Tagesdosis 5.6.2019 – Parteifrage oder Systemantwort

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Das Wahldebakel der EU-Wahlen dominiert die Stifte und Tastaturen in diesem Land. Jetzt geht Andrea Nahles. Und wer darf jetzt wieder den Dreck wegkehren, den einst der SPD-Kanzler Gerhard Schröder so zahlreich hinterließ? Er hinterließ den Kriegseintritt einer Republik, die sich zuvor schwor, sich nie wieder an einem Krieg selbst zu beschmutzen. Man habe aus den beiden großen Kriegen gelernt, donnerte es tagtäglich aus der damals noch in Bonn residierenden Republik. Fehlanzeige. War eh ein idiotischer Traum. Oder die HartzIV-Gesetze, die die Plünderung der gesamten Arbeiterschaft vorausnahm. Sie machte dieses Land zum Niedriglohnland Nummer eins in Europa. 

Der liebe alte Malocher, einst das Flaggschiff dieser roten Partei, heute sein Büttel, den er lieber links liegen lässt. Er ist zum Plünderungsobjekt geworden. Nämlich der der neoliberalen Politik – frei, freier, Neoliberalismus. Annegret Kramp-Karrenbauer, Andrea Nahles, Angela Merkel, Christian Lindner und wie sie alle heißen mögen, die derzeit die Speerspitze deutscher Politik darstellen, es sind Lachnummern, komplett überfordert mit einer Politik des weiter so. Denn weiter so, das ist ihr Schicksal, ihr Versprechen an uns und unseren nicht wieder wegzudenkenden Wohlstand. Und wir? Wir versuchen aus dem ganzen Gemisch an politischem Potenzial uns vorzumachen, das es doch noch geht, das wir sie doch noch dazu bewegen können, etwas für uns zu tun. Wir wählen deswegen aus Protest, oder wir wählen das Gegenteil, oder wir wählen gar nicht mehr. 

Ziehen wir Bilanz. Ich sage vorweg: Hoffnung ist eine schlechte Strategie, aber ein guter Antrieb. Damit stehe ich sicher nicht auf dem Siegertreppchen, denn die meisten wählen aus dieser Hoffnung heraus das geringere Übel. Annegret Kramp-Karrenbauer, die CDU-Vorsitzende wird womöglich Angela Merkel beerben. Neulich mahnte sie an das allgemeine politische Gewissen und wollte die Meinungsfreiheit einschränken. Wir erinnern uns. Ein Youtuber haute kurz vor der EU-Wahl ein Video heraus, indem er der CDU ziemlich unverblümt ihr Unvermögen um die Ohren haute. Und so eine Wiederholung will die CDU-Vorsitzende nun verhindern. Die Kanzlerin sprach dann ein Machtwort und schwups, war der Vorschlag vom Tisch. Ich hingegen bin mir sicher, dass wir so ein Gesetz in schöner blumiger Manier bald bekommen werden. Angela mag zur Vorsitzenden persönlich gesagt haben: Du hast ja recht, aber so was posaunt man doch nicht in der Öffentlichkeit oder in der Fraktion aus. Das macht man hinter verschlossener Tür, setzt Lobbyisten darauf an und die kümmern sich dann um die richtigen Ergebnisse. Anne, das kriegen wir schon hin. Egal welche Hoffnung wir noch weiter in diese Finanzlobbyisten setzen, am Ende werden wir rationalisiert. Es ist offensichtlich, was da läuft und wohin das alles führen wird. 

