Tagesdosis 5.9.2018 – Das Navi der traumatisierten Gesellschaft

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Was in Chemnitz geschah, ist nun schon über eine Woche her. Politische Gruppierungen huldigten ihren politischen Doktrinen. Denn eines, dass wissen alle politische Strömungen immer, wenn es um die politische Wurst geht: Erkenne Deinen Feind, beschütze Deinesgleichen und provoziere den Feind. Wenn er sich wie ein Feind benimmt, dann gehe gegen ihn vor, wir kommen nach. Überall witterte man rechte Gesinnung. Nur die Antifa und die Linksextremen waren natürlich im Recht. Antideutsche Musiker traten auf, deren Fans wurden mit Bussen angekarrt. Bürgerliche eher der Mitte zuzuordnende Menschenmassen wurden den paar echten Rechten gleich und sofort zugeordnet. Denn eines ist gewiss: Erkennen den Feind! So hast du das volle Recht, die Legitimität der eigenen Gruppe zu verifizieren.

Bindung und Trennung

Ja, es geht schlichtweg immer nur um den, der anders ist. Innerkulturelle Verfeindungen gibt es in allen Kulturen. Sie hetzen sich gegenseitig auf, stacheln einander an und bekämpfen sich. Das alles gehört zum guten politischen Ton. Nicht alle Menschen, die sich irgendeinem politischen Spektrum zugehörig fühlen, sind auch gleich die extremen Ränder, die ihre politische Doktrinen bestimmen. Doch solche Angebote, wie die, die in Chemnitz für politische Wahrheiten hergehalten haben, werden stets missbraucht. Zuerst von den Diensten, dann von den Medien und dann von den Parteien, die die Regierung bilden. Herrsche und Teile betrifft uns alle, nicht bloß, wenn wir von anderen Gebieten, anderen Ländern und Menschen hören. Es betrifft uns auch hier.

Jetzt wird sich wieder einmal distanziert, es wird deabonniert, es werden die Fronten verhärtet und in Gruppenbindung investiert. Vielleicht wurden rechte Parolen fingiert und linkes Steinewerfen ebenfalls? Wer könnte das Trennende fördern und das Bindende zerstören? Aus welchem Grund? Kommt das denn niemanden bekannt vor? Warum kann man das mit uns so leicht machen? Warum folgen wir nie den Bindungskräften? Warum jedoch immer den Trennungskräften? Was ist der Grund? Sind wir alle wirklich so uneins? Sind wir so selbstzerstörerisch? Ich glaube nicht. Warum wirkt das völlig abgenutzte rechte Stigma noch immer so stark, obwohl rechts zu sein nicht gleichbedeutend ist mit Fascho zu sein. Wer das so behauptet, der scheint einen Dachschaden zu haben. Genau so wie der, der immer meint, Links oder Grün zu sein sei gleich linksgrün versifft. Beide Argumente sind verhärtete Kommunikationsstile, die wir in der Menschheitsfamilie überwinden sollten. Denn es sind Waffen, die wir gegen uns selbst richten.

Was ich immer und immer wieder feststelle, das sind unsere inneren Fallen. Diese schalten dann unseren Verstand aus, fahren ihn komplett herunter und nur noch das Emotionale erscheint. Wie bei Pavianen oder Schimpansen. Genau so sehen wir dann auch aus und streiten, schreien und beleidigen uns gegenseitig. Franz Ruppert, Professor für Psychologie, fragt sich, wer wir alle eigentlich sind und was wir alle aus uns gemacht haben, in einer traumatisierten Gesellschaft. Ja, wer bin ich und was haben diese Traumen alle mit mir angestellt? Da auch ich mit vielen traumatisierten Menschen zu tun hatte, fällt es mir leicht, ihm zu folgen. Oft denken wir, dass ein Trauma etwas großes, etwas ungeheuer Einscheidendes sei. Das ist es auch. Aber nicht alle Traumen sind posttraumatische Belastungsstörungen, wie die, die ein Kriegsteilnehmer bekommen kann. Es sind eher unsere kleineren und mittleren Traumen. Um die kümmert sich Franz Ruppert viel mehr und ist, aufgrund seiner Jahrzehntelangen Arbeiten mit traumatisierten Menschen dahinter gekommen, dass wir alle traumatisierte Menschen sind. Oft auch mehrfach traumatisiert.

Die traumatisierte Gesellschaft

Ich kann Franz Ruppert da nicht widersprechen. Auch ich bin mehrfach traumatisiert worden. Mein erstes Trauma bekam ich, als ich sechs Wochen jung war. Da verknotete sich mein Darm und ich musste notoperiert werden. Die Ärzte machten dabei etwas falsch und prompt wurde ich noch einmal operiert. Als meine Mutter mich dann nach ein paar Tagen wieder sah, wurden aus meinen blonden Haaren pechschwarze Haare. Mit drei Jahren platzte die Narbe einfach stellenweise auf. Ich musste in eine Kinderklinik. Dort machte ich mich ein, mit Urin und Kot. Ich erbrach mein Essen. Wir Kinder lagen damals in einem großen Saal. Bett an Bett. Und die größeren Kinder zwangen mich, mein Erbrochenes wieder zu essen. Das war mein zweites Trauma. Niemand kümmerte sich 1965 um so etwas. Ich kam mit Hospitalismus nach Hause und fortan ließ ich niemanden mehr an mich ran. Das war schon mein viertes Trauma. Noch heute gelingt es nur wenigen Menschen, sich mir wirklich anzunähern. Ich lasse es einfach nicht zu. So machen uns unsere Traumen und wir bemerken es nicht einmal. Wir müssen darauf gestupst werden, das wir sie in uns mittragen, ihnen folgen und ihr dunkles Geflecht ausleben. Dann kam mein sechstes Trauma hinzu. Ich bemerkte, etwa mit fünf oder sechs Jahren, dass mein Vater mich nicht mochte. Er mochte auch meine weiteren drei Geschwister nicht. Alles, was er für uns tat, tat er mit Verachtung, mit Strafe und mit Prügel.

