Tagesdosis 4.8.2018 – Finanzmacht im Dunkeln: Die Wirtschaftsprüfer

Ein Kommentar von Ernst Wolff.

Die Buchstabenkombinationen KPMG, PwC, EY sowie der Name Deloitte dürften den meisten Menschen nicht viel sagen. Das ist mit Sicherheit kein Zufall, denn hinter diesen Buchstaben verbirgt sich ein Konzernmonopol, das zwar einen großen Einfluss auf unser Leben hat, sich aber ungern im Licht der Öffentlichkeit zeigt.

KPMG (steht für die Gründernamen Klynveld, Peat, Marwick und Goerdeler), Pricewaterhouse Coopers, Ernst & Young und Deloitte – so die richtigen Namen – beherrschen das weltweite Geschäft der Wirtschaftsprüfung. Ihr eigentlicher Job ist es, die Buchhaltung und Bilanzierung von Konzernen zu prüfen. Das klingt sehr trocken und dürfte es in den meisten Fällen wohl auch sein.

Aber diese Unternehmen sind auch auf zwei weiteren Geschäftsfeldern aktiv, die sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu ihrem Schwerpunkt entwickelt haben und die ihnen zurzeit gut 75 Prozent ihrer Gewinne einbringen: Es geht um die Steuer- und die Finanzberatung, oder, um den tatsächlichen Sachverhalt etwas treffender zu beschreiben: die Steuervermeidung und die Spekulationsberatung.

Dabei handelt es sich um ein überaus lukratives Geschäft. Die in diesem Bereich tätigen „Big Four“ beschäftigen weltweit mehr als 800.000 Angestellte und setzen dabei jährlich mehr als 120 Milliarden Euro um. Sie beraten in Deutschland 142 von 160 börsennotierten Unternehmen, in den USA und in Großbritannien sogar 99 Prozent der in den nationalen Aktienindizes gelisteten Konzerne.

Es ist kein Geheimnis, dass globale Konzerne jede Möglichkeit nutzen, um Steuerzahlungen zu vermeiden. Weniger bekannt ist, wie groß, wie gut organisiert und vor allem wie zentralisiert das weltweite Reservoir an Experten ist, auf die sie zurückgreifen können und wie sehr diese der Allgemeinheit schaden.

Während arbeitende Menschen einen erheblichen Anteil ihres Einkommens in Form von Steuern an den Staat abführen müssen, sieht das bei den großen Konzernen anders aus. Hier zwei willkürlich herausgegriffene Beispiele: Das mit einem Marktwert von einer Billion US-Dollar teuerste Unternehmen der Welt, Apple, hat es mit Hilfe der Firma Deloitte geschafft, seine Steuerlast in Europa zwischen 2003 und 2014 von 1 Prozent auf 0,005 Prozent (das sind 50 Euro auf eine Million) zu drücken, während Starbucks, ebenfalls Deloitte-Kunde, in England seit Jahren gar keine Steuern bezahlt, weil die von den Experten angefertigten Bilanzen des Unternehmens seit 2009 „keinen Gewinn“ ausweisen.

Dies sind nur zwei Beispiele, die zusammen mit einer Unzahl weiterer eines belegen: Die organisierte Steuervermeidung entzieht der öffentlichen Hand weltweit gigantische Summen und sorgt für riesige Haushaltslücken, für deren Füllung die Bürger durch die „Austeritätspolitik“ immer stärker zur Kasse gebeten werden.

Da viele Konzerne heute den größten Teil ihres Gewinns nicht mehr durch die Warenproduktion, sondern im Finanzbereich, also durch Spekulation machen, haben die Wirtschaftsprüfer auch hier ein lukratives Betätigungsfeld entdeckt: Weil sie auf Grund ihrer marktbeherrschenden Stellung die besten Insider-Informationen besitzen, verkaufen sie diese und lassen sich dafür von den großen Marktteilnehmern hoch bezahlen.

Die Wirtschaftsprüfer tragen so nicht nur dazu bei, dass die soziale Ungleichheit in der Welt immer größer wird, sondern sind auch dafür mitverantwortlich, dass die Spekulationsblasen an den internationalen Finanzmärkten weiter wachsen und die Gefahr einer neuen, aller Wahrscheinlichkeit nach größeren Krise als 2008 zunimmt.

In welchem Maße die Aktivitäten der Steuerprüfer in letzter Zeit zugenommen haben, lässt sich aus dem Geschäftsbericht der Deloitte Deutschland für die Jahre 2016 und 2017 ersehen. Dort hat der Bereich „Tax and Legal“ (Steuervermeidung) innerhalb von nur zwölf Monaten um 25 Prozent, der Bereich „Financial Advisory (Spekulationsberatung) sogar um 53 Prozent zugenommen.