Es ist vergleichbar mit einem Schlachter, der in seiner Werbung verkündet, dass das Schwein sein Kotelett freiwillig und mit viel Liebe für den hungernden Menschen von seinem Körper abgetrennt hat und es nun weiter darauf warten will, dass es die Rouladen und den Saftschinken auch noch von sich abschneiden darf. Ach, es ist so glücklich, das Schwein und ohne Dich wäre es todtraurig. So in etwa funktioniert die Politik. Wenn man innerhalb der biologischen Systeme sein Leben ändert, dann ändert man es innerhalb der biologischen Systeme. Es ist egal, welches Schnippchen man dann versucht, zu schlagen. Es gewinnt dabei immer die Biologie. Innerhalb eines Systems gewinnt immer das System, denn egal was man innerhalb des Systems macht, meinetwegen sogar riesenhafte Kriege anzetteln, es gewinnt das System. Jedes System hat nur einen einzigen Zweck. Den Selbsterhalt. Ist ein System erst einmal als ein System etabliert, so wird es alles Erdenkliche tun, um sich selbst zu erhalten. Ob die SPD-Vorsitzende geht oder bleibt, ob die Kanzlerin nun Merkel oder Kramp-Karrenbauer heißen mag, ist dabei völlig ohne Belang. Das System wird sich dabei nur innerhalb seiner Fortsätze etwas verändern. Das System aber bleibt bestehen. Ergo: Egal wen man wählt, ob Partei oder Kanzlerin, man wählt das System. 

Für einen logisch denkenden Menschen ist die Antwort eigentlich klar, eigentlich! Er würde das erkennen und einfach nicht mehr mitmachen. Er würde sich, so weit es geht, dem System durch nichtmitmachen entziehen. Doch das tun die Wenigsten. Der Grund liegt in der Hoffnung, die sie haben und im Selbstwertgefühl, das sie sich über die Jahre als Überzeugter homo politicus angeeignet haben. Der Mainstream ist die Normapathie, folgt man dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz. In ihr werden Irrationalitäten die Norm menschlichen Verhaltens. Alle haben für sich recht und sehen im Anderen den Feind, den es zu bekämpfen gilt. Denn wären die anderen wie ich, hätten sie alle den göttlichen Überblick, den ich ja habe, dann wäre alles gut und die Welt in Ordnung. Die Meisten kennen ja den Slogan, Offline ist das neue Online. Er zeigt, wie sehr sich Menschen in etwas verrennen können und dieses Verrennen dann den Menschen komplett erblinden lässt. Könnte das auch mit der Politik so sein? Ist die Politik eine Krankheit, an der in der Gesundung die Eigenverantwortung steht? 

Ich stelle die Frage mal anders, etwas provokanter. Warum wollen so viele Menschen, dass ganz wenige Menschen über sie herrschen und ihnen sagen a) wie die Welt entstanden ist, b) was ihre Aufgabe darin ist, c) für wen sie zu arbeiten und was sie ableisten müssen, d) was überhaupt eine Arbeit ist und wie sie diese noch besser machen können, e) was sie wann und wie sagen dürfen und was nicht, usw. Dieser ganze politische Zirkus ist doch nur deswegen überhaupt da, weil wir ihre Möglichkeiten der Dressur darstellen. Und dann sagen die Normapthen dazu auch noch danke schön. Wie viele Menschen haben wirklich, ernsthaft und über eine längere Zeit schon mal darüber nachgedacht, ob wir diese Politiker und ihr System der Dressur noch brauchen? Politiker sind Erzieher der Massen für ein System, dass den Reichen, Schönen und Mächtigen dient. Alle anderen bekommen Brotkrumen und werden dazu verpflichtet, diese Krumen ordnungsgemäß zu sich zu nehmen. Wer da im Mülleimer bei Lidl, Aldi oder Penny nach den Resten sucht, der bekommt saftige Strafen aufgebrummt. Wie lange es wohl noch braucht, bis die Normopathen sich von der Norm lösen und endlich selbst zu leben lernen? Die politischen Speerspitzen der Parteien sind unsere Spiegel. Was wir in der Mehrheit wollen, das repräsentieren sie. Die Lüge, die wir selbst sind, kommt durch sie zum Vorschein. Das ist alles. Dann projizieren wir diese innere Lüge nach außen, schelten sie und sind äußerst befriedigt, wenn wir unseren inneren Dampf endlich losgeworden sind. Dabei aber treten wir auf der Stelle, kommen kein bisschen weiter und wundern uns, dass wir uns unsere Wünsche nicht erfüllen können. Wir erfüllen sie uns aber deswegen nicht, weil andere uns daran behindern. Das haben wir uns eingebrannt und glauben es. Meistens sogar zeitlebens. 

