Tagesdosis 5.9.2019 – Randbewegungen im Spiegel der Zeit

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Ein vermeintlicher Schock durchläuft das Land. Der Osten hat gewählt, also zwei Bundesländer davon. Eigenständig und nicht nach den medialen Vorgaben der letzten Wochen und Monate. Entsetzen macht sich breit. Warum konnte dieses Ergebnis nicht verhindert werden? Warum konnte die AFD fulminant zulegen, verlor Die Linke existentiell und warum fiel der Höhenflug der Grünen eher flach aus?

Annähernd durchgehende Gewissheit bei den meisten Kommentatoren und Analysen, der Osten ist jetzt brauner, also fast schon finsterbraun.

Mehrheitlicher Grund die AFD zur zweitstärksten politischen Gruppierung in Brandenburg und Sachsen zu küren, wäre der Hass auf Ausländer und ein subtiler Ärger auf die etablierten Parteien, zu finden bei einem vermeintlichen Großteil der Bevölkerung in Brandenburg und Sachsen. Die AFD sei jetzt die Protestpartei des Ostens, hätte die Linkspartei endgültig abgelöst.

Nun gibt es Meinungen, Kommentare, Einschätzungen und – Zahlen. Die erstgenannten sind meist subjektiver Natur. Die Zahlen sind dagegen die verwertbare Realität, sie spiegeln die nüchternen Fakten.

Ein Großteil der Gesellschaft diskutiert über das Wahl-Endergebnis der AFD. 27.5% in Sachsen (bei 66,6% Wahlbeteiligung) und 23,5% in Brandenburg (bei 61,3% Wahlbeteiligung). Mich interessieren jedoch die eigentlichen Realzahlen (1), nämlich jene, unter Berücksichtigung der größten Wählergruppe – den Nichtwählern. Betrachten wir nun die Ergebnisse am Beispiel von Sachsen, dem momentanen Dunkeldeutschland (2).

Ausgehend von 100% kämen wir in Sachsen auf folgendes Endergebnis:

  • Platz 1: Die Nichtwähler mit 33,4%
  • Platz 2: Die CDU mit 21,4%
  • Platz 3: Die AFD mit 18,6%
  • Platz 4: Die Linke mit 6,9%
  • Platz 5: Die Grünen mit 5,7%
  • und die SPD am Ende der Realität mit beeindruckenden 5,1%

Diese Täuschung bestimmt die momentane Diskussion in diesem Land. Nicht zum ersten Mal, aber immer wiederkehrend negiert und vorenthalten. Die AfD wurde also nicht von mehr als einem Viertel der Wähler, sondern von weniger als jedem fünften Sachsen gewählt (1). Anders formuliert, knappe 80% der Sachsen können anscheinend mit den Inhalten und Zielen der AFD nicht konform gehen, bzw. nichts anfangen. Ja, natürlich weiß man nicht, ob sich bei den 33,4% der Nichtwähler nicht doch noch ein paar AFD-Sympathisanten verstecken, aber lassen wir das.

Diese Zahlen sollen über die klassischen Medien so nicht vermittelt werden. Der Osten Deutschlands ist und bleibt tendenziell finsterbraun. Der Spiegel verkauft das seinen Lesern so, Zitat: Das Wahlergebnis vom Sonntag ist in vielerlei Hinsicht trügerisch. Denn eines weiß man jetzt, nach den Erfolgen der AfD in Brandenburg und Sachsen: Wer weit rechts steht, wer mit dem Rechtsextremismus verstrickt ist, der kann damit in Ostdeutschland ein Viertel der Stimmen gewinnen. Es beruhigt viele Politiker und Kommentatoren, weil die schlimmsten Erwartungen nicht eingetroffen sind: Die AfD wurde nirgendwo stärkste Partei. Aber sie hat in beiden Ländern rund ein Viertel der Stimmen geholt(…). Bis vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Deutschland sieht anders aus seit Sonntag (3).

Die Zeitung Die Zeit sieht vor lauter braun nur noch schwarz, Zitat: Mit dieser Art des Umgangs mit Neonazismus sind die Demokraten dieses Landes verloren(…) Es geht hier 70 Jahre nach einer Diktatur (und für manche 30 Jahre nach einer zweiten) erneut um eine tiefe Sehnsucht nach einem starken Führer. Jede Stimme für die AfD ist ein Einspruch gegen die westdeutsch geprägte Demokratie mit ihrem Pluralismus und ihrem Streben nach Minderheitenrechten (4).

