Tagesdosis 4.7.2018 – Joachim Löw bleibt der „Mannschaft“ treu (Podcast)

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Der Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft will weiterhin seinen Job machen. Warum auch nicht? Allerdings sind, laut einer nicht repräsentativen Umfrage 49 Prozent der Befragten dagegen und nur 42 Prozent dafür. Wie kommt’s?, frage ich mich. Darf Deutschland nicht auch mal verlieren? Müssen die Deutschen immerzu gewinnen?

Dazu ein bisschen Privates und Berufliches. Viele Leute halten mich für erfolgreich. Mein Berufsleben hat mich unter anderem auch zu einem Unternehmensberater gemacht. Ich berate sehr gerne Jungunternehmer oder Unternehmer, deren Unternehmen wackelt. Das hat alles mit dem Nichtkampf zu tun. Doch, doch! Auch wenn viele User sich im Netz selbst eingeredet haben, dass das Nichtkampf-Prinzip ja bloß ein „Verlierer- und Ich-lasse-alles-mit-mir-machen-Prinzip“ darstellt. Erfolgreiche Menschen sind keine Superkämpfer. Auch wenn es am Ende so aussieht, als wären sie durch einen langen Kampf erst zu ihrem Erfolg gekommen. Erfolgreiche Menschen sind Wachstumsfetischisten, Superoptimierer, Problemlöser und sie haben sich ein elegantes Fehlermanagement zugelegt.

Nehmen wir mal einen erfolgreichen Menschen ins Visier. Die meisten Menschen denken, dass ein erfolgreicher Mensch schon immer Erfolg hatte und dass er mit einem Übermaß an Glück und einem guten Händchen für Erfolg gesegnet sei.

Einerseits ist Erfolg bei den Menschen positiv besetzt. Wenn sie aber einem erfolgreichen Menschen begegnen, dann leitet oft das eigene nicht erfolgreich sein die Einstellung auf einen erfolgreichen Menschen. Oft ist es leider der Neid. Um diesen Neid herum werden allerlei Argumentationsketten gebildet, damit der Neid unsichtbar und unfühlbar wird. Die meisten Menschen wollen auch erfolgreich sein. Das gelingt vielen aber nicht. Und die wenigsten Menschen können sich bei einem erfolgreichen Menschen vorstellen, dass dieser sehr hart für seinen Erfolg gearbeitet hat. Mitunter vielleicht sogar 20, 30 oder 40 Jahre. Viele erfolglose Menschen sehen nur den Ist-Zustand eines erfolgreichen Menschen. Das Mitgefühl für den vielleicht oft schweren und auch entbehrlichen Weg, den sie oder er dabei gegangen ist, sehen sie nicht.

Damit nicht gleich wieder ein Missverständnis auftritt: Ich schreibe hier nicht über Multimillionäre oder Multimilliardäre. Ich schreibe auch nicht, dass Erfolg immer nur Reichtum und materieller Wohlstand ist. Geld ist für mich ein Abfallprodukt richtigen Handelns. Erfolgreich zu werden hat mit harter Arbeit zu tun. Das Leichteste dabei ist die eigentliche Arbeit, also das, was produziert werden soll. Das wirklich Harte daran ist, sich so zu optimieren, dass das Produkt einen Abnehmer findet. Und das heißt im Wesentlichen, sich seinen inneren Konflikten, Dämonen oder Problemen zu stellen, sie zu lösen und in großer Harmonie mit sich selbst klar zu kommen. Das hört sich zunächst einmal nicht wirklich nach etwas an, was eine Führungskraft zu bewerkstelligen hat. Denn was hat das Produkt mit dem Produzenten überhaupt zu tun? Man muss doch bloß produzieren, mehr nicht. Weit gefehlt! Wäre es so einfach, dann gäbe es erheblich mehr Menschen, die erfolgreich in dem wären, was sie wünschten. Das Schlüsselprinzip des Erfolgs heißt Menschlichkeit.

So schaue ich immer auch auf die Familie, wenn ein Unternehmer bei mir Beratung wünscht. Sie ist das A und O. Warum? Weil in ihr die eigene Fähigkeit zur Bindungsdichte sichtbar wird. Also nicht alleine nur die Bindungsfähigkeit, sondern viel mehr die Dichte, die man zulassen kann. Denn sie erst schafft die mögliche Auftragslage. Wer dort wirklich einen harmonischen und problemlösenden Ort für alle gestalten kann, der wird auch als Unternehmerin oder als Unternehmer sehr erfolgreich werden. Der Schlüssel zum Erfolg ist nicht, dass man selbst immer bloß den Erfolg, den Abschluss, das Geschäft gut bewerkstelligt oder den Auftrag bekommt. Der Schlüssel ist, sich selbst in allem so zu bemühen, dass man den gesamten Tagesablauf gut, harmonisch und positiv abschließt. Dieses Bemühen an sich selbst sollte die Navigationsschnur für das gesamte weitere Leben werden. Hört sich irgendwie seltsam an? Zugegeben, ja. Hört sich seltsam an, wenn man nicht erkennt, dass Erfolg nichts damit zu tun hat, hinter ihm her zu rennen. Es gilt nämlich kein Hamsterrad aufzubauen, sondern einen Sog zu entwickeln. Der Sog schafft von alleine die Aufträge oder Abschlüsse herbei.