Niemand behindert uns so stark, wie wir selbst. Das tun wir gerade deshalb, weil wir aus uns ein dressiertes Äffchen gemacht haben, dass nach Muttis oder Papis Pfeife tanzt. Deshalb kann Herrschaft existierten und über uns bestimmen. Die meisten Menschen denken immer bloß, dass die da oben sie beherrschen und sie nicht aus dem Hamsterrad kommen können. Das ist nicht ganz richtig. Entfernt man nämlich seine eigenen Anteile aus diesen Fängen, entfernt man sich aus den ganzen Fängen. Nur weil man dann plötzlich kein Konzept für das in eigener Verantwortung stehende Leben besitzt, ist man bequem und sucht lieber den Weg zurück oder hinein in die Systeme, die einen am besten beherrschen können. Für die einen ist es diese Demokratie, die Sehnsucht nach einem Kommunismus oder die in eine libertäre Welt. Hauptsache, die Wagenknecht ist nicht links genug, die Merkel nicht mittig genug, der Lindner nicht libertär genug, die Nahles nicht arbeiteraffin genug, und so weiter. Bestimme also dein Leben bloß nicht selbst. Auf gar keinen Fall. Denn dann könnte es ja sein, dass du die Feindbilder, die Projektionen und die Fremdverursachung nicht mehr für die eigenen Probleme missbrauchen kannst. Mecker weiter an den anderen herum, denke dabei das du die oder der Beste bist. Die Politiker werden es mit Wohlwollen entgegennehmen und ganz sicher mit deinen Steuergeldern ihr Leben finanzieren. 

Gehören wir uns selbst oder gehören wir einer Regierung? Sag, wem hast du deine Stimme gegeben, damit du ihnen gehörst? Der Staat, das sind Autoritätsglaube, Herrschaftsannahme und Selbstaufgabe. Und diese drei sind ein Angebot, das unterschrieben werden will – durch die Teilnahme an der Wahl. Wenn jemand bei VW ein Auto kaufen will, dass sehr umweltschonend ist, dann wird der VW-Verkäufer dir sagen: Hier ist es, nur 45 Gramm CO2 auf einhundert Kilometer. Er wird dir nicht sagen, dass du besser Fahrrad fahren solltest, denn ein Fahrrad kommt nicht in seinem Angebot vor. Politiker werden dir niemals sagen: Das Beste ist, du lebst dein Leben, nicht unseres. Egal ob du jetzt dieses oder jenes sagst. Es sind Ausflüchte und Ausreden, warum du meinst, man könne ja nicht sein eigenes Leben leben. Es ist ganz leicht, zu beweisen, wenn du dir die Frage beantwortest, was das Teuerste und Wertvollste hier auf diesem Planeten ist. Die Antwort gilt für alle Lebewesen, nicht nur für uns Menschen. Es ist deine Lebenszeit. Egal was du tust oder wann du dahinter kommst. Am Ende deines Lebens kommt niemand daher und schenkt dir zusätzliche Lebenszeit, weil du nach 50 Jahren dahinter gekommen bist. Vielleicht wäre es an der Zeit zu verstehen, keine Politiker mehr zu wählen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Wer der Überzeugung ist, dass wir keine äußeren Grenzen mehr brauchen, der sollte den zweiten Schritt auch gehen und keine inneren Grenzen mehr dulden. Erst recht nicht die eigenen inneren Grenzen. Der Saboteur in uns ist die politische Korrektheit. Sie ist wie ein Magnet, die uns nach ihr ausrichten lässt. Uns vereinen nicht politische Ideale. Uns vereinen innere menschliche Werte. Diese stehen im großen Widerspruch zu den Werten, die uns als die unseren im Namen der Demokratie, des Westens und der NATO vermittelt werden. Und dieses System wählt der Wähler, wenn er wählen geht. Menschliche Werte sind das nicht. Mitgefühl, Wertschätzung, Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft, Demut, Liebe, Zugewandtheit, Rücksichtnahme, Freiheit, Unversehrtheit, Frieden, Toleranz, Weisheit, Ehrlichkeit, Loyalität, Vertrauen, Verlässlichkeit oder Treue sind menschliche Werte. Und es gibt noch viele andere. Doch welche sehen wir durch die Politik repräsentiert? Raffgier, Hab- und Machtsucht. Auch wenn die Partei der Grünen 2021 die Kanzlerin stellen sollte, glaube ich nicht, dass die Strukturen der Politik sich dadurch schlagartig ändert. Daher stelle ich die Systemfrage und nicht die Parteifrage. In einem kaputten System kann man sich kaputte Teile sehr schön reden und glauben, man könne allein durch den Glauben, sie werden es diesmal bestimmt ganz toll machen, sich alles schön reden. Das kann auch noch weitere 50 Jahre so laufen, was ich eher annehme, als dass sich die ganz große Mehrheit der Wähler die Systemfrage stellen und dann beantworten. 

