Tagesdosis 7.2.2018 – „Das Dritte Reich hat Polen im Zweiten Weltkrieg nicht angegriffen“? (Podcast)

Ein Kommentar von Rüdiger Lenz.

Immer wenn man glaubt, es kann nicht noch verrückter werden, genau dann wird es extrem verrückt. Zunächst aber ein kleiner Exkurs in Sachen Implikationen. Implikationen sind Sachzusammenhänge oder sich aus Feststellungen heraus ergebende Schlüsse, die schon durch die Feststellung selbst eine Menge an weiteren Schlüssen zulassen.

Nehmen wir die Überschrift dieses Artikels. Was impliziert diese zunächst? Sie stellt zunächst fragend fest, dass das Deutsche Reich Polen nicht angegriffen habe. Folglich kann der Zweite Weltkrieg nicht mit dem in allen Geschichtsbüchern festgeschrieben Version eines „Falsche Flagge-Spiels“ begonnen haben. Richtig? Ja. Denn wenn das Deutsche Reich Polen nicht angegriffen hat, muss der Zweite Weltkrieg unter anderen Umständen begonnen haben.

Natürlich, und das ist hinlänglich belegt, hat Hitlerdeutschland mit einem inszenierten polnischen Angriff Polen angegriffen und den Zweiten Weltkrieg begonnen. Aber hören und staunen wir zunächst, was der derzeitige polnische Präsident, der Staatschef Polens selbst sagte. Der Spiegel schreibt in seiner Online-Ausgabe am 06.02.2018, Zitat Anfang: „Polens Staatschef Andrzej Duda wird das umstrittene Holocaust-Gesetz unterschreiben. Das kündigte er am Dienstag in einer Erklärung an. Er werde das Verfassungsgericht bitten, dem Gesetzestext noch erklärende Passagen hinzuzufügen; diese sollen aber erfolgen, wenn das Gesetz bereits Gültigkeit hat. Das Gesetz der nationalkonservativen Regierung in Warschau zielt unter anderem darauf ab, die Benutzung des Begriffs „polnische Lager“ für die NS-Todeslager im besetzen Polen unter Strafe zu stellen. Es sieht aber auch Geldstrafen und bis zu drei Jahre Gefängnis vor, wenn der „polnischen Nation oder dem polnischen Staat“ eine Mitschuld an Nazi-Verbrechen gegeben wird. Duda stellte klar, dass Polen im Zweiten Weltkrieg als Staat nicht existierte und sich deshalb auch nicht als solcher am Holocaust beteiligen konnte. Polen habe das Recht, sich vor falschen Unterstellungen zu schützen. Dazu diene dieses Gesetz und deshalb, werde er es unterzeichnen. Um aber sicherzugehen, dass es nicht die Meinungsfreiheit einschränke, werde er es dem Verfassungsgericht vorlegen, nachdem er es unterschrieben habe. Der polnische Senat hatte das Gesetz bereits am vergangenen Donnerstag gebilligt. Israel und Polen befinden sich wegen des umstrittenen Gesetzes in einer schweren diplomatischen Krise.“ Zitat Ende.

Jetzt noch einmal das verwirrende Zitat: „Duda stellte klar, dass Polen im Zweiten Weltkrieg als Staat nicht existierte und sich deshalb auch nicht als solcher am Holocaust beteiligen konnte.“ Und jetzt einige Implikationen, falls der Staat Polen zu Zeiten des Weltkriegbeginns nicht existent war.

1. Hitlerdeutschland hat also nicht Polen angegriffen? Wieso gab es dann vonseiten des Nachfolgestaates BRD überhaupt Reparationszahlungen an Polen, wenn Polen nicht angegriffen wurde?
2. Müssen jetzt alle Geschichtsbücher betreffend des Zweiten Weltkrieges umgeschrieben werden?
3. Der Zweite Weltkrieg begann mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939. So steht es auf Wikipedia im Internet, zu lesen. Und so haben wohl wir alle im Geschichtsunterricht den Test abgegeben. Wenn Polen damals nicht Polen hieß, wieso steht dann überall „Polen“ wurde von Deutschland überfallen? Wen überfiel Deutschland damals wirklich?
4. Können Staatschefs ihre Länder einfach nach Belieben umbenennen, nur weil ihnen ihre eigene Geschichte nicht passt?

Jeder der jetzt recherchiert wird darauf stoßen, dass Polen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges „Zweite Polnische Republik“ hieß, auf polnisch: „Rzeczpospolita Polska“.

