Tagesdosis 6.12.2018 – Die Gelben Westen. Protest mit Potential?

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Der Startschuss dieser Bewegung aus Frankreich ist im Mai diesen Jahres zu verorten. Die in den Randgebieten von Paris, den sog. Banlieues, lebende Priscillia Ludosky ruft eine Petition ins Leben. Sie, die klassische Berufspendlerin, ist wütend auf die Regierung Macron. Der Grund: eine erneute Erhöhung der Benzinkosten, eine anvisierte Bahnreform, d.h. der erneute Griff des Staates in ihr mäßig gefülltes Portemonnaie. Innerhalb kürzester Zeit unterschreiben überraschend eine halbe Million Franzosen. (1)

Man vergleicht seine Probleme, kennt die täglichen Sorgen. Die Bürger vernetzen sich, partei- und gewerkschaftsunabhängig, über die klassischen modernen Wege, d.h. Facebook und Twitter und können so erste landesweite Aktionen erfolgreich koordinieren. Landesweite Teilnehmerzahlen bis zu einer halben Million zeigen erste Blüten einer neuen Protestgruppierung. Erkennungszeichen, die gelbe Weste. Diese ist Pflicht in französischen Autos.

Interessanterweise wurde die Erhöhung der Benzinpreise den Franzosen als schlechtes Gewissen indoktriniert. Dazu Pierre Levy: Die Regierung war entschlossen, die auf Kraftstoff, insbesondere auf Diesel erhobenen Steuern zu erhöhen. Sie wollte den Menschen damit ausdrücklich eine Änderung des Verhaltens und der Lebensweise verordnen – „Energiewende“ nennt sich das. Zwei von drei Franzosen sehen das jedoch etwas anders. Das sogenannte, freiwillig gewählte und glücklich machende „einfache Leben“ stellt sich langsam als das heraus, was es ist: ein Fake-Account der aufgezwungenen Sparmaßnahmen.(2)

Die Bewegung der Gelben Westen zeichnet sich vordergründig durch den Normalbürger aus. Geringverdiener mit Tendenz zum täglichen Überlebenskampf. Aus existentieller Verzweiflung, wandelte sich die Ohnmacht in Wut. Ein wachsender Anteil französischer Bürger will nicht mehr schlicht funktionieren, Vorgaben von staatlicher Seite kommentarlos ausführen. Man trifft sich mit Gleichgesinnten auf der Straße, um „den da oben“ lautstark mitzuteilen: es reicht. Schluss mit der Gängelung durch Gesetzesanordnungen eines abgehobenen Präsidenten.

Die inzwischen verfassten Forderungen können in einem Kommuniqué nachgelesen werden (Das französiche Original (3), die deutsche Übersetzung(4))

Die Gründe einer belastenden Lebenssituation für viele Franzosen liegen aktuell auch in der Wahl von Emmanuel Macron im Jahre 2017 und der daraus resultierenden Politik. Dass vor einem Jahr 66 Prozent der Franzosen Macron ihre Stimme gaben, hing vor allem mit dessen Gegenkandidatin zusammen, der Chefin des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen.

Vielen Wählern ging es in erster Linie darum, Le Pen als Präsidentin zu verhindern. Die Zeit erläuterte im Mai 2017: Ältere und Gutverdiener sichern Macrons Sieg. Noch nie haben so viele Franzosen bei einer Stichwahl ihre Stimme ungültig gemacht, die Wahlbeteiligung war niedrig. Marine Le Pen punktete vor allem bei Ärmeren. Die Wahlbeteiligung in der zweiten Runde der französischen Präsidentschaftswahl lag bei 74,3 Prozent, niedriger war sie nur 1969. (5)

Nun zeigt sich, den vermeintlichen Präsidenten aller Franzosen kümmert die große Unzufriedenheit eines Großteils seiner Franzosen nur tendenziell. Der Spiegel analysiert: Er muss einstecken und er wundert sich wahrscheinlich immer noch, wo der Angriff herkommt. Die sogenannten “Gelben Westen” hatte bis vor drei Wochen kein Mächtiger dieser Welt auf dem Zettel. Aber jetzt sind sie da: Leute in gelben Warnwesten, deren Namen keiner kennt, die aber Macrons Zugeständnisse schon am Tag ihrer Verkündung ablehnen.(6) Mein Wähler, das unbekannte Wesen. Definitiv kein französisches Alleinstellungsmerkmal.