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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29 Kommentare zu: “Tagesdosis 5.6.2019 – Parteifrage oder Systemantwort

  1. Herr Lenz, der Existenzialismus erzwingt im Survival of the Fittest das System, und das beginnt immer schon mit der Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau.
    Und da wo Geld ins Spiel kommt, ist System unanänderlich.
    System macht stark.
    Gemeinsam sind wir stark…das ist immer schon die Aufforderung zu einem System und deshalb spalten die Raubtiere die Herden und versetzen sie wo nötig zum Zwecke

    der Zerstreuung in Panik um so leichter und effektiver rauben zu können. Und je sexistischer eine Gesellschaft, eine Herde ist, um so einfacher ist sie weil extrem

    individuell existenzialistisch sensualisiert zu spalten und in Panik zu versetzen.
    *
    Greta z. B. hat laut der Weltenretterpropaganda Angst vor CO2, also Angst vor dem Tode. Dazu muss man aber als spätpubertäres 16 jähriges Mädchen psychisch schon extrem defekt sein. Fragt sich wodurch? An ihrem Autismus und/oder Downsyndrom könnte es also nur bedingt liegen…
    Pubertäre Psychen strotzen im allgemeinen vor Lebenslust und Energie und haben andere Prioritäten als den Tod und das Überleben…..
    Wer oder was hat diese Greta Thunberg also für das System vereinnahmt, manipuliert und dressiert und also dämonisiert?

  2. „Wie lange es wohl noch braucht, bis die Normopathen sich von der Norm lösen und endlich selbst zu leben lernen?“

    Heißt also, es soll keine Normen mehr geben, es soll also jeder machen könne was er will. Es gibt also keine Regeln, an die man sich halten soll/muss. Eine doch beunruhigende Vorstellung.

    Im Prinzip sagt der Text: So kann es mit dem derzeitigen System (Demokratie?) nicht weitergehen, er schlägt aber selbst keine Alternative vor, wie dann die Gesellschaft organisiert werden soll.

    Das Beispiel mit dem VW-Verkäufer ist nicht logisch: Prämisse: Es wird ein umweltschonendes Auto gesucht. Ein solches wird angeboten. Bemängelt wird, dass kein Fahrrad angeboten wird. Es wurde ja nach einem Auto und nicht nach einem Fahrrad gesucht. Mithin ist die Schlussfolgerung aufgrund der Prämisse falsch. Richtiger wäre es dann, wenn ich etwas umweltschonenderes suchen würde und nicht die Vorgabe Auto hätte. Wobei zu sagen ist, dass zu Fuß gehen noch umweltschonender wäre als ein Fahrrad zu kaufen…..

    Ergo, es sollte von der richtigen Prämisse ausgegangen werden.

    Nur meine spontanen Gedanken zum Text……

    Eldaron

    • Hallo Eldaron 🙂

      Normopathie meint nicht, dass jeder machen kann was er will. Es geht um die vorhandene kognitive Dissonanz in unserem Leben, die uns destruktiv macht.

