Tagesdosis 5.4.2018 – Bad Boy Dehm

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Die Linke möchte mal wieder Mitglieder ihrer Partei vorsätzlich missverstehen. Schlimmer noch, Genossen, die klare Formulierungen nicht scheuen, wird unmittelbar gedroht. Die Frankfurter Allgemeine informiert: Der Bundestagsabgeordnete der Linkspartei, Diether Dehm, gerät nach seiner Verbalattacke auf Außenminister Heiko Maas in der eigenen Partei unter Druck. Der Berliner Bezirkspolitiker Oliver Nöll stellte den Antrag auf ein Parteiordnungsverfahren mit dem Ziel des Parteiausschlusses. Parteichef Bernd Riexinger distanzierte sich von Dehms Äußerungen(1).

Da jubeln die Erfüllungsgehilfen in den Redaktionsräumen bei Springer & Bertelsmann. Nein, Ecken und Kanten, klare Statements und vor allem Rückgrat sind in dieser Partei schon lange nicht mehr erwünscht. Das weiß vor allem Parteikollege Klaus Lederer. Dieser wird zur Causa Dehm wie folgt zitiert: Berlins Kultursenator Klaus Lederer distanzierte sich bei Twitter von seinem Parteifreund und sprach vom „projiziertem Selbstmitleid des in die Tage gekommenen Möchtegern-Gigolos und Möchtegern- Popstars, getarnt als politische Haltung. Gewohnt peinlich im Stil, aber schon deshalb lange nicht mehr ernst zu nehmen.“ Besucht man Lederers Twitter Account findet man auch ein sog. Retweet, d.h. Lederer unterstützt die inhaltliche Aussage. Formuliert von einem Volontär der Berliner Morgenpost lautet sie: Kein Wunder, dass Ostermärsche sterben. Sie werden seit Jahren von Russlandverstehern & Verschwörungstheoretikern im Friedensaktivistengewand missbraucht(3). Wir kommen der eigentlichen Sache näher.

Worum geht es also? Ein Mitglied der Partei Die Linke, Diether Dehm, hält auf einer Demonstration beim traditionellen Ostermarsch in Berlin eine knackige 16.minütige Rede und findet deutliche Worte zur aktuellen Kampagne gegen Russland. Er klärt auf, über die Diskrepanz militärischer Wehretats von den USA und Russland & China. Sie lauten 900 Milliarden gegenüber 64, bzw. 120 Milliarden. Er erinnert an die tiefe Wunde die deutsche Soldaten im 2. Weltkrieg in Russland hinterlassen haben. 27 Millionen tote Sowjetbürger. Er erklärt die wahren Gründe, Motivationen und Ziele der aktuellen Russland Politik eines Großteils diverser Nato Mitgliedsstaaten. Dann formuliert er seine Definition außenpolitischer Äußerungen, des noch frischen Ministers Maas zu Russland.

Focus online fasst die Antrittsrede von Heiko Maas wie folgt zusammen: Der Fall Skripal brachte das Fass zum Überlaufen. Maas zeichnet hier eine neue Linie. Und der Fall Skripal ist dabei gewiss nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, auch wenn der Einsatz eines chemischen Kampfstoffes von erheblicher Tragweite ist. Der Westen stand vor der Frage, wie viel Provokation er sich von Russland noch bieten lassen wollte, bevor er ein Stopp-Signal setzte. Da war die Annexion der Krim, die Invasion in der Ost-Ukraine, wo angeblich einige russische Soldaten lediglich Urlaub machten. Es gab den Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 und das provokante Vorgehen in Syrien und – nicht zu vergessen – die Cyber-Attacken auf die IT-Systeme von Bundesregierung und Bundestag(4).

Dehm erwiderte diesen Ausführungen und dem Monate langen Russland Bashing die nun kritisierte Formulierung: Das ist nun die Situation, in der ein gut gestylter Nato-Strichjunge, ich wiederhole das nochmal, ein gut gestylter Nato-Strichjunge Heiko Maas meint jede Rechtmäßigkeit und das Grundgesetz mit Füßen treten zu müssen(5).

