Tagesdosis 4.1.2020 – Geschichte als Waffe

Ein Kommentar von Hermann Ploppa.

Alles kann zur Waffe gemacht werden. Selbst so harmlose Dinge wie das Wetter, unser Wasser oder was auch immer. Und so soll es auch nicht verwundern, wenn die Erzählung über das was vor uns passiert ist, ebenfalls missbraucht werden kann als tödliche Waffe in der Vorbereitung neuer Kriege. Geschichte wird immer wieder als Waffe eingesetzt. Wir können unsere Zeitgenossen willig machen, in einen Krieg zu gehen, wenn wir ihnen erzählen, unsere Nachbarn seien schon immer aggressive gefährliche Schurken gewesen. Sie wissen schon was ich meine: unsere aktuelle Erzählung über unsere östlichen Nachbarn, die Russen.

Es interessiert nicht länger, dass von deutschem Boden aus vor über acht Jahrzehnten ein Feldzug mit dem Ziel der Vernichtung aller Völker der Sowjetunion ausgegangen ist, bei dem immerhin bereits bis Ende des Zweiten Weltkrieges ein Achtel der Sowjetbevölkerung, nämlich 28 Millionen Menschen, auf bestialische Weise ermordet wurde.

So spricht eine Entschließung des Europa-Parlaments am 19. September letzten Jahres davon, dass der Nichtangriffspakt zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion im Sommer 1939 den Weg geebnet habe für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Diese EU-Parlamentsentschließung spricht von der Bedrohung für den Frieden, der auch nach dem Ende der Kampfhandlungen von faschistischen und kommunistischen Regimen ausgegangen sei. Das ist angesichts der gigantischen Opfer, die die Völker der Sowjetunion gebracht haben, um den Hitler-Faschismus niederzuringen, mit Verlaub gesagt ganz schön anmaßend und menschenverachtend. Auch bekennt sich das Europa-Parlament zu einer Renaissance jener unsäglichen Totalitarismustheorie, die die Blaupause für den Kalten Krieg abgab: Kommunismus und Naziterror sind identisch. Nachdem die westliche Wertegemeinschaft den Hitler-Terror niedergerungen hatte, war es also jetzt moralisch gerechtfertigt, ja geradezu moralisch geboten, Krieg gegen die Sowjetunion zu führen. So lieferten und liefern jetzt erneut Seilschaften von kriegsfreudigen Akademikern die fragwürdige Rechtfertigung für einen erneuten Angriffskrieg gen Osten.

Das hat mehr als ein Geschmäckle. Denn es ist ja unverkennbar, dass die Europäische Union zusammen mit der NATO den Kern der westlichen „Sicherheits“architektur gegen einen neu definierten Todfeind im Osten bildet. Zum anderen ist die Darstellung der Ursachen des Zweiten Weltkriegs stark verkürzt. Denn dem Nichtangriffspakt der Sowjetunion mit dem Erzfeind Nazideutschland gingen Ereignisse voraus, die die Geschichtserzähler des Europa-Parlaments geflissentlich ausblenden. Diese Kunst der Ausblendung wichtiger Fakten veranlasste den russischen Präsidenten Wladimir Putin, eine Sitzung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), zu der Weißrussland und einige ehemalige Sowjetrepubliken Zentralasiens angehören, für eine Gegendarstellung zu nutzen. Die Rote Armee hatte nach der Kapitulation Deutschlands Dokumente der Nazi-Regierung beschlagnahmt, auf die Putin nun zurückgreift.

