Tagesdosis 5.9.2018 – Das Navi der traumatisierten Gesellschaft (Podcast)

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Was in Chemnitz geschah, ist nun schon über eine Woche her. Politische Gruppierungen huldigten ihren politischen Doktrinen. Denn eines, dass wissen alle politische Strömungen immer, wenn es um die politische Wurst geht: Erkenne Deinen Feind, beschütze Deinesgleichen und provoziere den Feind. Wenn er sich wie ein Feind benimmt, dann gehe gegen ihn vor, wir kommen nach. Überall witterte man rechte Gesinnung. Nur die Antifa und die Linksextremen waren natürlich im Recht. Antideutsche Musiker traten auf, deren Fans wurden mit Bussen angekarrt. Bürgerliche eher der Mitte zuzuordnende Menschenmassen wurden den paar echten Rechten gleich und sofort zugeordnet. Denn eines ist gewiss: Erkennen den Feind! So hast du das volle Recht, die Legitimität der eigenen Gruppe zu verifizieren.

Bindung und Trennung

Ja, es geht schlichtweg immer nur um den, der anders ist. Innerkulturelle Verfeindungen gibt es in allen Kulturen. Sie hetzen sich gegenseitig auf, stacheln einander an und bekämpfen sich. Das alles gehört zum guten politischen Ton. Nicht alle Menschen, die sich irgendeinem politischen Spektrum zugehörig fühlen, sind auch gleich die extremen Ränder, die ihre politische Doktrinen bestimmen. Doch solche Angebote, wie die, die in Chemnitz für politische Wahrheiten hergehalten haben, werden stets missbraucht. Zuerst von den Diensten, dann von den Medien und dann von den Parteien, die die Regierung bilden. Herrsche und Teile betrifft uns alle, nicht bloß, wenn wir von anderen Gebieten, anderen Ländern und Menschen hören. Es betrifft uns auch hier.

Jetzt wird sich wieder einmal distanziert, es wird deabonniert, es werden die Fronten verhärtet und in Gruppenbindung investiert. Vielleicht wurden rechte Parolen fingiert und linkes Steinewerfen ebenfalls? Wer könnte das Trennende fördern und das Bindende zerstören? Aus welchem Grund? Kommt das denn niemanden bekannt vor? Warum kann man das mit uns so leicht machen? Warum folgen wir nie den Bindungskräften? Warum jedoch immer den Trennungskräften? Was ist der Grund? Sind wir alle wirklich so uneins? Sind wir so selbstzerstörerisch? Ich glaube nicht. Warum wirkt das völlig abgenutzte rechte Stigma noch immer so stark, obwohl rechts zu sein nicht gleichbedeutend ist mit Fascho zu sein. Wer das so behauptet, der scheint einen Dachschaden zu haben. Genau so wie der, der immer meint, Links oder Grün zu sein sei gleich linksgrün versifft. Beide Argumente sind verhärtete Kommunikationsstile, die wir in der Menschheitsfamilie überwinden sollten. Denn es sind Waffen, die wir gegen uns selbst richten.

Was ich immer und immer wieder feststelle, das sind unsere inneren Fallen. Diese schalten dann unseren Verstand aus, fahren ihn komplett herunter und nur noch das Emotionale erscheint. Wie bei Pavianen oder Schimpansen. Genau so sehen wir dann auch aus und streiten, schreien und beleidigen uns gegenseitig. Franz Ruppert, Professor für Psychologie, fragt sich, wer wir alle eigentlich sind und was wir alle aus uns gemacht haben, in einer traumatisierten Gesellschaft. Ja, wer bin ich und was haben diese Traumen alle mit mir angestellt? Da auch ich mit vielen traumatisierten Menschen zu tun hatte, fällt es mir leicht, ihm zu folgen. Oft denken wir, dass ein Trauma etwas großes, etwas ungeheuer Einscheidendes sei. Das ist es auch. Aber nicht alle Traumen sind posttraumatische Belastungsstörungen, wie die, die ein Kriegsteilnehmer bekommen kann. Es sind eher unsere kleineren und mittleren Traumen. Um die kümmert sich Franz Ruppert viel mehr und ist, aufgrund seiner Jahrzehntelangen Arbeiten mit traumatisierten Menschen dahinter gekommen, dass wir alle traumatisierte Menschen sind. Oft auch mehrfach traumatisiert.