Deutschland sieht anders aus seit Sonntag? Ist dem so? Sachsen war in seiner Historie schon immer konservativ geprägt. Bisher war es bloß die Monopolstellung der CDU, inklusive aller Skandale (Stichwort: Sachsensumpf (5)). Schauen sie sich dagegen die verlinkten Wahlergebnisse aus Bayern des Jahres 2018 an. Sie werden diverse Regionen finden mit stabilen AFD Ergebnissen von 12 bis 17% (6).

Könnte es an den wahren Zahlen liegen, dass es in Sachsen weder zu Fackelaufzügen, Hetzjagden, noch zu Straßenschlachten zwischen jeweiligen Wählergruppen kam?

Betrachten wir die Gewinne der AFD, woher kamen ihre schon beeindruckenden Zuwächse, die Wählerwanderung. Nun liest und hört man, die Linkspartei sei als die ehemalige Ostpartei endgültig abgewählt worden. Bezogen auf die Wahlen der letzten dreißig Jahre entspricht dies schonmal nicht der Realität. Anhand der zurückliegenden Wahlergebnisse müsste es eigentlich heißen, die CDU für Sachsen und die SPD für Brandenburg sind, jüngst knapp aber weiterhin die jeweiligen „Ostfavoriten“ (7).

Was gemeint ist und war, die Linke, ehemals PDS, hat den Ostdeutschen, den Menschen mit DDR Biografien eine Stimme gegeben. Hat den irritierten bis desinteressierten Westdeutschen Ängste, Enttäuschungen und entsprechende Wut zu vermitteln versucht. Bewirkt hat es, anhand der jüngsten westdeutsch geprägten Reaktionen, nichts.

Das westdeutsche Unverständnis bleibt, wechselt aber die Empörungsfarbe. War es einst die Unbelehrbaren-Rote-Socken (8)-DDR-Empörung gegenüber den PDS/Linke Wählern, ist es nun die verortete DDR-Folgen-Diktatur-Sucht bei den AFD-Wählern.

Die AFD in Sachsen bekam am letzten Wochenende 27000 Stimmen von ehemaligen Linke-Wählern, 84000 von der CDU, den jedoch größten Zuspruch durch ehemalige Nichtwähler, 246000 Stimmen (9). Auch in Brandenburg ein ähnliches Bild. 12000 von der Linken, immerhin 14000 von der SPD, 29000 von der CDU und 115000 ehemalige Nichtwähler (10).

In Sachsen haben 33% der männlichen Wähler die AfD gewählt, in Brandenburg 30%. In Sachsen wählten die meisten Frauen (35%) die CDU, 22% wählten die AfD. Frauen wählten in Brandenburg mit 28% vor allem die SPD, 18% der Frauen wählten die AfD (11).

Interessant die Altersstruktur der AFD Wählerschaft. Bei den 18-24 jährigen waren die AFD mit den Grünen gleichauf in der Beliebtheit, 20%, Die Linke mit 11%, hinter der CDU mit 13%. Von den 24-34jährigen bekam die AFD 26%, die CDU 19%, die Grünen 15% und Die Linke 10% der Stimmen. Bei den 35 bis 60 jährigen liegen AFD und CDU knapp um die 30% nebeneinander. Die Grünen und die Linken beide um 10%. Bei den Ü60 SeniorInnen übernimmt die CDU mit 41% das Ruder (AFD 24%) (12).

Diese ganzen Zahlen zeigen, im Vorjahr des 30. Jubiläumsjahres der Deutschen Wiedervereinigung, die Gründe müssen in der Gegenwart zu finden sein. Dass die AFD in ihrem kurzen Dasein diese  Ergebnisse, in den jeweiligen Altersstrukturen, erreichen konnte. Es zeigt vor allem, die Nach-Wende-Ostdeutschen verlieren das Vertrauen in die etablierten Parteien. Das einzige Direktmandat der Grünen in Brandenburg wurde in Potsdam geholt, einem von westdeutschen dominierten Randbezirk zu Berlin. Sozusagen der Prenzlauer Berg Brandenburgs, elitär aber noch eine Gehaltsstufe höher. Die Gewinnern stammt eigentlich aus Niedersachsen.

Nein, die AFD ist und bleibt kein rein ostdeutsches Phänomen, auch wenn das viele so ersehnen. Die wiederkehrende altbekannte Diskussion dreht sich doch um die einzig relevante Frage, verändert sich das Wahlvolk oder forciert, provoziert eine entsprechende Politik? Mit Sicherheit das Zweitgenannte.

Nun wundern sich wiedermals Politiker und ein Großteil der Medien, dass die Wähler aufgrund dieser Tatsache, ihre Chance tatsächlich wahrnehmen, über entsprechende Möglichkeiten der Abwahl, des Wechsels salopp zu formulieren, zu vermitteln, pardon: eure Politik kotzt uns an.

