Tagesdosis 7.12.2019 – Nato-Gipfel: Schweine im Weltall (Podcast)

Ein Kommentar von Hermann Ploppa.

Twitter-König Donald Trump wird für seine Direktheit gleichermaßen geliebt wie auch gefürchtet. Sogar das Weltall bleibt vor dem amtierenden US-Präsidenten nicht verschont (1). So sagte er: „Wenn es darum geht, Amerika zu verteidigen, reicht es nicht, nur eine amerikanische Präsenz im Weltraum zu haben … Wir müssen amerikanische Vorherrschaft im Weltall haben.“ (2)

Tatsächlich war den Premium-Zeitungen im Vorfeld zu entnehmen, beim nunmehr hinter uns liegenden NATO-Gipfel in London am 4. Dezember sollte das Weltall zum Operationsgebiet der nordatlantischen Verteidigungsgemeinschaft erklärt werden. Nicht länger wollen sich die transatlantischen Recken den Weltraum von den Russen und Chinesen wegschnappen lassen.

Wobei NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte:

„Die Nato hat nicht die Absicht, Waffen im Weltraum zu stationieren, aber wir müssen sicherstellen, dass unsere Missionen und Operationen die passende Unterstützung haben.“Nein, niemand hat hier die Absicht, eine Mauer zu errichten. Und dann passiert’s doch. Denn die USA haben jetzt eine Weltraumstreitmacht als sechste Waffengattung neben Heer, Marine, Luftwaffe, Marineinfanteristen und Cyberkriegern ganz offiziell eingerichtet. Und auch den regional verteilten Kommandozonen der US-Streitkräfte ist die Space Command zugeordnet worden. Und deren Chef, Luftwaffengeneral Jay Raymond, stellte klar, dass es nicht damit getan ist, lediglich andere Länder und Flugobjekte auszuspionieren, sondern dass man auch aus der überlegenen Vogelperspektive des Alls heraus feindliche Satelliten abschießen müsse, wenn das nötig sein sollte.(3) In einem durchaus informativen Artikel der Wochenzeitung `Die Zeit‘ heißt es unverblümt: Raymond „sieht den Weltraum ausdrücklich als Gebiet der Kriegsführung“, und sein Kommando habe „eine offensive und eine defensive Mission. Die Briten und die Franzosen denken ähnlich, nur suchen sie nicht die Konfrontation mit den anderen Mitgliedsländern.“

Der aufmüpfige französische Staatspräsident Emmanuel Macron ist gerade dabei, innerhalb seiner Luftwaffe ein eigenständiges Weltraumkommando einrichten zu lassen. (4) Auch Russland, China und Indien sollen bereits über Weltraumkommandos verfügen. Allerdings hatten genau diese Länder sich bei der UNO dafür eingesetzt, die Militarisierung des Alls zu verbieten, was, ahnest Du den Schöpfer, Welt, völlig überraschend die USA zu Fall zu bringen wussten. Nun also soll das Bündnissystem der NATO auch noch in die Luft gehen. Um auch gleich Nägel mit Köpfen zu machen, soll auch der Paragraph 5 der NATO-Verfassung, also der Bündnisfall, für den Weltraumkrieg angewendet werden. Wenn also die Chinesen oder die Russen einen amerikanischen Satelliten abschießen sollten, wäre das ein Kriegsgrund, bei dem alle 28 Vasallen für Amerika einzutreten hätten.

Seltsam jetzt allerdings, dass diese vollmundig saftige Erklärung vor dem Gipfel anscheinend beim Gipfel selber gar kein Thema mehr gewesen sein soll. An den Wortlaut der gemeinsamen Abschlusserklärung ist ungeheuer schwer heranzukommen. Die Mainstream-Medien verlautbaren lediglich, dass man jetzt auch noch China als neuen Gegner auserkoren habe. Das ist logisch. Deutsche Marineschiffe werden bereits einbestellt zum Einsatz im Südchinesischen Meer, jenem Gewässer also, das die Volksrepublik China von Taiwan-China trennt. Diese verblümte Kriegserklärung gegen die Volksrepublik China ist die logische Folge des Wachstumszwanges, dem sich die NATO seit ihrer Gründung verschrieben hat, nach dem Motto: ein Organismus, der nicht mehr wächst, geht ein. Aber wo sind jetzt die Beschlüsse zum NATOisierten Krieg der Sterne?

Im Grunde kann man sich Gipfeldeklarationen durchaus sparen. Denn de facto ist die Weltraumfahrt seit ihren Anfängen in allererster Linie ein militärisches Unterfangen, und erst in zweiter Linie ein Projekt, um die Zivilgesellschaft zu bespaßen. Die Frage, welcher Hund, welcher Affe, welcher Mensch zum ersten Mal einen Weltraumflug absolviert hat; welches Land zum ersten Mal den Mond von hinten betrachten durfte – alles nur Beifang gigantischer Aufrüstungsbemühungen. Und das ging alles viel schneller als bei der Erfindung der Fliegerei. 1904 flogen die Brüder Wright als Erste mit einem Motorflugzeug um den Acker. Und schon schon zehn Jahre später, im Ersten Weltkrieg, waren Doppeldeckerflugzeuge und Kampf-Zeppeline im Einsatz, um Menschen zu massakrieren. Die Raumfahrt ergab sich von vorneherein aus dem dringenden Wunsch, Atombomben in einer parabolischen Flugbahn möglichst weit in das Herzland des Gegners zu schleudern. Und als die Sowjets 1957 als Erste mit ihrer Rakete Semjorka-7 einen Sputnik-Satelliten in die Erdumlaufbahn schleuderten, waren die Amerikaner nicht deswegen schockiert, weil die Sowjets vor ihnen selber einen Satelliten in die Umlaufbahn gebracht hatten. Der erste Sputnik konnte nämlich nur „biep-biep“ sagen, und das nur, um für Funkamateure zu belegen, dass er tatsächlich oben ist. Der eigentliche Schock war die Semjorka-Interkontinentalrakete, die es den Sowjets ermöglichte, Atombomben in das Zentrum der USA zu schleudern.

