Tagesdosis 31.8.2019 – Brennende Wälder: der Vormarsch des Geoengineerings? (Podcast)

Ein Kommentar von Hermann Ploppa.

Während wir hier in unserer Balkonliege vor uns hin dösen und auf den Monsun warten, weil wir hier in Mitteleuropa eine Stickhitze haben, wie man sie früher nur in den Subtropen fand;

Während die Fichten schon genadelt haben, wie im frühen Januar die abgeschlagenen Weihnachtsbäume und jetzt auch die Laubbäume schon gelb werden;

Währenddessen also ersticken und verbrennen die letzten Naturvölker und die letzten naturbelassenen Tiere im Amazonas-Gebiet. Es brennt dort wie noch nie, und die Frage, ob dort jetzt 7.000 oder 80.000 Einzelbrände glimmen und qualmen, ist egal – das Ausmaß der Vernichtung übersteigt jede Vorstellungskraft.

Und der Gipfel der G7-Staaten demonstriert in erster Linie seine komplette Impotenz. Erstens mal ist dieser Gipfel dieser sieben mächtigsten Wirtschaftsnationen eine glatte Selbstbespiegelung: die Giganten China, Indien und Russland sind nicht dabei, und jene absterbenden Imperien Europas und Amerikas vertreten zusammen nicht einmal mehr vierzig Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Zum anderen zeigt die Reaktion der verblendeten Sieben auch sehr deutlich, dass die Politik als Vertreter des Gemeinwillens abgedankt hat. Macron stellt zunächst einmal völlig richtig fest, dass der Amazonas als Weltlunge keine Privatsache des brasilianischen Konkursverwalters Jair Bolsonaro, wohlwollend auch Präsident genannt, ist, sondern ein Gemeineigentum der gesamten Erdbevölkerung; und dass es uns durchaus zusteht, hier mit zu entscheiden, was mit dem Amazonas passiert.

Und? So what?

Macron kratzt 18 Millionen Dollar zusammen von diesen angeblich megapotenten sieben Spitzenökonomien, um Bolsonaro bei seinen Löscharbeiten zu helfen. Also, gleich zweimal nur: obszön. Erstens kriegt man für das Geld noch nicht einmal eine ordentliche Drohne oder ähnliches Kriegsspielzeug. Und was heißt denn hier: bei den Löscharbeiten „helfen“? Der Mann will doch gar keine Hilfe, herrgottnochmal.

Jair Bolsonaro hat doch immer gesagt, dass der Dschungel den tüchtigen Mais und Rindfleisch-Industriellen nur im Weg steht. Und was wollen denn diese Indios da? Wir haben das nur noch nicht geschafft, diese nackten Investitionshemmnisse abzuknallen, wie die US-Amerikaner ihre Indianer! (1) Und das Feuer jetzt ist doch kein Betriebsunfall, sondern vorsätzliche Naturvernichtung. Die großzügige Offerte der anglo-europäischen Spitzenpolitiker ist pures Entertainment. Alldieweil Frau Merkel sowieso an den Geschäftsgrundlagen des Freihandelsabkommens Mercosur mit den südamerikanischen Agroindustriellen auf keinen Fall rütteln will. Hier kommt keinerlei politischer Gestaltungswille mehr zum Ausdruck. Diese Politiker jedenfalls sind nur noch die Sprechpuppen und Erfüllungsgehilfen der globalen Konzerne und Finanzkonglomerate.
Und dieser Jair Bolsonaro ist auch noch so anmaßend, dem Macron „kolonialistische Manieren“ vorzuwerfen (2). Wie bitte?