Traumen sind wie ein Navigationssystem in uns, das sich von selbst die Routen ausdenkt und uns davon überzeugt, dass jede einzelne Route freiwillig von uns selbst gewünscht sei. Franz Ruppert geht davon aus, dass fast einhundert Prozent von uns traumatisiert wurden. Jemand, der einen anderen zu Tode sticht, zu Tode würgt oder anders zu Tode bringt, ist ein traumatisierter Mensch. Er bringt damit zum Ausdruck, was er in sich nicht lösen kann. Das trifft ganz sicher auf den Täter in Chemnitz auch zu. In Chemnitz haben sich viele treiben lassen. Die Antifa ist dazu verkommen, traumatisierte Menschen anzuziehen und deren Traumen für die antifaschistische Idee zu nutzen. Dass fast das genaue Gegenteil aus der antifaschistischen Idee wurde, ist ein dickes Indiz dafür, dass mit denen etwas ganz Grundsätzliches nicht stimmt, die diesen Drill und den Gehorsam mitmachen, um destruktives Verhalten zu optimieren und auf andere Mitmenschen zu stülpen. Das Gleiche gilt für alle Gruppen, deren Ziel Destruktivität nicht ausschließt. Denn dort können sie ihre innere Zerrissenheit zur Schau stellen, vermeintlich andere Menschen in Gruppen zusammenschlagen. Alle Gruppen dort bindet das Anderssein auf andersdenkende Menschen. Solche wissen schlichtweg nichts über ihre eigene innere Zerrissenheit, über ihre Traumakultur im Inneren.

Birgit Assel, eine Traumatherapeutin, hat für das Online-Magazin Rubikon einen Bericht über traumatisierte Mütter und Babys geschrieben, der mich zutiefst bewegt und entsetzt hat, Die traumatisierte Gesellschaft. Dort beschreibt sie, wie bei Entbindungen Babys und werdende Mütter durch die medizinisch korrekte Prozedur der Entbindung regelmäßig traumatisiert werden. Sie beschreibt das alles derart detailreich, dass einem schlichtweg die Wut hochkommt, auf dieses unmenschliche medizinische Prozedere. Natürlich ist das nicht in allen Entbíndungsstationen so. Das sei hier ausdrücklich angemerkt.

Uns allen sind unsere Traumatisierungen nicht bewusst. Aber sie stellen die größte Wirkkraft in unserem Verhalten dar. Tagtäglich. Aus diesem Blickwinkel heraus habe ich mir die Ereignisse in Chemnitz angeschaut. Die ganzen politischen Richtungen sind Ausdruck unterschiedlicher Traumen. Das hört sich natürlich erst einmal unglaubwürdig an. Liest man aber das Buch von Franz Ruppert, fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Und weiß man zusätzlich, was der Psychoanalytiker Arno Grün uns dazu in seinen zahlreichen Büchern hinterlassen hat, dann wird es allerhöchste Zeit, sich einmal ausführlich damit zu beschäftigen; das gilt insbesondere gerade für all diejenigen, die das jetzt für ganz großen Unsinn halten mögen. Wir alle zusammen genommen leben quasi in einem politischen Konstrukt, und das nicht erst seit Jahrzehnten, das man sehr gut mit dem Begriff Stockholm-Syndrom-light bezeichnen kann. Wir sind in unsere Peiniger vernarrt, in unser Peinigersystem, weil wir selbst nach Peinigung anderer Ausschau halten.

Opferhaltung produziert Sündenbock-Syndrom

Die Abwehr zu den eigenen Traumen ist verständlich und nur all zu menschlich. Doch wollen wir wirklich etwas bewegen, dann sollten wir unsere Traumen zunächst auflösen. Unsere Gesellschaft kann geheilt werden. Das aber nur, wenn viele von uns sich dessen bewusst würden. Die Aufmärsche, Sammlungen, Proteste und Kundgebungen in Chemnitz waren alle voll solcher Symptome. Wir sind nicht nur im Inneren von uns selbst getrennt. Wir sind auch als Gemeinschaft getrennt. Ich habe ein Video herausgebracht, in dem ich ganz klar aufzeige, das Wahrheit Krieg bedeutet. Das habe ich von dem Physiker Heinz von Förster übernommen: Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Und genau das sehen wir auch in Chemnitz. Alle Gruppierungen dort stellen ihre Wahrheiten vor, vereinen sie in Sätzen, die dann von allen gesagt werden, gleichzeitig. Egal welches Lager – sie tun es alle; auch die Künstler dort. Alle sprechen ihre Wahrheiten und Wahrheiten grenzen immer andere Wahrheiten aus. Das ist der Zweck von Wahrheiten, die gesellschaftlicher Natur sind, sie werden zu Mauern im Geiste umfunktioniert. Und so instrumentalisieren wir Menschen Wahrheiten zu Waffen im Krieg um die einzig gültige Wahrheit.

Wenn der Mensch allein in seinem emotionalen Weltbild feststeckt, den Verstand nicht komplett nutzt, dann ist das ein Zeichen für eine festgefahrene sehr konfliktlastige Überzeugungskraft. Konflikte erzeugen immer Kämpfe. Traumen sind Konflikte. Traumen setzen ein starres emotionales Erleben in uns fest, koppeln die Vernunft immer davon ab und übrig bleibt ein emotionales Erleben, das von Mal zu Mal ein immer extremistischeres Verhalten zeigt. Das geschieht bei leichteren Traumen schleppend und langsam, also mit der Zeit. Bei stärkeren oder sehr starken Traumen plötzlich und sehr impulsiv. Die inneren Bilder übernehmen die äußere Realität – das ist die Wirkmächtigkeit aller Traumen.