Voila, da haben wir den Skandal. Was erregt nun bundesweit so viele Gemüter? Nein, nicht die Äußerungen von Herrn Maas zu Russland. Nein, nicht die Bündnistreue unserer Regierung zu der Lachnummer aus England. Nicht das Schweigen unserer Politiker zu jahrzehntelangen Provokationen der USA und anderer Nato Mitgliedsstaaten gegenüber Russland und den damit verbundenen Friedensgefährdungen. Es ist das Bindestrichwort Nato- Strichjunge. Hätte Dehm Nato-Marionette, -Faktotum, -Laufbursche, -Bückling, oder -Knappe gerufen, hätte es keinerlei Aufschrei gegeben. Wo nun der Bindestrich im Manuskript gesetzt war, ob nach Nato, oder Strich ist völlig nebensächlich. Dehm erwidert seinen Kritikern in einem Interview am gestrigen Tage: Über die Wortwahl lässt sich streiten. Und ich verstehe auch Kritik daran von Mitstreitern. Man kann das alles auch anders formulieren. Sicher, ich hätte besser Nato-Strichmännchen sagen sollen, damit sich niemand sonst diskriminiert fühlt. Aber eine politdiplomatische, unauffälligere Wortwahl versinkt meist im Mainstreambrei. Das halte ich für genauso unangemessen, wie ich es einst für falsch gehalten hatte, auf Straßenblockaden gegen Atomraketen zu verzichten oder auf anderen zivilen Ungehorsam. Es gibt ja auch sprachliche Formen von zivilem Ungehorsam(6).

Fassen wir zusammen. In keinem der pseudo-echauffierten Leitartikel wurde darauf hingewiesen, das Dehm unmittelbar nach seiner Formulierung in der gleichen Rede darauf hinwies am 01.April

Carles Puigdemont im Gefängnis aufzusuchen. Gelebte und vor allem praktizierte Solidarität. Zeit online informierte im Anschluss des Besuches: Dehm berichtete Puigdemont habe Angst vor einer Abschiebung nach Spanien. Er habe gesagt, die spanische Justiz sei ganz anders als die deutsche.  Dehm berichtete weiter, er habe Puigdemont angeboten, in seinem Haus in Hessen zu wohnen, wenn er das Land wegen Verdunkelungsgefahr nicht verlassen dürfe(7). Zumindest dem ZDF war es immerhin einen Kurzbeitrag wert(8)

Ausser bei Andrej Hunko, erfährt man jedoch davon nichts auf den Seiten der Partei Die Linke. Nicht bei Herrn Riexinger, nicht bei Frau Kipping, Herrn Liebich, Herrn Gysi und sowieso nicht bei Herrn Lederer, der so gerne retweetet. Nein, dieser hat mehr Verständnis für Ostermarsch Nichtversteher und Russlandhasser. Es gibt Gründe für die aktuellen Wahlergebnisse der Partei Die Linke. Noch duldet sie aufrechte Mitglieder wie Sarah Wagenknecht und Diether Dehm in ihren Reihen. Noch.

Solidarität und Unterstützung gehört daher jenen Menschen, die Solidarität und Friedenspolitik nicht nur predigen, sondern auch praktizieren, die für diese Inhalte leben und kämpfen und gerade stehen, so wie Diether Dehm.

(1) – http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/diether-dehm-nach-beleidigung-von-heiko-maas-unter-druck-15524499.html

(2) – https://www.bz-berlin.de/berlin/linke-politiker-dehm-beleidigt-justizminister-als-nato-strichjungen

(3) – https://twitter.com/JuliusBetschka/status/980145498953867265

(4) – https://www.focus.de/politik/deutschland/harte-linie-gegenueber-moskau-maas-setzt-deutlich-andere-akzente-als-sein-vorgaenger-und-nimmt-widerspruch-aus-der-spd-in-kauf_id_8684376.html

(5) – https://www.youtube.com/watch?time_continue=351&v=Nb9MG-sRPA8

(6) – http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/heiko-maas-als-nato-strichjunge-diether-dehm-verteidigt-sich-15526233.html

(7) – http://www.zeit.de/news/2018-04/02/juristische-entscheidung-im-fall-puigdemont-rueckt-naeher-180402-99-725069

(8) – https://twitter.com/ZDFheute/status/980475123407794182

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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25 Kommentare zu: “Tagesdosis 5.4.2018 – Bad Boy Dehm

  1. Für viele sonst ist Loslassen doch eher ein imaginäres Konzept. Herr Dehm hat bereits in der letzten Positionen-Sendung eindrücklich bewiesen, daß er nicht nur in Wohlfühlprotesten kann.

