Tagesdosis 7.1.2020 – Der tote General schlägt zurück (Podcast)

Ein Kommentar von Mathias Bröckers.

Die Frage, ob die Ermordung des iranischen Generals Soleimani eine Kriegserklärung darstellt, ist leicht zu beantworten, wenn man das Szenario einfach mal umdreht:  ein führender General der US-„Joint Chiefs of Staff“ wird bei einem diplomatischen Besuch in Kanada durch einen iranischen/russischen/nordkoreanischen/chinesischen Anschlag getötet – und der verantwortliche Präsident verkündet danach im Fernsehen, dass es höchste Zeit war, diesen „Nummer 1 Terroristen“ zu erledigen. Gleichzeitig lässt er über die Schweizer Botschaft als Vermittler dem US-Präsidenten die Nachricht zukommen, dass dieser Anschlag „nicht als Kriegserklärung“ verstanden werden sollte, man „kein Interesse an Regime Change“ habe und weiter „offen“ sei für Gespräche. So geschehen am 3. Januar in Teheran über den Botschafter der Schweiz, der diese Nachricht aus dem Weissen Haus der iranischen Regierung übermittelte und auch die erwartbare Antwort zurück meldete: dass man sich mit Mördern nicht an einen Tisch setze und diese Tat bestraft werden müsse.

Nun sind die Iraner keine Selbstmörder und wissen, dass die USA mit ihrer militärischen Übermacht in der Lage wären, Teheran dem Erdboden gleich zu machen. Sie werden sich ihre Antwort deshalb gut überlegen. Klar ist nur, dass jede US-Einrichtung und jeder Diplomat im Mittleren Osten jetzt ein potentielles Ziel ist was die ohnehin immensen „Sicherheitskosten“ weiter steigern wird – und es fraglich ist, ob sich die US-Truppen im Irak und in Syrien länger halten können. Am Wochenende haben das irakische Parlament und das gesamte Regierungskabinett beschlossen, keine fremden Truppen mehr im Land zu dulden. Die 3000 zusätzlichen Soldaten, die das Pentagon jetzt nach Kuwait schicken will, werden daran nichts ändern – es bräuchte eine erneute komplette Invasion mit massivem Truppeneinsatz und den wird Trump im Wahljahr keinesfalls unternehmen. Zumal Russland und im Hintergrund auch China schon im Syrien-Konflikt klar gemacht haben, dass es nun reicht mit dem Gemetzel des US-Imperiums im Mittleren Osten. Sie stehen jetzt auch hinter dem Iran, was selbst den kriegsgeilsten Neokons in Washington Einhalt gebietet, und jedem noch halbwegs mit militärischem Verstand gesegneten Pentagon-General sowieso.  Zum einen, weil wegen der von der russischen Armee zum Jahresende in Dienst gestellten Hyper-Schall-Rakete „Avangard“ die milliardenteuren Flugzeugträger der US-Navy nur noch „sitting ducks“ und im Ernstfall wertlos sind – und zum anderen, weil die Amerikaner die Straße von Hormuz, über die etwa ein Viertel der globalen Ölversorgung läuft, nicht offen halten können, wenn Iran auf die Idee kommt, sie zu sperren und zu verminen. Dann nämlich platzen nicht nur einige Tanker, sondern auch die billionenschweren Derivate und Börsenwetten, die am Öl und am Ölpreis hängen – ein Wirtschaftsdebakel, gegen das sich der Schwarze Freitag 1929 sich wie ein Kindergeburtstag ausnehmen würde. Einen solchen Crash kann sich Trump im Wahljahr noch weniger leisten als einen großen Krieg.

Den Mund nimmt er freilich wie gewohnt sehr voll und warnte den Iran vor Drohungen und Racheakten: man habe wunderbare Waffen und 52 Ziele im Visier, die wichtig für das Land und „die iranische Kultur“ seien. Dass sich eine solche Drohung ganz auf dem barbarischen Niveau des islamischen Staats ISIS bewegt, der unersetzliche Baudenkmäler im antiken Palmyra zerstörte, fällt einer Dumpfbacke wie Donald wohl nicht einmal auf. Auch die US-Mainstreammedien haben wenig Probleme mit diesem Terroranschlag, die Opposition beklagte sich nur darüber, dass sie nicht vorher im Kongress informiert wurde. Auch Spitzenkandidat Joe Biden hatte an der Tat nichts auszusetzen, monierte aber, dass Trump keinen Plan hätte wie es jetzt weiter geht.

