Tagesdosis 7.10.2017 – Steht Spanien vor einem Bürgerkrieg?

Ein Kommentar von Ernst Wolff.

Die jüngsten Ereignisse um die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens drohen nicht nur Spanien, sondern die gesamte EU zu sprengen. Das gewaltsame Vorgehen der Zentralregierung gegen friedlich zur Wahl gehende Bürger, der kurzfristig angesetzte Generalstreik, die Ankündigung der Unabhängigkeitserklärung und das Verbot einer Sitzung des Regionalparlaments durch Madrid sind dabei nur die letzten Eskalationsstufen eines seit langem währenden Konflikts.

Grund für die Wut und die Kampfbereitschaft einer großen Mehrheit der Katalanen sind die Verschlechterung der Lebensverhältnisse im Gefolge der Eurokrise und die Unterwürfigkeit der Madrider Zentralregierung gegenüber der Brüsseler Bürokratie.

Die Politik der Troika – Geld für die Banken, Sparprogramme fürs Volk

Wie Zypern, Irland, Griechenland und Portugal wurde auch Spanien während der Krise unter die Zwangsverwaltung der Troika aus Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission gestellt. Wie dort wurden auch in Spanien riesige Summen in die Bankenrettung gesteckt (bisher insgesamt mehr als 120 Mrd. Euro), während die Folgen der Krise mittels Sparprogrammen auf die arbeitende Bevölkerung abgewälzt wurden.

Seit mehr als fünf Jahren leiden vor allem die unteren und mittleren Einkommensschichten unter Steuererhöhungen, Arbeitslosigkeit und der Zwangsenteignung von Immobilien. Der spanische Mindestlohn beträgt 4,29 Euro pro Stunde, die Durchschnittsrente 915 Euro. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 38,7 Prozent, mehr als zweieinhalb Millionen Arbeitssuchende haben das Land bereits verlassen.

Zwar haben in den vergangenen Jahren hunderttausende Spanier gegen diese Politik demonstriert, doch ihre Proteste sind entweder von der Zentralregierung niedergeschlagen worden oder wirkungslos verpufft. Genau diese Situation haben sich katalonische Separatisten zunutze gemacht. Ihr Zorn richtet sich aber nicht gegen die spanische und die internationale Finanzindustrie, sondern dagegen, dass das wirtschaftsstarke Katalonien schwächere autonome Gemeinschaften wie Valencia und Extremadura auf Anordnung der Zentralregierung finanziell unterstützen muss.

Die Unabhängigkeit Kataloniens wird nichts ändern

Erreichen die Separatisten ihr Ziel und wird Katalonien tatsächlich unabhängig, so wird das allerdings nichts an der Misere der Bevölkerung ändern. Eine zukünftige katalonische Regierung wäre nicht weniger abhängig von der Troika als die Madrider Zentralregierung. Zum Beweis ihrer Macht hat die EZB bereits angekündigt, einem unabhängigen Katalonien umgehend den Geldhahn abzudrehen – ein sicheres Mittel, um sich die zukünftige Regierung gefügig zu machen.

Der Weg der Separatisten führt also mit Sicherheit in eine Sackgasse. Trotzdem hat ihr Rückhalt in der katalonischen Bevölkerung in den vergangenen Tagen und Wochen erheblich zugenommen. Grund dafür ist der berechtigte Hass auf die Zentralregierung unter Premier Rajoy, die gegenüber Katalonien einen harten und kompromisslosen Konfrontationskurs verfolgt.

Zeichnet sich dennoch die Möglichkeit einer friedlichen Beilegung des Konfliktes ab? Nein, und zwar aus einem einfachen Grund: Die Zentralregierung hängt am Tropf der EU und der Europäischen Zentralbank, die Madrid durch den Aufkauf von Staatsanleihen über Wasser hält. Die Brüsseler EU-Bürokraten und die Führung der EZB werden die Unabhängigkeit Kataloniens niemals dulden, da ein Sieg der Separatisten eine Kettenreaktion auslösen und weiteren nationalistischen oder regional orientierten Separatisten in Europa Rückenwind verleihen könnte. Im Baskenland, in Schottland, Nordirland, Belgien, in der Bretagne, auf Korsika, den Faröer Inseln und in Grönland, sowie in Norditalien (wo in der Lombardei und Venetien noch in diesem Monat Referenden über mehr Autonomie stattfinden), warten Separatisten nur darauf, sich zu erheben und Kataloniens Beispiel zu folgen.

Weshalb hat Brüssel die Separatisten so lange gewähren lassen?

Die Entlassung Kataloniens in die Unabhängigkeit würde einen Flächenbrand auslösen, den Zerfall der EU rasant beschleunigen und den Brüsseler Bürokraten damit den finanziellen Nährboden entziehen. Wieso aber haben sie nicht früher eingegriffen? Wieso haben sie die Situation so weit eskalieren lassen, dass sie inzwischen nicht mehr beherrschbar erscheint?

Die Antwort lautet: Aus purem Egoismus: So lange Separatisten nämlich nicht an die Macht gelangen, sind sie sowohl für die EU als auch für die EZB äußerst nützlich, weil sie die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von den wahren Verursachern ihrer Misere – der Finanzindustrie – ablenken und die Wut der Menschen statt dessen auf andere Volksgruppen richten.

Dass Spanien nun ein Bürgerkrieg droht, sollte allen Europäern als Warnung dienen: Die wirtschaftlichen und sozialen Probleme unserer Zeit lassen sich weder durch regionale, noch durch nationale Abspaltungen lösen. Sie lassen sich nur lösen, wenn die Mehrheit der Menschen erkennt, dass sich ihr Feind nicht jenseits der Grenzen ihrer Region oder ihrer Nation, sondern innerhalb dieser Grenzen, nämlich in dem von der Finanzindustrie beherrschten System, befindet. Diese Erkenntnis ist die unabdingbare Voraussetzung für einen erfolgreichen Kampf um eine bessere Zukunft – nicht nur in Spanien, sondern in ganz Europa und weltweit.

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26 Kommentare zu: “Tagesdosis 7.10.2017 – Steht Spanien vor einem Bürgerkrieg?

  1. Mir kommt es alles so komisch vor. Bei all dem Rummel um diese Angelegenheit, hat bisher keiner die Nachbaren im Osten erwähnt, die eine friedliche dauerhafte Secession durchgeführt hatten. Die tschechische Republik und Slovakei, also mitten in Europa. Auch der werte Prof. Merkel im Interview bei RT hat das auch nicht erwähnt. Wenn man ein Puzzleteil nicht beachtet, dann ist das Bild von der Wahrheit auch dahin.