  2. Nach dem“ dehmische Lackmustest“ finde ich es bemerkenswert wie viele Natodosenkoepfe grade bei den Linken
    nach der pawlowschen Glocke wie auf Kommando sich hohl in Resonanz versetzen lassen.

    Was eigentlich warm und rot sein muesste faerbt sich ueberraschen Natod-blau.

    Es ist schon entaeuschend wie viele Minister und Abgeordneten bereit sind ihre Seele sinnentleert affig fuer den
    militärisch-industrieller Komplex zu verhoekern.

  3. Es wird wirklich Zeit, jetzt mal mehr als deutlich zu werden. Eigentlich finde ich Anzüglichkeit zwar verächtlich, doch die Situation lässt. ja kaum eine andere Wahl. Da muss sich jetzt mal das Spreu vom Weizen trennen, und dazu ist es ein geeignetes Mittel. Die Politikerkaste jeglicher Couleur hat sich in ihrem Marionettendasein krass von jeglicher Basis entfernt. Die Wenigen, die noch etwas Anstand besitzen haben doch sogar die Pflicht das deutlich zu monieren, je krasser desto eher besteht eine Chance, dass es gehört wird.

  4. Was soll dieses Links – Rechts geplapper hier in den Kommentaren? Wenn überhaupt, dann finde ich Meine Position in Ordnung. Links oder Rechts führt doch ausschließlich zur Spaltung der Menschen.

    Wichtig ist, und das ausschließlich, dass jeder, und zwar wirklich jeder, ich meine JEDER genau, ich meine genau das sagen kann was er will…..

    mit sagen was er will ist es wahrscheinlich zu wenig, er sollte genau das MACHEN können, dürfen, was er will. zu Jedem Zeitpunkt seines Lebens.

    Er darf dabei keinen seiner Nächsten in irgend einer Weise schaden 😉

    • Apropro, hätte noch einige Vorschläge für die kommende Bundestagswahl:
      Jock Ewing, das Sandmännchen, Frau Holle, Rumpelstielzchen, der König von Zamunda, Pippi Langstrumpf …..

  5. Habe die Rede gehört, stimme bei fast allem zu.

    Stärke ist, wenn man Worte findet

    die nicht verletzen und trotzdem treffen.

    bewusst verletzen und dann schauen

    wie sich andere daran zerreiben

    ist unverantwortlich.

    Claudia Volke aus Dresden

    • Claudia Volke aus Dresden, das ist schön „gefunden“ : nicht verletzen und trotzdem treffen.

      Aber hier ??!
      Hier ist es einfach mal sehr drastisch gelaufen; und gut so.
      Hier wird EIN Mann öffentlich „verletzt“ – ein Mann, der maßgeblich mithilft, Krieg zu erschaffen, der Millionen verletzen wird. Oder töten. Da ist mir dieser EINE Verletzte schon lieber.

  6. Die Reaktionen der getriggerten üblichen Verdächtigen sind wie immer der Hammer…

    Benjamin Köhn, keine Ahnung und auch völlig egal, wer das ist: „…ist das der Anspruch reflektieren Denkens der Partei Die Linke?“ Gegenfrage: Wer bist Du, woher kommst Du und warum gehst Du nicht dahin zurück ?

    Klaus Lederer hat an seinem Tweet besonders lang getüftelt und dann doch wieder nur während des Kopfstands auf seinen eigenen Dummkopf uriniert, wie immer. Schade, Klaus.

    Bernd Riexinger nimmt überhaupt nichts mehr außer seinem Gürtel ernst, schon gar nicht Dehm.

    Die taz berichtet neben Antisemitismus an Schulen, Antisemitismus in Berlin und Antisemitismus von Ken Jebsen auch über Antisemitismus von Dieter Dehm und über irgendwas anderes, was allerdings ziemlich sicher mit Antisemitismus zu tun hat.
    Bald berichtet die taz auch exklusiv über Antisemitismus bei der taz, denn Anna Lehmann wurde mit einem Muslim gesehen, psst !

    Aber das Geilste leistet sich der Freitag, indem Elsa Koester sich wie ein Honigkuchenpferd darüber freut, endlich den Beweis für Dehm’s Homophobie gefunden zu haben… !!“

    Es wird schwerer und schwerer, diese öffentlichen Vorgänge zu parodieren.
    Was geht nur in diesen Köpfen vor, dass sie sich so wenig damit beschäftigen, worum es überhaupt ging ?
    Denken diese armen Mitmenschen, dass wir alle so oberflächlich sind wie die oder wünschen die sich das nur so sehr ?
    Ich mein, sogar Fliesenleger Kalle wird wissen wollen, worüber sich Dehm so aufgeregt hat.