Zunächst einmal begibt sich Putin auf sehr dünnes Eis wenn er behauptet, die Rote Armee habe sich beim Überfall auf Polen, das man als Beute aufgeteilt hatte, vornehm zurückgehalten und gar die jüdische Bevölkerung beschützt. Es ist nicht zu bestreiten, dass Stalin seinem Gegenüber Hitler den Westen Polens als Beute überlassen hatte, um dann sukzessive den Osten Polens und die baltischen Republiken in sein Reich einzuverleiben. Auch das Massaker an polnischen Offizieren in Katyn ist nicht zu bestreiten, worüber Putin kein Wort verliert. Und dass Putin ausgerechnet den Kriegshetzer und Russlandhasser Winston Churchill in seiner Erzählung gut wegkommen lässt, ist befremdlich. Denn es war Churchill, der tatkräftig verhinderte, dass die Westmächte durch eine Offensive von Frankreich aus die arg gebeutelte Rote Armee entlastete – was vielen sowjetischen Soldaten das Leben geschenkt hätte. Und es war Churchill, der vorhatte, in der Operation Unthinkable gleich nach der Kapitulation Deutschlands mit Hilfe von Wehrmachts- und SS-Soldaten die ausgehungerte und zutiefst erschöpfte Sowjetunion militärisch anzugreifen.

Jedoch stünde es den Historikern der westlichen Wertegemeinschaft gut zu Gesicht, wenn sie einmal zur Kenntnis nehmen würden, dass der Zweite Weltkrieg wesentlich früher als im Jahre 1939 bereits massiv vorbereitet wurde. Allein die Tatsache, dass die Aufrüstung Nazideutschlands mit erheblichen Investitionen aus den USA, Großbritannien und Frankreich vorangetrieben wurde, wäre wohl eine Erwähnung wert. General Motors kaufte die Adam Opel AG, um die Autofabrik in den Jahren 1939 und 1940 mit über 100 Millionen Dollar aus eigener Tasche zu einer Rüstungsschmiede umzubauen. Der Chemieriese IG Farben wurde mit US-Investitionen zu einem kriegswichtigen Unternehmen aufgeplustert. Neunzig Prozent aller Ölunternehmen in Deutschland wurden seit der Machtergreifung Hitlers von angloamerikanisch-britisch-niederländischen Konzernen beherrscht. Und die neu gegründete Bank für Internationalen Zahlungsausgleich garantierte allen Teilnehmerstaaten des Zweiten Weltkriegs mit Ausnahme der Sowjetunion die ständige Zufuhr von frischen Geldmitteln, damit der Krieg nicht abgebrochen werden musste wegen der Zahlungsunfähigkeit einiger Kombattanten – so wie es im Ersten Weltkrieg kurzfristig der Fall war. 

Und so ist es auch alles andere als unerheblich, dass nach der Machtergreifung Hitlers ein Staatenbündnis geschmiedet wurde, dem das Deutsche Reich, Großbritannien, Frankreich und das faschistisch unterdrückte Italien angehörten. Und sozusagen mit Beobachterstatus war diesem Bündnis die Republik Polen angegliedert. Die graue Eminenz in Polen war Marschall Josef Pilsudski. Und Pilsudski träumte von einem starken antisowjetischen Staatenbund mit Namen Intermarium: um Polen herum sollten die Baltischen Staaten, die Ukraine, Rumänien und Bulgarien kreisen. Eine Konzeption, die jetzt aktuell gerade wieder erneut aktiviert wird. Die Republik Polen fühlte sich in ihrem antirussischen Sentiment Nazideutschland sehr verbunden. Und so verwundert es nicht, dass bereits bei dem berüchtigten Münchner Abkommen von 1938 nicht nur Deutschland das zur Tschechoslowakei gehörige Sudetenland von Großbritannien, Frankreich und Italien zugeteilt bekam. Sondern auch Polen richtete seinerseits ein Ultimatum an die bedrängte Tschechoslowakei und annektierte sodann den tschechischen Ort Teschen. Ungarn bekam ebenfalls ein Stück der Tschechoslowakei spendiert. Und all diese Akte der Piraterie stellten nichts weniger als eine geostrategische Flurbereinigung im geplanten Krieg gegen die Sowjetunion dar. 

