Tagesdosis 4.2.2020 – Systemsprenger

Ein Kommentar von Franz Ruppert.

„Systemsprenger“ (2019, Regie Nora Fingscheidt) heißt ein Film, den ich mir am 26.1.2020 angesehen habe. Darin wird ein neunjähriges Mädchen namens Benni gezeigt, dass von einer Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung zur nächsten weitergereicht wird. Das immer wieder per Notarzt-Einsatz in der Psychiatrie landet. Für das vom Jugendamt Pflegemütter, Heim- und Wohngruppenaufenthalte und intensivpädagogische Betreuungen organisiert werden. Trotz allem rastet Benni immer wieder voll von abgrundtiefem Hass und grenzenloser Wut aus und verletzt sich und andere schwer. Sie zeigt dann keinerlei Schmerzempfinden oder Mitgefühl.

Es wird im Film an vielen Stellen deutlich: Dieses Mädchen will im Grunde nur eines – zurück zu seiner Mama. Warum es von seiner Mutter per Jugendamt und Polizei getrennt wurde, wird im Film nicht aufgeklärt. Ebenso wenig, wer sein Vater ist und unter welchen Umständen ihre Mutter von welchen Männern noch zwei kleine Kinder bekommen hat. Bennis Mutter wird einerseits als eine ihr Kind liebende und anderseits als total verunsicherte Frau dargestellt, die völlig von diesem Kind überfordert ist. Sie scheint auch eher abhängig von Männerbeziehungen zu sein als wirklich an ihren Kindern interessiert. Warum das so ist, welche eigene Kindheitsgeschichte diese Mutter hat, wird im Film an keiner Stelle thematisiert.

So nimmt das Schicksal des Mädchens auf der Leinwand seinen Lauf. Alle seine Versuche, einen emotionalen Kontakt zu Menschen im Hilfesystem aufzubauen, werden von diesen über kurz oder lang abgewehrt. Das Entstehen einer emotionalen Bindung wird von einer Psychiaterin sogar als Ausschlusskriterium für einen weiteren Aufenthalt in einer Einrichtung gesehen. Das Kind soll gehorsam seine Medikamente trotz deren massiven Nebenwirkungen schlucken, es soll sich brav an die Regeln der Einrichtungen halten. Dann bekommt es dafür Belohnungspunkte, die es z.B. in Fernsehstunden einlösen darf. Es soll in die Schule gehen und ein ganz normales Kind werden. Nichts davon funktioniert aber auf Dauer.

Es gibt im Film einige Szenen, bei denen es möglich gewesen wäre, den emotionalen Konflikt des Kindes in Bezug auf seine Mutter offen zu thematisieren. Es hätte ihm geholfen werden können, seine kindlichen Bindungsbedürfnisse an seine, aus meiner Sicht deutlich traumatisierte Mutter, in den Blick zu nehmen, um diesen ihren emotionalen Kernkonflikt Schritt für Schritt aufzuarbeiten. Z.B. als Benni sich liebevoll um das Kind ihres Schulbegleiters Micha kümmert. Dieser Säugling darf ihr sogar ins Gesicht fassen, obwohl das nach Aussagen der Jugendamtsmitarbeiterin niemand machen dürfe, weil Benni als Säugling eine nasse Windel auf ihr Gesicht gedrückt worden sei. Hier hätte das nie gestillte Bedürfnis von Benni, als Säugling von seiner Mama liebevoll in den Arm genommen zu werden, thematisiert werden können. Kinder reinszenieren ihre traumatischen Wunden, sie können sie nicht verbalisieren. Das sollten Pädagogen wissen. Dann würden sie selbst in solchen Situationen nicht in Stress geraten und durch ihre Reaktionen die Situation eskalieren.