Überraschend verliert die Bewegung jetzt schon an Dynamik. Letzten Samstag gingen nach Behördenangaben rund 75.000 Menschen im ganzen Land auf die Straßen. Während im Rest des Landes auch eher überschaubare Aktionen stattfanden (7), kam es in Paris zu der bis dato aggressivsten Versammlung der Gelben Westen. Fakt auch hier: Neben den gewaltbereiten Demonstranten, protestierten ein paar Tausend „Gelbe Westen“ friedlich in Paris. Das sind deutlich weniger als noch vergangene Woche, als über 100 000 Menschen auf die Straße gingen. (8)

Es stellen sich Fragen: warum verliert diese junge Protestbewegung, gewachsen aus reiner bürgerlicher Kraft, ohne prominente Gründer_innen so schnell an Dynamik, bzw. Unterstützung? Ist der tägliche Überlebenskampf seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten doch aufreibender gewesen, um jetzt über einen längeren Zeitraum noch Kraftreserven zu mobilisieren?

Die zweite Frage lautet: warum in der dritten Woche der Aktivitäten auf einmal diese Gewalt und woher, bzw. durch wen wird sie, gerade in der französischen Hauptstadt, hervorgerufen? Der Spiegel verständnislos: Die Proteste gegen die Politik von Präsident Emanuel Macron waren am Samstag in massive Gewalt umgeschlagen. In den Straßen von Paris kam es zu chaotischen Szenen, als Randalierer Barrikaden errichteten, Autos anzündeten und Fensterscheiben einwarfen. Vermummte zogen zum Teil mit Metallstangen und Äxten durch die Straßen. Der Triumphbogen wurde mit Graffiti besprüht. An der Eskalation der Situation sollen sich Beobachtern zufolge Anhänger linksextremer Gruppen genauso beteiligt haben wie Rechtsextreme und Gewalttäter aus den Vororten.(9)

Wir lernen: Extreme aus benannten Randlagern wollen das zarte Pflänzchen Protestkultur sofort rausreißen und zerstören. Sie wollen nicht die Regierung mit zumindest konstanter Präsenz fordern, sondern provokativ randalieren. Gesellschaftliche Parallelgruppen oder bestellte Bambule? Der Franzose nennt das auch Agent Provocateur.

Die dritte Frage die sich dadurch stellt: ist Emmanuel Macron tatsächlich so schnell zu beeindrucken , dass eine Nacht der Unruhe in seiner Hauptstadt ausreichte, um folgenden Erlass zu verkündigen: Eine für den 1. Januar geplante Erhöhung der Kraftstoffsteuern soll für sechs Monate ausgesetzt werden. Auch die vorgesehene Angleichung des billigeren Diesel-Treibstoffs an den Benzinpreis soll für ein halbes Jahr aufgeschoben werden. Zusätzlich würden laut Plan auch Elektrizitäts- und Gaspreise nicht schon im Januar, sondern erst nach Ende des Winters steigen. (10)

Kommenden Samstag sind wieder landesweite Aktionen angekündigt. Es wird sich zeigen, ob die Gelben Westen zahlenmäßig sich nur eine Etappenpause gönnten. Ob die Zugeständnisse der Regierung ein strategisches Zückerchen darstellen und vor allem ob argumentativ kommende Proteste, nach den Krawallen vom Samstag letzter Woche, mit forcierter staatlicher Gegengewalt beantwortet werden. Den Sonntag danach wusste der Spiegel: Frankreich erwägt Ausnahmezustand. Nach der Eskalation der Proteste in Paris stimmen Frankreichs Präsident Macron und Ministerpräsident Philippe geeignete Maßnahmen ab – und fordern die „Gelbwesten“ zum Dialog auf. (9).