    • Dafür, dagegen … weiß nicht. Die üblichen Antworten, die alle überflüssig sind. Die „Nation“ ist so abstrakt und pseudokonkret wie Menschenrechte unter der Ägide des Gewaltmonopols, wobei schon „Mensch“ eine moderne – und daher immer abstrakte – Reflexionskategorie ist und mit Tatsächlichem nichts zu tun hat. Zwickmühle oder Schachmatt, was immer beliebt.
      Ja, die Wahrheit!, die gibt es im modernen Ensemble genau nicht. Öffentlichkeit mitsamt ihrem Herzstück der „Meinung“ dient zu nichts anderem, als – je nachdem – alles auszusortieren, was dem sozialen Konsens, dessen die Leute (ich meide mal Menschen, weil Relexionsebene) als ureigene Fähigkeit fähig sind, zu negieren. Antagonismus für immer! Die Leute steigen darauf ein … dafür, dagegen, weiß nicht.
      Zum Glück wiederholt sich Geschichte nicht. Mal sehen …

  2. Ein Teil der Menschen sagt: die Katalanen sind „böse“, sie sind egoistisch, unterdrücken die Spanier in ihrer Region und sind gewalttätig.
    Ein anderer Teil sagt: die Regierung ist „böse“, sie verhindert eine demokratische Abstimmung, die Mehrheit der Katalanan möchte gar nicht unabhängig werden, und die Gewalt geht von der Polizeit aus

    Eine total undurchschaubare Geschichte. Werprofitiert davon?
    Sicher scheint, dass wenn sich die Bürger untereinander bekämpfen, nur die 0,1%, die von dem System profitieren, etwas davon haben.

    Die Open Society Foundation von George Soros hat ja als erstes Interesse (immer gehabt): Chaos und Konflikte zu fördern. Er unterstützt gerne Gruppen mit irgendwelche Forderungen, gerne auch beide Seiten, Hauptsache, es gibt möglichst viel Konflikt unter den 99,1%, die eigentlich begreifen sollen, dass ihr Gegner ganz wo anders sitzt.

    • Ja, so wie Sie das im letzten Abschnitt Ihres Kommentars beschreiben, muss ich es leider auch sehen: Die Satanisten heizen immer überall noch die Konflikte extra an, die durch ihr rein profitables Denken und Handeln geschaffen werden- dem Raubmordkapitalismus. Man hat Probleme, sich in derart „kranke Gedankengänge“ hinein zu versetzen, wie Benjamin schon weiter unten schreibt, aber die bisherige Erfahrung mit allen Recherchen führt einen zwangsläufig immer wieder zu dieser Deutung.

    • So sieht es wohl leider aus, glaube ich auch immer mehr.

      Nur ist das – selbst ohne jegliche moralischen Betrachtungen – doch ein Tanz auf dem Pulverfass. Wenn Katalonien tatsächlich die Unabhängigkeit erklärt, hätte das doch sicher auch negative wirtschaftliche Auswirkungen. Das kann doch Strippenziehern wie Soros eigentlich nicht egal sein, oder?

      Oder spekuliert er (finanziell) darauf?
      Oder wird das dann eben militärisch niedergewalzt und beschäftigt die Leute weiter eine ganze Weile mit anderen Fragen als dem Kampf gegen die asozialen Reichen? Ist das dem Großkapital mittlerweile vielleicht sogar noch wichtiger – weil sie wissen, was auf dem Spiel steht – als das Vermehren von Geld…?

    • Ja, das sind eben immer wieder die selben Frage, die wir uns mit noch einigermaßen gesundem Menschenverstand immer wieder stellen müssen, weil wir anders gepolt sind als diese Superreichen. So sagte auch z.B. Steven Block, Professor für Bio-Physik an der Unuversität Stanford einmal, nachdem er jahrelang Erfahrungen in der geheimen biologischen Forschung des Pentagon und der Regierung gesammelt hatte: „Wir sind geneigt, zu sagen, dass niemand bei gesundem Menschenverstand diese Dinge je einsetzen wird, aber nicht jedermann ist bei gesundem Menschenverstand.
      Jedoch, wenn ich unsere bekannte Kulturgeschichte betrachte, so frage ich mich schon seit vielen Jahren, wieso die Menschheit den Weg der Gewalt gewählt hat. Es war ja doch von Anfang an klar, dass Gewalt keine Zukunft hat. Der Mensch ist im Schnitt eben wohl doch nicht vernunftbegabter als das übrige Leben – eher noch im Gegenteil, von Minderheiten einmal abgesehen. Alles empfindsame Leben richtet sich nach der Natur, nur die Menschheit bekämpft sie – sogar ihre eigene. Das, was wir unter Menschlichkeit verstehen, kennen wir ja eigentlich nur durch die lobenswerten Einzelpersönlichkeiten aus unserer Geschichte, die tatsächlich vernunftbegabt waren und der Menschheit mit ihrem eigenen Leben Regulative setzten. Zum Beispiel Buddha, Sokrates und Jesus von Nazareth.

  3. Zunächst einige zusätzliche Infos zum täglichen Leben.

    Ich lebe seit ca. 20 Jahren in der Provinz Valencia, es gibt hier ähnliche Tendenzen wie in Katalonien, nur halt nicht so ausgeprägt, weil man hier mehr Empfänger als Zahler von Leistungen nach Madrid ist.

    In der Provinz Valencia werden 2 Sprachen gesprochen. Valenciano und Spanisch (Castellano). Valenciano ist eine katalanische Abart. In Alicante – gehört auch zu Valencia – spricht kaum einer Valenciano.

    Als ich hierher zog, waren Schilder auf Spanisch (das war meiner Erinnerung nach auch in Barcelona im wesentlichen noch so). Heute werden sogar behördliche Straßenschilder nur noch einseitig in Valenciano geschrieben. Behördenmitarbeiter sind angewiesen, Bürger zuerst auf Valenciano anzusprechen, erst, wenn diese auf Spanisch bestehen, dürfen die Mitarbeiter auch Spanisch kommunizieren.