Das im Film dargestellte Kinder- und Jugendhilfesystem versteht den Kern des Problems von Benni jedoch nicht – ihre vergeblichen Versuche, sich an seine traumatisierte Mutter zu binden bzw. bereits zutiefst mit ihr emotional verstrickt zu sein. Dieses System ist selbst in einem unlösbaren Widerspruch gefangen. Einerseits trennt es Kinder wie Benni mit dem Argument der Kindeswohlgefährdung von seinen Müttern, andererseits ist es in der Mutterideologie gefangen, dass jede Mutter im Grunde ihres Herzens doch ihr Kind lieben würde und die Mutter für das Kind durch niemanden ersetzbar wäre. Dass Frauen, die selbst früh traumatisiert wurden, nur biologisch aber nicht psychisch Mutter werden, und dann nur aus ihren Trauma-Überlebensstrategien heraus als Mutter handeln, dafür haben sie kein Konzept. Sie hoffen stattdessen, dass die Mütter eines Tages einen Gesinnungswandel durchleben und dann mit ihrem Kind erzieherisch gut umgehen.

Weil das trotz aller Geduld mit solchen traumatisierten Müttern nicht funktioniert, werden Kinder wie Benni zum Versuchsobjekt kreativer Einfälle von Psychiatern, Sozialpädagogen und Erziehern. Sie probieren, nachdem die vermeintlichen Kinderpillen nicht wirken, Medikamente aus, die eigentlich nur für Erwachsene gedacht und zugelassen sind. Sie machen Herz- und Gehirnscans. Sie veranstalten einen dreiwöchigen Abenteueraufenthalt in einer Waldhütte ohne Strom und fließendes Wasser. Sie starten einen neuen Versuch mit einer Pflegemutter usw. Der Einfall, das Mädchen schließlich mit einem männlichen Erzieher zu einer intensivpädagogischen Maßnahme nach Kenia zu schicken, setzt dem pseudoprofessionellen Versuchs- und Irrtum-Spiel die Krone auf: Wir schicken das Kind jetzt in die Wüste, weil wir mit ihm hier in Deutschland nicht zurechtkommen. Logischerweise macht das Kind dies dann doch nicht mit, weil es sonst keine Chance mehr hat, wie zuvor durch das Ausbrechen aus den diversen Hilfeeinrichtungen sich aus eigener Kraft auf den Weg zu seiner Mama zu machen.

Bemerkenswert an diesem Film ist auch, wie die einzelnen Vertreter des Hilfesystems durch den Kontakt mit Benni an ihre persönlichen Grenzen kommen. Sie lassen zumindest für kurze Momente ihre professionellen Masken des „Alles wird gut!“ und „Wir machen alles ganz schmerzfrei!“ fallen. Es wird sichtbar, dass sie vermutlich am gleichen Thema leiden wie dieses Kind: vernachlässigt worden zu sein von den eigenen Eltern. Sie haben es aber geschafft, ihre abgrundtiefen Ängste, Wut- und Schamgefühle zu unterdrücken und nach außen hin souverän und stark zu wirken. Sie möchten daher, dass Benni das auch lernt und ihre Traumaüberlebensstrategien kopiert. „Lernen am Modell“ nennt das die Verhaltenspsychologie.

