Tagesdosis 4.1.2018 – Daten sind das neue Öl (Podcast)

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Heute geht es nicht um die schlechten Rahmen- und Arbeitsbedingungen bei dem Firmen- und Zuliefergeflecht Amazon, sondern um die Datenkrake Amazon.

Daten sind das neue Öl. Diese These wird von dem ehemaligen Amazon Chefwissenschaftler Andreas Weigend aufgestellt. Eine skurrile Persönlichkeit, die einerseits die inzwischen selbstverständliche Datennutzung von Bürgern kritisch kommentiert, jedoch gleichzeitig mehr Datenvolumen-und aufkommen permanent einfordert. Dies klingt dann bei Weigend z.B. in einem Interview so:

Keine Daten zu erzeugen ist so unmöglich, wie kein Wasser zu nutzen. Deshalb will ich darüber sprechen, wie die Datenwirtschaft ausschaut, die Kosten-Nutzen-Rechnung. Wenn der Nutzen, den ich von einem Dienst habe, groß genug ist, dann habe ich auch kein Problem damit, dass ein Anbieter meine Daten kommerziell verwertet[1].

Gestoßen bin ich auf den sogenannten Digital-Denker, man könnte ihn auch schlicht Lobbyist in Reinkultur nennen, in einer Dokumentation aus dem Hause ZDF. „Amazon – Gnadenlos erfolgreich“ lautet der Titel der Reportage, in der zwei Familien den Selbstversuch durchführen sollen, vier Wochen ohne Amazon ihren Alltag zu meistern. Beide Familien sind sogenannte Prime Kunden , d.h. sog. Heavy User. Einmal Großstadt, einmal ländliche Region[2].

Diese Dokumentation ist aufschlussreich, aber vor allem ein erschreckendes Beispiel für die inzwischen in großen Teilen der Bevölkerung existierende Selbstaufgabe hinsichtlich einer selbstverwalteten Lebensgestaltung. Dazu sagt Weigend, der von 2002 bis 2004 Entwickler der Datenstrategie für Amazon war, in der Dokumentation:

Wir hatten hunderte von Daten, die den Kunden beschrieben, z.B. wie weit ist die Adresse vom nächsten Supermarkt entfernt, welche Kreditkarte benutzt er, in welchen Kategorien hat er bestellt? Zu welcher Tageszeit, wie oft am Tag, in der Woche. Für sich, für andere, zu welchem Anlass, usw. Durch die Speicherung von Click-Streams, d.h. der Sammlung von expliziten und impliziten Daten, sei ihm bewusst geworden – Achtung – In vielen Fällen kenne Amazon den Kunden besser, als der Kunde sich selbst.

Für mich Nicht-Amazon-User ist der unheimlichste Coup Alexa. Was ist Alexa? Ich lerne: Amazon Echo verbindet sich mit dem cloudbasierten Alexa Voice Service, um Musik abzuspielen, Anrufe zu tätigen, Wecker und Timer zu stellen, den Kalender, das Wetter, die Verkehrslage und Sportergebnisse abzurufen, Fragen zu stellen, To-do-und Einkaufslisten zu verwalten. Der Kontakt wird durch direkte Ansprache ausgelöst, z.B. Hallo Alexa, wie wird heute das Wetter? Alexa geht dann online, ruft Daten ab und teilt sie dem Besitzer mit. Alexa gehöre irgendwie schon mit zur Familie, säuselt die eine Protagonistin in der Dokumentation.

In einer Kolumne aus dem Jahre 2016 beschrieb ich die Zukunftsvisionen des Science Fiction Filmklassikers Westworld aus dem Jahre 1973, in Verbindung mit der damals vermeintlich innovativen Datenuhr Apple-Watch[3]. Nun gibt es die Fortsetzung des Films, in Form einer Serie[4]. Wie auch im Film, endet alles am Ende im Chaos. Wer ist der Macher, der Erschaffer? Wer ist der Roboter? Wer ist Sieger, wer ist Opfer? Wer hat schlussendlich die Kontrolle?

In der ZDF Dokumentation gibt es diesen Moment, als die eine Testfamilie erfährt, das Alexa, also Amazon, nicht nur alle gestellten Fragen speichert, sondern Tests nachwiesen, dass bei ähnlichen Wortlauten das Gerät sich alleine einschaltet und mitschneidet. Die Reaktion der Besitzer? Nein, nicht die Mülltonne, sondern man werde sich dann eben in der Küche nicht mehr über gewisse Themen unterhalten. 1:0 für den Androiden und Amazon.