      Arno Gruen – Der Wahnsinn der Normalität
      Realismus als Krankheit. Eine Theorie der menschlichen Destruktivität

      Arno Gruen legt die Wurzeln der Destruktivität frei, die sich viel öfter, als uns klar ist, hinter vermeintlicher Menschenfreundlichkeit oder »vernünftigem« Handeln verbergen. Er überzeugt durch die Vielzahl der Beispiele und schafft die Beweislage, dass dort, wo Innen- und Außenwelt auseinanderfallen, Verantwortung und Menschlichkeit ausbleiben.
      dtv.de/buch/arno-gruen-der-wahnsinn-der-normalitaet-35002/

  3. Das, was Angela Weiß schreibt ist völlig richtig und sehr wichtig.
    Ich trage immer Rousseau mit mir herum , und bin dann davon abgekommen, auf das einzugehen, was Angela Weiß sagt.

    Aber so wurden schon die alten Gemeinden verwaltet vor dem 1. Weltkrieg,-die Einnahmen wurden selbst verwaltet.
    In einem großen Staat kann man ja die Souveränität nur wahren dort, wo die Menschen sich gegenseitig kennen .
    Das kann nur geschehen in den Gemeinden selbst. Und die vielen kleinen Teile fügen sich dann zu einem großen Ganzen-ganz verwaltet von den Menschen selbst.
    Ohne Parteien-das Wichtigste!

    • Neulich las ich irgendwo, wie wenig die Gemeinden über ihre Ausgaben bestimmen können. Leider finde ich den Artikel nicht mehr. Aber es war verflucht wenig. Da ist schon alle Möglichkeit der Mit- oder Selbstbestimmung kastriert.

  4. „Es ist ganz leicht, zu beweisen, wenn du dir die Frage beantwortest, was das Teuerste und Wertvollste hier auf diesem Planeten ist. Die Antwort gilt für alle Lebewesen, nicht nur für uns Menschen. Es ist deine Lebenszeit.“

    Lebenszeit das Wertvollste? Ist das so? Darüber könnten wir jetzt aber mal lange diskutieren. 🙂

  5. „Niemand behindert uns so stark, wie wir selbst.“
    Das eigene System zu begreifen und zu handhaben ist schwer genug.
    Die Politik und die politischen Akteure in der Welt führen uns täglich ein System vor, das wir am besten von außen betrachten wie einen Kinofilm. Am Ende schüttelt man die Popcornbrösel ab und macht sich auf den Nachhauseweg. Es gibt noch viel zu tun.

  6. „Wie viele Menschen haben wirklich, ernsthaft und über eine längere Zeit schon mal darüber nachgedacht, ob wir diese Politiker und ihr System der Dressur noch brauchen?“
    Das Bild, dass ich dazu habe: Die Schafe im Pferch hoffen auf einen „guten“ Hirten. Dafür kämpfen sie! Dass Schafe auch ohne Hirten einfach frei für sich leben könnten, Wildschafe sozusagen, ist uns fremd geworden. Der „Gute Hirte“ ist ein zentrales Konzept der christlichen Kirche. Aber der Hirte, auch der „gute“, ist der Angestellte des Bauern, der Lieferant des Schlachters ist. Noch Fragen?
    Die Menschheit hat sich über lange Zeiträume selbst organisiert, in überschaubaren Sippen, Stämmen, Dörfern, Kleinstädten. Heute könnten wir uns besser denn je selbst organisieren, lokal wie global. Vielleicht sind wir ja schon dabei?