Die gesamte Komplexität solchen Verhaltens, will ich hier jetzt nicht zum Besten geben. Bin mir also wieder einmal der Lückenhaftigkeit dieses Textes bewusst. Ein erfolgreicher Mensch hat, bevor er zu seinem Erfolg kommt, viele Misserfolge für sich verbucht. Diese aber sind wichtige Erfahrungen für ihn, da er sie dazu nutzt, sich und sein Unternehmen zu optimieren. Versteht man Misserfolge so, um von einer Welle zur nächsten zu gelangen, so fällt man nicht in eine Depression und sagt zu sich: Das geht alles nicht, ich schaff das nicht, ach Herr jeh, so schwer habe ich mir das aber nicht vorgestellt.

Erfolg ist der Weg. Das ist wie mit dem Frieden. Wer den Erfolg oder den Frieden zu konstruieren versucht, der wird an beiden scheitern. Erfolgreich werden heißt machen. Erfolgreich bleiben heißt weitermachen. Das ist wie in der eigenen Familie. Man darf sich selbst verschenken. Also sollte man sich zu einem Geschenk für andere machen. Und der Weg der Menschlichkeit hilft einem dabei, nicht in eine Pose der Darstellung zu verfallen, sondern das man der Erfolg selber wird. Das ist das Geheimnis des Erfolges. Und wenn wir ehrlich sind, so ist das alles andere als ein wirkliches Geheimnis. Es ist eine Binsenweisheit.

Jeder Mensch macht Fehler, viele Fehler. Na und? Ein Fehler ist kein Scheitern. Ein Scheitern entsteht erst, wenn man aus einem Fehler nichts lernen will. Und da sind wir schon bei all denen, die nicht erfolgreich werden können oder wollen. Sie denken nämlich, dass ein Fehler schon ein Scheitern bedeutet.

Ein Beispiel aus meinem Leben: Wir fuhren nach Köln. Ich saß im Auto – hinten, und Dr. X, der beste Erfolgscoach den ich bis heute kenne, saß am Steuer. Sein bester Trainer saß neben ihm im Beifahrersitz und erzählte davon, dass er ein Supertrainingskonzept erarbeitet habe und nun eine Antwort von der AWO bekommen hätte. Die habe abgelehnt und er jetzt keine Lust mehr, weil.. . Da habe ich ihn gefragt, wieviele Anfragen er denn schon verschickt habe. Seine Antwort war drei. Ich merkte wie geknickt er war und sagte ihm etwas forsch, dass er erstens solche Absagen niemals persönlich bewerten dürfe und zweitens, dass er doch nicht erwarten könne, dass nach nur drei Angeboten schon Zusagen ins Haus flattern würden. Wenn Du jetzt was lernen willst, dann verstehe das alles als Optimierungsangebot. Du sollst jetzt lernen was geschieht, dein Anliegen also optimieren und nichts davon persönlich bewerten. Das alles hat nichts mit einer persönlichen Wertung zu tun.

Dr. X lachte laut und schlug dem Beifahrer sanft auf seinen linken Oberschenkel. Dann sagte er, mach genau das, was Rüdiger sagt und Du wirst schon Deine Aufträge bekommen. Etwas verwirrt schaute er mich nun an und ich sagte ihm, dass er sein Portfolio so erweitern solle, dass er alle drei Monate mindestens eintausend Bewerbungen verschicken könne. Und das ziehst du ein ganzes Jahr durch. Also viertausend Angebote. Seine Augen weiteten sich. Drei Monate später rief er mich an, weil er einen Trainer brauchte.

Das historische Ausscheiden der Nationalelf in die Fussballgeschichte als WM-Debakel war in Wirklichkeit gar keins. An Joachim Löw, da bin ich mir sicher, hat es ein klein wenig gelegen, doch den Löwenanteil trägt die Mannschaft selbst. Sie hat es nicht geschafft, einen Spielmacher zu finden und den hatte die Elf bisher immer. Sie braucht ihn, doch das hätte dann einer von ihnen in sich selbst finden müssen. Und dazu war niemand in der Mannschaft bereit. Aus welchen Gründen auch immer.

Joachim Löw hat wie kein Bundestrainer vor ihm, vor dem Mikro Tacheles mit sich selbst gesprochen, kein Blatt vor dem Mund genommen. Stellen wir uns mal vor, solche Führungskräfte hätten wir in der Politik? Was dann alles möglich wäre, kaum auszudenken wie anders die Welt aussehen würde!