Spiegel Online informiert heute: Geräte weltweit betroffen, Neue Sicherheitslücken – Chiphersteller arbeiten an Lösung[5].In Computerchips sind neue Sicherheitslücken entdeckt worden, durch die Angreifer an vertrauliche Daten kommen könnten. Die Schwachstelle hängt mit einem Verfahren zusammen, bei dem Chips möglicherweise später benötigte Informationen schon im Voraus abrufen, um Verzögerungen zu vermeiden. Ein Google-Sicherheitsexperte demonstrierte, dass dabei Unberechtigte zum Beispiel an Passwörter, Krypto-Schlüssel oder Informationen aus Programmen gelangen könnten.

Noch Fragen? Es gibt also Angreifer und es gibt Amazon und Google und Facebook und viele mehr. Wer ist denn dann der Kriminelle? Ist das Kriminelle, vielleich doch nicht kriminell, sondern soll uns nur das Leben vereinfachen. Soll uns beschützen und behüten? Wer definiert was kriminell ist und welche Datenspeicherung nur dem Bürger dienlich sein soll, um sein gestresstes Dasein zu vereinfachen? Beide Familien beschließen in der Dokumentation, trotz neuer Erkenntnisse über die Datenspeicherung nach vier Wochen Entzug, wieder auf den Prime Kunden Status zu schalten.

Am Ende beschließt jeder Bürger für sich, ob er ein selbstverwaltetes Leben führen möchte oder nur ein Nebendarsteller bei einer Westworld Variante wird.

Quellen

[1] – http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2017-05/privatsphaere-amazon-andreas-weigend-data-for-the-people/seite-2

[2] – https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/amazon-gnadenlos-erfolgreich-102.html

[3] – https://kenfm.de/niveauregulierung-eine-kolumne-4/

[4] – https://www.youtube.com/watch?v=7BRnsIpt3mQ

[5] – http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/intel-arm-chip-hersteller-arbeiten-an-loesung-fuer-sicherheitsluecke-a-1186116.html

https://www.fool.com/investing/2017/12/19/intels-ceo-just-sold-a-lot-of-stock.aspx

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Ein Kommentar zu: “Tagesdosis 4.1.2018 – Daten sind das neue Öl (Podcast)

  1. Ich finde es wirklich putzig, dass die Geschichte von der Datenicherheit überhaupt noch aufgewärmt wird.
    – auf Maschinenebene (siehe aktueller „Skandal“ um die „Sicherheitslücke“) kann man jeden Datenstrom spätestens auf Hardware-Ebene mit einem Oszilloskop auslesen. Den verbauten Prozessoren kann man beim Arbeiten zusehen, sie in bestimmten Betriebszuständen „einfrieren“ und die einzelnen Register Takt für Takt auslesen. Bei der Entwicklung von Software ist so was Standard und es „remote“ zu tun nur ein vergleichsweise kleiner Schritt. Ob das demnächst als Sicherheitslücke erkannt wird? EDV IST per se eine Sicherheitslücke.
    – neulich eine Überweisung online gemacht. Ergebnis: eine „Sicherheits“-Rückfrage von der Bank per SMS, die per unverschlüsselter e-Mail zu beantworten war. Meine Bank(en), keine Exoten, kennen gar keine Daten-Verschüsselung in der elektronischen Kommunikation, obwohl es so was seit Jahrzehnten für alle als freie Software gibt. Scheint jeder zu akzeptieren, keinerlei Bewusstsein. Völlig irre und die größte Gefahr für die „Privatsphäre“ und „sensible Daten“.
    – Kommunikation läuft heute nicht unter dem Briefgeheimnis (Artikel 10 GG), sondern auf Facebook, WhatsApp, Instagram, Twitter. Was für ein Wahn. Jede einzelne Botschaft kann von den veranstaltenden Konzernen analysiert werden, Persönlichkeitsmerkmale bis hin zu Fragen des Einkommens und des Konsumverhaltens können mit statistischen Methoden herausgearbeitet werden. Da machen alle mit. Telefon? Brief? Selbst SMS? Scheint mir eher so zu sein, dass es alle mitbekommen *sollen*.
    Alexa, wir haben schon kapituliert. Bestell Katzenfutter.

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