Die traumatisierte Gesellschaft

Ich kann Franz Ruppert da nicht widersprechen. Auch ich bin mehrfach traumatisiert worden. Mein erstes Trauma bekam ich, als ich sechs Wochen jung war. Da verknotete sich mein Darm und ich musste notoperiert werden. Die Ärzte machten dabei etwas falsch und prompt wurde ich noch einmal operiert. Als meine Mutter mich dann nach ein paar Tagen wieder sah, wurden aus meinen blonden Haaren pechschwarze Haare. Mit drei Jahren platzte die Narbe einfach stellenweise auf. Ich musste in eine Kinderklinik. Dort machte ich mich ein, mit Urin und Kot. Ich erbrach mein Essen. Wir Kinder lagen damals in einem großen Saal. Bett an Bett. Und die größeren Kinder zwangen mich, mein Erbrochenes wieder zu essen. Das war mein zweites Trauma. Niemand kümmerte sich 1965 um so etwas. Ich kam mit Hospitalismus nach Hause und fortan ließ ich niemanden mehr an mich ran. Das war schon mein viertes Trauma. Noch heute gelingt es nur wenigen Menschen, sich mir wirklich anzunähern. Ich lasse es einfach nicht zu. So machen uns unsere Traumen und wir bemerken es nicht einmal. Wir müssen darauf gestupst werden, das wir sie in uns mittragen, ihnen folgen und ihr dunkles Geflecht ausleben. Dann kam mein sechstes Trauma hinzu. Ich bemerkte, etwa mit fünf oder sechs Jahren, dass mein Vater mich nicht mochte. Er mochte auch meine weiteren drei Geschwister nicht. Alles, was er für uns tat, tat er mit Verachtung, mit Strafe und mit Prügel.

Traumen sind wie ein Navigationssystem in uns, das sich von selbst die Routen ausdenkt und uns davon überzeugt, dass jede einzelne Route freiwillig von uns selbst gewünscht sei. Franz Ruppert geht davon aus, dass fast einhundert Prozent von uns traumatisiert wurden. Jemand, der einen anderen zu Tode sticht, zu Tode würgt oder anders zu Tode bringt, ist ein traumatisierter Mensch. Er bringt damit zum Ausdruck, was er in sich nicht lösen kann. Das trifft ganz sicher auf den Täter in Chemnitz auch zu. In Chemnitz haben sich viele treiben lassen. Die Antifa ist dazu verkommen, traumatisierte Menschen anzuziehen und deren Traumen für die antifaschistische Idee zu nutzen. Dass fast das genaue Gegenteil aus der antifaschistischen Idee wurde, ist ein dickes Indiz dafür, dass mit denen etwas ganz Grundsätzliches nicht stimmt, die diesen Drill und den Gehorsam mitmachen, um destruktives Verhalten zu optimieren und auf andere Mitmenschen zu stülpen. Das Gleiche gilt für alle Gruppen, deren Ziel Destruktivität nicht ausschließt. Denn dort können sie ihre innere Zerrissenheit zur Schau stellen, vermeintlich andere Menschen in Gruppen zusammenschlagen. Alle Gruppen dort bindet das Anderssein auf andersdenkende Menschen. Solche wissen schlichtweg nichts über ihre eigene innere Zerrissenheit, über ihre Traumakultur im Inneren.

Birgit Assel, eine Traumatherapeutin, hat für das Online-Magazin Rubikon einen Bericht über traumatisierte Mütter und Babys geschrieben, der mich zutiefst bewegt und entsetzt hat, Die traumatisierte Gesellschaft. Dort beschreibt sie, wie bei Entbindungen Babys und werdende Mütter durch die medizinisch korrekte Prozedur der Entbindung regelmäßig traumatisiert werden. Sie beschreibt das alles derart detailreich, dass einem schlichtweg die Wut hochkommt, auf dieses unmenschliche medizinische Prozedere. Natürlich ist das nicht in allen Entbíndungsstationen so. Das sei hier ausdrücklich angemerkt.