Insofern ist es ein längst überfälliger Nachhilfeunterricht für ignorante NATO-Historiker, wenn der russische Präsident Putin darauf aufmerksam macht, dass Hitlerdeutschland und die Republik Polen bereits 1934 den Pilsudski-Hitler-Pakt abgeschlossen hatten. Aus dem anderen von Putin präsentierten Protokoll eines Gespräches Hitlers mit dem polnischen Außenminister Beck am 5. Januar 1939 geht zudem hervor, dass Hitler die Annexion Teschens durch Polen energisch befürwortet hatte, weil er die polnischen Streitkräfte an der sowjetischen Grenze als Vorposten der deutschen Wehrmacht sehr schätzte: „Die Divisionen, die Polen an der russischen Grenze unterhält, ersparen Deutschland zusätzliche militärische Ausgaben.“ Dass Pilsudskis Intermarium-Konzept von den Nazis als integraler Bestandteil ihrer eigenen antisowjetischen Ambitionen zu betrachten ist, bestätigt einen Tag später der deutsche Außenminister Joachim Ribbentrop im Gespräch mit dem polnischen Außenminister Beck. Es sei „Polens Privileg“, die Ukraine, die ja immerhin Teil der Sowjetunion war, als ihre legitime Interessenzone in Besitz zu nehmen. Das versichert Beck seinem deutschen Kollegen Ribbentrop: „Die Polen haben sich zu Kiew bekannt, und diese Pläne sind unstreitig auch heute noch aktuell.“ Und der polnische Botschafter in Berlin, Josef Lipski, berichtete seinem Vorgesetzten Beck am 20. September 1938 von einem Gespräch mit Hitler: man werde in Warschau ein schönes Denkmal für Hitler aufstellen, wenn es diesem gelänge, die Juden aus Europa zu vertreiben.

Weshalb also kam es im Sommer 1939 dennoch zum Blitzüberfall auf Polen durch die deutsche Wehrmacht und Waffen-SS und zur Einigung der Nazis mit Stalin? Diese Abweichung vom Drehbuch ergab sich, weil die Nazis all die unvorstellbaren Geldspritzen, die sie von der westlichen Wertegemeinschaft erhalten hatten, hemmungslos vergeudeten und Hitler am 7. Januar 1939, also just zu jener Zeit, als er mit dem polnischen Außenminister Beck so einvernehmlich konferierte, einen unerfreulichen Brief bekam. Der stammte vom Vorstand der Deutschen Reichsbank unter Leitung von dessen Präsidenten Hjalmar Schacht. Inhalt: mein Führer, wir sind pleite. Wir können keine weiteren Kriegsvorbereitungen mehr treffen. Hitler musste sich nun entscheiden, ob er Selbstmord begehen sollte oder sich für einen Bankraub entschied. Hitler beschloss, die polnischen Goldvorräte durch seinen Blitzüberfall auf Polen für sich zu erbeuten. Dazu musste er vorübergehend einen Pakt mit der Sowjetunion abschließen, den berüchtigten Hitler-Stalin-Pakt, der dann den Weg freimachte für den Überfall auf Polen.

Das sind Zusammenhänge, die man berücksichtigen sollte, wenn man isoliert diesen Hitler-Stalin-Pakt als alleinige Ursache des Zweiten Weltkrieges betrachtet. Russlands Präsident Putin hatte sich erlaubt, mit seiner Dokumentenauswahl das einseitige Narrativ des Westens ein wenig zu relativieren. Es ist leider zu erwarten, dass der selbstgerechte Wertewesten, der in diesem Jahr mit dem Großmanöver Defender 2020 ganz handfest den Krieg gegen Russland im deutschen und polnisch-baltischen Gelände in einer Generalprobe übt, auch weiterhin die Geschichtsschreibung als Gefechtsfeld gegen Russland missbrauchen wird. 