    Schlimm wird es in der Schule. Auch dort wird versucht, das Spanische total zu verdrängen (wird von der Regierung in Valencia übrigens als Mehrsprachigkeit bezeichnet!). Auf den meisten Schulen wird nur auf Valenciano unterrichtet, selbst da, wo die Eltern darauf bestehen, daß in Spanisch unterrichtet wird, wird die Hälfte des Unterrichts dennoch auf Valenciano durchgeführt. Es ist sogar versucht worden, diese Kinder im Englischunterricht zu diskriminieren – diese Situation ist zur Zeit in der Schwebe, weil es ein Gerichtsurteil gegen diese Vorgehensweise der Sprachtaliban gibt.

    In der Küstenregion arbeitet eine sehr große Zahl fremder Nationalitäten. Lateinamerikaner und EU-Bürger. Viele EU-Bürger merken häufig erst nach einer Weile, daß ihre Kinder gar kein Spanisch lernen. Dann ist es meist zu spät. Schulwechsel wird dann schwierig.

    Diese Sprachsituation läuft auf Diskriminierung heraus, wo Eltern ihren Kindern bei den Schulaufgaben helfen wollen – geht nicht, wenn man kein Valenciano spricht. Zudem ist es eine unnötige Belastung für Kinder, die aus einem Nicht-Valenciano-Haushalt kommen. Sie sollen neben Spanisch und Englisch ihre „Heimat“sprache lernen. Valenciano sprechen nur ca. 2,4 Mio Einwohner (das wäre in etwa die Hälfte Berlins).

    Ich habe auch schon Klagen von anderen Eltern gehört, die auf dem Elternabend vom Lehrer angefurzt wurden, weil sie kein Valenciano sprechen. Man muß dazu wissen, daß hier in einigen Küstengemeinden mehr Ausländer als Spanier (incl. Valencianer) wohnen. EU-Bürger sind hier keine Gäste, sondern Bürger mit aktivem und passivem Wahlrecht auf lokaler Ebene.

    Es gab hier Demos mit weit über 30 (Valencia) oder 10 (Alicante) Tausend Teilnehmern gegen diese diskriminierende Sprachpolitik.

    Die Durchschnittsrente hier ist tatsächlich gering im Vergleich zu D, aber man zahlt auch nur sehr wenig ein. Als Selbstständiger zahlt man hier einen Monatsbeitrag von 344 Euro, das beinhaltet die Kranken- und Rentenversicherung. Die medizinische Versorgung ist hier insgesamt mit D vergleichbar.

    Soweit meine Infos.

    Spanier gegen Katalanen oder span. Nationalisten gegen katalanische Nationalisten (Separatisten). Natürlich ist es kein Konflikt von Spaniern gegen Katalanen.

    @ Susan Bonath: „Es geht den Katalanen erst mal darum, sich von einer Staatsmacht zu befreien, die noch immer Francos Gesetze ausführt (zum großen Teil), und wie man gesehen hat, auch noch in gewisser Hinsicht so agiert.“

    Dreimal Nein!

    1. Die Katalanen wollen sich nicht von (Francos) Staatsmacht befreien! Eine Minderheit der Katalanen will sich abspalten!

    2. Es sind nicht mehr zum großen Teil Francos Gesetze (das macht sie allerdings nicht gut)

    3. G20 vergessen? Die Guardia Civil hat nicht besser oder schlechter agiert als Teile der deutschen Polizei

    Ansonsten stimme ich dem Beitrag von Ernst Wolff weitgehend zu, positiv empfand ich auch einige ergänzende Kommentare in diesem Tenor.

  4. Die Katalonen haben eine lange Tradition im Kampf um ihre Unabhängigkeit .
    Versuche, die Unabhängigkeit zu erreichen, wurden immer wieder von den Machthabern in Madrid unterdrückt .
    Dass sich nun auch die EU gegen die Selbständigkeit und Souveränität der Katalanen stellt, überrascht wenig . Für die EU wie für den gesamten Westen ist Souveränität nur ein Mittel des Krieges, das angewendet wird, um vermeintliche Gegener zu schwächen . Unterstützt wurde der Separatismus im Kosovo und in Kroatien und aktuell bei den Kurden.
    Spanien hat in Einklang mit der EU nun in Katalonien eine demokratische Abstimmung mit unglaublicher Gewalt versucht zu verhindern. Mehr als 800 Menschen, die versuchten an einer demokratischen Abstimmung teilzunehmen, wurden von der spanischen Polizei krankenhausreif geprügelt .
    Ein Akt der Brutalität, der seit 80 Jahren in Europa keinen Vergleich kennt, und doch ignoriert die Politik der EU diese beispiellose Gewalt .
    Trotz dieser Gewalt und allen Versuchen, diese Abstimmung zu verhindern nahmen an der Abstimmung beinahe die Hälfte der Stimmberechtigten teil . Von den abgegebenen Stimmen wiederum votierten mehr als 90 % für eine Unabhängigkeit .
    Wie sehr die Politik in Europa von Totalitarismus und und Zusammenhang mit Gewalt von Faschismus geprägt ist , zeigt der Umgang der Politik und der Medien mit diesem überwältigenden Beweis demokratischen Volkswillens in Katalonien.

  5. @Box:
    Vielen Dank für die wieder mal hervorragende Link-Zusammenstellung!

    @Susan Bonath:
    Sehen Sie die Beweggründe der „Separatisten“ nicht ein bisschen durch die rosarote Brille?
    Was möchten denn die katalanische Regierung und die Bevölkerungsmehrheit konkret ändern am Wirtschaftssystem?

    @KenFMFan bzw. alle:
    Sollte es wirklich so sein, dass „die Eliten“ ein Interesse daran haben, Europa zunehmend unregierbar zu machen? Was ist das Kalkül dahinter? Ich halte das nicht für unmöglich, habe aber immer noch Probleme, mich in derart kranke Gedankengänge (der „Eliten“) hineinzuversetzen.

  6. Danke für den ausgewogenen Artikel. Ich finde es richtig, hier von Separatisten zu sprechen (die tatsächlich in der Minderheit sind). Die Motivation zur Abspaltung ist ja eigentlich recht asozial: ohne die Transferleistungen an die ärmeren Regionen Spaniens ginge es den Katalanen noch besser, meinen sie. Auffällig finde ich, dass die Separatisten recht selbstbewusst vorgehen, als stünde eine Kraft dahinter, die stärker ist als Madrid. Ich habe auch Videos gesehen, wo die Bevölkerung die Polizei wegdrängt und Steine wirft, also es ist nicht wirklich eindeutig, dass die Agression nur von der Polizei kommt (was ich bsiher nur von einer Wahlstation gesehen habe). Und das alles kurz nach false flag/hoax in Barcelona, so wie rechtskräftig gemachter Brexit kurz nach der false flag/hoax in London.