Die Strategie des Traumas ist es, uns in so gut wie allem als Opfern zu empfinden. Fast alle sind Opfer und projizieren dieses innere Opfersein, die Opferhaltung nach außen in andere Gruppen und auch in Menschen hinein. Die ganze politische Kultur ist vom Opferdasein geprägt. Daher ist es auch zu erklären, dass Personen des öffentlichen Lebens zunächst umjubelt werden, fast schon exstatisch und dann zum falschen Menschen erklärt werden. Zunächst erhoffen sich die Klatscher und Umjubeler von dieser zunächst tollen Person die Befreiung ihrer inneren schlimmen Bilder. Man könnte dies das Führer- und Befreier-Symptom nennen. Ich kann nicht, was ich will, du aber sollst tun und realisieren, was ich will. Das kann diese öffentliche Person natürlich gar nicht leisten. Denn niemand kann eine andere Person leiten, außer sich selbst. Denn niemand lebt einen anderen Menschen, man kann nur sich selbst leben. Fällt dass den Umjubelern dann ein, dass die öffentliche Person nicht deren Wollen erfüllt, dann wird diese öffentliche Person zum Sündenbock dieser nicht eingelösten Befreiung und Hoffnung verbal gesteinigt. Sich nicht von der eigenen inneren Unfähigkeiten zu befreien, wird umgelenkt in einen äußeren Sündenbock. Dann ist die eigene Welt wieder okay. Wenn man weiß, wer der Böse ist, hat der Tag Struktur, meinte Volker Pisper und traf damit den Nagel auf den Kopf. Doch das verfestigt nur die eigenen inneren Haltungen und die innere Traumaindustrie verfestigt sich und bekommt noch höheren Status: Ich weiß ganz genau, solchen ist nicht zu trauen, niemals! Die Strategien sind immer die Gleichen: Bagatellstrategie werden ausgerufen, eine Rechtfertigung für das Verhalten wird organisiert und ein Legitimationsgrund festigt das eigene krude Weltbild. Dadurch ist der Einzelne nicht mehr in der Lage, seine eigenen Irrungen zu erkennen. Macht man solche mittels Text oder Rede auf dieses krude Weltbild aufmerksam, folgt die Opferhaltung. Und da es so viele Opfermenschen gibt, schnellen dort auch die Daumen auf Facebook oder YouTube rasant in die Höhe. Herrsche und Teile entsteht und verfestigt sich erneut, durch eine miniaturisierte Gruppenbildung der inneren Opferhaltungen. Ein Teufelskreis entsteht, den nur diejenigen erkennen, die verstehen, dass die seltsamen Wiederholungen, die sie im Laufe ihres Lebens mit den unterschiedlichsten Menschen gemacht haben, dass diese ein Spiegel ihrer eigenen Unzulänglichkeiten darstellen. Was du im Anderen so zu erkennen glaubst, ist nur ein Spiegel, in den du gerade selbst hinein schaust. Der Mensch im Spiegel bist du und wenn es dir schwerfällt, ihn zu erkennen, dann liegt das daran, dass er viel jünger ist, als du es jetzt bist.

Viele von uns werden wohl noch lange dafür brauchen, in dem eigenen Spiegel auch das eigene Gesicht und sein inneres Kind zu erblicken. Solange das nicht geschieht, weltweit, werden wir den Frieden in uns und um uns herum vergeblich suchen. Traumatisierte Menschen werden sich weiterhin darin vergehen, sich nicht gegenseitig, als die zu erkennen, der sie sind. Gekränkte Kinder, die sich im Sandkasten noch immer die Schaufeln gegenseitig auf den Kopf knallen. Sie meinen damit, dass es in deinem Kopf wohl nicht so recht piept. Meinen damit aber eigentlich ihren Eigenen.

Quellen

https://www.klett-cotta.de/sixcms/detail.php?template=suche&vt=Wer+bin+ich&vt_autoren=Name+eingeben

https://www.booklooker.de/Bücher/Foerster-Heinz-von-Pörksen-Bernhard-Wahrheit-ist-die-Erfindung-eines-Lügners/id/A028ZH0S01ZZF?pid=8&gclid=CjwKCAjw2rjcBRBuEiwAheKeL1EVW2SXragCELk7PfhfjD5m5igXpqVzgqrnKXISLbvrDWGR9jRbBBoC6KYQAvD_BwE

https://www.rubikon.news/artikel/die-traumatisierte-gesellschaft

https://www.booklooker.de/Bücher/Angebote/autor=Arno+gruen?lid=1

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22 Kommentare zu: “Tagesdosis 5.9.2018 – Das Navi der traumatisierten Gesellschaft

  1. Lieber Rüdiger Lenz,
    Frieden ist mehr als ein Waffenstillstand.
    Bis wir aber alle unsere Trauma-Arbeit geleistet und friedlich geworden sind,
    in der Zeit kann ein alter Mann ganz Asien besiedeln (Ich weiß: eine uralte
    Phrase).
    Bis dahin müssen wir wohl mit vielen zwar unbefriedigenden, aber doch
    zielführenden Anti-Kriegsmaßnahmen das Schlimmste zu verhindern suchen.

  2. Weil die Wirklichkeit so vieldimensional ist, können wir sie in vielen verschiedenen Perspektiven betrachten. Jede Perspektive ist wahr, aber sie ist nicht die (einzige) Wahrheit. Die Perspektive auf die Traumata kann sehr hilfreich sein, um die eigene Schizophrenie, die Zerrissenheit und die Widerstände und Gegensätze in uns selbst zu verstehen, vielleicht auch, um Wege zu finden, die inneren Trennungen zu heilen.

    „Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.“ So sehr mir der Satz gefällt – als pointierte Antithese -, das alles reicht mir nicht, um den „Kampf um die Wahrheit“ zu verstehen. Ich denke, die Vorstellung von ‚Wahrheit‘ basiert auf einer in uns wohnenden Ahnung, daß alles irgendwie zusammenhängt. Einer Ahnung, die nach Bestätigung und Gewißheit strebt, denn es ist eine ganz existenzielle Frage unseres Bewußtseins. Also versuchen wir unablässig, einen zusammenhängenden Sinn zu erkennen. Wo das nicht gelingt, werden wir frustriert, verlieren wir das Empfinden von Sinn, fühlen uns hilflos, ohnmächtig. Wir verlieren uns selbst. Also kämpfen wir darum, diesen Sinn wieder erleben zu können. Und wenn wir in unserem analytischen Denken den Sinn der komplexen Wirklichkeit nicht verstehen können, müssen wir sie eben reduzieren auf eine niederdimensionale Perspektive – so weit, bis wir sie als etwas Zusammenhängendes begreifen können, – und nennen das dann ‚Wahrheit‘.

    Der Kampf um und für die (erkannte) Wahrheit ist der Kampf um das Sinnerleben in der eigenen Existenz, notwendigerweise verbunden mit dem Erleben der eigenen Kraft und Macht, zumindest dort, wo diese Existenz als Kampf ums Überleben erlebt wird. Abhilfe schafft – sowohl in der inneren, psychischen als auch in der äußeren, gesellschaftlichen Realität – der Abschied von Macht und Kampf und die Zuwendung zu Koexistenz, Kommunikation und Kooperation.