Was wäre also stattdessen zu tun? Statt auf Symptombekämpfung und pharmakologische oder Verhaltensänderungs-Lösungen zu setzen, müsste das Kernproblem in den Mittelpunkt gestellt werden: die traumatisierte Bindung des Kindes zu seiner Mutter. Einerseits ist bei der Mutter anzusetzen, damit diese zu sich kommt und ihren Selbstverlust – ich nenne das „Trauma der Identität“ – mit all seinen Folgen aufarbeitet. Dann könnte sie zu ihrem Kind eine eindeutige Beziehung herstellen. Dann würde sie dem Kind gegebenenfalls ehrlich sagen können: Ich wollte dich nicht, du warst mir von Anfang an zu viel. Andererseits müsste dem Kind geholfen werden, eine solche für jedes Kind zutiefst schmerzhafte Realität an sich heranzulassen, seine Liebesillusionen in Bezug auf seine Mama zu erkennen und von diesen loszulassen. Es könnte sein existenzielles Bedürfnis nach einem liebevollen Körperkontakt mit seiner Mutter als etwas ganz Natürliches annehmen und könnte begreifen, dass es nicht selbst daran schuld ist, dass seine Mutter ihm das verwehrt. Es müsste ihm liebe- und verständnisvoll geholfen werden, Zugang zu seinen abgespaltenen Anteilen zu bekommen, die in der Regel schon vorgeburtlich entstanden sind und durch Geburtsprozesse und traumatisierende Vernachlässigungs- und Gewalterfahrungen im Säuglingsalter noch vermehrt wurden. Benni könnte dann den unter ihrer Wut vergrabenen Ur-Schmerz zulassen und dadurch zu sich selbst finden und sich selbst entdecken. Dann hätte sie auch kein Motiv mehr, den Schmerz, der ihr zugefügt wird, aus Rache anderen zuzufügen. Sie hätte dann Kontrolle über ihre eigenen Gefühle, statt danach zu streben, möglich nichts mehr zu fühlen und dadurch anderen, die noch Schmerz fühlen, scheinbar überlegen zu sein.

Das alles kann nicht alleine durch Reden bewirkt werden, dazu braucht es auch Methoden, die einem Kind selbst Zugang zu den unbewussten Bereich seiner Psyche ermöglichen. Diese nonverbalen Methoden könnten auch offenlegen, inwiefern sich in Bennis Hass eventuell auch noch eine Identifikation mit einem männlichen Täter wiederspiegelt.

Was dieser Film auch deutlich zeigt: Wut und Hass verschwinden nicht, wenn sie in einem pädagogisch geschützten Rahmen ausgelebt werden – durch Holzhacken, Bäume umstoßen, Boxen oder Schreien. Das führt höchstens zu kurzfristigen Entlastungen und Scheinerfolgen an der falschen Stelle. Weil die Ursache fortbesteht, also die Wut und der Hass auf die eigene Mutter, die einen nicht will, liebt und schützt, erneuern sich diese Gefühle immer wieder. Weil den meisten Kindern in so einer Lage nach wie vor die Illusion besteht, eines Tages doch von ihrer Mutter geliebt zu werden, wird diese Wut auch nur selten direkt auf die eigene Mutter gerichtet. Stattdessen müssen völlig Unschuldige als Blitzableiter herhalten. Diese Form von Wut ist auch kein Ausdruck von Lebenskraft, sondern das sinnlose Anheizen von destruktiven Beziehungsspiralen, in denen Menschen wie Benni gefangen sind, die dadurch dann auch ihr eigenes Leben selbst zerstören. So jemand sprengt dann auch nicht „das System“. Er jagt sich am Ende nur selbst in die Luft und reißt dann wahllos andere mit in seinen Abgrund, wie z.B. die Beispiele von Amokläufen an Schulen zeigen.

Damit ein Hilfesystem, das diesen Namen verdient, aber erkennen kann, warum Mütter wie ihre Kinder psychisch gespalten und in ihren Trauma-Überlebensmechanismen hilflos gefangen sind, müssten auch die Helfer bereit sein, sich selbst mit ihren frühen Traumata zu befassen und ihre eigenen psychischen Spaltungen zu realisieren. Das wird zunächst schmerzhaft für sie sein, erspart ihnen jedoch danach die Überforderung und Ratlosigkeit im Umgang mit den traumatisierten Kindern, die ihnen anvertraut werden. So muss dieses ganze Hilfesystem dann auch nicht gesprengt, sondern es kann bewusst und empathisch aus seiner Traumablindheit und Gefühlsverdrängung befreit werden.

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Zur weiteren Vertiefung dieser Thematik siehe meinen Vortrag „Frühes Trauma“. 