    Separatistenbewegungen quer durch die EU. … Wenn ich mich recht erinnere, kam es von Warren Buffett, der sagte, bis 2020 wird Europa unregierbar. Könnte das ein Ziel der Eliten sein? Ich weiss es nicht, aber es scheint mir momentan plausibel.

  7. Wir haben hier den Fall einer Schrödingers Katze, außerhalb der Box liegt jeder richtig als auch falsch.
    Was auf jeden Fall nicht zu widersprechen ist: „alea iacta est“
    Es wird kein „weiter so wie bisher“ geben, auch „ein zurück“ wird nicht möglich sein.

    Was mir missfällt ist diese unachtsame Übernahme des Propagandabegriffs Separatisten, dieser ist eindeutig negativ konnotiert.
    Und dieser ganzer unsäglicher Verweis auf das Völkerrecht, das nur die Selbstbestimmung garantiert, aber keine eindeutige Garantie für ein Referendum zur Secession verankert sowie die spanische Verfassung die das als illegal untermauert.
    Aus meiner Sicht sehe ich eine mündliche Frage und Willenserklärung die eine Beziehung beenden möchte.
    Wie bei einer Ehe soll das doch möglich sein, auch wenn der Ehevertrag extrem christlich konservativ formuliert ist: „bis dass der Tod euch scheidet“. Also, noch sehe ich nicht, dass der unterdrückte Partner die Ausstiegsklausel wörtlich nimmt.
    Ich sehe nur einen Partner der danach sehnt ernst und gleichwertig behandelt zu werden und da ihm das missgönnt wird, bittet er um die Scheidung.
    Ich sehe, dass die Eltern des Unterdrückers beharrlich auf die extrem christlich konservativen Werte verweisen und daher wird die Ausstiegsklausel „bis dass der Tod euch scheidet“ auch zur selbsterfüllende Prophezeihung.

  8. Dass die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien nicht per se aus den kapitalistischen Abhängigkeiten führen, ist logisch. Dass die Regionalregierung ebenfalls nur ein bürgerliches Parlament ist mit entsprechendem Bestreben für die Bourgeoisie, also nicht für die kleinen Arbeiter und die Millionen komplett abgehängten Erwerbs- und Obdachlosen, ist ebenfalls klar. Die Katalanen aber nun zu geißeln als Nationalisten, Separatisten (hat ja bzgl. der Ukraine als Schimpfwort die Runde gemacht), Egoisten und was weiß ich nicht alles, kurz als „Böse“ abzustempeln, halte ich allerdings für Unfug.

    Erstens gibt es dort recht starke linke Kräfte, die nicht zu unterschätzen sind und zumindest nach eigenem Bekunden und ihren Handlungen zufolge hundert mal mehr auf der Seite der Arbeiter stehen, als hierzulande diese verbürgerlichte Linkspartei. Zweitens hat Arbeiterbewegung in Katalonien eine viel tiefgreifendere Tradition als in vielen anderen Ländern und Regionen. Das ergibt sich eben aus der Geschichte. Es herrscht dort eine ganz andere Solidarität und vielfach auch mehr Klassenbewusstsein als hier.

    Darum muss man das Ganze schon differenzierter betrachten, bevor man jetzt aus Angst vor einem Zerfall der EU in Schockstarre verfällt. Die EU ist ein kriegerisches Imperium, das sich sogar von der bürgerlichen Demokratie verabschied. Natürlich kann niemand wollen, dass die spanische Staatsmacht das Spiel bis zum Bürgerkrieg weitertreibt, was leider zu befürchten ist. Aber gerade dann muss man solidarisch mit den Katalanen sein, die verdroschen wurden, die von jetzt auf gleich einen Generalstreik auf die Beine stellen. Und es wäre geradezu zu wünschen, dass andere Regionen in vielen Ländern nachziehen.

    Es geht den Katalanen erst mal darum, sich von einer Staatsmacht zu befreien, die noch immer Francos Gesetze ausführt (zum großen Teil), und wie man gesehen hat, auch noch in gewisser Hinsicht so agiert. Das ist nur allzu verständlich. Und Menschen lernen in Bewegungen. Normalerweise müsste man jetzt alles daran setzen, dass nicht die Bourgeoisie in Katalonien das Oberwasser gewinnt, sondern dass es zu einem Kampf von „unten“ gegen „oben“ wird (der er teilweise ist, auch wenn gewiss andere Kräfte da mitmischen). Und zweitens muss man schauen, dass die Mittel überlegt werden (z.B. Streiks) und keine blutige Niederschlagung riskiert wird.

    Gleichwohl kann niemand ernsthaft am Erhalt des Imperiums EU interessiert sein, der den globalen Kapitalismus als Ursache für die weltweiten Verwerfungen begriffen hat. Die Welt kann auch mit einer schon wegen des technologischen Fortschritts aufeinander angewiesenen Wirtschaft kleinteilig organisiert werden. Für wirkliche Demokratie und mehr Egalität unter den Menschen wäre das sogar sinnvoll. Und für Anfänge dorthin sicherlich auch. Nur wenn von Katalonien irgendwas Gutes ausgehen soll, brauchen die Menschen dort Solidarität. Und dann ist es gut, wenn sie möglichst viele Nachahmer finden. Mit ganz viel Glück könnte daraus sogar eine europaweite antikapitalistische Bewegung werden. Man muss schon vor Ort anfangen, wenn man was bewegen will, bedarf aber der uneingeschränkten Soildatität und Hilfe von außen.

    Der spanische Staat ist jedenfalls wie alle kap. Staaten ein instrument der besitzenden Klasse, nicht mehr, nicht weniger. Befreiungsbewegungen gegen Staatsapparate und deren Gewalt müssen unterstützt werden. Dummeweise sind es die Staaten, die über Waffengewalt verfügen und diese auch einsetzen. Und gerade darum ist es unbedingt anzustreben, dass solche Bewegungen in die antikapitalistische Richtung gehen. Und dafür besteht in Katalonien große Hoffnung, und das geht auch nur mit Solidarität. Das Problem ist ja immer wieder das mangelnde Klassenbewusstsein, und das muss gestärkt werden.

