Tagesdosis 6.2.2018 – Unabhängig, unerschrocken, unbeugsam
 (Podcast)

Zum Tod von Robert Parry, der mit dem „Iran-Contra“-Skandal die dunkle Allianz von Krieg und Drogengeschäft aufdeckte

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

Mit Robert Parry ist Ende Januar einer der besten und letzten unabhängigen Journalisten der Vereinigten Staaten gestorben. In den 80er Jahren, als Ronald Reagan und sein Vize George Bush Todesschwadronen und Terrormilizen in lateinamerikanischen Ländern unterstützten, war er einer der wenigen Reporter, der diese Art von  Außenpolitik als das beschrieb was sie war: mörderisch und kriminell. Für die Nachrichtenagentur AP und das Magazin „Newsweek“ berichtete er von der Front dieser illegalen Kriege – nicht als „emebededes“ Propaganda-Organ, sondern als echter Journalist. Ein Glücksfall, denn sonst wäre 1986 der Absturz eines amerikanischen Transportflugzeugs über dem nicaraguanischen Dschungel samt seiner Kokain-Landung wohl eher im Sande verlaufen. So aber brachten Robert Parrys Reportagen ins Rollen, was als „Iran-Contra-Skandal“ bekannt geworden und mittlerweile in die Geschichtsbücher eingegangen ist: als dokumentiertes Beispiel  für Terrorismus, Waffen,- und Drogenhandel im Namen des Staats.

Kurz gefasst wurden in diesem Fall direkt aus dem Weißen Haus, dirigiert von Bushs Adjutant Oliver North, illegal Waffen  an den Iran verkauft und der „Contra“-Miliz der Import von Kokain in die USA gestattet, um mit den Profiten aus diesen Geschäften einen Krieg gegen die linksgerichtete nicaraguanische Regierung zu finanzieren. Robert Parrys Berichte sorgten dafür, dass der US-Kongress einen Untersuchungsausschuss  startete, der zwar am Ende nur ein paar Bauernopfer kostete, aber dennoch einige Enthüllungen zeitigte, die sehr hilfreich sind. Wenn man verstehen will, wie der „Krieg gegen Drogen“ und der „Krieg gegen Terror“ eigentlich funktionieren und warum sie nicht für weniger, sondern  für mehr Drogen  und mehr Terror sorgen.

Der Chefpilot der Iran-Contra-Flotte, Barry Seal,  hatte wöchentlich bis zu 1.500 Kilo Kokain in die USA gebracht, im Auftrag und unter Aufsicht der CIA, ausgestattet mit modernstem Gerät der US-Armee zur Überlistung der Radarüberwachung. Als dies ruchbar wurde und der Kongress einen Untersuchungsausschuss einberief, kosteten schon die Voruntersuchungen, wie Robert Parry damals schrieb, den Leiter des Ausschusses John Kerry „fast seine Karriere“. Dass er später noch Außenminister wurde und Karriere machte – wie auch die wegen Mitwisserschaft und Vertuschung verurteilten hochrangigen Beamten,  Exverteidigungsminister Caspar Weinberger, Sicherheitsberater Robert McFarlane und Admiral John Pointdexter, die von  Bush senior  bald begnadigt wurden  – zeigt schon, dass auch diese Untersuchung nur an der Oberfläche kratzte und die Strukturen dieses Netzwerks organisierter Kriminalität nicht beseitigte.  Doch immerhin verdanken wir ihm ein Dokument, das zwar nicht in den Geschichtsbüchern steht, wo die „Iran-Contra“-Geschäfte wenn überhaupt als kleine „Affäre“ vorkommt, das aber die Machenschaften des „tiefen Staats“ völlig unverblümt benennt und rechtfertigt. Es handelt sich um die Aussage des CIA-Chefs William Casey, der auf die Frage ob seine Behörde den massenhaften Import von Kokain, der die Crack-Epidemie in Amerika auslöste, tatsächlich gebilligt habe, zu Protokoll gab:

 „Meine Aktionen mögen als kriminell angesehen werden, weil sie zahllose Amerikaner zur Drogenabhängigkeit verdammen. Das ist mir egal. Jeder Krieg produziert Opfer. Grundsätzlich ist ein Krieg um so kürzer, je gewalttätiger er ist. Meine Wahl war, entweder einem andauernden Guerillaaufstand des Kalten Kriegs in Lateinamerika zuzuschauen oder die verfügbaren Mittel zu nutzen, um einen gewalttätigen Krieg von kurzer Dauer für die Demokratie zu finanzieren und zu führen. Ich stehe zu meinen Entscheidungen. Das Werkzeug ist Kokain. Der Trick ist zu verstehen, dass die Drogenkonsumenten die Freiheit der Wahl haben. Sie wählten die Droge. Und ich entschied, ihre Gewohnheit zu benutzen, um die Demokratie zu finanzieren, an der sich alle Amerikaner erfreuen. Und um diese Amerikaner vor der kommunistischen Bedrohung zu schützen, die an unsere Hintertür in Lateinamerika klopft. Um dies zu ändern muss der Drogenkonsument seinen gesellschaftlichen Beitrag leisten.“

Soweit der O-Ton des CIA-Chefs vom 9. Dezember 1986. Und wer sich fragt, warum Amerika heute von einer Opioid- und Heroin-Epidemie in erschreckendem Ausmaß geplagt ist und ob dies etwas damit zu tun hat, dass Afghanistan seit dem Einmarsch der US-Armee zum größten Opiumproduzenten der Welt aufgestiegen ist, muss für eine Antwort eigentlich nur diese Akten studieren. Wobei die Frage, warum diese grausamen Geschäfte seit Jahrzehnten ungestört weiterlaufen, auch recht einfach zu beantworten ist: Journalisten vom Schlage Robert Parry sind eine aussterbende Art. Sein Kollege Garry Webb, der die „dunkle Allianz“ staatlicher und mafioser Strukturen  vom Iran-Contra-Import zur Crack-Epidemie weiter verfolgte, verlor seinen Job als Chefreporter der „Mercury News“ und kam später mit zwei Kopfschüssen aber offiziell durch  Selbstmord ums Leben. Robert Parry wurde  68 und starb an Krebs – die Website Consortium News, die er in den letzten Jahren aufgebaut hat, soll weitergeführt werden, in seinem Geiste: unabhängig, unerschrocken, unbeugsam. So wie echter Journalismus zu sein hat.

Mehr über die dunkle Allianz von Krieg und Drogengeschäft in dem Buch von Mathias Bröckers: „Die Drogenlüge – Warum Drogenverbote den Terrorismus fördern und der Gesundheit schaden“, Westend Verlag.

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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