Heute lautet die Prognose aus der Glaskugel von DPA so: Obwohl die Regierung zuletzt einlenkte, fürchtet sie neue Krawalle für die am Samstag geplanten Demonstrationen. Es drohe eine „sehr große Gewalt“, hieß es am Mittwochabend aus dem Elysée-Palast. Die Regierung will landesweit mehr als 65.000 Sicherheitskräfte mobilisieren, um Ausschreitungen wie am vergangenen Wochenende zu vermeiden.(11)

Die kalte Jahreszeit in Frankreich könnte nochmal Temperatur aufnehmen.

Hinweis des Autors:

Spiegel Online Autor Georg Blume informierte seine Leser heute um 20:37 Uhr objektiv so:

„Gelbwesten“-Proteste:  Vor der Schlacht um Paris

65.000 Sicherheitskräfte werden mobilisiert, Paris schließt den Eiffelturm und seine Museen: Frankreich droht ein neues Wochenende der Gewalt. Die Zahl der Unzufriedenen, die sich den „Gelbwesten“ anschließen, wächst aber stetig.

Spiegel Leser wissen wieder einmal mehr, ansonsten kein Kommentar

Quellen:

  1. http://www.leparisien.fr/economie/consommation/sa-petition-contre-la-hausse-du-prix-des-carburants-a-deja-recueilli-136-000-signatures-24-10-2018-7927359.php
  2. https://deutsch.rt.com/europa/80404-sieg-gelbwesten-historische-bewegung/
  3. https://de.scribd.com/document/394450377/Les-revendications-des-gilets-jaunes
  4. https://deutsch.rt.com/europa/80404-sieg-gelbwesten-historische-bewegung/
  5. https://www.zeit.de/politik/ausland/2017-05/wahlanalyse-frankreich-praesidentschaftswahl-wahlbeteiligung
  6. http://www.spiegel.de/politik/ausland/emmanuel-macron-und-die-gelbwesten-proteste-der-unsichtbare-praesident-a-1241968.html
  7. https://www.francetvinfo.fr/economie/transports/gilets-jaunes/gilets-jaunes-le-point-sur-la-mobilisation-samedi-region-par-region_3080343.html
  8. https://www.sueddeutsche.de/politik/frankreich-macron-proteste-gelbe-westen-1.4235284
  9. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gelbwesten-proteste-frankreich-erwaegt-ausnahmezustand-a-1241529.html
  10. https://www.welt.de/politik/ausland/article185082126/Gelbwesten-in-Frankreich-Neue-Proteste-trotz-Zugestaendnissen-erwartet.html
  11. http://www.spiegel.de/politik/ausland/frankreich-regierung-fuerchtet-neue-krawalle-bei-gelbewesten-protesten-a-1242188.html

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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20 Kommentare zu: “Tagesdosis 6.12.2018 – Die Gelben Westen. Protest mit Potential?

  1. „Die franz. Regierung wappnet sich für massive Ausschreitungen am Samstag. 90.000 Polizisten werden mobilisiert.“

    Na wie praktisch solche gewalttätigen Ausschreitungen doch sein können. Mit dieser einfachen Taktik kann man wunderbar eine Gegenöffentlichkeit organisieren. Vielleicht sogar die Gelbweisten in die kriminelle Ecke drängen.

  2. Doch ,es gibt sie noch-lebendige Menschen, die selbständig und frei sich dafür entscheiden,ihrer Souveränität Ausdruck zu verleihen. Nur so kann es überhaupt einen souveränen Staat geben,wenn die Menschen selbst ihre Rechte einfordern und Gesetze verabschieden.
    Sie selbst müssen sich einbringen und dürfen ihre Souveränität nicht an ein linkes-rechtes-blaiviolettes Kontrollorgan aus Parteien und Organisiertheitswahn abgeben.

    Die Franzosen geben mir den Glauben zurück,dass es noch lebendige Menschen gibt.
    Lasst euch bloss nicht vereinnahmen von irgendwelchen linken -oder- wie -auch- immer-gearteten-Bürokraten und Zentralorganen.All diese Organisationen haben nur einen Sinn-das Volk zu lenken in eine Richtung,welche die Machthaber nicht stört.