    Ich meine, wir können auch aus Angst die Hände in den Schoß legen. Dann wird es aber vielen von denen oder deren Kindern, die hier jetzt noch sorglos am Rechner hängen, in 20, 30 Jahren verdammt an den Kragen gehen. Denn geht es so weiter, wird uns das alles um die Ohren fliegen, so viel ist gewiss.

    • Der Staat (je nach Definition und Sicht) ist und war immer ein Instrument der herrschenden Klasse.
      Es ist ein Pyramidensystem.
      Befreiungsbewegungen gegen Staatsapparate erzeugen selbst nach dem Sieg neue Staatsapparate.
      Auch hier gilt, dass der „neue“ Staat das Machtinstrument der herrschenden Klasse ist.
      Falls es in einem Land zu einem Sieg der Befreiungsbewegung kommt, werden die Staaten der alten Ordnung immer versuchen, das Rad zurückzudrehen und weder Kosten noch Mühen scheuen. (Sabotage, Krieg, Sanktionen, Täuschung, Propaganda u.a.)
      Ziel kann nur eine klassenlose Gesellschaft sein.
      Die herrschende Klasse wird ihre Macht nicht freiwillig aufgeben und Viele in den unteren Klassen sind eher an einem Marsch in die obere Klasse interessiert als die Klassen aufzulösen.
      Trotzdem wird eine mögliche Aufhebung der Klassen nur von „unten“ möglich sein.
      Von „oben“ gibt es kein Interesse!

    • Hm, was soll uns das jetzt sagen? Vielleicht, dass wir alle besser in kleinen Grüppchen in Höhlen ziehen und uns vor der Bourgeoisie verstecken sollten? Oder dass der Mensch per sé böse und dumm sei, völlig unabhängig von gegebenen Verhältnissen? Oder vielleicht, dass nichts etwas weiter bringe, als eine global durchgeplante und durchgeführte Revolution von unten gegen die herrschende Klasse? Ich versteh´ das jetzt nicht so richtig.

      Natürlich können die Klassen nur von unten aufgehoben werden, da oben kein Interesse besteht.

    • Die vielgerühmte Freiheit und Emanzipation aber ist die Konstituierung als gesellschaftlich handelndes Subjekt, das heißt, Emanzipation ist der Schritt in die Öffentlichkeit mit dem Anspruch auf die eigene Unternehmung, mit dem Aufbau des in der Öffentlichkeit vorgetragenen identitären Bewusstseins und der Konstruktion einer Geschichte, das heißt einer historischen Legitimation.

      So ist also die Bourgeoisie, richtiger das Bürgertum im Sinn von Citoyen, früher emanzipiert als das durch sie hervorgerufene Proletariat. Wo aber das Proletariat in seiner gesellschaftlich empirischen Form als Arbeiter ebenfalls in Sinn von Citoyen zu agieren sich anschickt, nimmt es die bürgerliche Vernunft für sich selbst in Anspruch und macht den Widerstand der Bourgeoisie in ihrer empirischen Form als politische Partei (oder deren mehrere) dagegen zur Sache der Unvernunft. Dasselbe lässt sich sagen von der Emanzipation der Frauen gegen die Männer. Mit dem Vorwurf der Unvernunft aber ist nicht eine objektiv beweisbare, positiv zu bestätigende Tatsache gemeint, etwas, das durch das Urteil der Geschichte oder des gesunden Menschenverstands bestätigt wird, sondern dieser Vorwurf der Unvernunft wird ja sofort zurückgegeben an die sich eben Emanzipierenden im Klassen-, Geschlechter- oder Konkurrenzkampf, das heißt, der Vorwurf der Unvernunft wird zu einem Schlachtfeld der konkurrenten Auseinandersetzung. Die Konkurrenz selbst, also die Konstituierung gesellschaftlich Handelnder mit ihren Identitäten und jeweiligen Unternehmen gegen die jeweils anderen mit nahezu gleichen Identitäten und Unternehmungen, beinhaltet also schon von Anfang an ein Verhältnis der Gewalt durch das Absprechen der Vernunft des jeweils anderen; es wäre nicht vernünftig, hier eine konkurrente Handlung zu beginnen, wo das Feld schon besetzt, die konkurrente Unternehmung also nichts als ein unfreundlicher Akt ist, es wäre aber im Gegenzug ebenso unvernünftig, sich der Konkurrenz nicht auszusetzen, sie mit gewaltsamen Mitteln zu verhindern und so die gesellschaftlichen Grundlagen zu zerstören.

      Zwar rühmt sich das moderne Ensemble von Anbeginn an seiner Gewaltlosigkeit, rühmt sich dessen, dass es nicht mehr den Krieg, aber auch nicht die bäuerliche Plackerei zur Grundlage seines Einkommens macht, sondern Industrie und Handel, rühmt sich dessen, dass, wer in diesen Verhältnissen gesellschaftlich handelt, dies unbewaffnet tut und seine Verfügungsgewalt über die Bewaffnung an den Staat abgetreten hat, der nun seinerseits das friedliche Auskommen seiner StaatsbürgerInnen zu seiner Sache macht und die Grundlagen dafür garantiert. Dennoch ist der Eintritt in dieses Paradies mit einem flammenden Schwert verbunden – der ursprünglichen Rechtlosigkeit der nicht Emanzipierten. Waren etwa die (freien) Frauen der vormodernen, religiösen Epoche in der damaligen Sicht durchaus von den Männern verschieden, eben weil sie Frauen waren, also eine andere Natur hatten, so waren sie ihnen aber andererseits gleich in der Tatsache, dass sie berechtigt waren, Rechte hatten, Waffen zu führen in Gestalt des Gefolges bewaffneter Männer und diese in den Kampf zu schicken, Rechte hatten auf Eigentum und Haushalt, Rechte hatten, die aus Verwandtschaft entstanden. Es war daher wenig überraschend, wenn wir aus der religiösen Epoche auf Priesterinnen, Kaiserinnen, Königinnen, Äbtissinnen, Meisterinnen (die durchaus auch ihre Zünfte anleiteten), Regentinnen aller Art also stoßen. Demgegenüber stehen die modernen Verhältnisse, die nicht Emanzipierten eben alle Berechtigung verweigern, da diese nicht an die gottgegebene Natur gebunden sind, sondern erst durch subjektive Anstrengung errungen werden müssen. Diese Subjektkonstitution, dieses subjektive Emanzipieren ist also Sache der Einzelnen, ist ein Recht, das subjektiv zu erlangen ist, das keins für sich in Anspruch nehmen kann, das sich nicht konkurrent und mit eigener Unternehmung gegen andere emanzipiert hätte, seien diese auch Teilnehmende und Teilhabende an der gesellschaftlicher Ordnung und den gesellschaftlichen Verhältnissen.