Das Problem, warum der jetzige polnische Präsident das umgehen will, ist die Teilschuld am Holocaust durch polnische Nazis. Denn die waren auch in den Konzentrationslagern in der damaligen zweiten polnischen Republik am Holocaust direkt beteiligt. Das will der nationalkonservative jetzige polnische Präsident Andrzej Duda einfach aus den Büchern der polnischen Geschichte weglöschen. Er argumentiert spitzfindig auch damit, dass Polen ja damals von Nazideutschland besetzt war und folglich kein polnischer Staat mehr existiert haben kann.

Wäre man nun in der BRD, dem damaligen Nachfolgestaat des Dritten Reiches, so kleinlich, so könnte man feststellen, dass bei der Kapitulation vor den damaligen Alliierten ja nicht das Deutsche Reich oder Deutschland kapitulierte. Kapituliert hatte die Wehrmacht, nicht Deutschland, nicht seine Bürger. Nie nach einem Krieg kapituliert ein ganzes Volk. Es kapitulieren entsprechend die Streitkräfte. Und diese Implikationen kann sich nun jeder selbst einmal zurechtreimen.

Moralisch betrachtet ist das natürlich vollkommener Unsinn! Denn niemals kann Schuld von einer Generation auf die nachfolgende Generation übertragen werden. Kapitalisten wollen das natürlich so haben, aber auf der menschlichen Ebene ist das unmöglich. De jure müsste ein solches Zwangserbe eine Straftat darstellen. Daher kann ich den polnischen Präsidenten nicht wirklich verstehen, was er damit bezwecken will? Denn das heutige Polen ist ganz genau so wie das heutige Deutschland so gut wie gänzlich unschuldig am Holocaust. Diejenigen, die heute noch leben und sich am Holocaust beteiligt haben, egal ob im damaligen Nazireich oder Polen, sind wohl eher als steinalt zu bezeichnen.

Die ganzen Nachwehen eines Krieges sind unerträglich. Ein Krieg tötet nicht nur Menschen. Die Überlebenden eines Krieges bilden in ihrer Gesellschaft oft ein traumatisches filigranes soziales Netzwerk aus. Diese Traumen werden oft über die Erziehung an die weiteren zwei bis drei Generationen unbewusst „tradiert“. Hinzu kommen die spitzfindigen Auslegungen überlebender Staaten. Die Neuordnungen der Nachbarn und das Entstehen neure Vorurteile, die Jahrzehnte andauern können. Auch das Instrumentalisieren eines alten Vorurteils kann über eben diese Tradierungen auf eine andere Generation schnell übertragen werden. Siehe dazu das Beispiel von Heute, das mit Putin und Russland in der Masse den „bösen Russen“ oder das damalige „der Russe kommt“ freigesetzt hat. Ein Krieg ist das Nachhaltigste, an negativen Ereignissen, vollgestopfteste Ereignis der Menschen überhaupt. Ihm kommen nur größere Naturkatastrophen gleich. Doch im Gegensatz zum Krieg fördern Naturkatastrophen den Zusammenhalt oft auch verfeindeter Gruppen. Ein erloschener Krieg hingegen kann für neue Konflikte zahlreiche Keime bereit halten, die erst in er Zukunft zum Ausbruch kommen. So wie dieser neue Konflikt, den der polnische Präsident nun mit Israel, aber auch mit den USA entfacht hat.

