Tagesdosis 4.12.2019 – Die Republik der Nörgler (Podcast)

Ein Kommentar von Florian Kirner.
Gefühlt jedes dritte „Wort zum Sonntag“ oder einer dieser anderen Erbauungsbeiträge in Radio und TV beginnt damit, dass der Sprecher oder die Sprecherin erzählt, wie er oder sie stundenlang vor einem leeren Blatt Papier sitzen. Ihnen fällt nichts ein. Dann beratschlagen sie mit einem Bekannten und der hat die zündende Idee. „Hey“ – sagt der: „Wie wäre es, wenn Du einfach darüber schreibst, dass Dir nichts einfällt.“ 
So wird das dann gemacht. Es folgt ein Bibelzitat. Dieses beschreibt, wie Jesus selbst sehr ratlos gewesen sei, des Nachts im Garten Gezemaneh …
Mir geht es seit Stunden ähnlich. Die aktuelle Nachrichtenlage lässt mich völlig kalt. Die neue SPD-Spitze soll der Untergang der Welt sein, wenn man einigen besonders neoliberal verballerten Journalisten glaubt. In Wirklichkeit ist jetzt schon klar, dass sich eher wenig ändern wird. Der kühne Kämpfer Kevin Kühnert warnt seine SPD bereits vor einem „voreiligen Ausstieg aus der Groko“. Voreilig? Naaaaaja.
In Madrid steigt derweil mal wieder so ein Klimagipfel. Nach einem Jahr, in dem allerorten über das Klima geredet und gestritten wurde, wird dort also einmal mehr über das Klima geredet und gestritten werden. Öko-Weltmeister Deutschland lässt derweil im nordrhein-westphälischen Datteln ein neues Kohlekraftwerk ans Netz gehen. Schön, dass wir drüber geredet haben.
Ach, Deutschland. Deutschland nörgelt, Deutschland mosert, Deutschland regt sich auf und stapelt, wie Rainer Mausfeld so schön sagt, seine Empörungen aufeinander.
Immerhin: in Dessau-Wörtlitz wurde die Fällung von 8.000 Eichen nach Bürgerprotesten gestoppt. Das ist schön. Die Rüstungsausgaben sollen weiter steigen.
So plätschert dieses Land vor sich hin und fällt einmal mehr zurück in den Schlafwagenmodus der Ära Merkel.
Nicht aber so in Hildburghausen, wo ich wohne! Dort hatten wir nämlich jetzt einige Wochen lang „Montagsdemonstrationen“. Bürgerinnen und Bürger trafen sich an den Stufen des Alten Rathauses und machten ihrer Unzufriedenheit Luft.
Genau. Sie machten ihrer Unzufriedenheit Luft. Sie regten sich fürchterlich auf über dieses und jenes und alles und überhaupt. Und nachdem sie das ja jetzt erledigt haben, sind die meisten fürchterlich enttäuscht. Schließlich hat sich immer noch nichts geändert und diese Bewegung der neuen Montagsdemos hat sich auch nicht schon längst von Hildburghausen aus wie ein Lauffeuer verbreitet.
Sechs, ja sieben Wochen – und immer noch stehen da keine Massen! Und immer noch ist alles beim Alten! Schön, dann geben wir es wieder auf und bleiben besser ganz daheim.
Es ist immer wieder überraschend, wie wenig Durchhaltevermögen Leute an den Tag legen, die vorgeben, sich mit dem System als Ganzes anlegen zu wollen. Was erwarten die? Dass sich die Herren und Damen an der Macht bereitwillig entscheiden, sich aus ihrer Machtposition zu verabschieden?
Und ich verstehe es auch gar nicht. Gerade, als die empörten Bürgerinnen und Bürger ihre Unzufriedenheiten kundgetan hatten, klang es doch noch so, als gehe es um das blanke Leben, als stehe das Land kurz vor dem Ruin? Und jetzt war es doch nicht so schlimm? Man ist ein bisschen enttäuscht und geht wieder heim?
„Die Schwachen kämpfen nicht. Die Stärkeren kämpfen vielleicht eine Stunde lang. Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre. Aber die Stärksten kämpfen ihr Leben lang. Diese sind unentbehrlich.“
So sprach einst Meister Bert Brecht. Und damit auch Du, liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer, Zeit  genug findest, unentbehrlich zu werden und zu kämpfen, anstatt beispielsweise im Internet herumzuhängen, beenden wir die heutige Tagesdosis an dieser Stelle.
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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: StunningArt / Shutterstock

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