Bolsonaro ist doch selber der schamlose Laufbursche der US-Konzerne. Nur ihnen und den Geostrategen aus dem Pentagon verdankt er seine Existenz als angeblicher oberster politischer Direktor Brasiliens. Anscheinend wird Bolsonaro durch seine Zugehörigkeit zu einer amerikanischen synthetischen evangelikalen „Religion“ von jeglichen Gewissensproblemen freigestellt. Man muss aber dazu sagen, dass in Brasilien die blauen Bohnen immer besonders tief geflogen sind. Nirgendwo wird der krasse Unterschied zwischen arm und reich so brutal ausgefochten wie in diesem größten Staat Lateinamerikas. Obdachlose Waisenkinder werden dort von Berufskillern abgeknallt wie bei uns früher streunende Hunde. Der Druck auf den Amazonas ist gewaltig, denn Massen von landlosen Neusiedlern versuchen sich im gerodeten Ödland eine karge Existenz aufzubauen. Sie stoßen dabei sowohl mit den Agroindustriellen wie auch mit den Eingeborenen, den Indigenos, zusammen. Der Versuch, mit der Arbeitspartei PT unter Lula da Silva und dann nachfolgend mit Dilma Rousseff als Präsidenten Brasilien zu humanisieren, ist gescheitert. Denn die alten Machtstrukturen blieben immer erhalten, und sobald sich der Wind politisch nur ein bisschen drehte, waren diese sowieso nur halbherzig vorgetragenen Reformen im Nu weggepustet.

Aber nicht nur der Amazonas brennt. Fast sämtliche großen Waldgebiete der Südhalbkugel stehen gleichzeitig in Flammen: Kongo, Angola, Indonesien, um nur ein paar Namen zu nennen. Die wenigsten dieser Brände haben eine natürliche Ursache. Dazu brennen auch noch zu allem Überfluss die borealen Wälder in Sibirien. Es wird so viel Kohlendioxid freigesetzt wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Glaubt unter diesen Umständen noch jemand, dass wir das Ziel, die Erderwärmung unter 1.5 Grad halten zu können, noch einhalten werden? Die völlig unergiebigen Stammtisch-Diskussionen um Kohlendioxid pro oder kontra sind ein reines Ablenkungsmanöver. Wir haben ein ganzes Bündel von Zerstörungskräften:

In der industriellen Landwirtschaft wird z.B. Lachgas freigesetzt (2). Nur in geringen Mengen, die sind aber um einiges wirkungsmächtiger als CO2. Der fast vollständig von Steuerlasten befreite Flugverkehr emittiert oben an der Grenze zwischen Biosphäre und Stratosphäre Schadstoffe, die in ihrer Zerstörungskraft auch nicht zu verachten sind. Über die Sauerei, die Schiffsmotoren in Ozeanen veranstalten, ist ja auch das eine oder andere Mal bereits gesprochen worden.

Das Ziel der Begrenzung der Temperaturerhöhung auf 1.5 Grad ist auch von den Politikern und ihren Hintermännern überhaupt gar nicht gewollt. Vielmehr zeichnet sich am Horizont ein faszinierendes neues Geschäftsmodell ab, das Börse und Realwirtschaft in ungeahnter Weise stimulieren wird. Die Rede ist vom Geoengineering. Oliver Geden von der proamerikanischen Denkfabrik Stiftung Wissenschaft und Politik, die die Bundesregierung „berät“, hat in einem Denkpapier klar gesagt, dass das Ziel einer Reduzierung von Treibhausgasen für eine Begrenzung auf das 2-Grad-Erwärmungslevel nicht realistisch sei: „Da ein als unerreichbar geltendes Ziel politisch aber weder eine positive Symbol- noch eine produktive Steuerungsfunktion erfüllen kann, wird das zentrale Ziel der internationalen Klimapolitik unweigerlich modifiziert werden müssen.“ (3)

Dass die Agenda mit den 2 Grad gar nicht wirklich angesteuert wird, war also schon im Jahre 2012 für die Hintergrund-Strategen völlig klar. Jetzt erzählt man uns sogar etwas von 1.5 Grad Begrenzung der Erderwärmung. Wobei von vornherein klar sein sollte, dass es sich bei diesen Zahlen lediglich um einen Annäherungswert handelt, um nicht-lineare Prozesse überhaupt den Menschen draußen im Lande darstellbar machen zu können.