      Und was im Kleinen gilt, gilt auch im Großen. So wie die Frauen sich plötzlich der bürgerlichen Moderne auf Gedeih und Verderb, auf Gnade und Ungnade rechtlos den Männersubjekten ausgeliefert sahen, ohne Teilhabe an der Öffentlichkeit, ohne gesellschaftliche Macht, ohne Erbrecht und Eigentum, so waren plötzlich ganze Völkerscharen, die gerade noch als ebenbürtig und gleichberechtigt gegolten hatten, mit dem Verdikt der Rückständigkeit, Faulheit und Unzivilisiertheit konfrontiert, weil ihre Herrscher den Respekt verloren hatten, der ihnen früher gezollt worden war, wenn es um Angelegenheiten der Reiche und ihrer Untertanen ging, und dies, weil sie es plötzlich mit emanzipierten Subjekten zu tun bekommen hatten, die nun ihre Verhandlungspartner waren, und nicht mehr Abgesandte anderer Könige, und die ihnen ihre Rechte an ihren Reichen und Untertanen (also an ihrer – „feudalen, korrupten“ – Alimentation) streitig machten und sie zu Handel und Verträgen zu zwingen suchten. Diese in beiden Fällen, aber auch in allen anderen, in denen nicht Emanzipierte betroffen waren, die, um das Maß der Neuerungen voll zu machen, erst mit diesen Verhältnissen neu geschaffen wurden wie beispielsweise Proletariate oder Kinder oder Rassen, diese in diesen Fällen also aufoktroyierte, primordiale, quasi ursprüngliche Rechtlosigkeit ist ein konstitutives Merkmal des modernen Ensembles und darüber hinaus auch das die Gesellschaft latent bedrohende Gewaltverhältnis, gegen das sie sich permanent abzusichern hat.

      Diese Absicherung erfolgt einerseits eben mit dem Gewaltmonopol des Staats (das gewaltsame Herstellen von Subjektivität und damit Staatlichkeit), andrerseits aber dadurch, dass die ihrer früheren Rechte Beraubten gezwungen sind, das Angebot der Emanzipation – ein Angebot, das sie nicht ablehnen können – als Ausweg, der in gesitteten Bahnen zum Erfolg führen wird, anzunehmen. Als Ausweg erscheint die Emanzipation entsprechend dem Vorbild der Aufgeklärten, der Vertragstheoretiker, der ersten Kolonisten der Neuen Welt, der international sich herausbildenden Gelehrtenansammlungen an den europäischen Fürstenhöfen mit den dort gegründeten Akademien, entsprechend dem Vorbild der pilgrim fathers und der bürgerlichen Revolutionäre in Frankreich und Amerika, die sich rechtlos gegenüber den Fürsten sahen, weil sie ihnen gegenüber neue Rechte formulierten, nicht einmal von ihnen forderten, sondern sie sich nahmen. Entsprechend diesem Vorbild ist jede neue Emanzipation zwiespältig: einerseits gegründet auf eben diese neu gewonnene bürgerliche Vernunft, andererseits dem Generalverdacht ausgesetzt, diese neue Ordnung, das heißt die neu gewonnene bürgerliche, entsprechend dem historischen Vorbild im Rahmen der Konkurrenz umzustürzen und die Konkurrenz wenigstens kurzfristig gewaltsam zu sistieren.

      Wenn also das moderne Ensemble von Anbeginn an unter der Bedrohung der vernünftigen gesellschaftlichen Ordnung mit ihren Menschenrechten, mit ihrem Streben nach Glückseligkeit, mit ihren verbrieften Garantien und Freiheiten, mit ihrem Fortschritt, ihrem Wachstum und ihrer Entwicklung leidet, dann ist diese Bedrohung nichts als der ideologische Ausdruck der Exklusivität der Emanzipation, nichts als der negativ gewendete Ausdruck der ursprünglichen Rechtlosigkeit aller anderen gegenüber dem ersten Subjekt des white man’s burden, das sich anschickt, unbedankt die Welt mit seiner Vernunft bekanntzumachen und zu überziehen, also alles außer sich selbst in den neuen Status der Rechtlosigkeit zu versetzen und zur bürgerlichen Emanzipation zu zwingen. Mit der ewigen Klage, dass die Universalität der Menschenrechte, die Garantie der demokratischen Freiheiten es ja ermögliche, dass sich die Gegner eben dieser Rechte und Freiheiten im Inneren dieser Gesellschaft einnisteten, um diese zu zerstören, dass es ja die Schwäche dieser Gesellschaft sei, dieses Einnisten nicht nur zuzulassen, sondern zu befördern, damit wird nur über das ursprüngliche Gewaltverhältnis eines Antagonismus, der als Konkurrenz zur gesellschaftlichen Tugend geadelt wird, hinweggeschwindelt. Und mit der bangen Frage, was da nun zu tun sei, wird die Wehrhaftigkeit der Gesellschaft beschworen durch die Kraft des guten Beispiels, abgesichert durch die Kraft der überlegenen Bewaffnung und des präventiven Angriffs und durchgeführt zur Erhaltung des Gewaltverhältnisses der primordialen Rechtlosigkeit.

      Beschrieben findet sich diese erste Rechtlosigkeit, dieses erste Gewaltverhältnis im bekannten Kapitel aus dem ersten Band des „Kapital“ von Karl Marx über die ursprüngliche Akkumulation, wobei hinzugefügt werden muss, dass dieses Kapitel nicht gelesen werden darf als eine historische Studie über ein vergangenes Ereignis, sondern gelesen werden muss als Beschreibung eines konstitutiven, andauernden Prozesses in unserer Gesellschaft, mit dem dieses Gewaltverhältnis aufrecht erhalten wird, auch und gerade wenn die dabei etwa von Pistoleros, Mafia, Warlords, Abenteurern oder honorigen Drahtziehern und Hintermännern ausgeübte Gewalt vordergründig als illegal gebrandmarkt werden darf. Ähnliches gilt für den damit verbundenen Begriff der Trennung der Produzenten von ihren Produktionsmitteln, was allerdings so gelesen werden muss, dass es sich nicht nur auf die vormodernen Bauern und Handwerker bezieht, die im Zuge der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise nach und nach ihrer Werkzeuge und Rohstoffe enteignet werden, sondern ebenso auf die adeligen Grundherren, die ihrer wichtigsten Ressource, der von ihnen abhängigen Menschen, enteignet, von diesen Produktionsmitteln, die Robot und Zehent abwerfen, getrennt werden und auf sie erst wieder zugreifen können, wenn sie sich ebenso dem Vertragsrecht unterwerfen und auf neuer, abstrakter Ebene wieder zusammenkommen. Diese Beschreibung allerdings bleibt im Rahmen der Kritik der politischen Ökonomie, erstreckt sich nicht auf die Kritik des gesellschaftlichen Subjekts; vielmehr erscheint dieses schon vorausgesetzt. Wenn es nun also gilt, eine Welt zu denken, die ohne Gewalt auskommt, weil sie nicht mehr vernünftig ist, müssen wir die Voraussetzung dieses Subjekts wegdenken anstatt dem ewigen Wiedergänger bürgerlicher Vernunft verhaftet zu bleiben.