    Die Franzosen haben die Zeichen der Zeit erkannt und sind das einzige Volk,dass sich ihrer eigenen Zerstörung durch die Finanz-Oligarchie widersetzt.
    Wenn hie die deutschen Schlafschafe weiter auf das nichtlegitimierte Parteienzentralorgan aus CDUSPDGRÜNELINKEAFD hoffen,,dann ist das Volk verloren und dem Untergang geweiht.

    • Aus dem Programm der Gelbwesten

      Mietbegrenzungen. Schaffung von Sozialwohnungen – insbesondere für Studenten und prekär
      Beschäftigte.
      Verbot des Verkaufs von französischem Volkseigentum (Staudämme, Flughäfen…)
      Zurverfügungstellung von ausreichenden Mitteln für Justiz, Polizei, Gendarmerie und Armee. Die
      Überstunden der Ordnungskräfte müssen bezahlt oder abgefeiert werden.
      Alle Mauteinnahmen müssen für den Unterhalt der Autobahnen und Landstraßen Frankreichs sowie
      für die Straßenverkehrssicherheit verwendet werden.
      Die Gas – und Elektrizitätswerke, deren Preise im Zuge der Privatisierungen gestiegen sind müssen
      wieder öffentliche Werke werden und die Preise müssen wieder fallen.
      Sofortiger Stopp der Einstellung öffentlicher kleiner Transportlinien, Stopp der Schließung von
      Postämtern, Schulen und Entbindungsstationen.
      Besseres Wohlergehen für unsere älteren Mitbürger. Verbot der Gewinnerzielung auf ihre Kosten.
      Schluss mit den Zeiten des „Grauen Goldes“, die Zeiten des „Grauen Wohlergehens“ müssen
      beginnen
      Maximal 25 Schüler pro Klasse von der Vorschule bis zur Abschlussstufe.
      Bereitstellung von Geldmitteln für die Psychiatrie.
      Volksentscheide sollen in die Verfassung aufgenommen werden. Schaffung einer gut lesbaren und
      effizienten Website, überwacht durch ein unabhängiges Kontrollorgan auf der die Menschen
      Gesetzesvorschläge einbringen können. Wenn ein solcher Vorschlag 700.000 Unterschriften erhält,
      muss er von der Nationalversammlung diskutiert, ergänzt und gegebenenfalls mit
      Änderungsvorschlägen der Nationalversammlung vorgelegt werden, die verpflichtet ist, ihn genau
      ein Jahr nach dem Stichtag der Erlangung der 700.000 Unterschriften, der französischen Bevölkerung
      zur Abstimmung vorzulegen
      Rückkehr zu einem 7-Jahres-Mandat für den Präsidenten der Republik.

  3. Von mir Respekt und Hochachtung für die „Gelbwesten“ in Frankreich. Ich glaube, dass die Gewalt nur
    von wenigen Randgruppen ausgeübt wird, die gerne solch Möglichkeiten nutzen. Ich würde aber
    auch der Machtelite/Neoliberalisten im Lande solch gezielte Störungen zutrauen, die bewußt und
    geplant sind. Bekannt sind solche Eingriffe vom US-Imperium auf der ganzen Welt…warum nicht auch hier.

    Hier bei KenFM wird über verschiedenste Probleme berichtet und diskutiert. Viele sind unzufrieden, doch
    irgendwie geht es trotzdem nicht weiter. Irgendwelche Lösungen sind Mangelware und absehbare Ver-
    änderungen nicht in Sicht!