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: Grisha Bruev / Shutterstock

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17 Kommentare zu: “Tagesdosis 4.1.2020 – Geschichte als Waffe

  1. „Es ist nicht zu bestreiten, dass Stalin seinem Gegenüber Hitler den Westen Polens als Beute überlassen hatte, um dann sukzessive den Osten Polens und die baltischen Republiken in sein Reich einzuverleiben.“

    Doch das ist zu bestreiten, weil es eine Verkehrung der Kausalität in sich birgt – ganz abgesehen von dieser dümmlich-populistischen Wortwahl eines „Reiches“ welch selbiges dann auch „Stalins“ gewesen sein soll.
    Man sollte sich vielleicht doch ab und zu mit „Geschichte“ befassen, die der sog. „Curzon-Linie“ z.B. und des polnisch-sowjetischen Krieges 1919-1921 ist da recht hilfreich – zudem, im Hinblick auf damals hinlänglich bekannte düstere Aussichten, unter militärischen Gesichtspunkten ein „Frontverkürzung“ ganz sinnvoll war, etc. etc., (und die weitgehende außenpolitische Isolation der UDSSR haben wir da ja noch gar nicht erörtert – Afghanistan war damals wohl der einzige ihr freundlich gesonnene Staat).

    Im übrigen hat sich unseres Wissens schon die UDSSR und später auch die RF zu den „Unappetitlichkeiten“ dieser Phase des 2. WK – welche sie sich vorwerfen lassen muß, und die vielleicht z.T. auch von der wagen Hoffnung intendiert waren, den an sich unvermeidlichen großen Krieg doch noch zu verhindern – bekannt, und sie als das bezeichnet, was sie waren, nämlich Verbrechen.
    (Katyn? Smolensk? Da war doch vor einigen Jahren mal was.)
    Ähnliches haben wir aus Polen oder im Zusammenhang mit diesem sog. „Münchner Abkommen“, welches interessanterweise immer noch „Abkommen“ und nicht „Pakt“ genannt wird, noch nicht vernommen (aber da ist uns vielleicht etwas entgangen).

    Wir wüßten daher nicht, warum ein russischer Präsident bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit, in einer Art unterwürfig-vorauseilendem Gehorsam, darauf zurückkommen müßte.

    Auch die Lektüre eines Werkes, für welches einem Herr Churchill immerhin der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, birgt da Erhellendes, z.B. einige recht interessante Sätzchen zu diesem sog. „Hitler-Stalin- Pakt“, der richtigerweise „Ribbentrop-Molotow-Pakt“ heißen müßte, denn die Staatschefs haben ihn – anders als in München – nicht unterschrieben. (Aber auf solche „Feinheiten“ legt man im Westen ja nur dann Wert, wenn sie zu dessen Gunsten sprechen.)

    Doch das alles ist nur sekundär von Bedeutung, denn es geht nicht um Russen, Polen Deutsche, Hitler oder Stalin – sondern um „Politik“ von "Staaten", welche auf "Geschichte", vor allem aber auf deren „innerer Verfaßtheit“ beruht und die daraus folgenden Interessen sowie die Kräfteverhältnisse, denen sie unterworfen sind.

    Und damit kommen wir zu der entscheidende These, der auch diese unsägliche „Entschließung“ diese europäischen sog. „Parlamentes“ zu Grund liegt, und die recht einfach lautet:

    Ohne den deutsch-sowjetischen „Nichtangriffspakt“ , der dann am 24.08.1939 –
    6 Tage vor dem 01.09.1939 – unterzeichnet wurde, hätte das Deutsche Reich Polen nicht angegriffen – mehr noch – dieser Zweite Weltkrieg hätte sogar verhindert werden können.

    Nun sind die Vertreter dieser These nicht ganz blöd, weshalb sie die, für eine Haltbarkeit derselben, alles entscheidende Frage nicht stellen: nämlich ob (und wenn ja, wann und unter welchen Voraussetzungen), das Deutsche Reich von seinem, in jedem Falle allgemein bekannten, Vorhaben einer Ostexpansion Abstand genommen hätte (zudem auch von einer „Rache für Versailles“ abzubringen gewesen wäre).