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Pressemitteilung zum Film „Systemsprenger“

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Foto: © Yunus Roy Imer /Port au Prince Pictures

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Bildhinweis: Foto: © Yunus Roy Imer /Port au Prince Pictures

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17 Kommentare zu: “Tagesdosis 4.2.2020 – Systemsprenger

  1. Ich bin Quereinsteiger in der Heilpädagogischen Kindererziehung und habe bis jetzt 2 Einrichtungen näher erlebt/gearbeitet. Ich habe selbst 3 Kinder, die schon älter sind. Die erste Einrichtung war eine Katastrophe, die man mit den Begriff „Geldmaschine“ umschreiben kann. Die zweite ist eine Wohnfamilie mit 9 Mädchen zw 9 und 15 Jahren. Der Hintergrund der Mädchen ist wie überall Drogenmissbrauch der Eltern, Knast und Unfähigkeit wegen Psyche… Wir sind 6 Pädagogen bzw. Pädagogisches Hilfspersonal (ich) in Voll-oder Teilzeit. Jeder Tag der Kinder ist durchstrukturiert, vom Aufstehen bis zum Bettgehen, was ich am Anfang als sehr „kasernenhaft“ empfand. Der Alltag, den ich erlebe, gibt dieser Struktur aber komplett Recht! Wenn wir uns jetzt auch noch um die Mütter kümmern müssten, wäre das ein Fass ohne Boden… Das Team muss zusammen stehen und für die Kinder -mit Herz und Strenge- einen Weg vorgeben, damit sie -die Mädchen- allein ihr Leben meistern können, und auch erfahren, warum die Mama es nicht konnte. Extremfälle wie die Benni „sprengen“ auch solche Einrichtungen wie beschrieben, sind aber etwas seltener… Man kann nicht alle auffangen,- da müsste man schon viel früher mit z.B. einem Erziehungsführerschein anfangen… oder Einrichtungen von Junior und Senior forcieren, dass die Großfamilien wieder Einzug finden in unserer Gesellschaft …

  2. Schade ist, dass all diese Traumatisierungen und Reinszenierungen konsequent unbewusst ablaufen.

    Schade auch, dass Menschen ihrem Unbewusstsein so ungern und selten freiwillig ins Auge zu blicken.

    Es ist wie ein altes Pflaster, das schon völlig mit der "heilenden" Wunde verbacken ist, und bei dem man sich scheut, es abzuziehen, in der Befürchtung eines Schmerzes.

    Aber das Pflaster kann nicht ewig draufbleiben, irgendwann sollte das Pflaster an die Luft, denn sonst kann die Wunde nicht optimal heilen (keine Luft, kein Licht…)

    Bei einer frischen Wunde kann schon mal ein Pflaster draufsein, um Blutungen oder so zu stoppen oder so.

    Und genau diese Scheu, wie das Pflaster von der Haut abzureissen würde auch bei Traumatisierungen öfter mal zu überwinden sich lohnen.

    keine Ahnung, ich bin jetzt offline, ich habe in meinem Profil meine Daten hinterlassen.

    • Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, gilt das noch???

      Da könnte man ja so gut wie alle verhaften hierzulande, also das Gross allemal!!!

      Daher plädiere ich für A U F K L Ä U N G, ABER INTERESSIERT LEIDER KAUM JEMAND.

      Im Gegenteil: man wird von allen Seiten gemieden und bekämpft: klassisches Stockholmsndrom, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Dunning-Kruger- Effekt, und der Rest ist komplett gelähmt, stumm, taub, blind, sprachlos.

      Ich befürchte dass die Menschen hier in diesem Lande in zu schlechter Verfassung sind, um diese Erkrankung selbst in den Griff zu bekommen, ich hoffe von daher auf BALDIGE Hilfe von aussen. Mir persönblich geht langsam die Kraft aus, und mein grösster Wunsch ist es langsam in einem ERdloch zu sitzen, weil da habe ich vielleicht wenigstens Ruhe. Man wird sehen.