    Wäre es nicht eine Möglichkeit, dass wir uns diesem Trend einfach anschließen? So eine West kostet nur
    wenige Cent und Autofahrer haben eh eine im Auto…..also Geld ist kaum notwendig. Zudem könnten wir
    uns mit den französischen Volk, dass ebenso ausgebeutet wird und die Reichen immer reicher werden,
    einfach solidarisieren………..das könnte dann vielleicht in ganz Europa funktionieren.
    Werbung, um möglichst viele Menschen hier in Deutschland zu erreichen und zu informieren, ist eben-
    falls kaum nötig, da in unserer Mainstream-Lückenpresse doch gut berichtet wurde/wird (was sie wollen, das
    sie eine gelbe Weste tragen). Wir haben natürlich noch soziale Netzwerke, wo eine weitergehende ver-
    ständigung stattfinden könnte, oder auch hier.
    Wenig interessierte und informierte deutsche Bürger könnten, wenn sie Gelbe Westen sehen, einfach dazu-
    kommen, denn die gelbe Weste zeigt ihnen den richtigen Weg. Das könnte in jeder Stadt/Dorf passieren.
    Und unzufriedene Bürger gibt es genug, die gelbe Weste weist den Weg, und ein Zusammenschluß und
    Vergrößerung wäre wenigstens möglich…….mit wenig Aufwand, Geld und das noch mit Werbung unserer
    Lückenpresse……endlich haben sie mal etwas sinnvolles für uns gemacht.

    Ich glaube, so eine schnelle, einfache und kostengünstige Möglichkeit, wird sich uns nicht wieder so schnell
    bieten!

    …also ich hab eine gelbe Weste, gehe morgen in die Stadt und ziehe sie einfach an. Sie ist dünn, stört nicht
    und pass über jedes Kleidungsstück………..macht ihr mit? Laßt uns beginnen, sofort an unserer Zukunft zu
    basteln, holen wir uns das, was uns zusteht…….Das kommende Wochenende gehe ich erneut in die Stadt und
    auch dort werde ich die gelbe Weste auf dem Weihnachtsmarkt tragen…..packen wir es an……

  4. Ich bin auch enttäuscht über die Berichterstattung bei KenFM zu den Gelbwesten. Bisher gab es (fast?) nichts dazu – und jetzt so ein ziemlich hasenfüßig daherkommender Artikel. Fast schon Riexinger-Style. 🙂

    Nein, nein, das ist keine Kleinigkeit, die sich wieder im Sande verlaufen wird – hoffe ich jedenfalls sehr! Und die Forderungen klingen doch sehr vernünftig:
    rubikon.news/artikel/tage-des-zorns

    Was will man denn mehr? Eine offenbar nicht zentral gesteuerte oder finanzierte Bewegung aus dem Volk, die keine Anführer, aber ein klares Programm hat. Und auch großen Rückhalt in der Bevölkerung, wie es scheint. Trotz ein wenig Gewalt hier und da – als ob sich das jemals ganz verhindern ließe bei einer Massenaktion.

  5. Wundermenschen, die sich in abstrakter „Neutralität“ üben – die kennen das von der Uni, da waren sie „objektiv“ – fallen immer wieder auf die selben bürgerlichen Parolen rein, die die Bildzeitung erfolgreich ausgibt, und aus denen man nie lernt, selbst wenn das anti-bildzeitungsmäßigste Portal besucht und dafür schreibt (!), dass es im deutschsprachigen Raum gibt…
    Das ist natürlich ziemlich peinlich, wenn die Bildzeitungsslogans „Wollt ihr Tote, ihr Chaoten“ und der ganze andere Dreck sinngemäß hier wieder ausgewärmt werden, von wegen: Brutale Randale, statt „richtigem“ Protest… Aua! Das tut ja richtig weh – lasst die Leute ruhig mal randalieren. Dazu werden sie von diesem System erzogen: Sie bauen nämlich jeden Tag ohne Ende auf, aber kassieren tun die Reichen.
    Da schadet es nicht, wenn sie was kaputt machen. Ist sowieso schnell wieder, von ihnen selbst, aufgebaut.
    Lasst diese Leute einfach in Ruhe randalieren. Wenn Leute aus dem sogenannten „Prekariat“ was kaputtschlagen, dann regen sich die bürgerlichen Lampenputzer gerne auf. Dadurch schenken sie diesen abgehängten und ausgebauteten Leuten jene Aufmerksam, die sie VORHER verdient hätten. Nicht im Sinne einer feinen, bürgerlichen Karriere, sondern erweiterter Freiheitsrechte und Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums, aus den Händen der Reichen heraus. Durch entsprechende Organe der Selbstverwaltung, in denen die Menschen reinwachsen würden, wären sie auch politisch gefordert, und würden nicht in Verzweifelung getrieben, sich mit brennenden Autos Gehör verschaffen zu müssen. Ganz egal, wie Hippie-Soziologen das nennen, Gewalt oder so – das spielt alles keine Rolle, denn die ganzen Laberköppe, die auf diese plumpe Spaltungstaktik der Bildzeitungsmedien hereinfallen, würden nicht mal eine Woche in deren Leben aushalten, die da ausrasten – die bis zur Weißglut ihren Alltag zwischen Arbeitslosigkeit und Zeitarbeit auskotzen… und dann noch als faule Ausländer beschimpft werden…
    Also lange Rede kurzer Sinn: Wozu KenFM, wenn dann hier nur die selben Bildzeitungsslogans warmgemacht werden? Böser Protest und lieber Protest… divide et impera, würd ich mal sagen. Die Feinde sitzen immer noch im Staat und in den Banken!