Derweil in der BRD, dem heutigen Deutschland.
Dort werden Personen in großen Massen zum Antisemiten benannt, gebrandmarkt, sobald sie sich eine Kritik am Staate Israel erlauben. Dabei wird dann so argumentiert, dass eine Kritik am Staate Israel ja unterschwellig auch eine Abneigung an Juden bedeuten „könnte“. Und daher solle man davon ausgehen, dass jemand, der Kritik an Israel übt, wohl eher beabsichtige, an Juden seinen Hass abzuarbeiten. Israelkritik wird somit präemptiv zum Judenhass, also zum Antisemitismus umgedeutet und die Person zur Unperson, zum Antisemiten vorverurteilt.
Und wisst ihr hier alle was das wahrhaft Taurige daran ist? Dass all die Leute, die dafür verantwortlich sind, diesen Präemptiv-Antisemitismus zu erzeugen, einem verlängertem Arm aus dem Grabe Hitlers gleichkommen. Denn diese Leute werden tiefenpsychologisch noch immer von seinem Reich genährt. Diese Metaangst, die diese Leute haben, projizieren sie auf Personen, weil sie ansonsten keine Möglichkeit haben, diese auf eine andere Art und Weise abzuarbeiten. Als Rechtfertigungsthese dient ihnen der Begriff der Querfront. Ein zusätzliches Abwehrschild für ihren Angriff. Daher befinden sich derzeit, komischerweise, zu Hauf Intellektuelle mit dem Stempel des Antisemitismus behaftet. Vornehmlich Friedensaktivisten und friedensliebende Menschen ganz allgemein. Freilich, wann allerdings dieser ganze Holocaust-Hitler-Antisemitismus-Hokuspokus sein Ende findet und sich in den gesellschaftlichen Kräften wieder Einigkeit und nicht das Aufteilen in einhunderttausend kraftlosen Gruppen findet, ist fraglich. Wenn sie alle der Frieden einigen kann, seine Idee als Maßstab ihrer Gesellschaft und ihres Wesens, worauf warten sie alle dann noch?
Hitler ist tot. Hitlerdeutschland existiert nicht mehr. Doch das europäische Judenproblem, dass hunderte Jahre anhielt, ist nun zu einem palästinensischen Israel-Problem umverformt worden. Die Tiefenstrukturen rassistischer Probleme und Einstellungen dazu sind längst noch immer nicht überwunden. Wenn man deren realpolitische Wirkmächtigkeit einmal Revue passieren lässt, so ist dieses Problem noch immer eines der Probleme, fast weltweit, dass nach einer Lösung schreit. Die Wehrmacht kapitulierte und verlor den Krieg. Ganz Deutschland und mit ihm fast das ganze Europa war traumatisiert. Die überlebenden Juden wurden zu einem großen Teil US-Amerikaner und Israelis. Jetzt ist Israel daran, Lösungen für ihre Probleme zu finden. Auch der polnische Präsident täte gut daran, eher Lösungen zu dieser Tiefenstruktur zu erarbeiten, als sein Problemgeflecht nur weiter zu verdicken.

Wichtiger als alles derzeitige Bemühen wäre es aber, und das ist jetzt nicht an den polnischen Präsidenten gerichtet, endlich Lösungen zu finden, die den nachfolgenden Generationen eine Befreiung dieser ganzen Weltkriegsverbrennungen möglich macht. Hitler darf auch auf diese Weise nicht künstlich aus seinem Grabe noch seine Hand erheben. Sich davon zu befreien ist es wert, sich dafür einzusetzen, auch in Deutschland.

Nazideutschland überkam der Welt eher als eine Krankheit. Und diese war gesetzt durch die fast pausenlose Geschichte der Kriege selbst, die Europa einst im Zangengriff von Kapital und Machtbesessenheit befiel. In der Masse tradierten sich alle Formen der Traumen und festigten so das Verhalten. Auf Deutsch: In den Hirnen der meisten Menschen wurden somit ihre Gefühlsanteile fast gänzlich ausradiert. Das war ihre Krankheit. Empathie- und Gefühllosigkeit über hunderte von Jahren. Und daraus gebar sich ein Hitler, ein Heydrich, ein Himmler, ein Göbbels, ein Rosenberg, ein Göhring. Aber auch ein Stalin und ein Mao. Und wenn man das weiterspinnt, so gebar sich letztlich daraus der militärisch industriell informatische-Komplex, der zum Imperium USA führte und die UdSSR auflöste. Vermutlich wäre das US-Imperium, wie es heute existiert, nie entstanden, hätte es in Europa und Asien nicht die beiden Weltkriege gegeben. Doch an seiner statt wäre wohl ein anderes Imperium entstanden.

Heute gibt es neue Spiele und ein neues Spiel verbrennt die Welt, tötet die Natur und verpestet auch weiterhin die Menschlichkeit im Menschen. Alle Gier, alle Macht und alles Kapital dienen letztlich dem Zerstören des Lebendigen selbst. Das ist seine Wirkmächtigkeit, seine Summe an Handlungen durch und durch. Es gibt keine Würde des Lebendigen mehr. Das ist unser großes und wenn man es wirklich durchblickt, auch unser einziges Problem. Nur ist dieses Problem durchsetzt mit unseren derzeitigen Prämissen von Menschsein ganz allgemein.

Wir sind Chef auf diesem Rund. Wir sind damit zu unserer eigenen Herrenrasse geworden. Und damit begann das Spiel der Spiele: der Kampf ums Dasein als einziges Prinzip des Lebens auszureifen. Alles wurde diesem falschen Prinzip untergeordnet. Denn es passte zu sehr zum Herren aller Herren, dem göttlichen Plan, dem Menschen zur Krone dieser Schöpfung zu erklären und ihm alles untertan seinzulassen. Der Mensch, nicht Jesu, ist der Pantokrator dieser Welt. Und er hat sich dazu selbst ernannt. Wie es ihm der Kaiser Napoleon nachmachte, so setzte sich der Mensch auch selbst eine Krone auf sein Haupt. Es war die Krone, die ihn zum Schöpfungsspieler krönte. Was ist dagegen schon die Kaiserkrone?