Nun brachen bei den Amerikanern alle Dämme. Die amerikanischen Waffengattungen konkurrierten jetzt miteinander, wer die erste taugliche Interkontinentalrakete ins All schießen konnte. Als die US-Marine mit ihrer Rakete einen schmählichen Fehlstart hingelegt hatte (die Rakete versank kurz nach dem Startzeichen im Erdboden), ließ man den deutschen Raketenpionier Wernher von Braun für das Heer der USA antreten, der mit seiner Jupiter-Rakete einen sauberen Start hinlegte. Und sofort entdecken die Amerikaner den nach ihrem Theoretiker benannten Van-Allen-Gürtel: eine Strahlenschicht um die Erde in einer Entfernung zwischen 700 und 60.000 Kilometern. Man könnte doch schon mal verhindern, dass die Sowjets dort oben womöglich Kommunikationskanäle aufmachen. Gesagt, getan. In der Operation Argus wurden im Spätsommer 1958 drei Raketen in bis zu 540 Kilometer Höhe geschossen. Über der Südsee hat der Van-Allen-Gürtel eine Delle und ist schon in jener Höhe zu erreichen. Die Atombombenexplosionen, die aus den Raketen heraus gezündet werden, ließen den Himmel über Hawaii hellrot erglühen und legten den Kurzwellenempfang weltweit lahm. Es folgten noch mehr Nuklearexplosionen der Serie Hardtack in geringerer Höhe. Die Amerikaner sind hochzufrieden: sie sind in der Lage, im Weltraum einen künstlichen Strahlungsgürtel zu legen. Welche Langzeitfolgen dieser destruktive Akt gehabt haben könnte, ist bis heute nicht so richtig klar.

Aber es kam noch härter: im Rahmen des West Ford-Projekts hoben 1961 und 1963 Atlas Agena B-Raketen von US-amerikanischem Boden ab und brachten in der Inonosphäre insgesamt 480 Millionen Dipol-Nadeln aus, die sich selbsttätig über den Globus ausbreiteten und eine künstliche Reflexionsfläche für Sendestrahlen ermöglichten (5). Die Rechtfertigung für diese frevelhafte Manipulation der Atmosphäre ergab sich, wie immer, aus der mühsam konstruierten Befürchtung, die Sowjets könnten womöglich die Unterwasserübertragungskabel zwischen Amerika und Europa kappen. Man müsse also vorsorglich im All einen Ersatz für die von den bösen Russen gekappten Telephonleitungen schaffen. Die weltweite Gemeinschaft der Wissenschaftler, allen voran die Royal Astronomical Society in London, sprang vor Empörung auf die Barrikaden. Der US-Botschafter Adlai Stephenson bei der UNO musste sich gegen die aufgebrachten Vertreter der anderen Nationen rechtfertigen, was ihm naturgemäß nur schwer gelingen konnte. In der Folge wurde die Weltgemeinschaft mit einem von der UNO bewerkstelligten Weltraumvertrag beschwichtigt, der solches Treiben für die Zukunft verhindern sollte. Ob der Vertrag wirklich etwas verhindern konnte, wissen wir nicht.

Wir wissen nur, dass auch zwischen den USA und ihren Verbündeten nicht immer eitel Sonnenschein geherrscht hat, wenn es um die Kontrolle des Weltalls geht. So gab es regen Unmut der Amerikaner, als die Europäer dem amerikanischen GPS-System das eigene Galileo-Programm entgegensetzte. Und auch die Tatsache, dass unter Präsident Obama der Lauschdienst NSA sogar das Mobiltelefon von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausspioniert hatte, führte zu einem sublimierten Akt der Vergeltung. Denn Frau Merkel fühlte sich durch die Aushorchung ihrer Telephonate an ihre DDR-Zeit unter der Stasi erinnert. Sie ordnete für den deutschen Bundesnachrichtendienst BND einen eigenen Spähsatelliten an (6).

Denn bislang saugen die Deutschen immer noch von der Nachrichten-Milch der amerikanischen NSA-Satelliten. Und die Herrschaften von der NSA haben bislang nach Gutsherrenart willkürlich entschieden, welche Nachrichten sie den deutschen Kollegen zu überlassen geruhten und welche nicht.

Es bleibt also spannend. Was schließen wir daraus, dass vor dem Gipfel so vollmundig getönt wurde, die NATO bekomme jetzt ihren eigenen Operationsraum im Weltall zugewiesen, und nun ist davon kein Sterbenswörtchen mehr zu hören? Wir dürfen sicher sein: der Krieg im Weltraum wird auf der Agenda bleiben.

Quellen:

  1. https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-02/space-force-usa-donald-trump-dekret-unterzeichnung-weltraumstreitkraefte
  2. https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-08/usa-donald-trump-weltraum-kommando-militaer-streitkraefte-all
  3. https://www.zeit.de/politik/2019-11/nato-weltraum-strategie-wettruesten-militaersatelliten
  4. https://www.ndr.de/info/sendungen/streitkraefte_und_strategien/streitkraeftesendemanuskript762.pdf
  5. https://weathermodificationhistory.com/project-west-ford-space-needles/
  6. https://www.zeit.de/2018/08/ueberwachung-bnd-satelliten
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Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung.

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Bildhinweis: Screenshot YT 07.12.19

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