Sahra Wagenknecht formulierte das gestern wieder mal sehr vortrefflich so, Zitat: Die Linke hat sich zu weit von Problemen & Alltagssprache der Arbeitnehmer entfernt. Wenn wir Menschen jenseits hipper Großstadtmilieus erreichen wollen, müssen wir deren Sicht der Dinge ernst nehmen, statt sie zu belehren, wie sie zu reden & zu denken haben (13). Gute Frau, falsche Partei. Doch in welcher käme sie zur Ruhe, zur Entfaltung ihrer Qualitäten?

Das vortreffliche, dieser Satz könnte als Stempel, im jeweiligen Austausch der Zugehörigkeit, in die Parteibücher der CDU, der SPD, der FDP. Die Grünen würden wahrscheinlich konstatieren, wieso, hippe Großstadtmilieus, genau unsere Klientel. Hat doch gut funktioniert in Potsdam. Ja, richtig, aber deswegen sind die Grünen auch ansonsten, trotz medialem manipulativen Rückenwind schneller wieder auf dem Boden der Realität gelandet, als ihnen das lieb war. Zumindest im Osten, weiterhin unbedeutend. Keine Reisser-Partei.

Ist die AFD nun die historische Brücke zur Weimarer Zeit? Die Wiederkehr der knallenden Stiefel auf deutschem Boden. Natürlich nicht. Hat sie die Chance, ihre aktuelle Märtyrer-Rolle weiter auszubauen? Dies wird sich an zwei Punkten recht schnell herauskristallisieren:

Erstens: wie wird sich rückblickend in den nächsten Monaten und Jahren ihre Politik, die Umsetzung der markigen Ankündigungen in der realen Alltagsarbeit darstellen? Was hat sie ihren Wählern im Alltagsgeschäft wirklich zu bieten? Wird sich die AFD von alleine entzaubern oder ihre Sympathisanten überzeugen?

Zweitens: Die Altparteien hätten die Chance ihre fatale, katastrophale, „An den Menschen vorbei Politik“ zu korrigieren. Zu zeigen, okay, wir haben verstanden, es liegt an uns, was wir aus der neuen Situation machen.

Sie erinnern sich: Deutschland sieht anders aus seit Sonntag.

Abschließend historische Magazinzitate. Überschriften und Titel von vor dreißig Jahren. Gefunden in einem Magazin, das den Ruf hatte die journalistische Opposition im grauen, festgefahrenen Westdeutschland darzustellen. Aus den August und September Spiegel-Ausgaben des Jahres 1989. Amüsant bis irritierend, hinsichtlich der Parallelen zur Gegenwart, Originalzitate, keine Fantasie oder Satire:

  • Siegen oder sterben. Die Sozialdemokraten haben das Sommertheater gepachtet und stellen zur Schau, wie zerstritten sie ins Wahljahr 1990 gehen.
  • Doppelt gefährdet. Alkoholismus im Parlament. Brauchen die Bonner Abgeordneten einen Suchtberater?
  • Auf der Schokoladenseite. Zwangsunterkünfte für asylsuchende Flüchtlinge passen nicht zur deutschen Wohnidylle; entschied der Verwaltungsgerichtshof.

Die folgenden drei Absätze aus einem Artikel:

  • Viele Flüchtlinge fordern Ärzte oder Therapeuten nach dem blutigen Amoklauf eines abgelehnten liberischen Asylbewerbers mit einem Bajonett. Brauchen bessere psychologische Betreuung.
  • Das Stuttgarter Blutbad hat neue Forderungen provoziert, die Asylgesetze zu verschärfen.
  • Die spektakuläre Tat, so fürchten die Stuttgarter Grünen, werde von den rechtsextremen Republikanern und christdemokratischen Scharfmachern dazu benutzt, daraus Kapital für die Kommunalwahl im Oktober zu schlagen.
  • Brauner Stamm. Vor der Landtagswahl ist der niedersächsische Landesverband der rechtsextremen Republikaner zerstritten
  • Die CDU/CSU fürchtet die Republikaner.
  • Trotz eines Machtwortes vom Kanzler: Wie soll die CDU/CSU es mit den Republikanern halten – umarmen oder ausgrenzen?
  • Bonn hat ein neues Reizwort: Öko-Steuer; bald sechs Mark pro Liter Benzin?
  • Fünf vor zwölf. Die BRD will den tropischen Regenwald schützen. Viele deutsche Firmen und Entwicklungsprogramme tragen zu seiner Vernichtung bei
  • Streitobjekt Plastikgeschirr. Deutsche Studenten geben sich gern umweltbewusst, sind es aber nicht. Kritiker bescheinigen allgemeine Gleichgültigkeit
  • Urängste werden wach. Mit zweistelligen Raten steigen in Großstädten die Mieten, für viele Mieter mit niedrigem Einkommens ist die Wohnung unbezahlbar geworden
  • Irgendwo sind wir alle DDR-geschädigt

