erfolgreich mit ihren Forderungen sein! Und ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was daran zu ueberzogen sein soll, auch wenn andere Kämpfe nicht so viel hergegeben haben.

    • Hallo Herr Altpeter,

      1. Die Arbeiter von VW, Opel und anderen NHG-Kunden schickten sogar Solidaritätsdelegationen nach Leipzig und Saarbrücken und übernahmen einmal sogar Streikposten. Mich freut das außerordentlich, dass diesen Arbeitern ihre Stellung im Klassenverhältnis deutlicher ist, als die meisten Angsthasen das vermuten würden 😉

      2. 98 Prozent der bei Halberg Beschäftigten sind nach Auskunft der Arbeiter dort in der IG Metall. Diejenigen darunter, die erst kurz vor der Urabstimmung zum Streik eingetreten waren und dadurch weniger aus der Streikkasse bekamen, wurden sogar auf Wunsch der Kollegen ganz unkonventionell zusätzlich unterstützt.

      3. Ich kann natürlich aus Rücksicht auf Kollegen, die nicht in der Gewerkschaft sind, nun niemals streiken. Folglich würden die Gewerkschaften komplett nutzlos und alle Arbeiter mit Haut und Haaren vom Kapitalisten abhängig. Aber wäre das in der Vergangenheit so gelaufen, würden heutige Arbeiter noch immer an sechs Tagen der Woche zwölf Stunden für ´n Appel und ´n Ei malochen, keinen Urlaub und kein Krankengeld bekommen, und Sozialleistungen und Frauenwahlrecht gäbe es vermutlich auch nicht.

    • Hallo Frau Bonath,

      dass Streikposten anderer Betriebe entsandt wurden möchte ich nicht bestreiten, die IG-Metall wird das schon organisiert haben. Aus dem Umfeld der nicht Organisierten weiß ich aber, dass aggressiv gegen Arbeitswillige vorgegangen wurde und diese an der Aufnahme ihrer Arbeit massiv gehindert wurden. Die Angaben, dass 98 % der NHG-Arbeitnehmer IG-Metall-Mitglieder waren bzw. geworden sind, wurden von den örtlichen Medien(Saarbrücker Zeitung und Saarländischer Rundfunk) nicht bestätigt, Die IG-Metall glaubt auch nur an die Statistiken, die sie selbst gefälscht hat. Was die Notwendigkeit der Gewerkschaften betrifft, stimme ich mit Ihnen überein. Ich bin auch bestimmt kein Vertreter der Arbeitgeberseite, wohl aber einer, der die Sache aus Sicht der nicht durch eine Gewerkschaft vertretenen Arbeitnehmer sieht. Um noch einmal daran zu erinnern, die Schlichtung hätte schon einen Monat vorher (auf Vorschlag der Arbeitgeberseite) beginnen können. Die Auswirkungen auf die Zulieferer der NHG und die Kunden werden sich zum Nachteil der Beschäftigten auswirken. Wenn auch (noch) nicht von der Verfassung erlaubt, so wäre der Vorschlag von Oskar Lafontaine, die NHG-Eigentümer zu enteignen wohl der sinnvoll gewesen. Selbst wenn jetzt eine Einigung erzielt wird, den Kunden wird diese Aktion eine Warnung sein und man wird sich wohl nach neuen Anbietern umsehen.
      Was Sie, liebe Frau Bonath betrifft, so schätze ich Ihre Arbeit sehr. Ich habe sämtliche Ihrer vielen Kommentare bei der Tagesdosis gelesen, Ihre Gespräche bei Ken Jebsen gehört und auch Ihren Auftritt in Positionen verfolgt. Ich stimmte zwar nicht immer mit Ihren Thesen überein, lasse aber generell auch die Meinung der Andersdenkenden zu.

    • Moin, Wolfgang Altpeter, ich weiss nicht, ob dieser Beitrag noch gelesen wird (…) ?

      “ Aus dem Umfeld der nicht Organisierten weiß ich aber, dass aggressiv gegen Arbeitswillige vorgegangen wurde und diese an der Aufnahme ihrer Arbeit massiv gehindert wurden.“

      Selbst wenn man unterstellt, dass die Streikbrecher nicht bezahlt wurden oder anders erpresst wurden, so gilt, dass Solidarität auch ausgeuebt werden sollte, wenn man nicht unbedingt 100% mit den Forderungen der Anderen uebereinstimmt. Beim nächsten Mal kann es andere treffen, die Abstriche machen muessen an ihren Forderungen zugunsten der Allgemeinheit. Aber nur gemeinsam ist man stark!
      Und wie stellt man sich den Kampf (in der Zuspitzung) um die Herrschaft im Staate gegen das Kapital vor? Das ist kein Spaziergang! Es wird darum gehen, die Machtmittel und Unterdrueckungswerkzeuge ( Medien, Polizei, Bundeswehr und mehr) zu neutralisieren oder sogar auf unsere Seite zu ziehen. Das geht mit Sicherheit nicht imTanzschritt.
      Also ruhig mal ein wenig ueber die sog. objektive Brille hinwegschauen und den Klassenstandpunkt versuchen einzunehmen!
      Mfg

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