  3. Danke Herr Lenz!
    Es ist kein Trauma. Es ist der Gang der Dinge, die wir hier so gerne haben. Wenn ich schon die Klassifizierung „bürgerliche Mitte“ höre oder „normale Bürger“… und dann der Rest Rechts und Links und die AfD! Rechte und Linke sind, mag man sie oder nicht Bürger dieser Kolonie! Allein die Verwendung des Obrigkeitssprech ist kontraproduktiv. Die AfD ist legitim nach dem Rechtschaos im Bundesrepublikdeutschland-USA Anhängsel auf der Basis der herrschenden Pseudodemokratie gewählt worden, trotz der Manipulationen der Wahl. Das scheint in der Presse allgemein unbekannt zu sein. Eine Art Lösungsansatz unserer Phobien, unseres Kastendenkens und der Hörigkeit gegenüber des bleiernden Kalbes System Merkel könnte sein, sich von den manipulativen Schubladen und des Nachplapperns der üblichen Schlagwörter wie Hetzjagd, rechter Mob, linker Chaot usw. zu trennen. Reden wir von Menschen, nicht von verpassten Attributen! Chemnitz ist Teil des Planes, hier alles ins Chaos zu stürzen, liebe Schwarz-Roten- und Grünen- und Willkommensbrillenträger. Weiter so und wir werden es rechts oder links bald erleben. Das würde ich meinen Kindern gern ersparen…und sie allesamt? Mögen sie ihre Verwandschaft???

  4. Wer zur bürgerlichen Mitte gehört ist sicherlich nicht automatisch rechtsextrem. Aber es ist die bürgerliche Lebensweise, die Rechts- und Linksextremismus befördert. Es sind die, die von sich behaupten die Verantwortung für ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, dies aber tun, indem sie als priviligierte Arbeitskräfte und Konsumenten den Machteliten dienen. Mit der Einstellung „jeder ist sich selbst der Nächste“ kümmern sie sich nicht darum, dass es bei solch einer Lebensweise zwangsläufig Verlierer geben muß, die ihrer Verantwortung für sich selbst nicht (mehr) nachkommen können.

    Gesellschaftlich besonders fatal ist diese Einstellung, wenn sie auch gegenüber den eignen Kindern vertreten wird. Als ehemaliger Kinderbetreuer habe ich die Vernachlässigung von Kindern miterlebt, deren Eltern der bürgerliche Lebensstil wichtiger war als die psychische Gesundheit ihrer Kinder. Um mehr Zeit für die Arbeit zu haben und sich Hausbau und SUV leisten zu können, brachten sie ihre Kinder in schlecht ausgestatteten Tagesstätten unter, in denen die emotionale Bedürfnisse der Kinder weitgehend ignoriert und die negativen Auswirkungen daraus mit Erziehungsmaßnahmen (und in manchen Fällen sogar mit Ritalin) unterdrückt wurden. Und als wäre das für sich genommen nicht schon schlimm genug, wurden viele dieser Kinder noch zusätzlich unter Druck gesetzt gute Schulleistungen zu erbringen und ihnen gedroht sie würden später sonst als „Loser“ enden.
    Unter solchen permanent traumatischen Umständen ist es doch dann kein Wunder, wenn viele dieser Kinder zu Extremisten heranwachsen! Die, die es schaffen sich den bürgerlichen Lebensstil zu erkämpfen, werden ähnlich kalt und herzlos anderen gegenüber sein wie die eigenen Eltern. Die, die es nicht schaffen, werden – je nach Beziehungsmuster zu den Eltern und anderen Einflüssen – entweder zu Rechtsextremisten, die irgendwelchen bösen fremden Mächten die Schuld für ihr Scheitern geben. Oder sie werden zu Linksextremisten, die in allem was als bürgerliche Mitte bezeichnet wird, die Kälte, Lieblosigkeit und Unterdrückung wiedererkennen, die sie als Kinder von ihren Eltern, Lehrern und Erziehern zu spüren bekommen haben und es deshalb wehement bekämpfen.

    Aber meiner Meinung nach produziert nicht nur das konservative, eher rechte Bürgertum Extremisten. Auch das linksliberale Bürgertum macht sich schuldig. Jan Fleischenhauer hat das in seinem Buch „Unter Linken: von einem der Ausversehen konservativ wurde“ an Hand seiner Beziehung zu seinen Eltern eindrücklich aufgezeigt. Er beschreibt darin (wenn leider auch nur sehr sporadisch) wie seine linksliberal eingestellten Eltern ihm als Kind gegenüber ständig mit der (linken) Moralkeule kamen. Für sich genommen ist es für ein Kind keineswegs traumatisch auf Coca Cola und McDonald’s verzichten und seine dreckige Wäsche selbst waschen zu müssen, aber die von Fleischhauer beschriebenen Situationen zeigen sehr gut wie kalt und lieblos es auch in einem linken Haushalt zugehen kann. Wenn das Grundbedürfnis eines Kindes nach Zuwendung ignoriert wird und die Eltern das mit linken Werten (wie bspw. dem Feminismus) rechtfertigen, ist es kein Wunder, wenn dieses Kind diese Werte zu verachten beginnt und sich später Werten zuwendet, die mit seinem -durch die Vernachlässigung groß gewordenen – Narzissmus kompatibler sind.

    Auf der anderen Seite glaube ich, produzieren linksliberale Haushalte ebenfalls Linksextreme. Ich vermute dass gerade die sogenannten Social Justice Warrior hauptsächlich in linksliberalen Familien aufgewachsen sind. Der Unterschied zu Fleischhauers Situation war, dass die Grundbedürfnisse nach Zuwendung dieser Kinder zumindest teilweise befriedigt wurden. Allerdings nur dann, wenn sie sich wie gewünscht – den linken Werten entsprechend – Verhalten haben. Ein anderes Verhalten wurde nicht geduldet und sofort mit Liebesentzug bestraft (wenn vielleicht auch auf „liebevolle“ Weise).
    Wer so aufwächst hat gelernt das „Böse“ in sich wehement zu bekämpfen und es ebenso in anderen zu bekämpfen. Ich sehe eine starke Paralelle zwischen dem Phänomen der Social Justice Warrior und der Zeit im Mittelalter, als der Einzelne permanent dazu angehalten wurde die Sexualität in sich und bei allen anderen zu bekämpfen. Dem „Sünder“ mit Verständnis und Nachsicht zu begegnen würde bedeuten, ihm etwas zu gewähren, das man selbst (als Kind) nie gewährt bekommen hat.