Und all diejenigen, die das für bahre Münze halten, dass der Eine dies und der Andere Jenes ungeheuerliche gedenkt zu tun und zu verstecken, ist im heutigen Spiel nichts weiter als der Gefängniswärter in Wilhelm Reichs grandiosem Buch „Christusmord: Die emotionale Pest der Menschen“. Ein Jesus wird tagtäglich und immer wieder ans Kreuz genagelt. Denn ein Jesus gebiert die Welt an allen Orten, bis zum heutigen Tage, tausendfach. Ich möchte nochmals daran erinnern, dass es Reich war, der als erster diese ganze Breite der Tiefenstruktur der Nazis verstanden und aufgeschrieben hat. Und wer nun glaubt, Nazis gäbe es nur im Sinne von Neonazis, der irrt sich grandios. Die Tiefenstrukturen dieser Verhaltensketten sind im Kapital gebunden und breiten sich immer deutlicher über den gesamten Globus aus. In Nadelstreifenanzügen, ja auch im Hosenanzug, nicht immerfort nur mit Glatze und Hakenkreuz. Wichtig ist im wahrsten Sinne des Wortes nur eines: Was machst du aus all dem Wissen, dass du dir selbst tagtäglich beibringst? Bist du eine Mülltonne, die jeden Tag diesen politischen Sondermüll zu sich nimmt und nicht weiß, was sie damit anfangen soll, außer verwirrt und depressiv zu sein. Oder regt dich die viele Information auch zum Handeln an? Denn darauf kommt es wirklich an: Auf das, was du daraus machst. Kannst du verwirklichen, was du willst? Wenn du die Umgestaltung der Gesellschaft willst, dann wirst du nicht darum herum kommen, bei dir selbst anzufangen. Die Vergangenheit zum Werkzeug für die Gegenwart zu machen, wie es politisch orientierte Menschen oft tun, ist ein Stillstand, ja ein Rückwärtsgang mit angezogener Handbremse. Polens Staatschef denkt, es wäre Fortschritt. Und hier in Deutschland zeichnen sich ebenfalls unzählige Politiker durch ein ähnliches Verhalten aus. Zähle in diesem Sinne nicht auf sie. Zähle eher auf dich. Denn alles was du tust und was dich zum Handeln antreibt, das wird auch deine Zukunft werden. Tust du nichts und bleibst Zuschauer des Geschehens, dann wird sich auch nichts ändern. Tust du nichts und denkst, das man sowieso nichts machen kann, dann wird man dich benutzen.

Denkst du, dass alles vom Verhalten anderer abhängt, was nur zum Teil stimmt, dann wist du ein Zuschauer und Beobachter, nicht aber ein Akteur deines Lebens werden. Die anderen werden sich nicht davon abhalten lassen, zu handeln. Und je mehr die anderen handeln und je weniger du tust, desto intensiver wirst du glauben, dass dein Leben an Marionettenfäden hängt. Das Leben sagt ja. Und dein Gehirn, woran dein Wille, deine Verhalten und deine Haltungen festgezurrt werden und es dir deine Aufmerksamkeit in der Welt erklärt, ist und bleibt ein von seinem Gebrauch und Nutzen abhängiges Organ. Wenn du das wirklich verstanden hast, dann wirst du zum Akteur deines Lebens alle Mühe und Kraft verwenden. Denn darin liegt der Schöpfungsanteil deines Lebens verborgen. Nutze ihn.

Quellen

http://www.spiegel.de/politik/ausland/andrzej-duda-polens-praesident-unterzeichnet-umstrittenes-holocaust-gesetz-a-1191979.html
https://www.tagesschau.de/ausland/polen-gesetz-holocaust-101.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Polnische_Republik

+++

Danke an den Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

Alle weiteren Beiträge aus der Rubrik „Tagesdosis“ findest Du auf unserer Homepage: hier und auf unserer KenFM App.

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

Ein Kommentar zu: “Tagesdosis 7.2.2018 – „Das Dritte Reich hat Polen im Zweiten Weltkrieg nicht angegriffen“? (Podcast)

  1. Naja, sehr an den Haaren herbeigezogen. Was der ganze Text, möge er nun richtig sein oder nicht, mit polnischen Kollaborateuren unter deutscher Besatzung zu tun haben soll, wird zumindest mir nicht richtig klar. Der Autor hat möglicherweise paar richtige Anliegen, aber wohl keinen passenden Einstieg.

Hinterlasse eine Antwort