Beeindruckend nicht wahr. Resümierend. Die DDR verschwand, heißt jetzt Dunkeldeutschland. Helmut Kohl verschwand, Angela Merkel noch da. Die Republikaner verschwanden, die AFD im Hoch. Die SPD arbeitet weiterhin konsequent an der Selbstauflösung. Asylproblematik, nichts dazu gelernt. Der Alkohol ist bestimmt noch da, aber jetzt erweitert durch synthetische Drogen in Berlin. Es gibt neue Steuer-Reizworte, der Amazonas brennt. Plastikgeschirr heißt jetzt To Go und unbezahlbare Wohnungen, ein Gegenwartsphänomen.

Wir Menschen, schon komische Ventrikel der Evolution.

Quellen:

  1. https://www.merkur.de/politik/wahlen-sachsen-brandenburg-waere-ehrliche-wahlergebnis-zr-12965473.html
  2. https://www.sueddeutsche.de/politik/bundespraesident-joachim-gauck-die-ossis-und-dunkeldeutschland-1.2622780
  3. https://www.spiegel.de/plus/nach-den-landtagswahlen-in-sachsen-und-brandenburg-die-wahlkatastrophe-a-24125f32-ea8b-47cf-a2fa-4f1bb66f4006
  4. https://www.zeit.de/kultur/2019-09/landtagswahlen-fernsehberichterstattung-afd-rechtsextremismus-demokratie´
  5. https://www.lvz.de/Region/Mitteldeutschland/Sachsensumpf-Prozess-Schwere-Vorwuerfe-gegen-Richter
  6. https://www.merkur.de/politik/landtagswahl-2018-in-bayern-ergebnisse-aus-stimmkreisen-zr-10299668.html
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Ergebnisse_der_Landtagswahlen_in_der_Bundesrepublik_Deutschland#Linke
  8. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/rote-socken-kampagne-pastor-hintze-uebernehmen-sie-a-138434.html
  9. https://www.welt.de/politik/deutschland/article199149035/Sachsen-Wahl-2019-Wahlergebnisse-und-Grafiken-im-Ueberblick.html
  10. https://www.rbb24.de/politik/wahl/Landtagswahl/beitraege/landtagswahl-brandenburg-waehlerwanderung-nichtwaehler-analyse.html
  11. https://www.merkur.de/politik/wahl-in-sachsen-brandenburg-frauen-und-maenner-waehlten-ganz-unterschiedlich-zr-12964766.html
  12. https://www.mdr.de/sachsen/politik/wahlen/landtagswahl/wahlverhalten-waehler-sachsen-100.html
  13. https://twitter.com/SWagenknecht/status/1169176612690116609

Bildhinweis:  Jarretera/shutterstock

+++

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

Alle weiteren Beiträge aus der Rubrik „Tagesdosis“ findest Du auf unserer Homepage: hier und auf unserer KenFM App.

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

+++

Jetzt kannst Du uns auch mit Bitcoins unterstützen.

BitCoin Adresse: 18FpEnH1Dh83GXXGpRNqSoW5TL1z1PZgZK

20 Kommentare zu: “Tagesdosis 5.9.2019 – Randbewegungen im Spiegel der Zeit

  1. ich versteh nicht, wieso man sich auf diese afd-leute überhaupt einläßt. eine partei deren führungspersonal aus agewrackten leuten v.a. aus cdu-west / fdp und ein paar rechten splittergruppen besteht. wie kann ich als ’normaler ostdeutscher‘ leute wie gauland – wohlbestallter westpolitpensionär oder gar höcke – westbeamter mit ss-mann-aussehen – als meine interessenvertreter sehen ? ähnliches phänomen wie trump , unglaublich wie dumm und vergeßlich die leute sind, aber auch zeichen, wie stark die enttäuschung gegenüber allen anderen und das mißtrauen gegen das establisment ist