    • Hallo Frau Bonath,
      „Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen“
      (Lenin)
      Das sind wir noch weit davon entfernt.

      Mir fällt dazu die „Ballade von Joß Fritz“ von Franz Josef Degenhardt ein.
      Den Text kann man googeln.

      Der Mensch ist nicht per sé böse und dumm. Die gegebenen Verhältnisse prägen den Menschen.
      Gerade nach der „Wende“ war das überall zu beobachten. Die Dummheit springt mich jeden Tag an.
      Mann muss nur Fragen stellen und die Antworten lassen leider keinem anderen Schluss zu.
      Selbst ein „Großmaul“ wird kleinlaut, wenn es um die gemeinsame Durchsetzung seiner ureigensten Interessen geht.
      Arbeitskampf hat fast den Ruf, Illegal zu sein. Den Interessen der Unternehmer sind eigentlich wichtiger als die Eigenen.
      Das geht bis zu Selbstverleugnung.
      „Eine global durchgeplante und durchgeführte Revolution von unten gegen die herrschende Klasse“ sehe ich auch nicht. Wer sollte das organisieren und woher sollen die Massen kommen, die dazu bereit sind?

      Sie sehen mich ziemlich ratlos – die „Oben“ machen wohl „alles richtig“ und die unten sind uninformiert, desinteressiert, abgelenkt.

      „darum ist es unbedingt anzustreben, dass solche Bewegungen in die antikapitalistische Richtung gehen. Und dafür besteht in Katalonien große Hoffnung, und das geht auch nur mit Solidarität.“
      Den ersten Teil kann ich unterschreiben. Wo aber nehmen Sie die Hoffnung her?
      Solidarität? Wie soll das gehen? – mal praktisch – für mich.
      Am Ende bleibt nur sich einen Standpunkt zu erarbeiten um nicht orientierungslos auf die Welt zu schauen.

      PS: Ich finde ihre Texte gut – machen sie weiter.

    • @ Susanne Bonath

      Da sage ich mal mit den Worten meines verstorbenen Freundes Robert Kurz: „Wir haben ihn so geliebt – den Klassenkampf“ *smile.

  9. Anbei ein paar weiterführende links:

    Linker Nationalismus in Katalonien?
    Wenn über zwei Millionen Menschen zu verbotenen Wahlen gehen.
    von Wolf Wetzel

    (…)
    Nach Angaben der Generalitat de Catalunya gibt es 5.313.000 Wahlberechtigte, von denen 2.020.144 mit „ja“ gestimmt haben. Das wäre dann das Votum von 38 Prozent der Wahlberechtigten.
    (…)
    Ya basta – es reicht!
    Zehntausende gingen auf die Straße, besetzten zentrale Plätze, und versuchten über Asambleas (Versammlungen) und Comisiones (Kommissionen) eine basisdemokratische Struktur aufzubauen, die sich dem politischen Parteiensystem diametral entgegenstellte. Die Kraft, die Begeisterung und die Geduld reichten für einige Monate. Dann brach die Bewegung aus einer Mischung von Repression und Erschöpfung Stück für Stück auseinander und in sich zusammen.
    Damit war jedoch die Unzufriedenheit nicht verschwunden. Nach dem Scheitern dieser vielfältigen linken Proteste folgt in aller Regel eine rechte, national-gesinnte Antwort auf die politische und wirtschaftliche Krise, an der sich „unten“ nichts geändert hat.
    (…)
    Dass in Katalonien die Menschen so wenig gleich sind, wie in ganz Spanien, dürfte einleuchten. Dass die Armut, die Verarmung in Katalonien so stark angestiegen ist, wie im Rest Spaniens, ist ebenfalls evident.
    Dass die der Regionalregierung unterstehende Polizei (mossos) genau so brutal zuschlägt wie die Polizei der Zentralregierung (Guardia Civil), haben viele Menschen in Katalonien zu spüren bekommen. Dass sich Menschen mit geringem Einkommen keine Wohnung in Barcelona leisten können, dass die Regionalregierung dafür millionenschwere Prestigeobjekte (wie z. B. einen neuen Jachthafen und riesige Hotelkomplexe) ermöglicht, die vor allem Bauunternehmen, Banken und am Ende Touristen zugutekommen, hat nichts mit der „katalanischen Seele“ zu tun, sondern mit einer Wirtschaftspolitik, die sich in nichts von der der Zentralregierung unterscheidet.
    Dass Zehntausende Menschen in Katalonien ihr Hausdarlehen nicht mehr bezahlen konnten und zwangsgeräumt wurden, hat nichts mit Katalonien zu tun, sondern mit dem Kapitalismus, der in der katalanischen Unabhängigkeitserklärung so unangetastet bleibt, wie im Rest Spaniens. Dass „katalanische“ Unternehmen genauso beschissen bezahlen wie spanische Unternehmen, ist auch kein Geheimnis.
    https://www.rubikon.news/artikel/linker-nationalismus-in-katalonien