    Naja, egal… grandiose Aktion mit wunderbarem Wirkungsgrad — herzlichen Dank für die offenen Worte, Herr Dehm !
    Bitte weiter so !

  7. Danke für den Artikel!

    Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden!

    Durch hingucken wirds ja auch nicht schlimmer,

    aber schlimm was immer mehr zu sehen ist, auweia . . . .

    Deswegen aus meiner Sicht: die absolut richtige und angebrachte Wortwahl von Herrn Dehm

    Es ist unfassbar, gruselich und entlarvend wie sich hier nicht nur die linken Parteigenossen outen.

    Im „Freitag“ werden gar versucht ganze Genderdebatten darüber loszutreten, aber glücklicher Weise gibt es auch dort unter den Kommentatoren aufmerksame Zeitgenossen, die das perfide, armseelige Diffamierungsspiel durchschauen

  8. „NATO-Strichjunge“ finde ich ganz angemessen für das Maasmännchen, vielleicht noch etwas zu freundlich ausgedrückt.

    Eine „Linke“, die träge im Mainstream mittreibt ist nicht links, sondern ein postengeiler Sauhaufen, der das herrschende System mitträgt. Nicht klare Worte schaden der Partei, sondern Partei“freunde“, die sich darüber aufregen.

    • Ich finde, Dehm hätte sich doch etwas mehr Mühe mit dem Kraftausdruck geben sollen:
      Vor allem ist es eine Beleidigung für das ganze horizontale Gewerbe, mit Heiko Maas verglichen zu werden. Schließlich ist es gar nicht sein Arsch, den er der Nato da hinhält. Sondern unserer.

      „Nato-Zäpfchen“ fände ich ganz gut: Das flutscht schön und lässt sich völlig gender- und parteineutral breitband-anwenden. Und Maas ist immer noch voll für’n Arsch.

    • Ich finde die Kraftausdrücke von Herrn Dehm unangemessen.
      Herr Maas und die anderen Mitglieder der Regierung werden
      vor Gericht kommen, verurteilt werden und dann ihre Strafe
      verbüßen. Und das war´s.

    • Herr Maas und die anderen Mitglieder der Regierung werden vor Gericht kommen, verurteilt werden und dann ihre Strafe verbüßen.

      Von welchem Linsengericht träumen Sie denn da?

    • Ich träume vom Maggi Linsengericht. Der Chef von Nestle hat sich nämlich von
      seiner Marketing Abteilung erklären lassen, dass Tote kein Wasser mehr
      trinken und keine Schokoriegel essen.

  9. Die NATO- und GoldmanSachs Linke haben das Sagen .
    Geld bestimmt , was Links ist –
    auch was Rechts ist und was Demokratie ist und was Toleranz ist und was Frieden ist und was Freiheit(z.B. die, welche die Deutsche Armee am Hindukusch verteidigt) .
    Das Kapital hat Kontrolle über die Sprache, Themen und Definitionen .

  10. Eine sehr gute Betrachtung. Es ist tragisch, die Zerlegung der Linken von Innen mit ansehen zu müssen. Es ist keine rechte Medienlandschaft dazu erforderlich, das besorgen Pseudolinke, wie der beliebte Herr Lederer (Tagesspiegel), schon selbst.

  11. Dehm wollte Aufmerksamkeit. Er hat diese bekommen. Alles gut. Seine Kritik wurde und wird definitiv weiter verbreitet als mit jeder anderen, harmlosen Titulierung des unerträglichen Männchens im Außenamt.

    Dass die Journallie so reagiert ist doch ok, zeigt uns, wo sie steht. Gleiches gilt für die Partei, die sich als links bezeichnet und doch nur das eigene Fortkommen handhabt.

    Beschwerden darüber finde ich überflüssig, lästig und albern.
    Alles soweit erwartbar. Auch die künstliche, irgendwie aus der Zeit gefallene Aufregung hier. Immer diese unsinnige Hoffen auf eine Partei und die Empörung darüber, dass jene dann am Ende sogar so ist, wie eine Partei zu sein hat.

    Ist doch kalter Kaffee.

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