  2. Es ist löblich, wenn Bernhard Loyen versucht, die Wähler in Brandenburg und Sachsen, generell die Wähler im Osten Deutschlands, vom Vorwurf des Braun-Seins reinzuwaschen. Allein, ich befürchte, es wird ihm nicht gelingen. Zu groß ist das Interesse bedeutender Teile der Meinungsmacher (Medien, Politik und „Experten“), dieses Bild von den Ostdeutschen aufrecht zu erhalten. Zum einen denken diese Kräfte tatsächlich so. Andererseits geht es ihnen aber auch darum, eine Erkenntnis zu vermeiden, die für sie sehr bitter ist: Dass nämlich die AfD ein Kind des Nachwende-Deutschland ist. Sie ist Fleisch vom westdeutschen Fleische, nicht vom ostdeutschen. Nur, die üblen Schwären dieses Denkens platzen zuerst im Osten auf. Deshalb werden die Meinungsmacher nicht müde, das Phänomen AfD als Ergebnis eines autoritären Denkens im Osten darzustellen, geprägt durch zwei Diktaturen, die der Nazis und der DDR.
    Nun haben aber die meisten dieser „autoritär“ Geprägten mittlerweile doch immerhin schon 30 Jahre demokratischer Segnungen à la Bundesrepublik auf dem Buckel. Wie erklären die Meinungsmacher denn dieses? Zudem haben die ach so „autoritär“ Geprägten nach der Wende doch größtenteils die guten Demokraten von CDU und SPD gewählt. Wieso waren diese damals noch miteinander kompatibel und sind es heute nicht mehr? Da muss doch in der Zwischenzeit irgend jemand die „autoritären“ Strukturen der Ossis wiederbelebt haben. Aber dieses Mal aus dem Westen, nicht die DDR-Diktatur, nicht die SED-Kommunisten.

    Nun erklären aber die Zahlen, die Loyen bemüht, nicht das gute Abschneiden der AfD. Zudem hat das eigentliche Zugpferd der AfD in der letzten Zeit an Zugkraft verloren: die Flüchtlinge. Dieses Thema ist ersetzt worden durch die Klima-Hysterie und den Greta-Hype. Es vergeht kaum ein Tag, an dem die Nicht-AfD-Parteien sich nicht gegenseitig zu überbieten versuchen mit Vorschlägen zum Umweltschutz. Plötzlich möchte jeder grüner sein als die Grünen selbst. Damit machen sie sich einerseits unglaubwürdig. Andererseits haben sie alle den Blick für die Menschen verloren, die sich nicht von der Klima-Hysterie vereinnahmen lassen und stattdessen eine sachliche Auseinandersetzung zu dem Thema wollen. Sie sind nicht gegen den Unweltschutz, werden aber als Klimaverweigerer gebrandmarkt und als Gegner der Wissenschaft verunglimpft, nur weil sie sich nicht von Manipulation und Hysterie wollen vereinnahmen lassen.
    Diesen Menschen bleibt entweder die Wahlabstinenz oder aber die AfD als Hafen für ihr politisches Interesse, selbst wenn viele darunter sind, die ansonsten dieser Partei kritisch gegenüberstehen, wie z.B. in der Flüchtlingspolitik. Die AfD wächst, ohne dass sie etwas dafür tun muss. Die kopflose Politik der anderen Parteien besonders in der Klima-Frage treibt ihr die Wähler in die Arme. (Siehe dazu: https://ruedigerraulsblog.wordpress.com/2019/07/23/aufruf-zur-besonnenheit-keine-co2-steuer/) Wenn auch dieses Thema bei den Wahlen im Osten nicht so sehr im Vordergrund besonders in der Wahlwerbung der AfD stand, so deutet doch gerade das Abschneiden der Grünen auf diesen Umstand hin.

    Gemessen an den Ergebnissen der Europa-Wahl war der Zuwachs der Grünen in Prozent-Werten doch eher bescheiden und lag deutlich unter den Erwartungen der politischen Beobachter. Zwar hatte die Partei ihre Stimmen in absoluten Zahlen gegenüber der letzten Landtagswahlen in beiden Bundesländer verdoppeln können, gegenüber der Europa-Wahl im Juni aber Stimmenrückgänge von 10% und mehr. Das zeigt deutlich, dass Grün-Sein ein Lebensgefühl in den westlichen Bundesländern verkörpert und, wie Wagenknecht es ausdrückte, in den „hippen Großstadtmilieus“, aber nicht im Osten.