    Natürlich passt jetzt nicht jede Kindheitsgeschichte in eine der Schubladen, die ich in diesem Text aufgemacht habe. Jedes Schicksal ist im Detail so unterschiedlich, dass ähnliche Lebensgeschichten gegensätzliche Enden haben können. Aber was man an Hand Arno Gruens und Alice Millers Thesen – auf denen mein Text hier weitgehend basiert – verallgemeinernd ableiten kann, ist, dass sich soziale Werte nicht etablieren lassen, indem man sie predigt, sondern nur indem man sie vorlebt – besonders gegenüber Kindern.

  5. Lieber Rüdiger Lenz,
    wie schafft man es eigentlich, wenn man in der Jugend derart schwer verwundet wurde, ein so erfolgreicher Kampfsportler zu werden?
    Nein, das war jetzt eigentlich nicht das Thema, das ich ansprechen wollte. Das war nur ein Nebengedanke, den ich mir erlaubt habe, einzutippen ;o)
    Natürlich gibt es Menschen, die traumatisiert sind. Was mich wundert ist, dass Du nicht als Beispiel auf das Video hinweist, was Du vor etwa einem Jahr mit Morgaine gemacht hast:
    „Kriegerin des Lichts: Maren Herz ‚Morgaine‘ | #1 WIR SIND EINS / #2 Seelische Wunden in der Kindheit“
    https://www.youtube.com/watch?v=RENkUSfttpE
    Der Mut dieser jungen Dame/Musikerin, so offen zu reden, hat mich tief (wirklich sehr!) beeindruckt. Respekt!
    Es ist schön, dass es Menschen gibt, wie Dich, die helfen können. Ich selber könnte zwar gut zuhören und auch irgendwas antworten, aber dabei dann doch eher hilflos blöd aus der Wäsche gucken.
    Und jetzt kommt das Aber ;o)
    Was Du geschrieben hast, ist alles richtig und gut beschrieben, und ich muss mir das wohl noch ein drittes mal durchlesen..
    Die Logik, dass jemand, der sich nicht traumatisiert fühlt, das Trauma einfach nur ins Unbewusste verdrängt hat – das ist kein Argument, sondern eine Tautologie. Auf so eine Weise könnte man alles mögliche behaupten. Also so ist das nicht schlüssig..

  6. lieber Rüdiger
    danke! für deine Worte!

    ich möchte gerne als Hinweis auf eine Stelle im Interview von Franz Ruppert (und Daniele Ganser) durch rubikon zum Thema Trauma hinweisen:
    `Ich`+ `will` sind Grundpfeiler von Identität …`
    https://www.youtube.com/watch?v=0L1YvxI6q2g&t=29m42s

    … jeder kann (wenn er will?) an sich selbst die Wahrnehmung üben,
    wo/wie eins von beidem bei einem Selbst `eingeengt`wird und dann nach dem Warum suchen.
    Im Aussen erscheint das `Warum` einem recht schnell …
    das `Warum` im Innen und damit der Weg zur `Lösung`bedarf wahrscheinlich meist mehr Geduld und ein Überwinden von (selbst aufrecht erhaltenen) Ängsten.

    weniger Gesell(e)-schaft
    mehr Meister-schaft
    😉

    #aufstehen
    #HumanConnection

  7. Weshalb man das mit uns machen kann, weshalb wir immer den Fokus darauf haben was uns trennt und nicht darauf was uns verbindet? Weil uns schon als Kinder Gedankenkonstrukte übergestülpt werden, weil die vielen kleinen täglichen Demütigungen und Verletzungen, nicht spurlos an uns vorbei gehen. Weil uns beigebracht wird besser zu sein als andere, uns zu bestätigen für andere, uns zu verbiegen für andere. Weil man uns nicht beibringt wie man frei denkt, wie man den kleinsten gemeinsamen Nenner für Wahrheit und den grösstmöglichen gemeinsamen Nenner für Menschlichkeit findet.

    Danke für Deine Zeit und Deine Geduld Rüdiger.

  8. Nicht nur, dass wir fast alle hochgradig traumatisiert sind, wir sind auch noch überaus verlogene Heuchler.
    Warum? Also, ich habe mich nicht persönlich bei den Hinterbliebenden des Ermordeten gemeldet und denen gebeten mich an deren Trauer teilhaben zu dürfen. Auch habe ich nicht persönlich meine Unterstützung für diese schwierige Zeit der Familie des Opfers angeboten.
    Habt Ihr bzw. habe wir das alles unternommen? Habt ihr eine einzige Träne für den Ermordeten vergossen? Warum eigentlich nicht? Haben alle Menschen jemals Chemnitz schon mal besucht? Habt ihr das Opfer vor der medialen „Sau-durchs-Dorf-treiben“ persönlich gekannt? War der Mann euch bzw. uns vorher alle nah am Herzen oder doch eher gleichgültig?
    Ist Chemnitz der Mittelpunkt Deutschlands und Deutschlands Mittelpunkt der Welt?

  9. Hallo Herr Lenz,
    ich glaube zu versiehen , worauf Sie hinauswollen, wenn sie schreiben: „Die Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Und genau das sehen wir auch in Chemnitz. Alle Gruppierungen dort stellen ihre Wahrheiten vor, vereinen sie in Sätzen, die dann von allen gesagt werden, gleichzeitig. Egal welches Lager – sie tun es alle; auch die Künstler dort. Alle sprechen ihre Wahrheiten und Wahrheiten grenzen immer andere Wahrheiten aus. Das ist der Zweck von Wahrheiten, die gesellschaftlicher Natur sind, sie werden zu Mauern im Geiste umfunktioniert. Und so instrumentalisieren wir Menschen Wahrheiten zu Waffen im Krieg um die einzig gültige Wahrheit.“

    Ja, das machen die Menschen. Sie halten ihre relativen Wahrheiten für allgemeingültig und glauben, sie anderen aufzwingen zu dürfen.
    Dafür kann aber die intersubjetive, objektive, wirklich allgemeingültige Wahrheit nichts.
    Und es gibt sie, selbstverständlich. Gäbe es sie nicht, dann wäre wirklich völlig beliebig, was wir tun und was wir denken.
    Wer uns die Wahrheit nehmen möchte und behauptet, sie sei eine Erfindung von Lügnern, der ist nicht mein Freund.