    Über den Irrsinn der Aufspaltung und der sogenannten Unabhängigkeit

    Wir haben im Falle des Balkan gelernt, dass die Aufteilung eines Völkerverbundes nach einzelnen Ethnien große Probleme mit sich bringt. Wir haben die Europäische Union gegründet, weil wir es für sinnvoll halten, dass einzelne Nationen sich zu größeren Verbünden zusammentun. Und dabei durchaus ihre Eigenheiten bewahren. So sollte es jedenfalls sein. Und jetzt kommt eine Gruppe von Katalanen in Spanien und will unabhängig werden. Und der spanische Ministerpräsident reagiert darauf mit massiver Gewalt. Beides ergibt die Zehnerpotenz von Wahnsinn. Da sind Kräfte am Wirken, die nichts Gutes im Sinn haben. Zur Situation in Spanien schickt unser spanienkundiger Leser Em D. Ell die Übersetzung eines Kommentars des Gründers und Direktors des Portals eldiario.es, Ignacio Escolar, und eine Einführung dazu. Albrecht Müller
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=40422

    NATO spielt auch mit, wie sonst auch, vielleicht engagiert sich Gesamtspanien einfach zu wenig:

    Catalonia Independence: Five Things to Think About
    Catalan independence can be good or bad – it depends on the Catalan people to make it good, or else it likely will be bad.
    By Tony Cartalucci
    Global Research, October 02, 2017

    (…)
    2. NATO appears eager to encourage independence and would welcome what they expect to be a robust military capability to add to their wars of global aggression.

    An article published in 2014 by the Atlantic Council – a Fortune 500-funded NATO think tank – titled, “The Military Implications of Scottish and Catalonian Secession,” would state:

    Catalonia has 7.3 million people, with more than $300 billion in GDP. Spending just 1.6% of that on defense provides over $4.5 billion annually, or roughly the budget of Denmark, which has well-regarded and efficient armed forces. Catalonian military plans are more vague, but so far, they emphasize the navy. With excellent ports in Barcelona and Tarragona, Catalonia is well-positioned as a minor naval power, ‘with the Mediterranean as our strategic environment, and NATO as our framework’, as the nationalists’ think-tank on defense argues. The rough plans call for a littoral security group of a few hundred sailors at first. After a few years, Catalonia would assume responsibility as “a main actor in the Mediterranean,” with land-based maritime patrol aircraft and small surface combatants. Eventually, the nationalist ambition may include an expeditionary group with a light assault carrier and hundreds of marines, to take a serious role in collective security.
    https://www.globalresearch.ca/catalonia-independence-five-things-to-think-about/5611607

    Und reiche Leute sowieso:

    George Soros finanziert die katalanische Unabhängigkeit
    Voltaire Netzwerk | 28. September 2017

    Die Open Society Stiftungsinitiative für Europa von George Soros finanzierte in 2014 Organisationen die für die Unabhängigkeit Kataloniens kämpfen, hat La Vanguardia letztes Jahr enthüllt.
    http://www.voltairenet.org/article198105.html

    • Man sieht aber nicht, wie die Dame in Blau einen zweiten Stimmzettel in die Urne wirft. Man sieht nur dass sie nach dem Einwurf ihres Stimmzettels noch einmal an ihrer Tasche nestelt. Ob sie einen 2. Stimmzettel eingeworfen hat, ist also Interpretationssache. Ich frage mich, warum sie nicht gleich 2 Stimmzettel zusammen eingeworfen hat, wenn sie das wollte. Das wäre ja dann viel unauffälliger gewesen.

  10. Ich bin erschrocken wie schlecht die Menschen informiert sind. Einige Tatsachen stimmen absolut, aber wie das zusammengewürfelt wird ist schlecht und entspricht nicht ganz der Wahrheit:
    Die Separatisten stellen NICHT die Mehrheit, sind aber viel lauter als die anderen. Davon zu sprechen dass „Katalanen“ die Unabhängigkeit wollen ist einfach falsch. Es sind Separatisten mit nationalistischem Gedankengut die eine Xenophobie gegenüber spanisch orientierten entwickelt haben. Das ist ein Prozess der über Jahrzehnte gedauert hat. Angefangen im grossen Stil hat es mit „Espanya ens roba“ („Spanien beklaut uns“ von Pujol) was überhaupt nicht Stimmt den jedes Land (oder die meisten) haben einen Finanzausgleich damit wirtschaftliche regionale Unterschiede ausgeglichen wird. Der Hass gegenüber dem spanischem wird in der Schule beigebracht. Spanisch wird nicht unterrichtet, Kinder werden Manipuliert (es gibt sehr viele berichte davon) und neulich wurden Schüller aussortiert die nicht mit der „independencia catalana“ einverstanden sind.
    Der katalanische Nationalismus ist nichts neues, aber in letzter Zeit sehr stark geworden. Leider ein Fehler der Regierung in Madrid. Nicht wegen inkompetenz, sondern wegen zu grosser Toleranz gegenüber den Separatisten. Was die katalanischen Nationalisten in den letzten knapp 20 Jahren gemacht haben, Hass schüren, Propaganda betreiben und Geschichte nach ihren Vorstellung zu revidieren, sollte uns aus der Geschichte bereits bekannt sein.
    Ein grosser Teil der Separatisten sind wegen wirtschaftliche Gründe für die Unabhängigkeit. Ein eher kleinerer Teil aus identitären Gründen.
    Aber genau die sind im „Govern de Catalunya“.
    Es gibt ein gutes Buch von JOSEP BORRELL, katalane, der die Lügen der Separatisten auseinander nimmt.
    PS: Wusstet ihr dass es früher eine Terror Gruppe gab namens „Terra Lliure“ ?

    • Sie kennen die Situation in Katalonien ja offenbar ziemlich gut, das nehme ich Ihnen ab.

      Aber welche Fehler werfen Sie dem Autor des Artikels vor, außer dass es (noch?) nicht die Mehrheit der Katalanen ist, die die Unabhängikeit befürworten? Das habe ich nicht verstanden.

      Ich kann es nicht genau beurteilen – und Bürgerkrieg klingt natürlich erstmal absurd, wie aus einer anderen Zeit. Allerdings kann ich mir schon vorstellen, dass die Gewalt immer weiter eskaliert, wenn keine der beiden Seiten einlenkt.

      Von unserer Regierung hat man auch mal wieder gar nichts dazu gehört – oder hab ich was verpasst? Jedenfalls nicht viel. Ich hätte mir schon gewünscht, dass man die Polizeigewalt eindeutig verurteilt und auf Vermittlung drängt. Und erzähle mir bitte niemand, dass das innerspanische Angelegenheiten seien, eine Einmischung von außen bringe nichts, oder höchstens durch EU-Organe. Wenn es ums Geld geht, ist von solcher Zurückhaltung auch nichts zu spüren, siehe die Ausplünderung des griechischen Staates, die Schäuble maßgeblich vorangetrieben hat.

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