    • „Hauptsache Arbeit!“, „Konkurrenz belebt das Geschäft!“ usw….
      Die Solidarität zwischen den Menschen hat abgenommen, seit der Staat mit der SPD als Vermittlerin den Leuten die Flause von der sogenannten „Sozialpartnerschaft“ ins Ohr gesetzt hat.
      Das war der ehemalige Burgfrieden zum Ersten Weltkrieg an dem sich auch der glorreiche ADGB beteiligt hat… und diese Taktik des Verschweigens des Klassenkampfes von Oben, zur Vermeidung des Kampfes gegen die Klassen überhaupt, zieht heute noch wunderbar. Da gibt es diese wunderbaren Autos, die man unbedingt braucht und dieses und jenes Praktikum bietet halt leider nur 5 Plätze aber vielmehr Anfragen… tja, wer „was werden will“….
      Ja und so ist die Unkultur in Schland. Und das feiert die AFD, denn die Unternehmer, die diese Partei bilden, freuen sich schon, wenn die Leute, die heute mit Wikingerstyle und Thor-Steinar-Klamotten auf ihren Demos Ordner spielen, sich gegenseitig im Lohn unterbieten. Aber diesen tiefsten Zusammenhang zwischen der Unterwürfigkeit unter das, was die Herrschenden „Nation“ nennen und die Lage des darin gefangenen Volkes, die haben die Leute ja immernoch nicht gerafft. Die „Nation“ saugt sie bis aufs Blut aus und verfeindet sie, raubt ihnen jedes Selbstwertgefühl um ihn dann „Nationalbewusstsein“ zu „schenken“ und wird dann noch groß gefeiert… Das schmerzt alles so schön 😀

  6. Chapeau, die Franzosen machen etwas, wozu der deutsche Michel einfach nicht in der Lage ist. Verwunderlich ist nur, dass sie diesen Präsidenten gewählt haben, obwohl er seine Taten vorher angekündigt hat. Sein Vorbild war die Agenda 2010, welche in unserem Land mittlerweile obsolet ist. Ähnlich wie in Deutschland hatten die Franzosen nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Nach den enttäuschenden Vorstellungen von Sakozy und Hollande wollten sie unbedingt etwas Neues. Dann hatten sie die Wahl zwischen Macron und Le Pen. Sie haben sich für das kleinere Übel entschieden. Bei uns wurde Angela Merkel auch nur wieder Bundeskanzlerin, weil die Menschen unbedingt Martin Schulz verhindern wollten. Ich glaube nicht, dass die Demonstrationen im Sande verlaufen werden.
    Immer mehr Gruppierungen gehen auf die Straße. Demnächst wird wahrscheinlich das Krankenhaus- und Altenpflege-Personal mitmachen. All das könnte, ja müsste bei uns auch erfolgen. Der eigentliche Protest ist jedoch gegen eine neoliberale Politik ausgerichtet, für diese steht nämlich Herr Macron.