    Denn das Denken der Menschen im Osten ist aufgrund ihrer Vergangenheit viel stärker materialistisch und proletarisch geprägt als im Wesen. Volkstümlich ausgedrückt: Sie verfügen noch über einen klaren Menschenverstand. Sie denken nicht in den intellektuell-idealistischen Windungen wie diejenigen, die im Westen die öffentlichen Diskussionen beherrschen (Siehe dazu: https://ruedigerraulsblog.wordpress.com/2019/06/08/die-werte-elite/).
    Das bedeutet aber nicht, dass die Intellektuellen im Westen das gesellschaftliche Denken repräsentieren. Sie bestimmen nur die öffentliche, bzw. veröffentlichte Meinung. Die proletarisch geprägten Milieus im Westen, die Arbeiterschaft, meldet sich zu diesen Themen kaum noch zu Wort. Wo denn auch? Die „linken“ Parteien, selbst CDU und FDP, schwimmen mit auf der Umwelt-Welle in der Hoffnung, vom Auftrieb der Grünen auch noch ein wenig profitieren zu können. Gerade das aber führt zu den herben Verlusten, besonders bei der CDU. Deren Wähler, besonders die konservativen, erwarten eine sachliche Auseinandersetzung mit den Klima-Alarmisten statt der hilflosen Beschwichtigungsversuche durch immer neue Vorschläge zur Abwendung der Klimakatastrophe, die diese prophezeien. Dieses Verhalten besonders der CDU bewirkt nur, das die Alarmisten sich bestärkt fühlen und die Konservativen in der CDU sich von ihr enttäuscht der AfD zuwenden.
    Und die Medien, selbst die sogenannten alternativen, lassen auf Greta nichts kommen, die einen, weils gut ist fürs Geschäft, die anderen, weils gut ist für die geschundene „linke“ Seele. (Siehe dazu: https://ruedigerraulsblog.wordpress.com/2019/08/05/wer-profitiert-von-greta/ )

    Die nächsten Wahlen im Westen aber werden zeigen, wie weit die AfD nur ein ostdeutsches Problem ist.

  3. Auch die bereinigten Zahlen beruhigen mich kein bisschen. Hätte niemals gedacht, dass so viele Deutsche auf Militarisierung, Zucht und Ordnung und Befehl und Gehorsam abgehen. Früher hab ich nicht verstanden, wie das passieren konnte mit dem Adolf. Heute weiß ich, wie’s funktioniert hat. Und ich hab sowas von keine Lust auf diesen Mist! Dieses Land ist einfach nicht lernfähig.

    Zitat aus dem Artikel von Reiner Braun:
    „AfD“ veröffentlichte ein 49-seitiges Papier: „Streitkraft Bundeswehr — Der Weg zur Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr“…..
    Das Papier hat es in sich! Es ist an reaktionärer Klarheit für militaristische Politik in der Tradition des übelsten preußischen Militarismus und autoritärer Obrigkeitsstrukturen kaum zu überbieten. Krieg ist führbar und gewinnbar — so die Logik der AfD-Politik.

    rubikon.news/artikel/die-kriegspartei-2

    • Die Hunnen kommen wieder, also bevor der Kaiser wieder kommt, sollte man ins Exil gehen.
      Ich sehe aber weit und breit keinen preußischen Militarismus.

      In der Hauptstadt geht es doch sehr liberal zu:
      tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/kontraste-bericht-monika-herrmann-verteidigt-dealer-im-goerli/24984184.html

    • Gute Idee, die rote Brille. Dann ist die ganze Welt in ein wunderschönes rosa Licht getaucht und man muss den braunen Schmutz nicht so ungefiltert sehen. 😉

    • Vielleicht macht die rote Brille erst alles braun, was gar nicht braun ist, sondern einfach Protest.
      Wer käme denn sonst für eine Protestwahl in Frage?

  4. Herr Loyen, gut gezielt, aber zu kurz geschossen. Wie wäre es mit dieser Verschwörungstheorie: Was tun, wenn es eine linke Organisation, die gefährlich werden könnte, nicht gibt (à la KPD der 20er), der Unmut aber unübersehbar wächst, was ja auch mit der Zeit nach links ausschlagen kann. Könnte man da nicht einen Teil des CDU Personals anleiten, den Protest von rechts aufzufangen? Also eine Art Harzburger Front light? Diese Verschwörungstheorie hat den Vorzug, einiges zu erklären…
    Da waren Sie mit dem netten Hinweis auf die AFD Kohls doch fast schon dran!

    • richtig, es fehlt eine neue kpd , die evtl. auch aus den fehlern der 20-er und beginnenden 30-er jahren gelernt hat. innerhalb der linken haben diese kräfte keinen chance. da gibt es nur den drang nach anpassen, mitmachen dürfen und die entsprechenden pöstchen und positionen- etwas was herr ramelow sehr bald merken wird… auch die splitterpartei dkp kann da nichts erreichen, weil zu klein, zu zerstritten. könnte frau wagenknecht diese kräfte vereinigen? dazu ist der reformistische einfluß ihres partner wahrscheinlich zu groß ?