    • „Sobald der Staatsdienst aufhört, die Hauptangelegenheit der Bürger zu sein, und sie ihm lieber mit ihrem Gelde als mit ihrer Person dienen, ist der Staat schon seinem Untergange nahe. Zum Kampfe schicken sie Miettruppen und bleiben zu Hause, zur Beratung ernennen sie Abgeordnete und bleiben wieder zu Hause. Infolge ihrer Trägheit und ihres Geldes haben sie schließlich Soldaten, das Vaterland zu unterjochen, und Vertreter, es zu verkaufen.
      Das rastlose Treiben des Handels und der Künste, die nie zu befriedigende Gewinnlust, die Weichlichkeit und Bequemlichkeitsliebe bringen es dahin, daß jeder persönliche Dienst durch Geld ersetzt wird. Man tritt einen Teil seines Verdienstes ab, um desto ungestörter dem Mammon nachjagen zu können. Aber gebet nur Geld her und man wird euch bald mit Ketten lohnen. Das Wort Finanzen ist ein Sklavenwort und in einem wirklichen Gemeinwesen unbekannt. In einem wahrhaft freien Lande tun die Bürger alles mit ihren Armen und nichts mit dem Gelde; weit entfernt, sich von ihren Pflichten freizumachen, würden sie noch dafür bezahlen, sie persönlich zu erfüllen. Ich stimme der gewöhnlichen Ansicht durchaus nicht bei; ich bin überzeugt, daß Frondienste mit der Freiheit weniger im Widerspruch stehen als Abgaben.
      Je vollendeter die Staatsverfassung ist, desto mehr überwiegen die öffentlichen Angelegenheiten in den Augen des Staatsbürgers die privaten. Es gibt dann sogar weit weniger Privatangelegenheiten, weil von der Summe der allgemeinen Wohlfahrt ein weit beträchtlicherer Teil auf die des einzelnen übergeht, und derselbe deshalb durch eigene Sorge weit weniger zu erringen braucht. In einem gut verwalteten Gemeinwesen eilt jeder zu den Versammlungen; unter einer schlechten Regierung hat niemand Lust, auch nur einen Schritt darum zu tun, weil an dem, was dort vorgeht, niemand Anteil nimmt. Es läßt sich voraussehen, daß der allgemeine Wille dort nicht zur Herrschaft gelangen wird, und die häuslichen Sorgen keine anderen Interessen zulassen. Aus den guten Gesetzen gehen noch bessere hervor, aus den schlechten noch schlechtere. Sobald man bei Staatsangelegenheiten die Worte hören kann: »Was geht das mich an?« kann man darauf rechnen, daß der Staat verloren ist.“

      Rousseau / Der Gesellschaftsvertrag

    • Rousseau beschreibt da schon vor langer Zeit, was heute passiert.
      Der Gesellschaftsvertrag ist eigentlich so etwas wie die Grundanleitung für einen Staat.
      Das Grundwissen, was jeder Handwerker lernt, wenn er ein Handwerk ausüben möchte.
      So wie ein Schlosser lernt mit Säge und Feile umzugehen, um später auch die modernen Techniken der Computergesteuerten Fertigungsverfahren zu erlernen.
      Oder der Tischler, der als Lehrling auch noch das Zinken lernt ,trotz unserer modernen, technisierten Arbeitswelt.

      Genau so wäre der Gesellschaftsvertrag anzusehen,-als ein universales Grundlagenwerk, das jeder kennen sollte.

    • @Angela Weiß

      Richtig: „Heute könnten wir uns besser denn je selbst organisieren, lokal wie global.“

      Aussteiger hat es schon immer gegeben. Viele mussten wieder „einsteigen“ oder waren nie wirklich ausgestiegen.
      Was die heutigen Digital Nomads angeht:
      Ich habe viele über die Jahre in Asien kennen gelernt. Viele darben mehr oder weniger vor sich hin. Viele müssen aufgeben und dürfen sich glücklich schätzen, wenn das Geld für die Heimfahrt reicht. Manche enden auf der Straße in Bangkok, Hongkong oder sonst wo. Manche sind erfolgreich. Aber selbst die Erfolgreichen sind meist nicht so erfolgreich, dass sie sich nicht um ihren Lebensabend Gedanken machen müssten. Oder um Krankheit etc. Man lebt aber oft von Tag zu Tag.
      Soviel zu den Digital Nomads, die eigentlich „Einsteiger“ sind.
      Andere Konzepte der Selbstorganisation!