Klar geworden sein müsste mittlerweile wohl auch, dass nach über siebzig Jahren marktradikaler Zerstörung des Politischen keine Instanz mehr existiert, die den Konzernen überhaupt noch den Hahn abdrehen könnte. Beredter Ausdruck der Machtlosigkeit der Volksvertreter sind die vielen Vorgaben der Politiker, die auf Freiwilligkeit der Wirtschaft setzen nach dem Motto: „Liebe Konzerne, bitte vergiftet doch die Umwelt ein bisschen zivilisierter, aber nur, wenn es Euch nichts ausmacht!“ Oder die zusätzliche Besteuerung von Emissionen. Das wird doch einfach locker an die Endverbraucher weitergereicht. Was soll die Politik denn auch noch tun? Die Staaten sind Schuldner der Banken, und die Regierungen sind durchsetzt von Laufburschen der Privatwirtschaft. Weltweit betrachtet heißt das: es gibt heute weniger Begrenzungen der Umweltzerstörung als vor dreißig Jahren. Der Vormarsch des Marktradikalismus geht einher mit einer synchron zunehmenden Umweltzerstörung. Das hat Naomi Klein in ihrem Buch „Die Entscheidung: Kapitalismus versus Klima“ ausführlich dargelegt.

Schlussfolgerung: es WIRD keine Einhaltung irgendeines wieviel auch immer Grad-Zieles geben! Schminkt es Euch ab! Stattdessen wird bereits seit 1992 darüber nachgedacht, was zu tun ist, wenn das 2 Grad-Ziel nicht eingehalten werden kann. Ein Denkpapier, das von den Spitzen der US-Wissenschaft gemeinsam mit Konzernmanagern von Auto- und Mineralölkonzernen erstellt wurde (4), diskutiert die Optionen einer Art von Palliativmedizin für das sterbende Klima. Offensichtlich in der Tradition der Eugenik stehend, wird zunächst einmal eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums angedacht. Das Volk ist also wieder einmal schuld. Da diese Option aber wohl politisch nicht opportun ist, muss das Problem technisch angegangen werden.

Hierbei beeindruckt die Meisterdenker vor allem die Abkühlung der Erdatmosphäre um ein halbes Grad nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen im Jahre 1991. Die vom Vulkan ausgebrachten Partikel hatten das Sonnenlicht abgehalten. Also, so die Vordenker, könnte man ja auch Staubpartikel künstlich in die Stratosphäre ausbringen. Andere Möglichkeit wäre, den Ozean zu düngen. Man könnte auch in weiter Entfernung von der Erde Reflektoren positionieren, die Sonnenlicht zur Sonne zurückschicken. Stellen wir uns doch mal vor, wieviel Geld mit diesen und anderen vorgeschlagenen Maßnahmen zu verdienen wäre! Dieselben Leute, die mit ihrem Fossildreck gerade die Atmosphäre vergrützt haben, wollen jetzt schon wieder noch mehr Geld mit der Abmilderung der Folgen ihrer Zerstörung verdienen. Da muss man erst drauf kommen.

Seitdem stehen unsere Politiker unter enormem Druck, Geoengineering endlich zuzulassen. Die hochehrwürdige Royal Society legte 2009 mit einem Papier nach, in dem erneut Vor- und Nachteile des Geoengineerings diskutiert werden, mit deutlichem Tenor zugunsten des Geoengineerings (5). Natürlich wollte auch die Bundesregierung wissen, was es mit diesem neuen Trend auf sich hat. Schließlich werden wir Deutschen von den Angloamerikanern als besonders empfindlich in Umweltdingen angesehen, und wir müssen eben ganz besonders bearbeitet werden, um einer Manipulation der Natur durch Geoengineering begeistert zuzustimmen. Deswegen schrieb das Kiel Earth Institute im Jahre 2011 eine Studie zum Thema: „Gezielte Eingriffe in das Klima? – Eine Bestandsaufnahme der Debatte zu Climate Engineering“ (6).