    • Aber neeeeiiiin… 😉
      Sowas würden doch unsere Anführer niemals machen. Die AfD als Verführungsfake für Unzufriedene? Das ist ja mal ne krasse Verschwörungstheorie. Bei unseren aufrichtigen und ehrlichen Politikern wird diese Unterstellung große Bestürzung hervorrufen. Alle werden zurücktreten. Ganz bestimmt!

    • Hera, hier, wie mächtig diese Theorie ist, sie erklärt,
      – wieso die OST-AFD-Führung zu 80% aus d. Westen stammt
      – weshalb die AFD von den Medien als Opposition, Stimme des Ostens, zwar verteufelt aber auch stark beachtet wird
      – warum der AFD besonders ein Thema zugeschoben wird: die Zuwanderung. Hier ist ja der Unmut besonders gross. Auch der Dümmste merkt, dass es darum geht, einen riesigen Billigarbeitskräftepool aufzubauen, in den erhebliche Gelder investiert werden, der dumme Hans soll aber ruhig die Zuwanderer dafür hassen… und AFD wählen.
      Dass sich einige der Miglieder in den Plan nicht ganz einfügen, also zu offen NS affin sind, stört natürlich und ich glaube, man hat auch unterschätzt, dass die Existenz einer Opposition demokratische Kräfte freisetzt (die Leute fangen an, über politische Themen wieder miteinander zu sprechen, das war ja schon das Hauptärgernis bei Pedgida), daher sind jetzt einige Weichen auf Integration (der AFD) gestellt worden, daher schiben sie den eher schlaffen Gauland n. vorne;
      – warum über das restliche AfD Programm so gut wie keiner spricht, die AFD soll den unbestimmten Unmut aufsaugenwelche demokratischen Kräfte
      Die beste Theorie ist die, die mit den wenigsten Annahmen am meisten erklärt, oder?

    • routard

      Oh, da war mein Zynismus nicht deutlich genug? 😉
      Eigentlich wollte ich dir nur zustimmen!!! Also was die Theorie angeht.

      Mir ist das so klar geworden, vor der EU-Wahl, 3sat Wissenschaftsabend Skobel. Da wurde so deutlich PR für die AfD gemacht im Sinne von „jeder, der unzufrieden ist wählt AfD“. Es wurde so dargestellt, als müsste man AfD wählen, wenn man gegen Krieg, gegen die NATO und gegen die EU ist. Kein Wort darüber, dass diese Positionen nicht zur AfD sondern zur DKP gehören. Aber um Himmels Willen… Bloß niemanden draufheben, dass er DKP wählen könnte. Sehr sehr auffällig!

    • Hatte ich ja verstanden, wollte nur noch ein paar Beobachtungen hinzufügen, die diese Theorie stützen und die Skobel Sendung passt ja auch sehr gut dazu…

  5. Ein guter Beitrag zum Wahlausgang. Vielen Dank an Herrn Loyen.

    Jetzt bin ich ganz froh, dass ich nicht in Sachsen wählen musste. Ich bin ja eine halbe Lederhose, denn mein Vater kommt aus Dresden und meine Mutter aus München. Ich wollte die Hälfte meiner Stimme in Bayern und die andere Hälfte in Sachsen abgeben, aber das läßt das Wahlrecht nicht zu. Ich habe schon in der CSU-Zentrale angerufen, aber die wussten auch keinen Rat und Söder wollte mich nicht sprechen. Ich halte mich sehr oft in Dunkel-Deutschland auf, was ich an meiner Stromrechnung sehe. Aber beim letzten sächsischen Stammtisch m Erzgebirge ist mir ein Licht aufgegangen. Alle sprachen davon, dass nach der Wahl eine gute Zeit kommen wird. Sie strahlten und Dunkel-Deutschland war für einen kleinen Augenblick richtig hell. Ich habe ihnen verschwiegen, dass mein Großvater immer bei Wahlen erzählte: „Du kannst wählen wen du willst, alles bleibt immer beim alten.“ „Fast alles, was Du tust, ist letzten Endes unwichtig. Aber es ist sehr wichtig, dass Du es tust.“

  6. Der AfD-Spitzenkandidat in Brandenburg, Andreas Kalbitz, sei gemäß der Zeitungen Die Welt bzw. Der Spiegel an fragwürdigen Filmen über Hitler und die Wehrmacht beteiligt gewesen.