Wollte man einen Vergleich aus der Biologie bemühen, so könnte man sagen: Gegenwärtig findet ein weltweiter Fäulnisprozess statt, der einem Monopol parasitärer Organisationen die Möglichkeit bietet, sich – von Regierungen und Staaten unbehelligt – in zunehmender Weise und zum Nachteil der Allgemeinheit an seinem Wirt, dem globalen Finanzsystem, gütlich zu tun.

+++

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

Alle weiteren Beiträge aus der Rubrik „Tagesdosis“ findest Du auf unserer Homepage: hier und auf unserer KenFM App.

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

4 Kommentare zu: “Tagesdosis 4.8.2018 – Finanzmacht im Dunkeln: Die Wirtschaftsprüfer

  1. Sehr geehrter Herr Wolff,
    ich verfolge Ihre fundierten und kompetenten Beiträge schon seit einiger Zeit.
    Besonders gefreut hat mich Ihr jetziger Bilanz-Kommentar, weil ich glaube, dass auch hier ein Treiber für einen
    Finanzcrash liegt, der m.E. zu kurz kommt.
    Der weltweite Bilanzstandart börsennotierter Unternehmen funktioniert nach den internationalen Bilanzregeln „IFRS“. Diese IFRS sind eine Kopie der US-amerikanischen Bilanzregeln „US-GAAP“, die sich gegen die euröpäischen und asiatischen Bilanzregeln durchgesetzt haben. Die europäischen Bilanzregeln ( z.B. das deutsche HGB) kennen für die Bilanzerstellung
    das sog. Vorsichtsprinzip und den Schutz der Gläubiger , d.h. Risiken des Unternehmens müssen in maximaler Höhe in der Bilanz ausgewiesen werden. Nur realisierte Gewinne der Unternehmen dürfen ausgewiesen werden.
    Die US-GAAP sind vereinfachend genau gegensätzlich. D.h. die Risiken werden in den Bilanzen nur eingeschränkt dem Gläubiger gezeigt. Markt-Chanchen des Unternehmens können nach Unternehmenssicht aber sehr wohl als Gewinn gezeigt
    werden. Im Extremfall wird für ein „Pleiteunternehmen“ ein Gewinn ausgewiesen.
    Eine Anwendung der IFRS-Bilanzregeln auf die Finanzindustrie erlaubt spekulativen Unternehmen Gewinne auszuweisen, die nicht vorhanden sind. Eine Anwendung der HGB-Regeln würde diese Spekulationsrisiken zeigen und das Unternehmen müsste Insolvenz anmelden.
    Rund wird das Betrugssystem dann , wenn die Berater dann als Wirtschaftsprüfer die Bilanzen testieren.

  2. Der marktkonforme Staat bestimmt die Regeln der Bilanzierung und ist für den Missstand verantwortlich zu machen, dass sich gewinnträchtige intern. Konzerne arm rechnen – oder sogenannte private Banken ihre notwendige Eigenkapitalquote mit „Geld-aus-dem-Nichts-Kredten schön rechnen, obwohl diese tatsächlich NICHTS haben.

    Selbst offene Briefe – wie von z.B. Wirtschaftsprüfer Micheal Schemmann ändern nichts an der alternativlosen Vorteilsgewährung bzw. Schutzgeld-Erpressung.
    http://www.informationsgeld.info/uploads/2/0/1/9/20192907/offener_brief_schemmann_fasb_iasb.pdf

  3. DER FALSCHE WEG

    WER IM VERBORGENEN HANDELT, HAT AUCH EIN SCHLECHTES GEWISSEN.
    DAS SCLECHTE GEWISSEN WIRD ORGANISIERT UND INSTITUTIONALISIERT.
    ÜBRIG BLEIBT EIN UNGEHEUER, DASS GEFRÄßIG OHNE ENDE IST.
    DAS FÜTTERN WIRD ZUR GESELLSCHAFTLICHEN PFLICHT.
    ES MUSS BESÄNFTIGT WERDEN.
    DAS FALSCHE HELDEN SCHAFFT.
    BETEN, HOFFEN UND UNTERWERFUNG.
    DAS GOLDENE KALB.

  4. Danke für den Beitrag!
    Bandenkriminalität und Steuerhinterziehung…doch solange wir unser Geld Apple, Mc Doof, Adidas etc. in den Rachen werfen, ändert sich nichts. Standesdünkel und Markenwahn waren schon immer ein tolles Konzept, um die Leute zu schröpfen.

    Gruß!

Hinterlasse eine Antwort