  3. Was ich nicht verstehe ist, wieso für Mütter, die ihr Kind möglichst schnell loswerden wollen, nicht eine Babyklappe direkt in die Wand zur Kinderkrippe eingebaut wird. Um überflüssige Umwege zu vermeiden, könnte man einen Entbindungsstationsschuppen , der vor Regen, Schnee und Hagel schützt, (2mal2 Meter reichen völlig aus) direkt vor die Babyklappe bauen, und schon ist das Kind entsorgt.
    Eine Rutschbahn, bis zum Boden, tiefer kann man ja nicht mehr rutschen, würde schon in den ersten Minuten für Personal und Krippenkinder für viel Spaß und Unterhaltung sorgen.

    Um eventueller Kritik vorzubeugen; ich habe nur versucht mich dem Niveau des Filmemachers zu nähern, (dem ich nichts vorwerfe, ist ja vielleicht auch zu früh entsorgt worden). So ganz wird man so viel, in unserer Gesellschaft weit verbreiteten Dummheit, wofür dieser Film wohl beispielhaft steht, nie in den Griff, bzw. zu Papier bringen. Am ehesten ist es noch Eva Herman mit ihren Büchern gelungen. Leider kommt sie, selbst bei KenFM nicht vor.

  4. Also Franz Ruppert, da haben Sie ja tiefe Eindrücke aus dem Kinoerlebnis mitnehmen dürfen. Ich habe den Film noch nicht gesehen – vielleicht komme ich dran vorbei, gute Chancen habe ich allerdings nicht. Die Wirklichkeit ist natürlich detailgetreuer als ein Film das darstellen kann und zudem ausgesprochen 3D+X. Das X steht für das unvorhersehbare, unkontrollierbare.

    "Was wäre also stattdessen zu tun? Statt auf Symptombekämpfung und pharmakologische oder Verhaltensänderungs-Lösungen zu setzen, müsste das Kernproblem in den Mittelpunkt gestellt werden:…"

    Eine gute Frage mit einem richtig saftigen Anschlußsatz.
    Aber dann … wirds geradezu eindimensional – wie gesagt, den Film habe ich nicht gesehen, aber seit ca 15 Jahren höre ich ganz genau diese Sätze, wie sie uns Herr Ruppert präsentiert. Es sind meist Frauen, die Kinder groß, der Mann in Karriere, die dann nochmal "loslegen" von systemisch reden und dann mit "weil" fortfahren und eine Binsenweißheit nach der anderen raushauen. Zum Glück sind sie charakterlich meist so gereift, dass diese Phase nicht lange andauert und nur selten, oder kleinen Schaden anrichtet. Die Praxis – und damit meine ich das outback, die Front – die tägliche Auseinandersetzung mit dem Kind?? – nein, was schleift ist die tägliche Auseinandersetzung mit Besserwissis aus der Pharmalobby, aus dem Therapeutengeklüngel, narzistische Jugendamtsmitarbeiter, unfähige Koordinatoren, abgearbeitete Lehrer, unverschämte Gutachter, dämliche Familienrichter, die meisten sind natürlich nicht so, aber es reicht ja schon ein einziger aus um den "Fall" zum Horrorfilm zu machen, also die Praxis hat nichts von dem, wie man sich eine Therapiesitzung vielleicht vorstellt. Hier, in Wind und Wetter zählen keine guten Vorsätze und besprochene Regeln, es zählt nur was durchsetzbar/annehmbar ist – und da sind Kinder erstmal die Experten, zumal wenn sie schon einige Pädagogen zerschlissen haben. Es geht also erstmal nicht nur um den Aufbau einer Beziehung, sondern genauso wichtig ist es möglichst schnell und unversehrt zum Experten zu werden, die Tricks des Kindes kennenzulernen, ja, sie sogar zuzulassen – immer mit dem Blick und auch dem Risiko, dass dem Kind kein Schaden entsteht. Da kann es durchaus hilfreich sein Bäume zu fällen, oder sogar mal Kühe umschubsen gehen – wie gesagt beides ist nicht ungefährlich, aber so geht es am schnellsten. "Der Hass auf die Mutter" oh , man. Klingt irgendwie wieder nach "Ich habe ein Buch von Dr. Freud gelesen". Nur mal so nebenbei bemerkt, Herr Ruppert: Natürlich ist wenn eine ganze Gruppe Erwachsener Kinder beschützen und erziehen. Um ein Kind zu erziehen bedarf es eines ganzen Dorfes. Das haben wir heute nicht mehr und alles wird an der Mutti festgemacht – aber die kann ja auch nichts dafür – ich kann`s nicht mehr hören. Als nächstes kommt dann Kinderrecht ins Grundgesetz und danach am besten noch eine Steuer gegen blöde Eltern.
    Gut geschrieben finde ich diese Passage:

    Was dieser Film auch deutlich zeigt: Wut und Hass verschwinden nicht, wenn sie in einem pädagogisch geschützten Rahmen ausgelebt werden – durch Holzhacken, Bäume umstoßen, Boxen oder Schreien. Das führt höchstens zu kurzfristigen Entlastungen (und Scheinerfolgen an der falschen Stelle. ) = das ist schon wieder so anmaßend daher gewerturteilt.

    Das führt (definitiv) zu Entlastungen und bringt ein kurze Phase harmonischer Stille. Die Kunst besteht darin diese Schwingungen aufzunehmen und kreativ eine für das Kind angenehme Atmosphäre zu schaffen. Das erste, was man macht, ist immer Einwirkung auf die Atmung, ich schreibe es nochmal groß: ATMUNG, ATHEM, ATHMEN – schöne Wörter. Viele Kollegen scheitern hier schon, der Fettnäpchen sind viele.

    Die sich daran anschließenden "Weil…"-Tiraden ihres Textes zermatschen den kleinen aber gut formulierten kritischen Gedanken. Ihr nächster Artikel wird vielleicht eine Spur mehr Hintergrund haben, denn ich merke doch, dass Sie von dem Thema berührt sind.

    • Ich antworte mal kurz. Denn der Worte sind genug oben geschrieben. Viele Worte, wo doch atmen ganz ohne auskommt…. Ich lese bei Herrn ruppert etwas ganz wesentliches raus, was Mann oder auch Frau nur herauslesen kann, wenn sie den oft schmerzhaften Weg der Selbsterkenntnis gegangen sind. Atem ist dabei auch ein Schritt…. aber eben nur einer um sich selbst, sein Selbst zu erkennen. Zum Selbst gehört nun mal auch der Schatten, wie C.G. Jung dies so trefflich herausgearbeitet hat.

  5. Ich freue mich sehr über diese Tagesdosis, die heute fürwahr keine Überdosis war.

    A propos Überdosis:

    Die neue Debatte punkt Komm beschäftigt sich mit dem Thema Herzensbildung auch sehr intensiv, da könnte man zum Thema End-Traumatisierung eventuell auch noch erhellendes lernen.

    Denn unser "Motto" "Drogen, Ruhm und Stöckelschuhe – Das System produziert vor allem eines: Junkies"

    https://neue-debatte.com/2020/01/30/das-system-produziert-vor-allem-eines-junkies/ führt halt nunmal dazu, dass wir verlernt haben füreinander da zu sein, und das geben wir halt von Generation zu Generation (noch) weiter, Betonung auf NOCH, denn wir sind auf einem sehr guten Weg, auch wenn dieser (noch lange) nicht zu ende ist:

    Unser Weg ist noch nicht zu Ende!

    Lg, Bibbi

    und @ Woga: Nein: seeehr guter Kommentar, fragt da mal Mathias Bröckers!