    Jeder weiß fundamentale Wahrheiten: Das Leben ist gut.
    Stecke Deinen Kopf unter Wasser und nach spätestens zwei Minuten, wenn Du atemringend an die Oberfläche tauchst, wirst Du es wissen.

    Und so können wir um das Gute, daß das Leben an sich ist, weitere Ringe der Wahrheit errichten.
    Zum Bespiel: Was dem Leben dient, ist ebenfalls gut.

    Ich will damit jetzt nicht fortfahren, aber ich denke, es ist auch schon deutlich geworden, worauf ich hinauswollte: ohne Wahrheit keine Orientierung.

    Und wie es dem einzigen Nicht-Traumatisierten in einer Gesellschaft von Traumatisierten ergangen ist, das wissen wir seit Golgatha.
    Wie waren noch seine Worte?

    „Ich habe Euch die Wahrheit gesagt und daher hasset Ihr mich.“

    Finden Sie persönlich nicht auch in spirituellen Werken oder beispielsweise bei Ken Wilber sehr viel Wahrheit?

    Ich halte das, was jener Physiker (Naturwissenschaftler bleib bei Deinen Leisten) den Sie zitieren, in dem Gespräch, das ich gelesen habe, von sich gibt, für einen öffentlichkeits- und medienwirksamen Trick, der auch vom Teufel sein könnte, metaphorisch gesprochen.

    Postmoderne eben. Kein Anhaltspunkt. Keine Verbindlichkeiten. Nichts als relative Wahrheiten.
    DAS ist die Hölle.

    Metaporisch gesprochen.

    • Je nach dem Grad der Selbsterkenntnis, nach Realisationsgrad und Bewußtheit werden die Menschen strahlendere und liebevollere Wahrheiten finden, eine größer und umfassender als die andere.
      Irgendwann siehst Du dann: Die Wahrheit ist nicht von mir, aber durch mich.
      Und niemand kann sie für sich in Besitz nehmen oder irgend etwas mit ihr machen. (Mauern schon gar nicht.)

    • „Wahrheiten grenzen immer andere Wahrheiten aus“
      Falsch.
      Es sind die Menschen, die andere auszugrenzen.

    • Jawohl – und es sind NUR Menschen, die Wahrheiten haben, denn Wahrheit ist doch lediglich ein Gedankenkonstrukt?? genauso wie „wissenschaftliche“ Erklärungsmodelle (Erdbeschleunigung sei konstant, Lichtgeschwindigkeit sei konstant, Klima sei konstant, …) lediglich Gedankenkonstrukte sind. und genauso wie ich ein Verschwörungstheoretiker 😉 bin.

    • Wahrheit existiert unabhängig von Gedanken und kann unmittelbar erfahren werden.
      Durch Worte, Zeichen, Gedanken kann man auf Wahrheit nur deuten.
      Und hier liegt die Schwierigkeit: das Unaussprechliche in Worte zu fassen.
      Hier liegt die Ursache für Konflikte.

  10. Das ganze ist kein Ausrutscher der Bürgerlichen Welt, sondern Ausdruck ihrer grundlegenden Strukturen: Öffentlichkeit, Abspaltung (im psycho-analytischen Sinne durchaus auch) und der Sphäre der Freiheit im Privaten. Wenn ich im Folgenden von Subjekt spreche, meine ich die ausschließlich einzig zulässige gesellschaftliche Handlungsform der Bürgerlichen Gesellschaft und nicht! irgendeine Form der Selbstreflexion, die in der Bürgerlichkeit sowieso auf Form reduziert ist.

    Das ergibt sich aus der schlichten Tatsache, das das Subjekt abstrakt ist, dass Leute, die sich als Subjekt konstituieren (müssen), ihrer Eigenarten entraten müssen, nehmen sie doch nur die allgemein verbindliche Form gesellschaftlichen Handelns an und hat doch ihre Unternehmung nichts mit Selbstverwirklichung zu tun. Mehr hat es damit zu tun, dass die Subjekte sich selbst (als konkreten Personen) Gewalt antun, wenn dies auch als gesellschaftliche Tugend des erwachsenen weißen Manns gepriesen, beschrieben und gefordert wird. Paradigmatisch und mustergültig gilt hier der Diskurs Freuds um Sublimierung, also die Umwandlung von Triebkräften in geistige Leistungen, und seine Formulierung des Ziels der Psychoanalyse, nämlich dass PatientInnen durch Einsicht in Zusammenhänge Wahrheit über die Persönlichkeitsstörung erfahren und so damit umgehen lernen. Es gilt also als therapeutischer Erfolg, die spezifischen Eigenschaften der Persönlichkeit nicht mehr als bestimmend zu erleben, sondern sie selbst zu bestimmen, wobei diese Bestimmung als erwachsener Umgang mit der Neurose angestrebt wird. Auch hier finden wir in einer hellsichtigen Selbstbeschreibung der bürgerlichen Gesellschaft die Forderung nach Subjektkonstitution, wobei Subjekt nicht einmal als der natürliche Zustand beschrieben wird, sondern als Leistung der Normalisierung und wohl auch Normierung in der Gesellschaft des Modernen Ensembles. Das Konkrete verschwindet also nicht durch die Abstraktheit, ihm wird nur in der Subjektivität Gewalt angetan, um es zu gesellschaftlichem Handeln anzuhalten, und ihm wird in der Abspaltung der Raum zur Entfaltung gegeben. Das kann man durchaus provokant als Perversion bezeichnen; Perversion nicht im Sinne des Abweichenden, Devianten, sondern als Umkehrung des Öffentlich-Diskursiven. Hier steht nichts mehr zur Debatte, die Eigenart findet hier ihre verschwiegene Bestätigung. Dass sie aber verschwiegen wird, verdankt sie der Subjektkonstitution.