Und die SPD-Bundestagsfraktion machte auch im Jahre 2012 einen zagen Versuch (7), das Thema Geoengineering öffentlich zu machen, leider mit geringem Erfolg. Ihre Kleine Anfrage stellt kleinlaut fest: „Eine frühzeitige intensive gesellschaftliche und politische Debatte über Geoengineering ist notwendig, um nicht nur die Chancen und Risiken, sondern auch die Sinnhaftigkei6t und Machbarkeit von Geoengineering als solches festzustellen. Dafür sind fortlaufend Informationen für Parlament und Gesellschaft über den aktuellen Stand von Regulierung, Bewertung, Forschung und Entwicklung im In- und Ausland zu Geoengineering unverzichtbar.“

Ich zitiere die Kleine Bundestagsanfrage deswegen so ausführlich, um Sie, liebe Leser, mal so richtig aus dem Subtext heraus schnuppern zu lassen, was die Glocke geschlagen hat. Die Politiker werden fortwährend mit immer neuen Vorschlägen zum Geoengineering bedrängt, und sie stehen konzept- und ideenlos vor diesem Tsunami der Wettermanipulationsmafia, die weltweit exzellent vernetzt ist und vor Geldmitteln nur so explodiert. Ich bin den tapferen SPD-Abgeordneten dankbar, dass sie wenigstens in pianissimo die Zumutung, die da auf uns zurollt, ein wenig hinterfragen.

Das war allerdings auch bereits im Jahre 2012. Heute sind die Karten für die zukünftigen Profiteure der Palliativmedizin für das sterbende Weltklima schon wesentlich besser gemischt als vor sieben Jahren. Immer noch wissen Sie, liebe Leser, so gut wie nichts von Geoengineering. Und was Sie hören und lesen, stammt in den meisten Fällen auch noch aus der Desinformationsabteilung der texanischen Koch-Brüder, die mit der Vermarktung von Öl reich geworden sind, und die schon lange dabei sind, das politisch-ideologische Umfeld günstiger zu gestalten für ihre Investitionen. Donald Trump steht diesen Leuten sehr nahe, und auch dessen politischer Ziehsohn Jair Bolsonaro.

Wenn man also weiß, dass sowieso kein Politiker wirklich noch an das 2 oder 1.5-Grad-Ziel bei der Erderwärmung glaubt, und die Palliativ-Medizin in Form des hochprofitablen Geoengineerings bereits weltweit gut vernetzt in den Startlöchern hockt, und nur noch auf den großen Schockschuss wartet, der eine völlig überraschte Weltöffentlichkeit mit der Nachricht überrascht: „Hilfe! Wir verbrennen! Jetzt hilft nur noch: Sonne abdimmen!“: welche Rolle spielt hier das gleichzeitige Abbrennen aller großen Wälder in dieser Schmierentragödie?

Dialektischer Besinnungsaufsatz. Sechs Schulstunden.

Quellen:

  1. https://theintercept.com/2019/02/16/brazil-bolsonaro-indigenous-land/
  2. https://www.zeit.de/video/2019-08/6077798367001/waldbraende-jair-bolsonaro-wirft-emmanuel-macron-kolonialismus-vor
  3. https://www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/beitrag-der-landwirtschaft-zu-den-treibhausgas#textpart-3
  4. Oliver Geden: Die Modifikationen des 2-Grad-Ziels. Klimapolitische Zielmarken im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Beratung, politischen Präferenzen und ansteigenden Emissionen: https://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/studien/2012_S12_gdn.pdf
  5. Policy Implications of Greenhouse Warming – Mitigation, Adaption and the Science Base:
    https://www.nwcbooks.com/download/policy-implications-of-greenhouse-warming/
  6. Royal Society: Geoengineering the Climate: Science, Governance and Uncertainty.
    https://royalsociety.org/topics-policy/publications/2009/geoengineering-climate/
  7. Kiel Earth Institute: Gezielte Eingriffe in das Klima? – Eine Bestandsaufnahme der Debatte zu Climate Engineering.
    https://www.kiel-earth-institute.de/sondierungsstudie-climate-engineering.html
  8. http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/103/1710311.pdf

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle:   guentermanaus/Shutterstock

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