    • „Wie viele Menschen haben wirklich, ernsthaft und über eine längere Zeit schon mal darüber nachgedacht, ob wir diese Politiker und ihr System der Dressur noch brauchen?“
      Gebraucht hab ich die nie!
      Also, das ist mir ziemlich schnell klar geworden.
      Die politisch glücklichste Zeit empfand ich in der sogenannten Wendezeit.
      Aber das dauerte höchstens ein halbes Jahr.
      Das eine System hatten wir hinter uns gelassen – uns aber schon die „neue Rute (Züchtigungsinstrument) auf den Arsch gebunden“!

  7. „Gehören wir uns selbst?“

    Sich selbst zu gehören setzt wohl voraus, dass es ein „Selbst“ gibt. Ein „Ich“ , das seiner selbst bewußt ist. Ein „Ich“ das achtsam ist, bei allem was das „Ich“ macht, z.B. beim Erzeugen und Verbrauchen von Menschen und Konsumieren und Erzeugen von Waren (Tieren) in unserer Konsumgesellschaft.

    • @Redmer

      In unserer industriellen Konsumgesellschaft sind Tiere Waren. Sie werden industriell erzeugt von Produzenten und industriell verbraucht von Konsumenten.
      Der Mensch erzeugt und verbraucht Menschen und er erzeugt und verbraucht Tiere. Dass der Mensch Tiere verbraucht, das gelangt immer mehr Menschen ins Bewusstsein. Nur sehr selten ins Bewusstsein gelangt, dass der Mensch auch Menschen erzeugt und verbraucht.

    • Ob Menschen das tun ist solch eine Frage-würden Menschen ein solches System erschaffen,das wir heute haben?
      Mit der perversen Massentierhaltung und der Arbeitswelt, die ein Abbild davon ist, wie mit Tieren umgegangen wird.
      Die normale Bevölkerung hat das so nie gewollt-dahinter steckt ein System, dass diese Matrix erschaffen hat.
      Das wäre wichtig zu sagen,-man muss die Gründe und Ursachen benennen für den Wahnsinn.

      Manche Leute wie ein Stephen? Icke meinen ,dass wir von Wesen beherrscht werden, die nicht gerade an Menschen erinnern. Das liest man von den verschiedensten Leuten,-auch ein Michael Tellinger spricht davon .

    • Erstaunlich ist auch ,Tony,dass sie selbst das nicht kritisieren, als wäre es ihnen egal!?sie beschreiben nur das ,was passiert. Und das weiß ich selbst auch.

    • @ Redmer

      Mir persönlich reicht, was ich über den Menschen in Wissenschaft und Literatur gelesen und im praktischen Leben meiner eigenen Geschichte erfahren habe und sich seit meinem Geschichtsstudium als junger Mensch durch Jahrzehnte eigener Recherchen wegen der vielen offenen Fragen nach dem Studium zu einem Bild des Menschen entwickelt hat. Es mag „Wesen“ geben. Oder wir wurden von Aliens zur Erde gebracht. Etc. Ich halte mich diesbezüglich an den Leitsatz: Über Dinge, von denen man nichts weiß oder wissen kann, ist es besser zu schweigen. Ich persönlich brauche keine „Wesen“ oder „Aliens“, wobei ich natürlich nicht ausschließen kann, dass es sie gibt. Goethe sprach von Dämonen.
      „Würden Menschen ein solches System erschaffen, das wir heute haben?“ Meine Antwort: Ja, sie haben das Jahrtausende lang so oder ähnlich immer wieder getan. Es sind keine „Wesen“ erforderlich, um eine Situation zu erschaffen, in der die Welt des Krieges müde war und somit Hiroshima und Nagasaki von der Weltgemeinschaft als Notwendigkeit akzeptiert wurde, während es in der Tat ein wissenschaftliches Experiment war – und die Ansage, wer in Zukunft der Hegemon ist. Nur ein Beispiel der jüngeren Vergangenheit.

    • @ Redmer
      Keineswegs egal. Aber ich kann den Menschen, die Menschheit, nicht ändern. Ich kann nur mich selbst ändern, sonst niemanden, der sich nicht ändern lassen will. Haben Sie Kinder? Dann haben Sie vielleicht schon lernen müssen, wie ich auch: „Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen.“ (Goethe).