Uns allen sind unsere Traumatisierungen nicht bewusst. Aber sie stellen die größte Wirkkraft in unserem Verhalten dar. Tagtäglich. Aus diesem Blickwinkel heraus habe ich mir die Ereignisse in Chemnitz angeschaut. Die ganzen politischen Richtungen sind Ausdruck unterschiedlicher Traumen. Das hört sich natürlich erst einmal unglaubwürdig an. Liest man aber das Buch von Franz Ruppert, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Und weiß man zusätzlich, was der Psychoanalytiker Arno Grün uns dazu in seinen zahlreichen Büchern hinterlassen hat, dann wird es allerhöchste Zeit, sich einmal ausführlich damit zu beschäftigen; das gilt insbesondere gerade für all diejenigen, die das jetzt für ganz großen Unsinn halten mögen. Wir alle zusammen genommen leben quasi in einem politischen Konstrukt, und das nicht erst seit Jahrzehnten, das man sehr gut mit dem Begriff Stockholm-Syndrom-light bezeichnen kann. Wir sind in unsere Peiniger vernarrt, in unser Peinigersystem, weil wir selbst nach Peinigung anderer Ausschau halten.

Opferhaltung produziert Sündenbock-Syndrom

Die Abwehr zu den eigenen Traumen ist verständlich und nur all zu menschlich. Doch wollen wir wirklich etwas bewegen, dann sollten wir unsere Traumen zunächst auflösen. Unsere Gesellschaft kann geheilt werden. Das aber nur, wenn viele von uns sich dessen bewusst würden. Die Aufmärsche, Sammlungen, Proteste und Kundgebungen in Chemnitz waren alle voll solcher Symptome. Wir sind nicht nur im Inneren von uns selbst getrennt. Wir sind auch als Gemeinschaft getrennt. Ich habe ein Video herausgebracht, in dem ich ganz klar aufzeige, das Wahrheit Krieg bedeutet. Das habe ich von dem Physiker Heinz von Förster übernommen: Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Und genau das sehen wir auch in Chemnitz. Alle Gruppierungen dort stellen ihre Wahrheiten vor, vereinen sie in Sätzen, die dann von allen gesagt werden, gleichzeitig. Egal welches Lager – sie tun es alle; auch die Künstler dort. Alle sprechen ihre Wahrheiten und Wahrheiten grenzen immer andere Wahrheiten aus. Das ist der Zweck von Wahrheiten, die gesellschaftlicher Natur sind, sie werden zu Mauern im Geiste umfunktioniert. Und so instrumentalisieren wir Menschen Wahrheiten zu Waffen im Krieg um die einzig gültige Wahrheit.

Wenn der Mensch allein in seinem emotionalen Weltbild feststeckt, den Verstand nicht komplett nutzt, dann ist das ein Zeichen für eine festgefahrene sehr konfliktlastige Überzeugungskraft. Konflikte erzeugen immer Kämpfe. Traumen sind Konflikte. Traumen setzen ein starres emotionales Erleben in uns fest, koppeln die Vernunft immer davon ab und übrig bleibt ein emotionales Erleben, das von Mal zu Mal ein immer extremistischeres Verhalten zeigt. Das geschieht bei leichteren Traumen schleppend und langsam, also mit der Zeit. Bei stärkeren oder sehr starken Traumen plötzlich und sehr impulsiv. Die inneren Bilder übernehmen die äußere Realität – das ist die Wirkmächtigkeit aller Traumen.