    Das Verschweigen der Eigenarten, das Unterdrücken und Zurichten der Eigenarten an Person und Körper zum Subjekt ist dann das, was wir als Erziehung erleben. Es handelt sich dabei um eine gesellschaftliche Tätigkeit, die nicht die Form gesellschaftlichen Handelns im Sinne der Subjektivität annimmt, denn Subjektivität muss durch diese Tätigkeit erst hergestellt und eingeübt werden. Das heißt: Hier steht nichts zur Disposition, hier werden keine Diskurse geführt, keine Konkurrenzen abgehalten. Nun könnte eingewandt werden, dass es doch innerhalb der pädagogischen Wissenschaften die verschiedensten Auseinandersetzungen über die richtige Erziehungsmethode gibt, von Krabbelstuben, Kindergärten über Volksschulen und Gymnasien bis in die Unversitätsinstitute konkurrieren Ausübende und Lehrende mit ihren Ausbildungsangeboten und ihren Einrichtungen. Keine Schule, die nicht ihr pädagogisches Profil auf ihrer homepage darstellte, keine Fachpublikation, die nicht die Konzepte des Vorgängers widerlegte, keine Fachpädagogik, die sich nicht in politischer oder wissenschaftlicher Konkurrenz von anderer abzuheben versuchte. Dies alles sind berechtigte Einwände, die aber unberücksichtigt lassen, dass sie sie nicht an das Wesentliche rühren – nämlich an die Notwendigkeit gesellschaftlicher Zurichtung der Zöglinge dieser Anstalten: Kinder, Jugendliche Schülerinnen und Schüler sollen zu mündigen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern, zu autonomen Subjekten gemacht werden. Das ist nicht verhandelbar. Verhandelbar sind die individuellen Ansichten darüber, wie dies am ehesten zum Nutzen der Gesellschaft, zum Nutzen der Kinder, zum Nutzen der Erziehungsinstitute, zum Nutzen aller Beteiligten durchzuführen sei. Die Notwendigkeit der Erziehung selbst und noch vielmehr der Ziele dieser Erziehung (der erwachsene, autonome, eigenverantwortliche bürgerliche Mensch, der mit seiner Eigenverantwortlichkeit die Entscheidung über das Fortkommen der Gesellschaft in ihrer kosmischen Gesamtheit auf sich nimmt – wie ein mythischer Held), sie sind nicht in Frage gestellt. Sie unterliegen nicht der Meinung, sondern dem Befehl. Sie sind kein Teil einer Unternehmung, sie sind in der Abspaltung zu verorten.

    Was das für die Mütter und ihre Kinder für Folgen zeitigt, zählt zu den dunkelsten Kapiteln des Modernen Ensembles. Was auch immer über das Vorhandensein oder Fehlen von Vätern oder anderen männlichen Bezugspersonen in der Entwicklung und Erziehung eines Kindes beklagt und geschrieben wird – hier zeigt sich ja doch nur die traurige Realität einer Erziehung, die zwar gesellschaftliche Tätigkeit ist, aber individuell, verschwiegen, privat vollzogen wird und dies in aller Regel von den Frauen, die Mütter sind. Gesellschaftliche Tätigkeit, privat vollzogen – hier zeigt sich schon deutlich die abgespaltene und verheimlichte Seite der Subjektivität: Auch hier wird privat vollzogen, was als verpflichtete, gesellschaftliche Tätigkeit gilt – das Verfolgen des Glücks des Einzelnen befördert das Glück aller, Verpflichtung zum Glück wird also zum terroristischen kategorischen Imperativ. Und dieser Befehl gilt ebenso mit aller Schärfe für die Frauen, die erziehen, darin ihr Glück zu finden und durch das Gelingen der Erziehung (dieser Glücksfindung) zum Glück der Gesellschaft beizutragen.
    Dies alles wird unter dem Begriff des Narzissmus beschreibbar und erkennbar – erkennbar in seiner Brutalität der zugefügten Verwundungen und beschreibbar in der Rückschau auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso wie in der Eigensicht der Gesellschaft selbst. Narzissmus, damit bezeichnen wir, indem wir den psychologischen und psychoanalytischen Traditionen folgen und ihre klarsichtigen Ansätze weiterverfolgen, ein zutiefst gesellschaftliches Verhältnis, ein Verhältnis, das das Verhalten der Individuen untereinander und zu sich selbst gesellschaftlich bestimmt. Es ist dies ein Verhalten, das durch ein schweres Liebesversagen ausgelöst wird, wobei Versagen im doppelten Sinn verwendet wird: durch die Unmöglichkeit, selbst eine gelungene Beziehung aufzubauen und aufrecht zu erhalten, und dadurch, dass eine liebevolle Zuwendung an eins selbst versagt wurde und wird, wobei in beiden Fällen das libidinöse Hinundher unterbunden wird und durch die Selbstbezogenheit ersetzt wird.