    Die Antwort lautet: „Nein“ – und dieses „nein“ ist selbstverständlich auch, wie jedes Denken in historischen Alternativen, mit gewissen Unwägbarkeiten behaftet, welche jedoch vorliegend wegen ihrer – jedenfalls im maßgeblichen Zeitraum (Sommer 1939) – bereits extrem verengten „Variationsbreite“ vernachlässigt werden können.

    Mit der Übernahme der Regierungsgewalt durch die NSDAP – die übrigens nach geltendem Recht und „demokratischen Grundsätzen“ alles in allem völlig legitim war, was man heute nur allzuoft durch Übernahme des „NS-Vokabulars“, hier einer „Machtergreifung“, zu verschleiern sucht – begann der systematische Umbau des Staates zu einem, nur noch rudimentär, scheinbar „demokratisch legitimierten“, tatsächlich aber auf purer physischer und psychischer Gewalt
    beruhenden, also de facto „diktatorisch“ konstituierten, Machtapparat im Interesse imperialer Ambitionen einer mächtigen deutschen Industrie- und Finanzoligarchie.

    In diesem Zuge wurde ein, Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh. auf Grund nunmehr vorhandener ökonomisch-technischer Voraussetzungen aufkommendes, „Ansinnen“ westeuropäischer, schon seit Alters her imperial ausgerichteten, Großmächte zur alles bestimmenden Leitlinie dieses deutschen Staates.
    Mehr noch: „Lebensraum im Osten“ war nicht einfach nur das entscheidende Staatsziel sondern eine „Programmatik“, auf der dieser Staat letztlich beruhte – darauf war er zugeschnitten und ausgerichtet worden, so daß selbige für ihn „existentiell“ wurde – kurz – mit diesem „Programm“ stand oder fiel dieses imperial-diktatorisch verfaßte deutsche Staatswesen.

    Damit erübrigen sich weitere Erläuterungen – die Absurdität der eingangs erwähnten These ist offensichtlich – ebenso unbestreitbar deren Zweck: nämlich eine (mittelbare) Legitimation dieses nunmehr dritten großen Rußlandfeldzuges der jüngeren Geschichte – in guter alter westeuropäisch-imperialer Tradition der letzten knapp 500 Jahre.

    Nun müßten wir in diesem Zusammenhang auf eine noch steiler These eingehen, welche da offenbar von eine wachsenden Minderheit vertreten wird, und welcher auch ein Herr Poppa näher zu treten scheint, wie sich aus dem anfangs Zitierten schließen läßt – aber wozu – es wäre Zeitverschwendung – zumal sich das Entscheidende dazu aus oben gesagten ergibt.

    Nebenbei: Daß Polen heute wieder, wie schon 1919, vermehrt der glorreichen Zeiten einer polnisch-litauischen Großmächtigkeit von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer gedenkt – man saß da kurzzeitig irgendwann sogar in Moskau – rundet das Bild ab.
    Andererseits muß man für diese „US-Fixiertheit“ der Polen auch etwas Verständnis aufbringen, denn Westeuropa hat sie immer verrecken lassen – zuletzt 1939, trotz gegenteiliger Vertragslage, aus oben erwähnten Gründen. Das sie andererseits heute über ein recht abgerundetes Staatsgebiet verfügen, verdanken sie wohl zu einem großen Teil Stalin und die heutige Ostgrenze ist besagte Curzon-Linie – also keine "Erfindung" der "Russen".