  8. Schon richtig, nur:

    Ich habe immer das Gefühl und den Verdacht, dass die meisten Menschen hier sich gar kein anderes System wünschen, sondern mit diesem immer noch ganz zufrieden sind!

    Also Kita, Schule, Ausbildung, Job, Geldverdienen, Partnerschaft, Heirat, Kinder kriegen, Haus bauen, SUV fahren, Grillen, Urlaub machen, Feiern, Reisen, Rente, Enkel, Seniorenheim, leichter Tod sind so die Vorstellungen in meiner Umgebung. Wahlen, Parteien und all das fallen dabei eher unter den Tisch.

    Wie wir es eben auch seit Jahrzehnten und länger von Gesellschaft und Medien als Ideal eingetrichtert bekommen haben, Männlein wie Weiblein, Zugezogene wie Hiesige.

    Als schönes, lebenswertes Leben eben, das es unbedingt zu erreichen gilt und wo gar nicht viel Platz ist für Eigenverantwortung und Mitdenken.

    Echter Wandel entsteht erst durch Verlust, Schmerz und Reife und das möchte natürlich Jeder vermeiden, ganz besonders wenn es dann um so mühsam erworbenen Dinge und Status geht.

    Gerade jetzt mit dem Grünen-Hype ist (in den Foren…) so schön zu beobachten, wie wenig die Menschen auch nur ansatzweise irgendwie bereit sind, zugunsten der Umwelt, Tiere, Planet etc. ihre liebgewonnenen Dinge, Gewohnheiten, Nahrung, Essen, Auto, Flugreisen zumindest einzuschränken, um einen Wandel zu unterstützen.
    Da wird bereits jetzt schon schwer geschimpft und alles soll beim Alten bleiben.

    Die Frage nach dem System hat ihre unbedingte Berechtigung und es geht ohne sie überhaupt nicht.

    Nur…wer will sie hören und vielleicht sogar umsetzen?

    • Glaube ich nicht und das nichts zu machen ist, glaube ich erst recht nicht. Wer meine Artikel liest, der wird wissen, dass ich sehr viele Vorschläge gemacht habe.

    • Hier geht es wohl um die individuelle Bedeutung von „machen“.

      Wenn „machen“ bedeutet, dass System auf einmal zu den eigenen Wünschen hin zu verändern, eine sofort sichtbare Veränderung herbeizuführen, die vermeintlichen Ursachen auszuradieren, dann ist wohl nichts zu machen.

      Dadurch das Herr Lenz diese Artikel schreibt, macht er aber schon etwas. Für mich bedeutet das lesen der Artikel, obwohl ich nicht sagen würde das viel „neues“ für mich zu entdecken wäre, aber das Neue ist sowieso völlig überbewertet und Teil des Symptoms der westlichen, christlichen Geisteskrankheit, die wir alle systembedingt in uns tragen, dass ich eine Art Spiegelung erfahre und mich in meinem Denken bestärkt fühle, dass ich dadurch Zuspruch erfahre und das hilft mir, mich nicht so allein zu fühlen.

      Ich finde das sehr konstruktiv.

    • Verehrter Herr Lenz,
      habe den Artikel nochmal, mit mehr Empathie gelesen und muss Ihnen Recht geben.
      Destruktiv war Ihr Artikel nicht. Ich hatte den letzten Satz überbewertet.

    • @blauersalamander
      Den Artikel noch mal lesen und zu einer neuen Einschätzung kommen, etwas eingestehen und ein eigenes un-recht zugeben…das kommt leider sehr selten vor. Respekt!

      Ich ertappe mich selber viel zu häufig dabei, dass mein erster Eindruck hauptsächlich geprägt ist durch eine innere Eile, eine innewohnende Hektik und er somit oft nur an der Oberfläche bleibt und dieser Eindruck sich beim zweiten lesen relativiert.

    • @blauersalamander
      Das finde ich sehr nett von Ihnen.
      Da könnten sich viele im Netz eine dicke Scheibe von abschneiden.

      RESPEKT!
      auch von mir 🙂

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