    Nach Recherchen der ARD und des RBB soll er zudem im Jahr 1993 an einem Sommerlager des rechtsextremen Vereins „Die Heimattreue Jugend“ teilgenommen haben. Kalbitz kann sich jedoch nicht erinnern.

    Auch zum Unterstützerfeld des NSU führen personelle Verbindungen.

    Ferner hätte er einen rechtsextremen Liedermacher aus dem Umfeld der „Identitären Bewegung“ beschäftigt.

    Erst vor kurzem hat es Der Spiegel enthüllt, dass Herr Kalbitz in 2007 in Athen an einer Neonazi Demonstration teilgenommen hätte.

    Der Berliner Tagesspiegel schreibt:
    Weil Herr Kalbitz in einem Wahlwerbespot des Spitzenkandidaten der Linken, Sebastian Walter, als bayerischer Neonazi tituliert wurde, verschickte ein Anwalt eine Abmahnung.

    Der Unvereinbarkeitsbeschluss der AfD, der eine Mitgliedschaft von Vertretern „extremistischer“ Organisationen in der Partei verhindern soll, scheint also selbst bei dem Führungspersonal der AfD unwirksam zu sein.

    Etwa auch Uta Nürnberger gehört zum Geflecht der neonazistischen Initiativen um Thügida & Wir lieben Sachsen. Auf einem Foto ist sie zusammen mit Andreas Kalbitz zu sehen.

    Bekanntlich gehört(e) etwa der ehemalige US-Präsident George W. Bush zu der Geheimorganisation Skulls & Bones .

    Dann waren Franklin D. Roosevelt oder Winston Churchill Freimaurer und selbst Gregor Gysi hat wohl mal bei der Freimaurerloge Passau eine Ansprache gehalten haben.

  7. „Der Faschismus ist das Regime, das den Konzepten der Kirche von Rom am ehesten entspricht“
    „Fascism is the regime that corresponds most closely to the concepts of the Chrurch of Rome“

    youtube.com/watch?v=we-mkR6Vza0

    • Einer der Einpeitscher bei Stürzenberger sagte mir, wenn wir mit dem Islam fertig sind, kümmern wir uns um die Römisch Katholische Kirche.
      Ich hoffe, dass es euch nicht gelingt Hass zwischen Islam und Christen zu sähen und ihr damit das genaue Gegenteil erreicht.

  8. Vielen Dank, Bernhard Loyen, fuer die ausfuehrliche Analyse!
    M.M.n. ist die AFD eine astreine Partei des Neoliberalismus, die ebenso wie die Vorbilder CDU/CSU keine Natokritik uebt, geschweige denn aus der Nato austreten will. Was man konstatieren kann ist, dass die AFD ein Abklatsch der Rechtsparteien ist mit dem Anhängsel der Migrationskritik.
    Dass die AFD bei den Wählern punkten kann ist m.M.n. dem Umstand zu verdanken, dass die Linke (nicht nur die Partei) sich fast völlig zurueckgezogen hat. Die einzigen, die sich öffentlich äussern und z.B. die MIgrationspolitik der Regierung kritisieren sind S. Wagenknecht und die Schaar ihrer Getreuen. Das zu konstatieren fällt einem links-denkenden Menschen wie mir schon schwer; ist aber letztendlich der Stärke des Klassengegners geschuldet. Mit Luegen und Verfälschungen wird dem Volk Sand in die Augen gestreut und mit U-Booten aus den eigenen Reihen diese Luegen dann als Wahrheiten verkauft. Diese Strategie funktioniert schon lange, aber zunehmend „besser“ seit dem KPD-Verbot.

    Die andere Seite, die der Mainstream ständig rausposaunt ist, dass man die AFD als Nazi-Partei bezeichnet. Und wie B. Loyen beschreibt :“ (…) Die Wiederkehr der knallenden Stiefel auf deutschem Boden.(…) “ sei, soll natuerlich die „verirrten“ (Protest)Wähler wieder den Altparteien zurueckfuehren.
    Wenn man solche Einschätzungen liest, dass die AFD die Partei der Nazis und Faschisten sei, so frage ich mich manchmal, wie es um das Geschichtswissen derer steht, die solch einen Humbug äussern.
    Damit wird letztendlich der Faschismus verharmlost. Ein Blick in z.B. das Braunbuch zum Reichstagsbrand, oder beklemmende Schilderungen aus der damaligen Zeit zum offenen Terror in den Strassen Deutschlands nach ’33, zeigen eine ganz andere Gangart der Faschisten.
    Aber heute wird ja schon als faschistisch bezeichnet, eine Politik, die die freie Meinungsäusserung unterbindet.

    mfG

Hinterlasse eine Antwort