  7. Sehr sympathische Entwicklung! Man kann nur hoffen, dass solche Typen wie Merz (mit e) genauso empfangen werden in DE.
    Die Forderungen sind soweit ich das beurteilen kann ‚links‘ und von daher völlig unverstädlich, dass der Riexinger sich wie zu lesen (z.B. auf den NDS) so äussert. Aber der ist eben eine Schlaftablette!
    Was mir etwas Sorgen bereitet ist der Hinweis des Autors:

    „Überraschend verliert die Bewegung jetzt schon an Dynamik. Letzten Samstag gingen nach Behördenangaben rund 75.000 Menschen im ganzen Land auf die Straßen. Während im Rest des Landes auch eher überschaubare Aktionen stattfanden , kam es in Paris zu der bis dato aggressivsten Versammlung der Gelben Westen. Fakt auch hier: Neben den gewaltbereiten Demonstranten, protestierten ein paar Tausend „Gelbe Westen“ friedlich in Paris. Das sind deutlich weniger als noch vergangene Woche, als über 100 000 Menschen auf die Straße gingen.“

    Hier, denke ich, ist eine Organisation von Nöten, die diese Stimmung und Bereitschaft zur Veränderung „am Kochen hält“ und bei drohendem Verlust dieser, wieder versucht die Menschen aufzurichten.
    Ja ich weiss, liebe Anarchisten und Graswurzelexperten, das ist nicht in eurem Sinne, aber fuer die Sache ist es unabdingbar.
    Wenn erst die ersten Versuche der Infiltration ertfolgreich gemacht werden, dann kann sehr schnell ein Erlahmen dieser Spontanität erfolgen, und das will ja wohl wahrlich keiner.
    Ich las soeben eine Aussage von P. Anderson, die mich fast vom Hocker gehauen hat. Ich hätte ihr niemals diese analytische Klarheit und diesen festen Klassenstandpunkt zugetraut; aber so kann man/ich sich/mich täuschen. So täusch ich mich halt gerne.

  8. Danke Herr Loyen!
    Was soll man sagen? Richtig machen es die Franzosen! Ohne Gewalt scheint es heute nicht mehr zu gehen, denn „rechtskonforme“ und/oder friedliche Aktionen werden belächelt, verunglimpft oder gestört. Nehmen wir uns ein Beispiel am Bauernkrieg: die Paläste müssen brennen, anders bekommt man das selbsternannte Elitengesindel nicht aus dem Bau!

  9. Ich arbeite seit Jahrzehnten mit französischen Betrieben zusammen und bin sehr, sehr oft in Frankreich.

    Macron weiss, dass er verloren hat. Am letzten Samstag haben viele Polizisten spontan ihre Helme abgesetzt (https://www.youtube.com/watch?v=VMBsv0EzGak&feature=youtu.be) .

    Wer sich etwas in der französischen Geschichte auskennt, weiss dass dies das Zeichen ist, dass sich die Polizei solidarisiert. Damit haben die Demonstranten das Wichtigste erreicht: der Rückhalt für ihr Anliegen ist bei der Polizei angekommen und aufgenommen worden.

    Ab Sonntag streiken in ganz Frankreich die LKW-Fahrer. Ich bin davon mit meinen Kunden auch direkt betroffen und weiss, was Streiks im Transportwesen in Frankreich bedeuten können. Zum ersten Mal hat keiner meiner Kunden in der Schweiz auch nur Etwas gesagt. Es ist, als ob die Schweizer auch begriffen haben, dass es um viel mehr als nur einen Streik geht.

    Lasst uns die Daumen dafür drücken, dass Macron und seine Spiessgesellen wirklich verstanden haben, worum es geht und nicht noch ein unnötiges Blutvergiessen anrichten.