  6. Mmmh! Das würde ja bedeuten – gehen wir prinzipiell von "Systemsprengern" aus, nicht nur von Benny und dem Skript – das jede Mutter eines "Systemsprengers" traumatisiert ist? Ich weiß ja nicht….. Herr Ruppert macht hier den Fehler, sich bei einem so hochkomplexen Thema nur auf diesen Film zu reduzieren. Das ist fahrlässig. Kino kann nicht alle Facetten abdecken. Das so ein Film überhaupt ins Kino kommen konnte ist ein großes Geschenk. Anstatt den Film zu zerlegen, hätte er hier sensibler vorgehen müßen. Somit bleibt auch dieser Beitrag einseitig. Und was bitte sind "non-verbale Methoden"? Und "..die Identifikation mit einem männlichen Täter". Hää? Gegenüber der Mutter oder Benny? Beides ist ja möglich. Sorry, dieser Beitrag hilft niemanden weiter. Außer, dass Traumata gewiss ein Auslöser sind.

    • @ Max Kante " …das jede Mutter eines "Systemsprengers" traumatisiert ist?" Zitat Ende. Das sehr viele Menschen traumatisiert sind, wenn auch bestimmt in verschiedenem Ausmaß glaube ich schon. Ich kann mich natürlich irren, aber ich stelle mir vor, dass eine Mutter, die sich so verhält wie es offenbar die Filmmutter tut, auf jeden Fall traumatisiert sein muss, Evtl. durch ihre eigene Mutter, die braucht ja gar keine Bestie zu sein, selbst vor Ihrem Chef zitternd hat sie ihr eigenes Kind vielleicht ein paar mal zu oft angefahren. Sie kann ja auch nichts dafür. Und so sitzen sehr viele Menschen in der Wiederholungsfalle, sind selbst traumatisiert, ohne es vielleicht wahrnehmen zu können, nicht weil sie dumm oder unempathisch wären, sondern weil das Umfeld diese Wahrnehmung vor lauter Selbstoptimierungseuphorie (Neoliberalismus) nicht gerade fördert. Sie sind selbst traumatisiert und geben deshalb Traumata weiter. Ich fürchte, dass dieser Mechanismus einen Großteil unserer Probleme ausmacht.

  7. So ist es.

    Doch das Wissen und Können von Pädagogen und Erziehern zu erwarten, ist vergebens. Denn es setzt voraus, wie ich es in zahlreichen Trainings mit solchen jungen Menschen und den Erziehern und Pädagogen, dass die Erwachsenen selbst zuvor ein solches Training mitmachen, damit sie zunächst ihre eigenen Traumen erkennen.

    Wir haben das oft angestoßen. Einige fanden das gut. Die Meisten jedoch nicht und es gab keine Folgetrainings mehr und die Evaluation war mies. So läuft das in der Realität in den meisten (nicht allen!) Einrichtungen ab.

    • Lieber Rüdiger Lenz,
      Ich gebe Ihnen in allem recht. Das Wissen und Können darüber, wie unsere ureigene "software" funktioniert ist kein Thema in vielen Schulen. Alles was Richtung Psyche geht, wird ganz schnell in eine Schmuttelecke oder Sektenecke gestellt. Die Jungs kommen mit 16 jahren zu mir, die meisten sind noch nie gefragt worden, wie sie sich fühlen. Sie wissen fast gar nicht mehr wie fühlen geht. Ich habe mir unzählige Vorträge von Psychologen, Philosophen, Therapeuten angehört und mein Wissen über den Menschen auf diese Weise vertieft. Das Wissen allein reicht aber nicht. Allein durch das Wissen öffnen sich die Jugendlichen nicht. Es bedarf ein hohes Maß an Empathie, diese kann ich aber erst glaubwürdig einbringen, wenn ich selbst durch schmerzhafte Erfahrungen gegangen bin. Und es bedarf des Brückenbaus. Ich muss die Brücke beginnen, ein festes Fundament aus Klarheit und Nähe trägt diese Brücke auf meiner Seite. Ich muss die Brücke bis kurz vor den Jugendlichen bauen, so dass er gar nicht mehr anders kann, als das Stück aus seiner Richtung zu ergänzen. Dieser Brückenbau, und der Austausch der über dieser Brücke stattfindet, das ist der eigentliche Lohn für meine Arbeit.
      Auch als Einzelkämpfer gebe ich nicht auf….. für jeden Jugendlichen, der ein klein wenig Selbst- Bewusster wird, lohnt sich die Energie die ich dafür auf bringen muss.