  2. Die heute noch lebenden Generationen sind allesamt Opfer von Verbrechen der Vergangenheit. Umso wichtiger ist es, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, ohne Rücksicht auf Herkunft und Motivation. Es gilt neue Verbrechen zu verhindern. Der Schnee von gestern, also alte Schuldzuweisungen, stehen dem nur im Wege, abgesehen vom Ausgleich bis heute überdauerter Schäden. Aus Geschichte lernen, die neuen Feindbilder ignorieren und den gegenwärtigen Kriegs- und Umweltverbrechern gemeinsam(!) das Handwerk legen, dazu hat diese Tagedosis beigetragen.

  3. Danke für diese Recherchen. Ich bitte die Leser, den informellen GUS-Gipfel selbst in englisch zu lesen, wer es zu verstehen vermag. Hier ist die englische Mitschrift des Gipfels:
    http://en.kremlin.ru/events/president/news/62376

    Es sollten so viele Leute wie möglich wissen, was auch andere Nachbarländer getan hatten. Es könnte nämlich gut sein, dass in den nächsten Monaten (?) oder Jahren versucht wird, uns Deutsche beim Schuldgefühl zu packen und uns gerade durch unsere Schuldgefühle in neue, irrationale und verheerende Kriege zu treiben, die DANN erst die Nachkommen so richtig neu schuldig machen, wenn sie beim Kriegen mitmachen würden. Denn jeder Krieg eskaliert, je länger er dauert. Schuldig ist der, der etwas tut – nicht der Nachkomme. Bitte denken Sie daran. Deshalb müssen wir unbedingt besonnen und rational bleiben und dürfen uns nicht aus Emotionen, egal welchen (auch nicht aus Schuldgefühlen) in Kriege treiben lassen. Denn jeder neue Krieg ist unendliches Leid und Unrecht. Er gebiert die Brutalität und weckt die Dämonen. Es gibt keine "humanitären Interventionen." Die Russen, die Polen, die Ungarn, die Tschechen, die Deutschen, die Franzosen, die Briten, die Amerikanier – alle Menschen der Welt – sie gehören alle zur Menschheitsfamilie und ich will mit ihnen allen befreundet sein. Krieg ist dämonisch und nicht mehr zeitgemäß, sondern verbrecherisch.

  4. "Und dass Putin ausgerechnet den Kriegshetzer und Russlandhasser Winston Churchill in seiner Erzählung gut wegkommen lässt, ist befremdlich. Denn es war Churchill, der tatkräftig verhinderte, dass die Westmächte durch eine Offensive von Frankreich aus die arg gebeutelte Rote Armee entlastete – was vielen sowjetischen Soldaten das Leben geschenkt hätte. Und es war Churchill, der vorhatte, in der Operation Unthinkable gleich nach der Kapitulation Deutschlands mit Hilfe von Wehrmachts- und SS-Soldaten die ausgehungerte und zutiefst erschöpfte Sowjetunion militärisch anzugreifen."

    Kalkül im Zusammenhang mit dem Brexit?

    • Churchill sollte man durchaus differenzierter sehen, denn gerade in der Frühphase des Weltkrieges zeigte er sich als unversöhnlicher Feind der deutschen Faschisten.Als jedoch die Gefahr für sein Land gebannt war, setzte sich die antikommunistische Grundlinie durch. Damit verband ihn deutlich mehr mit Deutschland ! Im Sinne 'seines Imperiums' waren die späteren Handlungen dann nur folgerichtig und logisch… Es ist schon erstaunlich, daß der Wertewesten kaum bis gar nichts dazu berichtet, daß die Sowjetunion ja nur die polnischen Gebiete besetzte , die ihm Polen nach dem 1.Weltkrieg geraubt hatte.

  5. So ganz passt der Artikel nicht zu den Vorträgen von Gerd Schultze-Rhonhoff und "Die Geschichte der Oder-Neiße-Linie" von Michael A. Hartenstein.