  10. Ja, das gleiche Phänomen wie in Deutschland.
    Wenn man auf die Straße geht hat man gute Chancen in inszenierte Krawalle zu geraten…
    Da bleibt man lieber zu hause.
    Und vom Thema lenkt es die Öffentlichkeit ohnehin ab. Man redet nur von Krawallen, das Thema gerät ins Abseits.
    Aber das wird nicht ewig funktionieren, auch wenn gewisse Leute glauben, das Problem damit gelöst zu haben.

  11. Hallo Yulius,
    ja, man findet auch Artikel zum Thema Sinneswandel: Die Gewerkschaft der Polizei VIGI kündigt ab dem 8. Dezember einen unbefristeten Streik an und erklärt sich solidarisch mit dem Kampf der Gelbwesten (RT Deutsch).
    Vor zwei Tagen klang das jedoch lt. dpa noch so: Trotz Einlenken der Regierung: Frankreich stockt Polizei für „Gelbwesten“-Demos auf. Wer hinter den sog. Krawallmachern steht bleibt unklar. Dem Normalbürger, der etwaig nun den Mut findet auf die Straße zu gehen, wird klar vermittelt: pass auf mit wem du da demonstrierst, nämlich mit Chaoten,mit Links,wie Rechtsextremen. Das Prinzip Angstmachen wird mal wieder eingesetzt. Daher vielleicht auch die reduzierten Teilnehmerzahlen. Es wird sich Samstag zeigen, a) an der landesweiten Teilnehmerzahl und b) auf welcher Seite der Demozüge die Polizei zu finden sein wird, bzw wen sie beschützt – den Staat, oder den Mitbürger.

    • Hallo Bernhard,

      womit wir ja wieder bei den Massenmedien sind (Spiegel), die ja gleich auch noch einen möglichen militärischen Einsatz verbreiten. Denn die letzte Demo bestand ja nur aus Links- und Rechtsextremen sowie Gewalttätern aus Vororten. „Normale Bürger“ erheben sich selbstverständlich nicht gegen die Regierung….

      Und ja, RT ist das bisher mir einzig bekannte Medium, das über die Aktivitäten von VIGI berichtet. Alles also wie gehabt. Und Du fragst in Deiner Tagesdosis nach dem Grund der plötzlichen Gewalt. Nun, hier ist PropOrNot ein hervorragender Antwortgeber, der natürlich genau weiß, wer dahinter steckt…..

      Wir werden sehen, ob in unserem Nachbarland der Ausnahmezustand erklärt wird. Ich sehe die Proteste auch als willkommenes Ereignis für die Elite, um weitere Maßnahmen nicht nur gegen das eigene Volk, sondern im nächsten Schritt auch gegen einen östlichen Nachbarn zu ergreifen. Als bedingungsloser Unterstützer des Faschisten Poroschenko ist es dann auch nicht mehr weit bis zur Verhängung des Kriegsrechts. Passend dazu hat die RADA heute die „Feuer frei Erlaubnis“ erteilt.

      Danke für Deine Antwort🙏

  12. Die Tagesdosis endet mit dem Hinweis auf die Mobilisierung von 65.000 Sicherheitskräften für die angekündigte Demo am kommenden Samstag. Mir fehlt dabei der Hinweis, dass die französische Polizeigewerlschaft eine unbefristete Streikankündigung zu genau diesem Datum, dem 8. Dezember angekündigt und eingereicht hat.

    „Die Forderungen der Gelbwesten-bewegung gehen uns alle an. Es ist an der Zeit, sich legal zu organisieren und Solidarität mit Ihnen zu zeigen, zum Wohle aller. Wir sind besorgt, weil wir Teil des Volkes sind. Unser Anliegen ist es, am Ende des Monats über die Runden zu kommen und nicht die Teppiche im Elyseebfür 300.000 € zu wechseln.“ So die offizielle Erklärung der Polizeigewerkschaft.

    Sollte dies tatsächlich umgesetzt werden – was bei 25 Mio. Überstunden sehr nachvollziehbar ist – wird bei entsprechender Beteiligung einiges auf fen Sonnenkönig Macron zukommen.

    Das nächste Wochenende könnte die europäischen Fußballligen an Spannung durchaus überbieten.

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