  8. Lieber Franz Ruppert ,
    Vielen herzlichen Dank für diese klären Worte!
    Sie machen mir mit ihren Vorträgen und Beiträgen immer wieder Mut bei der Arbeit mit jungen Menschen.
    Als Fachlehrer an einer Berufsschule für Zimmerer, sehe ich mich bei diesen Themen aber noch immer als Außenseiter und Einzelkämpfer. Dabei ist der Bedarf bei den Jugendlichen , solche inneren Aufgaben zum Thema zu machen, in den letzten Jahren stark ansteigen. Die Jugendlichen fordern dies regelrecht ein… und da ich seit 15 Jahren mein eigenes inneres bewusst beleuchte, kann ich vielen Jugendlichen ein Stück weiter helfen. Vielen genügt es schon, ihr Thema überhaupt mal anzusprechen.
    Vielen Dank für Ihre Hilfe und u Unterstützung!!!
    Thomas Börner, 54 J

  9. Die Analyse ist gut und sensibel. Selbst misshandelte Kinder neigen dazu, ihre gewalttätigen Eltern in Schutz zu nehmen. Dringend sollte das Recht der elterlichen Gewalt aufgehoben und in eine Fürsorgepflicht geändert werden. Und <a class='bp-suggestions-mention' href='https://kenfm.de/members/bertram/' rel='nofollow'>@bertram</a>: diese unsinnigen Pauschalurteile zeugen nicht gerade von Sachverstand, so nach dem Motto, alle Russen trinken, alle Amis sind doof, usw. usf. das ist noch nicht einmal Bild-Niveau, selbst die sind differenzierter!

  10. Sehr geehrter Herr Ruppert,
    Sie machen ein riesen Faß auf und vielleicht könnten Sie in einem noch folgendem Beitrag die Geldmaschine beschreiben,
    die hinter jedem von Ihnen beschriebenen Kind steckt. Die Geldmaschine betreibt Arbeitsplätze für Sozialpädagogen, Psychologen, gemeinnützige Einrichtungen etc. , die manchmal am Fall und nicht am Kindeswohl interessiert sind.
    VG

    • Wohl eher nicht. Franz Ruppert ist Psychologe und als solcher in der Traumatherapie tätig. Er könnte also vielleicht noch die Rahmenbedingungen beschreiben, innerhalb derer er täglich arbeiten muss. Aber die Geldmaschine dahinter beschreiben… vermutlich nicht besser, als du.

      Hier ein Beispiel von einem Kollegen, wie es vielleicht bestenfalls aussehen könnte (allerdings über Schule):
      https://makroskop.eu/2020/01/pisa-testung-mittelmass-und-umgekehrte-fragen/

      Von 'Geldmaschine' keine Spur, und das obwohl Makroskop ja genau dafür da wäre. 🙂
      Geldmaschine und Psychologie passen einfach nicht gut zusammen. Es bringt auch erstaunlich wenig beides zusammen zu denken. Es reicht auf der einen Seite völlig sich mit den existierenden Rahmenbedingungen auseinander zu setzen, und warum die so bestimmt werden – wie die Finanzierung konkret aussieht ist eigentlich nebensächlich. Auf der anderen kann man auch nicht mehr erfahren, als genau das: Die konkrete Version der Finanzierung ist nebensächlich, aber um das zu lernen, kann man sich jedes beliebige Beispiel ansehen. Muss man nicht in der Psychologie machen.

      Für die Ökonomie ist Makroskop ein guter Anfang. Allerdings brauchst du da ein Abo oder sowas, um ins Archiv zu kommen. Da kann man dann über Geldtheorie nachlesen.
      Für die Psychologie und deren Notstände magst du vielleicht mal nach Thomas S. Szasz suchen, oder alternativ nach dem Stichwort "Befriedungsverbrechen".

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