Die Strategie des Traumas ist es, uns in so gut wie allem als Opfern zu empfinden. Fast alle sind Opfer und projizieren dieses innere Opfersein, die Opferhaltung nach außen in andere Gruppen und auch in Menschen hinein. Die ganze politische Kultur ist vom Opferdasein geprägt. Daher ist es auch zu erklären, dass Personen des öffentlichen Lebens zunächst umjubelt werden, fast schon exstatisch und dann zum falschen Menschen erklärt werden. Zunächst erhoffen sich die Klatscher und Umjubeler von dieser zunächst tollen Person die Befreiung ihrer inneren schlimmen Bilder. Man könnte dies das Führer- und Befreier-Symptom nennen. Ich kann nicht, was ich will, du aber sollst tun und realisieren, was ich will. Das kann diese öffentliche Person natürlich gar nicht leisten. Denn niemand kann eine andere Person leiten, außer sich selbst. Denn niemand lebt einen anderen Menschen, man kann nur sich selbst leben. Fällt dass den Umjubelern dann ein, dass die öffentliche Person nicht deren Wollen erfüllt, dann wird diese öffentliche Person zum Sündenbock dieser nicht eingelösten Befreiung und Hoffnung verbal gesteinigt. Sich nicht von der eigenen inneren Unfähigkeiten zu befreien, wird umgelenkt in einen äußeren Sündenbock. Dann ist die eigene Welt wieder okay. Wenn man weiß, wer der Böse ist, hat der Tag Struktur, meinte Volker Pisper und traf damit den Nagel auf den Kopf. Doch das verfestigt nur die eigenen inneren Haltungen und die innere Traumaindustrie verfestigt sich und bekommt noch höheren Status: Ich weiß ganz genau, solchen ist nicht zu trauen, niemals! Die Strategien sind immer die Gleichen: Bagatellstrategie werden ausgerufen, eine Rechtfertigung für das Verhalten wird organisiert und ein Legitimationsgrund festigt das eigene krude Weltbild. Dadurch ist der Einzelne nicht mehr in der Lage, seine eigenen Irrungen zu erkennen. Macht man solche mittels Text oder Rede auf dieses krude Weltbild aufmerksam, folgt die Opferhaltung. Und da es so viele Opfermenschen gibt, schnellen dort auch die Daumen auf Facebook oder YouTube rasant in die Höhe. Herrsche und Teile entsteht und verfestigt sich erneut, durch eine miniaturisierte Gruppenbildung der inneren Opferhaltungen. Ein Teufelskreis entsteht, den nur diejenigen erkennen, die verstehen, dass die seltsamen Wiederholungen, die sie im Laufe ihres Lebens mit den unterschiedlichsten Menschen gemacht haben, dass diese ein Spiegel ihrer eigenen Unzulänglichkeiten darstellen. Was du im Anderen so zu erkennen glaubst, ist nur ein Spiegel, in den du gerade selbst hinein schaust. Der Mensch im Spiegel bist du und wenn es dir schwerfällt, ihn zu erkennen, dann liegt das daran, dass er viel jünger ist, als du es jetzt bist.

Viele von uns werden wohl noch lange dafür brauchen, in dem eigenen Spiegel auch das eigene Gesicht und sein inneres Kind zu erblicken. Solange das nicht geschieht, weltweit, werden wir den Frieden in uns und um uns herum vergeblich suchen. Traumatisierte Menschen werden sich weiterhin darin vergehen, sich nicht gegenseitig, als die zu erkennen, der sie sind. Gekränkte Kinder, die sich im Sandkasten noch immer die Schaufeln gegenseitig auf den Kopf knallen. Sie meinen damit, dass es in deinem Kopf wohl nicht so recht piept. Meinen damit aber eigentlich ihren Eigenen.

Quellen

https://www.klett-cotta.de/sixcms/detail.php?template=suche&vt=Wer+bin+ich&vt_autoren=Name+eingeben

https://www.booklooker.de/Bücher/Foerster-Heinz-von-Pörksen-Bernhard-Wahrheit-ist-die-Erfindung-eines-Lügners/id/A028ZH0S01ZZF?pid=8&gclid=CjwKCAjw2rjcBRBuEiwAheKeL1EVW2SXragCELk7PfhfjD5m5igXpqVzgqrnKXISLbvrDWGR9jRbBBoC6KYQAvD_BwE

https://www.rubikon.news/artikel/die-traumatisierte-gesellschaft

https://www.booklooker.de/Bücher/Angebote/autor=Arno+gruen?lid=1

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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