Den hat er zwar – es ist die mafiose „art of deal“: wir schnüren dir mit Sanktionen den Hals zu, beseitigen deinen fähigsten General und zwingen dich so zur Unterwerfung –  aber er wird nicht funktionieren. Stattdessen könnte dieser Mord Trumps bisher ziemlich sicher scheinende Wiederwahl unmöglich machen, wenn die Antwort darauf so ausfällt, wie es General Soleimani seiner Elitetruppe seit über 20 Jahren gelehrt hat: assymetrisch.  Ob und wie einzelne Mitglieder ihrer Truppen auf die heimtückische Ermordung ihrer verehrten Kommandeure mit Racheakten reagieren, ist schwer kalkulierbar, die iranische Regierung aber wird nicht überstürzt, sondern überlegt handeln – und hat viele Möglichkeiten, mit tausend Nadelstichen dem orangefarbenen „Satan“ im Weissen Haus  das Wahljahr zur Hölle zu machen.

Das scheint er irgendwie zu ahnen, wenn die noch unbestätigte Meldung  von Eliah Magnier aus Teheran stimmt, dass der Emir von Qatar der iranischen Regierung ein „Friedensangebot“ Trumps übermittelt hätte: Wenn kein Racheakt erfolgt, könnten die Sanktionen gelockert werden, falls doch einer erfolgt, solle dieser aus einer „ähnlichen Antwort“ bestehen. Ist jetzt damit ein  Vier-Sterne-General zum Abschuss frei gegeben? So unglaublich das klingt, es würde zur „Kunst“ des Dealens á la Trump ziemlich perfekt passen. Oder hat er bemerkt, dass der „Sumpf“, den er angeblich austrocknen will, ihm mit den Einflüsterungen diesen staats-terroristischen Akt zu begehen, eine geschickte Falle gestellt hat? Nicht ahnend, dass die assymetrischen gegen-terroristischen Reaktionen, die ohne Frage folgen werden, ihm die Wiederwahl verhageln, weil er einen großen Krieg nicht vom Zaun brechen kann und gegen die vielen kleinen Attacken keine Antwort hat….außer tausend Jahre alte Tempel in Schutt und Asche zu legen.

Irgendwie scheint mir, als ob wir gerade dem Anfang vom Ende der US-Hegemonie im Nahen Osten zuschauen, einem sterbenden Riesen, der mit dem Rücken zur Wand wild um sich schlägt. Er hat nur noch die Hardware, vieles kaputt zu trampeln und von Schwächeren Schutzgeld zu erpressen, die Software, mit denen ihre „hearts and minds“ gewonnen werden, ist definitiv defekt. Bei dem ermordeten General Soleimani war das genau umgekehrt: seine mobile „Kuds Force“ war nur mit leichten Waffen unterwegs, aber Bewunderung und Unterstützung flog ihnen nicht nur in der schiitischen arabischen Welt zu. Nicht die Amerikaner, nicht Saudi-Arabien und Israel, die den IS unterstützen, haben die barbarischen Fundamentalisten in Syrien und Irak besiegt, sondern die Milizen des Generals Soleimani, sowie die der Kurden und die Truppen des irakischen Milizführers Abu Mahdi, der den General am Flughafen Bagdad empfangen hatte und bei dem Drohenanschlag ebenfalls ums Leben kam. Womit nicht nur dem Iran, sondern auch dem Irak faktisch der Krieg erklärt wurde. Beide Generäle hatten für den kommenden Tag einen Gesprächstermin beim irakischen Premierminister. Mit ihrer Ermordung hat Donald Trump einen Geist aus der Flasche gelassen, der das US-Imperium noch heimsuchen wird. Die ersten Raketen sind nahe der US-Botschaft in Bagdad schon eingeschlagen…

Mathias Bröckers veröffentlichte zuletzt „Don’t Kill The Messenger – Freiheit für Julian Assange“ im Westendverlag.”   Er bloggt auf broeckers.com

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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: Lightspring / Shutterstock

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2 Kommentare zu: “Tagesdosis 7.1.2020 – Der tote General schlägt zurück (Podcast)

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