    Narzisstisch ausbeuterische Beziehungen – und um solche handelt es sich in der Erziehung – zeichnen sich durch ihren symbiotischen Charakter aus: Das Kind ist für die Mutter sozusagen etwas von ihr Geschaffenes, das sie wie einen unabgegrenzten Teil ihrer selbst erlebt, über den sie beliebig verfügen kann (respektive soll und muss als ihr gesellschaftlich zugewiesene Aufgabe). Sie kann das Kind nicht als eigenständiges Wesen wahrnehmen und in seiner Subjektivität anerkennen, da sich ja beide in der Abspaltung befinden; statt dessen stülpt sie ihm narzisstische Bedeutungen über, die auf ihre eigene, gesellschaftlich handelnde Person bezogen sind; sie idealisiert das Kind und spricht ihm Eigenschaften und Verhaltensweisen zu, die allein ihren (also gesellschaftlichen) Vorstellungen darüber, wie das Kind sein sollte, entspringen. Dass diese Eigenschaften dann in aller Regel die gesellschaftlich erwünschten sind, ist der Normalfall, auch wenn es sozusagen zu Betriebsunfällen kommen kann, die dann in der Kriminalitätsstatistik oder der Pathologie auftauchen. Das Kind jedenfalls hat in solcher Beziehung die Aufgabe, ihr von der Mutter als mangelhaft empfundenes Ich (die ihr einst selbst zugefügte narzisstische Wunde) zu vervollständigen und das Loch im Ich der Mutter wie eine Plombe zu füllen. Zuwendung erfährt es nur, insoweit es den Erwartungen (nämlich den gesellschaftlichen) der Mutter entspricht. Autonomiebestrebungen des Kindes werden unterbunden, bestraft und mit der Erzeugung von Schuldgefühlen belastet und nur soweit zugelassen, wie sie im Dienste der mütterlichen Bedürfnisbefriedigung narzisstisch ausbeutbar sind, also durch Einpassung des Kindes in die Bürgerlichkeit der Mutter Anerkennung durch die Gesellschaft als gute Mutter und so auch Selbstachtung besorgen. Jedes Abweichen von den Erwartungen der Mutter (identisch mit den gesellschaftlichen Erwartungen) wird von ihr als verletzender oder aggressiver Akt, als Ausdruck der Verrats empfunden (an ihr wie an der Gesellschaft, wie ja überhaupt eine bewusst unbewusste Identifikation der Mutter von sich selbst mit den gesellschaftlichen Vorgaben die Crux aller Erziehungstätigkeit ist).
    Innere wie äußere Trennungen aber müssen um jeden Preis vermieden werden. Daher entbrennt ein Machtkampf nicht nur hinsichtlich des Verhaltens des Kindes, sondern auch hinsichtlich der Kontrolle seiner Gefühle und Gedanken. Die Mutter ist davon überzeugt, das Kind besser zu kennen, als es sich selber kennt – das ist das ihr zugewiesene gesellschaftliches Handeln. Besser als das Kind meint sie zu wissen, was es wirklich denkt, fühlt, will und braucht und was es demzufolge zu denken, zu fühlen, zu wollen, zu tun zu bekommen hat. Es reicht ihr aber nicht aus, wenn es sich ihren (das heißt wiederum den gesellschaftlichen) Erwartungen lediglich beugt: Es soll selber wollen, was es soll, sich also ganz und gar mit dem Bild, das sie (als Exekutor) von ihm entworfen hat, identifizieren, und sei es ihm auch noch so wesensfremd. Negative Gefühle wie Verletztheit, Ärger, Wut und Hass sind dem Kind nicht oder nur insoweit, als sie auch für die Mutter einen Zweck erfüllen, gestattet, da sie eine Art von Abgrenzung (von der Gesellschaft) darstellen, die Konflikt und damit zumindest vorübergehend innere Trennung mit sich bringt. Hinsichtlich eigener Gefühle und Bedürfnisse unterliegt das Kind einem regelrechten Denk- und Wahrnehmungsverbot und da es sie weder wahrnehmen noch zum Ausdruck bringen darf, erlebt es diese Gefühle als nicht zu sich gehörig und insofern als unwirklich. Irgendwann wird es sie schließlich gar nicht mehr identifizieren können; statt dessen wird es fühlen, was es meint, fühlen zu müssen, und diese fremdbestimmten Regungen wird es mit authentischen Gefühlen verwechseln oder als schon Erwachsenes als Sublimationen an sich selbst als verantwortungsbewusstem gesellschaftlichem Wesen feiern. Erst dann wird es schließlich selbst handeln dürfen und sollen, den anderen Subjekten in der Öffentlichkeit gegenüber als konkurrenter Unternehmer seiner selbst, in der Abspaltung als Herstellerin und Reproduzentin der nämlichen und gleichen Entpersönlichung.
    Was ich vorstehend beschrieben habe, ist die individuelle Ebene, die Sie angesprochen haben.
    Da es im Bürgerlichen Ensemble nicht nur individuelle Subjekte sondern Subjekte „höherer“ Größenordnung (z.B. Parteien, Verbände, Bürgerinitiativen, NGOs) bis hin zum obersten Garanten und gewaltsamen Vollstrecker verallgemeinerten Subjektivität, nämlich dem Nation-Staat gibt, bricht sich die vorstehend beschrieben Konstitution auf jeder Ebene Bahn – bis hin zu dem Faktum, dass Vater Staat und Mutter Nation dem doch so gehorsamen „Kind“ die Gegenleistung für die Unterwerfung verweigern und fremde Bürger, besonders solche fremder Nation (Mythos Nation=Abspaltung des Staatssubjekts) gratifizieren, die die Selbstunterwerfung nicht praktizieren (angeblich, vorgeblich, tatsächlich – das ist ganz egal).
    Das alles basiert eben nicht auf individuellen Fehlleistungen ideologisch Fehlgeleiteter, sondern ist nackter und wahrer Ausdruck unserer barbarischen Verhältnisse, die wir umfassend schon auf unsere Kleinsten anwenden.

  11. Ich befürchte, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die sich all dessen bewusst werden können…zumindest nicht von heute auf morgen…

    Ich kann das nur bestätigen auch aus eigener Erfahrung heraus. Und was ist die Lösung?

    Aus meiner Sicht: die wahre Vergebung und wahres Mitgefühl mit mir selbst UND ALL DEN ANDEREN DIE MICH TRAUMATISIERT HABEN, WEIL AUCH SIE SELBST TRAUMATISIERT WURDEN…

    Nur das kann einen Seelenfrieden mit sich bringen und all die INNEREN UND SOMIT AUCH ÄUSSEREN KRIEGE beenden…

    Falls jemand sich all das schwer „vorstellen“ kann, so kann ich das Buch empfehlen „Die TranceFormation Amerikas“ , die auf einer wahren Geschichte basiert (MK Ultra). Hier werden die Abgründe des menschlichen Handelns sichtbar und sind kaum aushaltbar…es ist schockierend wozu ein TRAUMATISIERTER MENSCH FÄHIG IST…

    Ja, die Menschen können das erkennen, wenn die Selbsterkenntnis im Bewusstsein eine wichtige Rolle einnehmen wird…aber auch erst dann…

    …solange wird teile und herrsche, Opfer und Täter-Spiel weiter gehen…wer weiß schon wirklich, WELCHE WAHRHEIT HINTER ALL DEM VERBORGEN SEIN MAG…??

    • Lieber Rüdiger,

      wenn Ruppert, der ja unter anderem als Zitat in deiner Tagesdosis vorkommt, davon spricht, dass wir alle traumatisiert seien, und ich diesem Zitat beipflichte, wo liegt dann die Notwendigkeit, diesen Text noch einmal durchzu -lesen, -hören???

      natürlich bin auch ich traumatisiert, in einer Weise, in der nicht so schnell ein Zweiter traumatisiert sein wird. Es handelt sich hierbei um ein SHT IV. Grades. Dadurch bin ich nach meiner Ansicht von gewissen Traumata „geheilt“ worden. Es besteht immerhin die Möglichkeit, dass die Theorie Gleiches mit Gleichem zu heilen (u.a. Homöopathie) oder zu neutralisieren so ist, wie es sich anhört 😉 – und ich habe mir den Text nochmal angehört – und ich bleibe dabei – JEDER darf sich davon angesprochen fühlen!

      es würde mich freuen, wenn wir näher in ein Gespräch kommen könnten, lieber Rüdiger 😉

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