    Demnach war das wieder gegründete Polen ein zutiefst nationalistisches Regime, mental noch im Mittelalter gefangen (ohne Einflüsse der Epoche der Aufklärung), das "seine" Minderheiten (Volksdeutsche, Juden und Ukrainer) grausam behandelte. Konzentrationslager existierten bereits. England wusste um diese Barbarei und bestärkte Polen darin, um einen Angriff der Wehrmacht zu provozieren. Polen und der Westen wollten den Krieg. Auch lagen Pläne für eine neue Westgrenze Polens bereits im September 39 in den polnischen Schubladen.

    Von einem deutsch-polnischen "Abkommen" kann also nicht die Rede sein. Techen war eher ein Zugesändnis Deutschlands, mit der Hoffnung in der Danzig-Frage und des Korridors Polen kooperativ zu stimmen.

    • Auch in Polen ist das Thema ein heißes Eisen und man lässt kaum einen unverstellten Blick auf das eigene Treiben zu.

      Das Verhältnis unserer Länder ist dadurch schwer verkompliziert. Die Polen reden es sich schön und die Deutschen kloppen sich verbal in die reeducation-Mülltonne.

      Die Wahrheit bleibt auf der Strecke und eine Heilung wird kaum stattfinden solange man notorisch leugnet, dass es deutsche Opfer gab.

      Ich habe mich lange schwer damit getan, weil man es so eingebimst bekommt.

      Aber die Lüge fällt eben irgendwann um.

    • <a class='bp-suggestions-mention' href='https://kenfm.de/members/conferma/' rel='nofollow'>@conferma</a>
      Während in DE die "Holocaust"-Leugnung (den Begriff soll es erst seit Ende der 1970er Jahre geben) unter Strafe steht, ist es in PL genau anders herum. Wer also über den Umgang mit Juden in den 1920er und -30er Jahren aufklärt und informiert (das betrifft auch Historiker), bekommt es mit der Staatsanwaltschaft zu tun.

      In sofern würde die Überschrift des Artikels wieder passen.

  6. naja, die Sieger schreiben immer die Geschichte, sagt man. Doch genau genommen ist dieses gesamte Geschwurbel um Freund/Feind und die Hintergründe genau das, was die Eliten gern hochhalten: Teile und Herrsche.
    Es geht denen stets um Machterhalt, und denen ist es völlig egal, welche Nation gerade Mörder oder Opfer ist. Hauptsache Machterhalt und Machtausbau.
    Sollten wir nicht endlich einmal das wesentliche erkennen?!

  7. Der WK 2
    wurde durch die Kriegserklärung von Frankreich und GB gegen Deutschland ausgelöst .
    Wäre der Anlass tatsächlich die Okkupation des Westteils Polens gewesen,
    hätten die Alliierten nicht nur den okkupierenden Deutschen sondern auch den okkupierenden Russen den Krieg erklären müssen . Das fand bekanntlich nicht statt .

  8. Lieber Herr Ploppa,

    vielen Dank für Ihren informativen Beitrag. Eine kleine Korrektur ist notwendig: Nach Einsicht der Akten beim Reichsbanktreuhänder im historischen Archiv der Deutschen Bundesbank in Frankfurt kann ich Ihnen nur mitteilen, dass Hitlers Truppen kein Gold der polnischen Nationalbank in Warschau erbeutet haben.

    Polen konnte seine gesamten Goldbestände vor dem "Überfall" nach New York zur FED retten.

    Es wurden zudem auch Unterlagen/Dokumente in polnischen Botschaften/Konsulaten von der nachgerückten deutschen Wehrmacht in verschiedenen Ländern gefunden. Sie belegen, dass Polen von dem "geplanten Einmarsch" Deutschlands offenbar mehr gewusst hat, wie es heute zugibt. Polen hat aber damals nichts dagegen unternommen. Polen habe den deutschen Einmarsch sogar noch mit Übergriffen an der deutschen Bevölkerung weiter provoziert. Diese jetzt westlichen Unterlagen wurden nie veröffentlicht.