Jogi Löw bleibt der Mannschaft treu. Das finde ich großartig. Denn es ist unerheblich, nun einen oder mehrere Schuldige dafür zu suchen und zu finden. Wichtig ist Weitermachen, Fehler erkennen und optimieren. Dann wird sich automatisch auch ein Spielführer finden. Einer wird das dann nämlich in sich selbst entdecken. Manuel Neuer ist so ein Typ, aber wer hütet dann das Tor?

Apropos Spielführer. Wer ist der Spielfüher deines Lebens? Ein Spielführer führt nicht nur sich. Er führt vor allem andere in die richtige Richtung. Und das macht eine gute Führungskraft aus. Sie führt alle mit in den Erfolg.

Eine schlechte Führungskraft ist die, die nur sich selbst führt und alle anderen klein hält und glaubt, die anderen müssten sich einzig auf seinen Erfolgsweg fixieren. Und so ist das Erfolgsrezept aller Erfolgsstories sehr einfach auf ein Wort zusammengestampft: Freiheit. Wer dem anderen die Freiheit zu seiner individuellen Selbstentwicklung lässt, so dass er an seiner Selbstkompetenz wächst, der wird auch die ganze Mannschaft, das Team, zum Erfolg führen können. Denn das Wir einer Gruppe ist erst dann ein echtes Wir, wenn alle Ichs sich zu einem Wir-Weg entwickeln. Ein Wir ist der Ausdruck einer Vision, meinetwegen auch einer Utopie. Eine Führungskraft sollte also die individuellen Bestrebungen Einzelner erkennen und erfassen können. Und daraus formt man dann das Wir, das Ganze. Jedoch immer mit der Intention, dass Veränderungen dieses Wir nicht gefährden dürfen. An dem Wir-Weg müssen also alle Ichs ihr Selbstwachstum zentrieren können.

Fehler können zu einer Veränderung führen. Doch dürfen diese Veränderungen nicht das Scheitern des Wir bedingen. Um das hinzubekommen bedarf es im Vorfeld einer sehr disziplinierten Arbeits- und Vorgehensweise. Ich muss also die gesamten dynamischen Wirkungs-Effekte der Gruppe auf jeden Einzelnen und die Wirkungs-Dynamik jedes Einzelnen auf die Gruppe kennen und einschätzen können. Darauf sollten sich alle, jeder für sich, einstellen können. Das ist ähnlich wie ein Orchester. Jeder Top-Trainer muss Beethovens Neunte perfekt beherrschen können. Erst hier zeigt sich, welche Freiheitsräume ich als Führungskraft noch benötige und welche selektiven Maßnahmen ich treffen muss, damit das Orchester auch ohne mein zutun eine tolle Symphonie spielt.

Das individuelle Können herauszustellen sollte für den Einzelnen sein eigenes Wirkmaß werden. Dieses Wirkmaß muss dem Einzelnen zutiefst bewusst werden, damit der Einzelne sich daran selbst messen und optimieren kann.

Ziel der Kommunikation der Gruppe muss das Festigen der Wir-Vision sein. Die Eigenschaft aller Eigenschaften, die eine Führungskraft also beherzigen sollte, ist eine dem Ziel angestrebte Kommunikationsbereitschaft. Das gilt für den Einzelnen genauso wie für die gesamte Gruppe. Egal ob im Sport oder im Unternehmen.

Wer in der heutigen Zeit nicht begreift, dass es nicht allein auf ihn ankommt, egal wie professionell man in seinem eigenen Gebiet ist, sondern um alle, der wird ab einem bestimmten Punkt stagnieren und ein Weiterkommen dadurch behindern. Und genau deshalb sind so viele in ihrem selbst konstruierten Hamsterrad gefangen und halten das für ein Erfolgskonzept. Anstrengend, kämpferisch und ermüdend.

Der Jogi wird seine Sache schon wieder sehr gut hinbekommen. Ihr werdet sehen. Ob die Nationalelf dann ein weiteres mal Weltmeister wird? Ich denke das muss sie nicht. Wenn das aber dann dabei herauskommt, umso besser.

Viel wichtiger aber scheint mir, dass jeder hier selbst seine Tore schießen sollte und jeder sich an die eigene Nase zu fassen hat. Denn die wahre Meisterschaft findet in den eigenen vier Wänden statt. Dort zeigt sich, was du drauf hast, was du einbringst und zu was du dich für zuständig erklärst. Meine Vision ist die von einem im Grabe liegenden lächelnden und zufriedenem Rüdiger. Dafür muss ich in meinem eigenen Leben das Lächeln hinbekommen. Da bin ich auf einem sehr guten Weg.

Quellen

http://www.spiegel.de/sport/fussball/joachim-loew-bleibt-trainer-der-fussball-nationalmannschaft-a-1216356.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-und-das-wm-aus-die-lethargie-des-weltmeisters-a-1215409.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/deutschland-weltmeister-gegen-argentinien-die-gruende-fuer-den-sieg-a-980838.html

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