    Putin bestätigt auch in St.-Petersburg: Es gibt ein bestimmtes Dokument aus den erbeuteten deutschen Archiven. Ein Bericht eines polnischen Kommandanten der unabhängigen Operationsgruppe "Schlesien", welche aus drei Infanteriedivisionen, einer Kavallerie-Brigade und andere Einheiten bestand. Ein Herr Bortnowski bestätigt die Vorbereitungen für die polnische Offensive. Es ging um die Eroberung von Tesin Silesia und die Ausbildung von polnischen Truppen und Vorbereitungen über geschultes Militär-Personal, dass später in die Tschechoslowakei geschickt wurde, um Sabotage und Terroranschläge durchzuführen, um sich aktiv auf die Teilung und Besetzung der Tschechoslowakei vorzubereiten. Gleichzeitig mit Deutschland, dass das Sudetenland annektierte, begann Polen am 1. Oktober 1938 mit der direkten Eroberung des tschechoslowakischen Territoriums (Tesin Silesia) und verstieß damit gegen den Nichtangriffspakt, den es zuvor mit der Tschechoslowakei geschlossen hatte.

    • Ja – das stimmt, was Sie schreiben, das kann man hier in englisch nachlesen, wie Putin das und noch viel mehr aus den Arhchiv-Materialien zitiert und vorgelesen hat: Hier ist eine Niederschrift in englisch des informellen GUS-Gipfels.

      http://en.kremlin.ru/events/president/news/62376

      Teilnehmer des informellen GUS-Gipfels waren:
      Der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, der Präsident von Aserbaidschan Ilham Älijew, der Premierminister von Armenien Nikol Paschinjan, der Präsident von Weißrussland Alexander Lukaschenko, Der erste Präsident von Kasachstan Nursultan Nasarbajew, der Präsident von Kirgistan Sooronbai Dscheenbekow, der Präsident der Republik Moldau Igor Dodon, der Präsident von Tadschikistan Emomalij Rahmon und der Präsident von Turkmenistan Gurbanguly Berdimuhamedow.

    • Um genau zu sein: mit stimmt, meinte ich den Teil ab:

      "Putin bestätigt auch in St. Petersburg…."

      Über den Teil, den Sie darüber geschrieben haben- das mit dem Gold usw, weiß ich nichts – könnten Sie mir da einige Quellen nennen?

    • Goldmünze zum Gedenken

      Man habe sich bei der heutigen Nationalbank Polens dazu entschieden, einen Anteil an den polnischen Goldreserven symbolisch in Form einer Goldmünze auszugeben. Die in Barrenform geprägte Goldmünze besteht aus 8 Gramm Feingold (999,9/1.000) und besitzt ein Nominal von 100 Zloty – aktuell umgerechnet sind das 23 Euro. Die Goldmünze wird maximal 2.019-mal ausgegeben und ist damit ausschließlich für Sammler gedacht. Man wolle mit der Ausgabe auch den Mitarbeitern gedenken, die die polnischen Goldreserven für die damalige Bank Polski SA während des 2. Weltkrieges vor den Nazis in Sicherheit gebracht hätten.

      https://www.goldreporter.de/mit-goldmuenze-polen-gedenkt-heimholung-der-goldreserven/gold/90903/

      Quellen:
      1) Historisches Archiv der Deutschen Bundesbank; Akten der Reichsbank und des Reichsbank-Treuhänders nach 1945 bis 1976; Details dazu finden sich in der
      Buchdokumentation: Hitlers Gold, Devisen und Diamanten, Verlag BoD Hamburg;
      2) Archiv der Narodowy Bank Polski, Warschau damals Bank Polski SA

  9. Geschichte schreiben, die Sieger, heißt es. Das ist falsch, wie man an dem Bespiel der Roten Armee sieht… Nicht falsch verstehen, die rote Armee hat Europa von der braunen Pest befreit und dann leider viel Bockmist gemacht. Was ist daraus
    zu lernen. Irak, Afghanistan, Syrien überfallen und das Öl plündern ? Wohl eher nicht !

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